Nach einer Woche voller Ereignisse und Urlaube erwartet mich ab heute wieder Unialltag und Routine. Obwohl: da die mid term week ist, finden manche Kurse etwas abseits des normalen Schemas statt. Der Chinesischkurs z.B. soll heute Abend einen Test schreiben, der allerdings sehr einfache Sachen abfragt.
Für „Consumer Behavior“ gilt das anscheinend nicht, der Unterricht findet wie gewohnt statt. Es geht heute um psychologische Unterschiede beim Kaufverhalten der Konsumenten. Man kann sich entweder aus rationalen Gründen, aus emotionalen Gründen oder aufgrund einer Gewohnheit für ein Produkt entscheiden. Letzteres trifft wohl auf den Tee zu, den ich in der Stunde ausschlürfe. Es geht langsam in Richtung Ende des Semesters, die Hälfte ist geschafft, also fragt Danny (der Prof) mich, ob ich nicht vielleicht doch offiziell am Modul teilnehmen möchte. Das hieße aber, dass ich mich an der Endabgabe beteiligen muss, also lautet meine Antwort nein. Aber es ist interessant, dass er mich fragt, denn heute habe ich die meiste Zeit Chinesisch-Vokabeln in meine App eingegeben, statt zuzuhören. Die zwei, drei Meldungen reichen aber scheinbar aus, um ehrliches Interesse am Fach zu signalisieren.
Die Mensa hat heute eine Art Ausfall. Es gibt keine großen Metallteller, das Büffet ist nur zur Hälfte gefüllt und auch Besteck ist Mangelware. Wir werden von André in der Schlange gespottet, total cool kommt er an und sagt „nǐ men hǎo?“ Bitte was? „Bei dir gibt’s heute Reis, bei dir gibt’s heute nichts“, sagt er und zeigt auf Sebastians und meine Essensbox. „Ich versteh’s nicht“ erwidert Sebastian, auch ich gucke verdattert und ernte dafür einen kumpelhaften Stoß von Andrés Schulter. Heilige Maria, bitte erlöse mich. Zum Glück findet auch Ashley uns und bietet freie Plätze an ihrem Tisch an. Wir sitzen also zu dritt da, Mike stößt auch noch an den Tisch, auf dem eine blaue Fahne mit Aufforderungen zu mehr Umweltschutz steht, warum auch immer. Er erkennt die Ironie und merkt an, dass er einen Lehrer gefragt hat, warum es so viele Plastiklöffel gibt. Naja, ansonsten muss man ja Fachkräfte bezahlen, die die Metalllöffel abwaschen und auch noch einen Wahnsinnslohn von 200$TD (5,70€) die Stunde bekommen, also überhaupt nicht rentabel für die Uni. Abgesehen davon, dass dieser Lohn auch für taiwanesische Verhältnisse zumindest nicht exorbitant hoch erscheint (immerhin kosten die Mahlzeiten oft über 100$TD, also ca. 3€), scheint das Konzept des Geschirrspülers hier noch erfunden zu sein, wenn ich der Aussage Glauben schenken darf.

Ashley hat ein Problem und fragt uns drei Jungs nach Rat. Genauer gesagt ist es nicht ihr Problem, denn drei Leute aus ihrem music club haben einen Konflikt, den sie unbedingt lösen will/muss. Mädchen A ist eng mit Junge B befreundet, der schwul ist und gerade irgendjemand außerhalb locker datet. B ist außerdem mit Junge C befreundet, der einen Crush auf ihn haben soll. Mädchen A hat also B gewarnt, nicht zu eng mit C zu werden. Das sei jedenfalls die Story, die B jetzt verbreitet und damit Stimmung gegen die ehemals enge Freundin A macht. Ashley will die beiden unbedingt dazu bringen, zu reden und sich auszusprechen, es scheitert aber wohl an Junge B. Sebastian, Mike und ich stimmen überein: Sie kann auch nur bis zu einem bestimmten Punkt einwirken, danach ist die mission finished. Ashley scheint das Ganze recht nah zu gehen, weil sie mit dem Mädchen befreundet ist, aber man darf manche Dinge halt nur zu einem gewissen Grad an sich heranlassen. So viel zum Gossip an einer Uni in Kaohsiung.
Nach dem Essen hat Sebastian eine Frage an Ashley bezüglich der Mormonen, deren Antwort mich auch interessiert. Wir waren ja nicht ganz darauf klargekommen, dass die Missionarinnen sich unbedingt „sister“ So-und-so nennen lassen wollen. Ashley heißt aber deshalb Ashley, weil sie nicht auf Mission ist, sondern bloß einfaches Kirchenmitglied. Bei Männern heißt es übrigens nicht „brother“, sondern „elder“. Eine Höherstellung der Männer? Sie bestreitet das, es hat angeblich mehr mit den chinesischen Wörtern zu tun, die andernfalls ein Missverständnis auslösen würden.
Zur archery class, die ich nach der urlaubsbedingten Pause letzter Woche heute mal wieder besuche, komme ich bewusst die obligatorischen 10 Minuten zu spät, um nicht beim Aufbau helfen zu müssen (der meist sowieso von wenigen erledigt wird, während die anderen dumm rumstehen und zugucken müssen). Ich habe aber verpasst, dass heute ein Fitnesstest in Gebäude J ist, wo auch immer das sein soll. Nach einer Weile Rumgeirre finde ich die Jungs, die diesen aber gerade abgeschlossen haben und zum Schießstand aufbrechen. Chén, derjenige, der mich zur Dreitagewanderung Ende November mit seinen Freunden eingeladen hat, nimmt mich mal wieder in den sozialen Kreis der Gruppe auf. Wir reden über meinen Trip an die Ostküste und die geplante Wanderung. Allerdings bin ich wohl einem Missverständnis aufgesessen, denn die Wanderung, zu der ich mitkommen soll, findet vom 25. bis 27. Dezember statt (Ende November macht er bloß selbst eine andere Wanderung). Wow. „You can celebrate Christmas in the mountains“, scherzt er, als ich ihn darauf anspreche. Er fragt auch, was man an Weihnachten sonst so macht, also ob die Leute bspw. Freunde treffen oder in Clubs feiern gehen. Tendenziell nein, erwidere ich, die meisten sitzen vor allem zuhause mit der Familie und chillen. Wenn es hochkommt, gibt es Spaziergänge oder Ausflüge. Wie ich so darüber nachdenke, kommt mir die Aktion nicht mehr so komisch, sondern eher cool vor. Wer kann schon von sich behaupten, an Weihnachten mit einer asiatischen Wandergruppe in taiwanesischen Bergen gewesen zu sein?
Das Bogenschießen fühlt sich wie sonst auch sehr zufällig an. Ich konzentriere mich und halte wie angegeben die Position zum Schießen ein, die Pfeile fliegen aber mal genau in die Mitte, mal ganz an der Rand. Ein besonderer Kraftakt ist es eigentlich nicht, also wird es technischer Natur sein. Ich frage mich bloß, was ich verändern kann, über ein „good“ oder „very bad“ gehen die Kommentare des Lehrers nicht hinaus. Er ist heute aber besonders lustig drauf, packt meine Schultern von hinten und ruft lachend irgendwas auf Chinesisch. Meine Gruppe übersetzt, dass er gegen mich antreten will, weil ich angeblich, es wird wohl frei übersetzt sein, der Boss sei. Ich weiß, dass so etwas normalerweise ein gutes Zeichen ist, denn ich bekomme die Aufmerksamkeit des Lehrers, der mich zu mögen scheint. Aber mir ist auch klar, dass ich keine Chance haben werde. Na toll, jetzt werde ich öffentlichkeitswirksam zerlegt.
Es schießen immer zwei Leute abwechselnd drei der sechs Pfeile, und wer mehr Punkte erzielt, sammelt Siegpunkte. Alle paar Runden kommt der Coach vorbei und tritt gegen mich an, Entfernung der Zielscheibe: acht oder neun Meter. Am Anfang trifft er jedes Mal ausschließlich ins Gelbe (neun oder zehn Punkte), sodass ich quasi automatisch verliere. Durchschnittlich lande ich bei den Bereichen um die sechs oder sieben, nicht genug. Dazu lacht er sich kaputt und ruft „Thank you!“ „You‘re welcome“, gebe ich zurück und lächle.
Da die Tour mit Chén und denen Leuten doch erst so spät im Jahr stattfindet, versuche ich herauszubekommen, ob es noch andere Möglichkeiten zum Wandern gibt. Seine eine Tour will er anscheinend nur mit seinem Kumpel machen, das ist auch okay, aber vielleicht haben die anderen Leute aus der Gruppe ja Lust? Egal wie ich mein Anliegen beschreibe, es scheint nicht richtig anzukommen. Erst mit Übersetzer versteht er es halbwegs – die anderen haben bis dahin viel zu tun, aber er fragt, ob wir mal gemeinsam Abendessen gehen können. Das wäre auch sehr fein für mich, in erster Linie habe ich Lust, mit Leuten zu connecten bzw. jemanden zu finden, mit dem ich andere Wanderungen machen kann. Ich würde ja auch ohne Begleitung wandern gehen, hätte sogar richtig Lust dazu, z.B. nach Alishan, aber alleine soll es generell zu gefährlich sein.
Der Test im Chinesisch-Kurs besteht aus zwei Abschnitten und wird durchgeführt, während eine Tür zum Hof sperrangelweit geöffnet bleibt und das Dröhnen regelmäßig überfliegender Kampfjets den Lautstärkepegel um bestimmt 20dB anhebt. Im ersten Teil wird jeder einzeln nach vorne gerufen, um Frau Peiti Frage und Antwort zu stehen. Ich bin als drittes dran, soll verschiedene Schriftzeichen aussprechen und mitsamt Ton buchstabieren. Am Ende muss ich meinen Namen sagen und setze mich wieder. Andere haben mehr Probleme, Vivek z.B. antwortet auf „你叫什麼名則 nǐ jiào shénme míngzì?“ mit „謝謝 xièxiè“, eine wahre Glanzleistung. Tatsächlich kommen abgesehen von den üblichen Kandidaten (zu denen auch Mohan und Pryanshu zählen) die meisten halbwegs gut durch. Der zweite Abschnitt ist schriftlich und verlangt uns ab, bereits gedruckte Schriftzeichen den englischen Wörtern zuzuordnen und abzuschreiben. Es gibt sogar ein Schriftzeichen, an das ich mich nicht erinnere, aber ich lerne mittlerweile ja auch nicht mehr nach den Kursmaterialien, sondern mit meiner App und allen Vokabeln, die ich im Alltag so aufschnappe. Trotzdem gebe ich als erster ab und darf nach Hause gehen. Das nenne ich mal leichte Credits, vorausgesetzt, das final exam ist auf ähnlichem Niveau.
Sebastian ist heute nicht mehr down, etwas essen zu gehen, er hat noch was zu Hause. Ich frage mich, was die Leute außerhalb (des First Campus) abends so machen. Anna und Sebastian gucken entweder eine Serie oder gehen später raus, bei Luca, Kaan & Co. vermute ich ähnliches, bei Ihsan gar keine Ahnung. Bei mir im Dorm sind alle verlässlich in ihr Handy vertieft, lernen oder chillen (im Fall der Indonesier) mit ihrer Clique. Also mache ich mir auch einen entspannten vor dem Laptop und lasse mich in der YouTube-Ukraine-Krieg-Bubble treiben. Außerdem ringe ich mich dazu um, ein VPN-Abonnement bei NordVPN abzuschließen, um endlich all die verpassten Formel1-Rennen nachholen zu können, bevor im Dezember der Weltmeister feststehen wird und ich es durch eine Push-Benachrichtigung erfahren werde. Dylan freut sich, als er das Rennen auf meinem Bildschirm sieht, geradeso kann ich verhindern, dass er mich spoilert. Am besten mit niemandem drüber reden. Und genießen. Um ein Uhr nachts telefoniere ich mit meinem Bruder, das verschafft auch etwas Abwechslung.
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