Mittwoch, 5. November

Eigentlich will ich entspannt ausschlafen, bis Sebastian mich daran erinnert, dass „Supply Chain Managment“ am Vormittag stattfindet. Also raffe ich mich auf und fröne dem Studenten-Lifestyle, indem ich mir trotzdem noch gemütlich Frühstück hole und dann langsam eine Stunde zu spät zum Unterricht schlurfe. Schließlich weiß ich, dass der Prof selbst oft deutlich zu spät ist und es ist sogar gerade Pause, als ich reinkomme. Fabian interessiert sich wieder für meinen 1€-Pfannkuchen. Ich verspreche ihm, nächste Woche einen mitzubringen – er ist so nah dran, es zu kapieren.

Muskan erzählt vom „weekend girls trip“ auf 小琉球 „xiǎo liúqiú“, über den ich dank diverser Instagramseiten von Luca, Minda, Heena und ihrer eigenen schon ausführlich Bescheid weiß. Sebastian und Anna sind ihnen wohl erfolgreich ausgewichen, allerdings hätte der minutiöse Gruppen-Zeitplan wohl auch kein spontanes Treffen erlaubt. Wir bekommen Bilder aus dem Wasser mit Schildkröten gezeigt, für 360$TD (etwa 10€) kann man dort zwei Stunden lang Ausrüstung mieten und Fotos von sich machen lassen. Muskan und Minda haben sichtbar Schwimmwesten an, denn sie können nicht schwimmen. Ich wundere mich immer wieder, wie man erstens nicht schwimmen kann und sich dann zweitens auch noch ins Wasser traut. Selbst mit Schwimmfähigkeit flößt die Tiefe ja schon Respekt ein.

Da ich später in den Unterricht gekommen bin, starte ich direkt in einen Vortrag von Luca, Michael, Muskan und einer Nora. Sie reden wie jede Gruppe über eine ausgewählte Firma und beschäftigen sich inhaltlich mit deren globalen Lieferketten sowie Nachhaltigkeitszielen. Am Ende gibt es natürlich keine Fragen aus dem Publikum, aber der Lehrer hat Anmerkungen. „Your part“, sagt er an Nora gewandt, „should be more integrated.“ „And your part“, an Luca, „should be at the end instead of the beginning.“ Zwar hat er noch andere Bemerkungen, bei mir bleibt aber vor allem hängen, dass die Kritik sehr unspezifisch ist, auch weil er es nicht direkt erläutert. Fast so, als hätte er selber nicht zugehört.

Derweil spiele ich mit Sebastian und Phillip eine Runde auf „geotastic“, welches ähnlich wie „geoguessr“ funktioniert. Beim Länderflaggenraten blamiere ich mich derart (kann nichtmal Island zuordnen), dass ich sofort ein Flaggenvokabelset runterlade, um dem entgegenzuwirken. Auch sonst findet der Unterricht keinen außergewöhnlichen Anklang: ein paar Leute quatschen, während die Taiwanesen vor allem schlafen. Ein Inbegriff der Lehre.

Quatschende Europäer, schlafende Taiwanesen

Die restliche halbe Stunde erzählt der Prof etwas über Verschiffungssysteme an Häfen und zeigt sogar einige ansprechende Grafiken und stellt eine interessante Frage. Bei jeweils einer Tonne Metallschrott oder Erz einer Mine in Südafrika, wo erntet man das meiste Gold? So wie er es fragt, natürlich beim Metallschrott. Aber um welchen Faktor? Zwei, 20, 100? Ab einem Multiplikator von 200 fängt das Ganze an. Recycling lohnt sich also, ist die Botschaft. Bei seiner unverständlichen Stimme kann ich mich aber nicht so gut konzentrieren und schweife früher oder später ab. Sophia, die wir am Wochenende auf Lü Dao kennengelernt hatten, hatte mir empfohlen, meinen Blog nach der Taiwan-Zeit auf eine eigene Website zu transferieren, als Archivierungsmöglichkeit. Diesen Gedanken spinne ich weiter: neben allen möglichen Leistungen wie Zeichnungen, Architekturprojekten, Texten und eben dem Blog erdenke ich mir auch schon ein grobes Layout. Vielleicht wird das mein nächstes Projekt in Deutschland. Nachteile bei der Jobsuche hat es bestimmt nicht.

Nach der Stunde schließe ich mich Sebastian an, der die Mensa skippt, um mit Anna in der Stadt essen zu gehen und danach ein Museum besuchen will. Endlich mal Kultur! Auf dem Weg datet er mich kurz up bezüglich des gestrigen Gesprächs mit Ashley über die Mormonen. Er hat herausgefunden, dass sie in die Organisation hineingeboren wurde, ihre Tante hatte die Eltern überzeugt. Sie war auch selbst schon auf Mission, in Kanada, und ihre Kirche gehört der Hauptorganisation in Utah an. Von den eher schlecht klingenden Aspekten, die Sebastian aus diversen Dokus kennt, weiß Ashley nicht Bescheid.

Zu Mittag speisen wir im U-Bahn-Gang der Formosa Boulevard Station. „Popo Curry“ liefert besseres Essen, als es der Name vermuten lässt. Fast schon aus Prinzip müssen wir uns nach draußen setzen, denn dass man sich im Schacht einer U-Bahn-Station so wohl fühlt, kommt nicht alle Tage vor. Aus irgendeinem Grund ist der Laden schon sehr weihnachtlich geschmückt, und auch kleine Fische in Vasen dürfen nicht fehlen…

Popo Curry
Speisen in der U-Bahn-Halle

Danach entscheiden wir uns, zum „Koahsiung Museum of Labor“ zu gehen, der Eintritt ist frei und man erreicht es recht schnell, da es sich in Hafennähe befindet.

Centre Pompidou auf Wish bestellt?

Im Eingangsbereich stehen drei, vier ältere Kaohsiunger, die uns freudig in Empfang nehmen. Einer spricht sogar Deutsch und gibt stolz die Standardphrasen von sich, die phonetisch aber wirklich gut sind. Alle tragen stylisch fragwürdige, türkise Museums-Shirts und eine Führung durch die Kaohsiunger Geschichte der Arbeit wird und mehr oder weniger aufgezwungen. Der ein wenig Deutsch sprechende Mitarbeiter führt uns zum Aufzug, gemeinsam fahren wir in den vierten Stock. Er heißt Chén und ist ein pensionierter Grundschullehrer, der zwei Tage die Woche freiwillig im Museum arbeitet. Insofern sind wir vermutlich bereits zum Highlight aufgestiegen, denn wirklich voll ist die Bude nicht. Chén hat in seinem Leben auch in Thailand Mandarin unterrichtet, ist wenigstens in Asien etwas rumgekommen. Die medizinische Maske, der er seit Beginn trägt, nimmt er zum Husten ab, es wäre ja auch eklig, Keime in das Stück Stoff vor der eigenen Fresse zu versprühen. Sein Englisch ist leider wesentlich schwerer zu verstehen als sein Deutsch. Nichtsdestotrotz gibt er das Beste und holt dafür sogar alle möglichen Hilfsmittel aus seiner Umhängetasche. Ein Laserpointer stellt sicher, dass wir exakt wissen, welche Tafel der vor unserer Nase stehenden Wand er meint.

Als erste Aufgabe sollen wir auf einer Stadtkarte am Boden erraten, wo genau das Museum ist. Der Schwierigkeitsgrad hölt sich in Grenzen, denn am Rand prangt das Museums-Logo, ich zeige darauf. „Wow, so good! Here, I have a souvenir for you.“ Er schenkt mir einen Kühlschrankmagneten des Museums. Merch nehme ich immer gerne.

Weil wir auf einem historischen Foto des Hafens nicht sofort erkennen, dass es sich bei einem länglichen Stapel nicht um Holz, sondern um Zuckerrohr handelt, müssen wir uns drei Videos auf seinem Tablet dazu anschauen. Mühsam kramt er es hervor, startet das äußerst langsame Betriebssystem und zeigt dann drei kurze Videos, die allesamt von einem Laptop abgefilmt wurden, wie ein paar Hände am Videoanfang beweist. In den Kurzfilmen werden taiwanesische Arbeiter und Arbeitstiere in schwarz-weiß gezeigt, die die süßen Stängelpglanzen ernten, verarbeiten und transportieren. „Woow, sugar cane. Look! Hahaha.“ Chén freut sich.

Unerfragter Lehrgang mit Museumsführer Chén

Viel zeigt er auf Bilder oder Wandtexte und hakt nach und nach: „Do you know? Do you know this?“ Dann erklärt er den Sachverhalt und schiebt hinterher: „Do you know? Do you know?“ Mir ist das viele Nein-Sagen irgendwann zu blöd und schaue nur noch zu Anna, die mit Abstand am besten zu verstehen scheint. Bei Chén klingt „world war two“ wie „what water“, statt „netherlands“ sagt er „nenanlan“ und ich kann nicht unterscheiden, ob er „so“ oder „four“ sagt. Anna beteiligt sich sogar proaktiv am Gespräch, dringt aber nicht wirklich durch. Dass wir in Deutschland zwar kein Zuckerrohr, aber dafür Zuckerrüben haben, merkt sie an. Ich sehe aber sofort, dass diese Aussage seine Ohren nur als Tunnelein- und -ausgang benutzt. Vermutlich lacht und nickt er einfach, um weiter reden zu können.

Wir gelangen an eine interaktive Station, bei der Seile mit 30kg schweren Säcken von der Decke hängen und man persönlich nachempfinden kann, wie die Hafenarbeiter sich ihre Rücken ruiniert haben. Bei jeder der kommenden Stationen werden wir aufgefordert, möglichst viele Bilder und Videos zu machen. Für den Blog ist das ja ganz nett, aber Chén scheint davon auszugehen, dass wir das noch unseren Enkeln zeigen werden.

Bizeps wie ein Hafenarbeiter

Nach und nach wird die Tour verrückter: Als Nächstes muss ich das Steuerrad eines alten Schiffes bedienen, dabei Richtungsanweisungen beachten und entsprechend einer Befehlstabelle, von der jeder ein Exemplar ausgehändigt bekommt, antworten. „Port 10“, ruft unser Begleiter. „Port 10, Sir!“ antworte ich und drehe einmal gegen den Uhrzeigersinn. Bei Stearboard 20 muss ich zwei Umdrehungen nach rechts machen, und so weiter. Nach jeder erfolgreichen Anweisung lacht er in einer Art und Weise, die mich an ein bekanntes deutsches Meme erinnert, in dem ein Rentner einem Fernsehteam am Feiertag noch frohes Schaffen wünscht und besonders hässlich lacht. Dabei scheint es übrigens völlig egal, dass andere Museumsbesucher den Raum betreten haben und argwöhnisch schauen.

Instruktionen und ein Kapitän auf sonniger See
Der Guide hat kindischen Spaß

Im nächsten Stockwerk geht der Wahnsinn weiter: „Do you want to sing a Taiwanese song?“ Anna und Buggi wollen nicht, das sehe ich ihnen an. „What kind of song?“, frage ich. Daraufhin fängt der Typ einfach an zu singen, Wir sind zum Zuhören verdammt, immerhin ist der Raum ansonsten leer. Obligatorisches Klatschen nach einer Minute, tatsächlich hat er mehr Töne getroffen als erwartet. Es handele sich um 3000 Jahre alte Musik, wir staunen.

Danach bittet er uns, ihm auf jeweils einem kleinen Zettel einen Brief bzw. Feedback zu schreiben und seinen Namen auf Chinesisch zu schreiben, dafür legt er seinen Freiwilligenausweis als Vorlage hin. Also texten wir drei. Um das cringe-Level zu steigern, liest er meinen Text natürlich sofort laut vor. „You have such a good vibe. Aw, thank you!!“ Ja, keine Ursache. Ich habe das wirklich ernst gemeint, denn seine Begeisterung für die Sache kann man ihm nicht abstreiten. Ein Kollege von ihm macht übrigens im Hintergrund die ganze Zeit Fotos – es ist gleichzeitig merkwürdig und nicht merkwürdig, denn man ist es eben so sehr gewohnt.

Verpflichtendes Feedback

Es fällt auf, dass der Name des Museums Auslegungssache ist. Nachdem es schon um verschiedene Länder und die niederländische Besetzung ging, hören wir immerhin auch eine Geschichte über Minenarbeiter in Nordtaiwan, die sich am Fluchtverhalten von Mäusen orientiert haben, welche das Austreten von Gasen meistens sehr früh rochen. Er spricht von den „immigrators“, die aus Japan, Penghu (Inseln im Westen) und Chiayi nach Kaohsiung gekommen sind. Schwer zu verstehen sind auch die von ihm genannten Jahreszahlen, statt „73“ sagt er z.B. „37“. Mehr Details nehmen meine Synapsen nicht auf, dafür kostet es mich zu viel Anstrengung, die gehörten Silben zu analysieren. Stattdessen schaue ich mir die chinesischen Texte an und freue mich über jedes Schriftzeichen, das mir bekannt vorkommt.

Die bisherige Geschichte klingt schon wild? Der Vogel wird aber erst so richtig abgeschossen, als Chén beschließt, dass diesmal wir mit Singen an der Reihe sind. In einem Museum. Zweimal gibt er den vierteiligen Text von sich, bevor wir es ihm nacheifern sollen. Das ebenfalls sehr alte taiwanesische Lied enthält Wörter, die aus dem hiesigen Dialekt stammen und irgendwas mit „wife“ und „husband“ zu tun haben. Bei jeder Silbe wird in die Hände geklatscht und die letzte ist immer ein „huei!“, das die Hände wild durcheinander fliegen lässt. Offensichtlich sind wir nach zwei Minuten noch nicht besonders textsicher, deshalb motiviert Guide uns immer wieder: „Okay, let’s try again!“ Sag mir, dass du Grundschullehrer warst, ohne mir zu sagen, dass du Grundschullehrer warst. Natürlich brauchen wir auch davon ein Video, Annas Job. Die Situation ist so absurd, dass sie sich einen kleinen Lachanfall nicht verkneifen kann, der leicht überschlägt.

Was machen wir eigentlich?

Schnell raus hier! Zum Glück vertun sich die Museumsmitarbeiter mit ihren eigenen Öffnungszeiten, jedenfalls gab es vorher noch andere Infos, und wir werden eine Stunde zu früh gewarnt, dass gleich Feierabend ist. Für ein Abschiedsfoto ist aber noch Zeit. Chén fordert seinen Kollegen auf, uns mit einem Schriftzug des Museums aufzunehmen. Er macht das Foto aber mit seinem eigenen Handy, bis uns auffällt, dass wir das Foto ja für uns selber machen sollen. Was ist das eigentlich für ein Verein hier, Seniorentreffen Qianjin?

„Zeigt mal, dass ihr Spaß hattet“

Um auf diesen Fiebertraum klarzukommen, müssen wir erstmal fett shaved ice essen gehen. Wir sind rechtzeitig zur goldenen Stunde auf den Straßen, und durch die West-Südwest-Ausrichtung der großen Verkehrsadern blickt man zwischen den vielen Hochhäusern direkt in die untergehende Lichtkugel.

Jemand verbrennt Papier, um seine Ahnen zu ehren
Erleuchtende Lichtflut am Ende der Straße

Nächster Halt ist der Central Park, der mir ganz persönlich sogar noch fehlt auf der Liste der Dinge, die ich unbedingt sehen muss. Eigentlich sehr zentral gelegen, so der Name, bietet der Park eine tolle Möglichkeit, um Farblosigkeit und Hektik der Innenstadt zu entfliehen, an Teichen, Hügeln, Tennisplätzen, Wiesen Entspannung zu finden. Anna entpuppt sich als großer Fan von organisch geformten Hochhäusern, von denen ein recht interessantes die Skyline prägt. Prinzipiell schließe ich mich an, die Rundungen in Grund- oder Aufriss tragen eindeutig zu einem vielfältigeren und gemütlicheren Stadtbild bei als rechteckige Klötze, die man, aus ökonomischer Sicht natürlich verständlich, sonst fast überall entdecken muss. Für meinen Geschmack ist Kaohsiung aber viel zu farblos, ein Problem, das viele Städte haben, gerade diejenigen ohne historische Innenstadt, wo ein grauer Tetrapak nach dem anderen hochgezogen wurde. Anna und Buggi sind allerdings skeptisch und ich finde auf Anhieb leider kein gutes Beispiel, das den Erfolg einer farbigen Fassade belegt. Schon klar, dass knallgrüne Häuser kaum Chancen haben, als schön wahrgenommen zu werden. Aber mit sanften Farben oder Akzenten kann man viel machen, das ist meine Überzeugung.

Central Park, Skyline diverser Hochhäuser
MRT-Station Central Park

Sebastian ist mit Phillip, Kaan und Fabian zum Pickleball verabredet, währenddessen setzen Anna und ich uns in die am Park gelegene Stadtbibliothek. Im Vergleich mit anderen Bibs fehlen mir gemütliche Sofas, aber vielleicht will die Stadt auch gerade nicht, dass man zum Schlafen kommt. Anna kümmert sich um Bewerbungen, ich lerne Vokabeln.

Tolle Fußwegdetails in Kaohsiung

Abendessen holen wir uns auf dem fußläufig erreichbaren Liuhe Night Market, gossippen über dies und jenes, dann mache ich mich auf den Heimweg. Zuhause telefoniere ich noch mit einem Freund in Deutschland.

An einem Stand bekommt man erstaunlicherweise Mehrweg-Trinkbecher. Das ist ja geradezu revolutionär!

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