Donnerstag, 6. November

Meine heutige Aktivität ist mal wieder so random gewählt, dass alles Mögliche dabei rauskommen kann. Byron vom Leichtathletik hatte mir neulich gesagt, dass seine Mutter Aurora, mit deren Familie ich das Mondfest feiern durfte, Lust hat, mir die Stadt zu zeigen bzw. das, was ich noch nicht kenne. Also haben wir uns auf ihre Initiative hin am Morgen an der MRT-Station Huayi verabredet. Im Vorhinein sollte ich ihr sagen, welche Attraktionen ich schon gesehen habe, also u.a. die Pagoden, das Zentrum für Kunst und Kultur, Teile des Hafens, das Wei Wu Mi Mi Village usw. Da ich von ihrer Freiwilligentätigkeit in einem anderen Museum weiß, gehe ich stark davon aus, dass sie mir kulturelle Dinge zeigen wird. Es wäre kein Problem, denn dahingehend herrscht in meinem Kaohsiung-Wissen noch eine große Lücke, die ich erst gestern mit dem Labor-Museum zu stopfen begonnen habe.

Entsprechend früh muss ich aufstehen, denn Huayi liegt relativ zentral. Mit deutscher Pünktlichkeit steppe ich um exakt neun Uhr aus Exit 1 und warte kurz, bis Byrons Mutter ankommt. Sie trägt Maske, Sonnenbrille, einen großen Schirmhut und einen Sonnenschirm, sodass sie einerseits nicht vermummter sein könnte, auf der anderen Seite aber auch wie eine typische asiatische Reiseführerin aussieht. Genauso behandelt sie mich auch, denn als Bewohnerin der Stadt kennt sie sich gut genug aus, um mir mit subtilem Fingerzeig den Weg zu weisen. Zuerst zum Auto. Ich meine, dass es das gleiche ist, was Byron fährt, ein sehr großer weißer SUV, wenn nicht gar dasselbe. Allerdings wohnt Byron nicht zuhause, vielleicht hat die Familie ja wirklich zweimal dasselbe Vehikel. Nicht auszuschließen, wenn man ihren Wohlstand bedenkt. Sie entschuldigt sich für ihr eigentlich gar nicht so schlechtes Englisch, sie habe es erst nach der Schulzeit gelernt. Klar, einige Wörter kennt sie nicht und ich muss langsam reden, aber immerhin ist Kommunikation möglich. Den Leuten mit den besten Skills ist es i.d.R. peinlicher als denen, die kein Wort können. So ähnlich wie diese Statistik, in der Dumme sich für überdurchschnittlich schlau halten und die Intelligenten an ihren eigenen Fähigkeiten zweifeln.

Erste Station ist ein Park im Südwesten, denn das Museum, das Aurora mir (wie erwartet) zeigen möchte, öffnet erst um 9:30 Uhr. Die „Zhongdu Wetlands“ beinhalten auf kleiner Fläche einen beschützten Blick in die Natur über einen Schlängelweg, der kleine Hängebrücken inmitten von Sumpfbäumen hat. Sie verliert ihren Schlüssel fast an den See, als sie ein Foto von mir auf der Hängebrücke macht. Ansonsten ist sie sehr darauf bedacht, bloß keine UV-Strahlung abzubekommen und wundert sich sehr, dass ich es ohne Schirm aushalte. Klar ist es warm, aber die Sonnenbrille schützt meine Augen und es ist ja auch nicht so, als ob die meisten Taiwanesen nicht genauso in der Hitze brutzeln, ohne dass es sie stört.

„Zhongdu Wetlands Park“ inmitten von Kaohsiung
Novembertage

Von hier aus könne man gute Sonnenuntergänge beobachten. Ich bezweifle das aufgrund des Bergs im Westen, aber schön ist es trotzdem. Auf der Runde durch den Park denke ich mir, wenn das Museum erst um halb zehn aufmacht, hätte sie ja auch sagen können, dass es eine halbe Stunde später passt. Aber Aurora will anscheinend auch Sachen von mir wissen, über Europa und Deutschland. „In Germany, the education ist different, right?“ Dazu erwähnt sie nochmal, dass ihr Beruf Grundschullehrerin ist. Aber Bildung meint sie vermutlich eher im erweiterten Sinne, denn ihr Anliegen ist vielmehr, über den hohen Plastikverbrauch in Taiwan zu reden. Da bin ich der richtige Ansprechpartner! Endlich mal jemand aus Taiwan, den die Plastikschiete genauso stört. Wie so oft loben die Taiwanesen Deutschland und Europa, aber diesmal geht es nicht um Autos, sondern um Umweltschutz und Recycling. Das ist wohl der anscheinend seltene, aber oft heraufbeschworene Vorbildeffekt deutscher Umweltpolitik. Wobei ich natürlich auch nur eine kleine, nicht repräsentative sample size habe, die meinen Eindruck formt.

Dann fahren wir zum „Kaohsiung Museum of Fine Arts“, das im „Neiweipi Cultural Park“ liegt und Teil eines Viertels ist, das von den Kaohsiungern auch als Kunstkiez benannt wird. Im Parkhaus findet Aurora sich kein bisschen zurecht, wir fahren entgegen der Pfeile auf dem Boden und ich zittere bei der kleinen Parklücke, es geht aber alles gut.

Zur Ausstellung müssen wir noch den Park durchqueren, dabei spricht sie ein weiteres Thema an, das ihr auf dem Herzen liegt. Byron und sein Vater wollen diesen Winter zum Skifahren nach „Mainland China“ und ihr behagt das ganz und gar nicht. Ich erinnere mich, dass sie schon am Mondfest neulich von chinesischen Berühmtheiten erzählt hatte, die spurlos aus der Öffentlichkeit verschwinden. Neben der ganzen Überwachung, also das Erfassen sämtlicher persönlicher Daten, Durchleuchten des Handys usw. hat sie Sorge, dass ihrem Ehemann sein Arbeitsvertrag bei „Semiconductor“, also TSMC, zum Verhängnis werden könnte. Klingt in meinen Ohren nicht ganz unberechtigt, die Sorge. Erst gestern hat mir jemand erzählt, China habe sich neulich bei Japan entschuldigt, vor längerer Zeit Japaner zum Zwecke des Spion-Ausbildung entführt zu haben. Um ehrlich zu sein, habe ich die Information nicht überprüft, aber ich weiß, dass andere Regime wie bspw. Nordkorea auch schon Japaner an Stränden eingesackt haben, um ihr Know-how abzugreifen. Von daher, auch wegen der Aktualität des Chipthemas, muss man sich vielleicht wirklich Sorgen machen, je nach der Wichtigkeit des Vaters in der Firma. Ich versuche zu beruhigen: Auch wenn man es nicht ausschließen könne, so sei es doch bestimmt immer noch unwahrscheinlich, dass dieses Horrorszenario eintritt. Da die Tickets schon gebucht sind, merke ich auch an, dass diese bestimmt sehr teuer waren. „But not more than your lives!“ Hat sie auch wieder Recht.

Erst an der Kasse checke ich, dass wir in dem Museum sind, in dem Aurora an Sonn- und Feiertagen freiwillig arbeitet. Sie kann also kostenlos rein, aber auch meine Karte kostet mit Studentenrabatt nur 45$TD, also 1,30€. Die große Halle hinter dem Eintritt erinnert mich an einen ähnlich steinbelasteten Raum im Berliner Pergamon. Dieser hier ist prismaförmig und zeigt einem die Ebenen der Ausstellung. In der Mitte prangt ein großes Nichts, wie es sich eben für gute Museen gehört.

Der Inhalt des Raums ist vor allem nichtinhaltlicher Natur

Aurora führt mich schrittweise durch alle Abteilungen, wobei sie (nicht verwunderlich) einen sehr guten Blick dafür hat, welche Kunstwerke interessant sind und welche man rushen kann. Der erste Raum ist vermutlich der, der mir am besten gefällt. Von der ebenfalls sehr hohen Decke klimpert Debussy herunter; Aurora will es mir erklären, aber ich kenne das Stück, „L‘Isle Joyeuse“. Als ich anfange über Ravel zu reden, überschreite ich sogar ihr Wissen über den Impressionismus. Mit Kunst kenne ich mich ja gar nicht aus, aber vermute, dass die Gemälde sich allesamt in dem Stil bewegen. Mir gefallen quasi alle Werke im Raum, die von drei verschiedenen Künstlern aus Japan und Südkorea stammen: Bilder und Figuren von Kindern, in deren Blicke ein Wandtext viel, viel Paychologie interpretiert: comichafte Superhelden aus Animes, die Aurora schon in ihrer Kindheit (Jahrgang 1973) gesehen hat; und leicht verstörende Figuren mit riesigen Augen.

Originalgemälde „Blondes Mädchen“, das sehr berühmt sein soll. Gut geschützt ist es jedenfalls nicht.
Sieht chillig aus
Main Character eines alten Animes
Psycho-Thriller mit 1fps

Im nächsten Raum befinden sich lauter Leinwände eines Künstlers, der Tropfen über alte chinesische Gedichte hat rinnen lassen. Nicht ganz so spannend, aber Aurora hilft mir, die Schriftzeichen zu erkennen und freut sich jedes Mal, wenn ich einen Treffer lande. Dazu will sie bei quasi jeder Gelegenheit, dass ich Fotos mache oder sie eins machen lasse. So langsam dämmern mir Parallelen zum gestrigen Museumsbesuch, auch der Guide im „Museum of Labor“ war Grundschullehrer und hat uns entsprechend behandelt. Auroras Fotos sind aber fast ausnahmslos schlecht geschossen (Augen zu, schräg, unscharf, Weitwinkel), sodass ich ihre Existenz schnell vernichten muss.

Eines der interessanteren Tropfenbilder
Ich sehe es als Übung, öffentlichen Fremdscham auszublenden

Des Weiteren schauen wir uns aus Draht nachgeformte menschliche Körper sowie eine ziemlich coole optische Täuschung an, deren Filmen mir zum Glück erst verboten wird, als ich schon alles im Kasten habe.

Vitruvianischer Mensch auf Wish bestellt
Sogar auf Video funktioniert die Täuschung

Im Obergeschoss fühlt es sich wieder mehr nach einem klassisch interaktiven Museum an, wie es z.B. das Humboldtforum in Berlin ist. Große Landkarten an der Wand, Dokumentarkurzfilme und ausgebuddelte Stammeshäuptlingohrringe von vor 3000 Jahren holen mich ehrlich gesagt nicht so gut ab wie ein klar präsentiertes Gemälde, zumindest hier. Am Ende, nach gut einer Stunde, blicken wir noch auf ein sehr großes Werk eines bekannten Bildhauers, der dieses zur Gründung des Museums vor knapp 20 Jahren gespendet hat.

Natürlich braucht es ein gemeinsames Selfie
Dieses Museumsheft gibt es geschenkt

Als wir zum Parkhaus laufen, kommt Aurora wieder auf das Thema China zu sprechen. Ob ich Yu Menglong (gesprochen: „ü-meng-long) kenne? Ein chinesischer Schauspieler, der sehr berühmt ist (durch diverse Netflixserien) und vor kurzem verschwunden ist, ein typischer Fauxpas der KP. Eine kurze Googlesuche ergibt, dass der 37-Jährige tatsächlich gestorben ist, allerdings werden zu den Umständen je nach Portal unterschiedliche Angaben und Vermutungen chinesischer Stellen zitiert, die vom leblosen Auffinden in der Wohnung über einen Sturz aus seiner Villa bis zum Verdacht auf eine Überdosis reichen. Auf den meisten Seiten steht außerdem, dass im Netz Videos kursieren, die die Folter und Hinrichtung des Schauspielers dokumentieren. Unabhängig davon zeigt Aurora mir eine Audio auf YouTube, die genau diese Schreie wiedergeben soll. Klingt auf jeden Fall schrecklich und dazu auch plausibel, man hört ja immer wieder von vom Erdboden verschluckten Personen, oft Militärs oder unliebsame Politiker. Laut Aurora könne man Yu Menglong in China nicht mehr recherchieren, obwohl praktisch jeder ihn kennen würde. Die Gründe für den Tod stellen sich aus ihrer Sicht folgendermaßen dar: Im Gegensatz zu anderen die Existenz verlierenden Berühmtheiten hat Yu nie die Regierung kritisiert, sondern sei eher durch wohltätige Projekte und einer Unterstützung dieser aufgefallen. Allerdings sei ihm zum Verhängnis geworden, am selben Tag wie Xi Jinping Geburtstag zu haben. Denn nach sehr alten chinesischen Traditionen, gebe ich hoffentlich richtig wieder, würde es Glück bringen, andere Menschen zu opfern, die auch da Geburtstag haben oder jedenfalls im selben Sternzeichen stehen. Dazu zeigt sie mir eine Art Petitionswebsite, die man in China nicht aufrufen könne und die mir auch auf diversen Reddit-Foren begegnet:

https://secure.avaaz.org/community_petitions/ct/

Außerdem meint Aurora mit bedächtiger Stimme, dass Kannibalismus in gewissem Maße auch an anderen Stellen durchgeführt wird. Ich bekomme YouTube-Videos von chinesischen Museen gezeigt, die Skelette und „künstliches“ Fleisch ausstellen. Angeblich hat man im Nachhinein herausgefunden, dass es sich um Leichen von Regimegegnern handele. Zugegeben sieht das schon ziemlich ekelhaft aus, aber ich muss mich langsam fragen, bis zu welchem Punkt ich Aurora Glauben schenken soll. Mir ist bewusst, dass ihre Storys nach absurden Verschwörungstheorien klingen und an vielen anderen Orten dieses Globus hätte ich keine Sekunde gezögert, mitleidig lächelnd so zu tun, als würde es mich kümmern. Eben weil aber bekannt ist, dass in China öfter Menschen verschwinden, Todesstrafen vollstreckt werden (so weit ich weiß, laut NGO-Schätzungen die meisten der Welt) und Menschenrechte massiv missachtet werden, fällt es mir schwer, den Wahrheitsgehalt des zuvor gehörten einzuschätzen. Ein Anhaltspunkt ist, dass YouTube Auroras Hauptinformationsquelle zu sein scheint, was gegen sie spricht. Ich kann das Story aber einfach nicht einschätzen, zumal mir der Schauspieler nichts sagt, also höre ich einfach zu. Da könne man doch glücklich sein, in Taiwan zu wohnen, meine ich. Oh ja. Die Taiwanesen seien sogar zu den Japanern freundlich, die sie kolonisiert hatten, sagt Aurora. Stimmt, Taiwanesen sind wirklich das freundlichste Volk, das mir je begegnet ist, das kann ich ehrlich sagen.

Dieser YouTube-Kanal mit deutlich über einer Million Abonnenten scheint eine Art Medium für Exilchinesen zu sein. Ich nehme mir vor, mich bei Gelegenheit damit zu beschäftigen.

Genug von den schweren Themen, Aurora will mir noch andere Dinge in Kaohsiung zeigen. Aus dem Kopf findet sie sich nicht zu 100% zurecht, macht mehrere seelenruhige U-Turns auf den großen Straßen der Stadt. An einem kleinen länglichen Haus, das zu den Museumskomplexen gehört, halten wir. Innen ist ein digitales Orchester aufgebaut und laut Zeitplan wird gleich Berlioz, „Ungarischer Marsch“ gespielt. Jedes Instrument wird durch einen individuellen Lautsprecher verkörpert, von Größe und Klang hängt auch die Ausrichtung und Voluminösität ab. Der resultierende Stereosound um mich herum ist wahnsinnig cool. Nicht einmal bei einem richtigen Konzert hat man die Möglichkeit, durch das Orchester zu laufen und die vom Standort abhängigen Klangfarben zu erleben. Gerne wäre ich länger geblieben, aber in bester Tourguide-Manier schleppt Aurora mich weiter.

Interaktives Orchester

Am Nachmittag hat sie wieder Unterricht, will mich vorher aber unbedingt in ein Restaurant mitnehmen. Vor dem edel aussehenden Lokal soll ich schonmal aussteigen und mich nach Gerichten umsehen, während sie einen Parkplatz sucht. Wir bekommen dann einen Tisch zugewiesen und ich bestelle genau wie sie ein Seafood-Reisgericht. Mir ist bewusst, dass sie mich höchstwahrscheinlich einladen will, also versuche ich, auf niedrigem Preisniveau zu bleiben. Deshalb bestelle ich denselben Smoothie, den Aurora auch bestellt. Was für ein Zufall, glaubt sie. Tatsächlich sind die Speisen sehr erschwinglich: Was in Deutschland bei der Aufmachung garantiert 20€ für das billigste Gericht bedeutet hätte, kommt hier mit einem Durchschnittspreis von schlappen 300$TD (8,50€) aus. Aurora bestellt jeweils eine weitere Vorspeise, Kürbissuppe, Salat und Weißbrot. Ich weiß, dass die Familie nicht arm ist, trotzdem kommt es mir irgendwie überzogen vor. Vor allem, weil ich weder Byron noch sie besonders gut oder lange kenne.

Mittagessen in etwas edlerem Restaurant

Natürlich werde ich wieder genötigt, von allem und jedem Fotos zu machen, dazu schickt sie mir die Fotos von ihrem Handy auf Instagram. Bei dem Schritt muss ich helfen, ihr Smartphone hat im Boomerstyle große Tasten für alles und sie benutzt die haptische Touchfläche wie einen Knopf, den man tief drücken muss.

Mich beschleicht das Gefühl, Aurora frönt einem Putzfimmel. Nur zum Essen setzt sie ihre Maske ab, der große Melania-like Hut bleibt natürlich auf. Sie hat ihr eigenes Besteck mitgebracht (in einem Restaurant, das die Gabeln und Löffel garantiert wäscht!) und bietet mir Desinfektionsmittel an. Ich solle übrigens sagen, wenn ich etwas nicht möchte, rät sie mir an. Der Hinweis fußt darauf, dass sie mich für sehr „polite“ hält. Taiwanesische Überhöflichkeit, von der sie nicht allzu viel hält, zwinge viele schüchterne Landsleute in gewissen Verhaltensmuster. Die Generation ihrer Eltern habe in der Erziehung bedingungslosen Gehorsam gegenüber Älteren gepredigt, was auch mit Nettigkeit zu tun hat. Sie ist aber der Meinung, dass die Alten nicht immer Recht haben und es in Ordnung ist, auch mal Nein zu sagen.

Die restlichen Themen bestimmt vor allem sie. Sie zeigt mir Fotos von der jungen Familie, mit Ehemann, Söhnen Byron und Albert. Obligatorisch erwidere ich die Geste, sie bedankt sich für das Teilen der Momente. Wichtig ist ihr, über die Scheidungsraten in Taiwan zu reden, die heute viel häufiger geschehen, so wie in den meisten westlichen Ländern. Ältere Generationen hätten sich das nicht gewagt, um die Familie als Einheit zu bewahren, auch das ist in Deutschland nicht anders. Halloween und ihre Schüler sind weitere Gebiete, über die wir sprechen. So wie ich es verstehe, unterrichtet sie neben einer normalen Grundschule auch krebskranke Kinder und zeigt mir Fotos, wie sie diese in Krankenhäusern besucht hat. Klingt nach einem psychisch harten Job. Heute Nachmittag macht sie Hausbesuche, weshalb wir den Mittagtisch dann räumen. Sie übernimmt die Rechnung ohne zu zögern, mein gescriptetes Danke wird gewürdigt.

Aurora will mir eigentlich noch eine Bibliothek zeigen, aber da die Zeit nicht reicht, versichere ich ihr, dass ich wider Erwarten tatsächlich in der Lage bin, mir diese eigenständig anzuschauen. Zunächst will ich mir aber noch die Haare schneiden lassen, unbedingt muss sie mich dahin bringen. Bevor sie mich aus dem Auto lässt, hat Aurora noch zwei Bitten. Erstens solle ich bei Möglichkeit meinen Einfluss auf Byron geltend machen und ihn überzeugen, zum Skifahren vielleicht doch lieber ein anderes Land zu wählen. Ich werde mein Bestes geben, verspreche ich, aber ich glaube kaum, daran etwas ändern zu können. Gut kenne ich Byron jedenfalls nicht, ganze dreimal haben wir uns bisher gesehen. Zum anderen bittet Aurora mich, ihrem Sohn nicht das Selfie zu zeigen, das wir im Museum gemacht haben und sie fragt mich, ob Byron weiß, dass wir uns heute treffen. Was? Byron hat doch selber den Kontakt initiiert, meinte zu mir, dass seine Mutter Kontakt zu mir aufnehmen will. Aber ne, keine Ahnung, ich habe ihn das letzte Mal vor zwei Wochen gesehen. Ich mutmaße, dass er das Foto cringe finden könnte? Darum gehe es nicht, meint Aurora. Er finde bloß, dass sie zu schnell auf Fremde zugehe, das sei aus seiner Sicht „unnecessary“. Langsam fühle ich mich unwohl, die tun ja gerade so, als wäre etwas Schlimmes passiert. Ich blicke die Familie einfach nicht, kein Wunder, wirklich kennen tu ich sie ja auch nicht. Jedenfalls bin ich froh, dass das Treffen vorbei ist und Aurora nicht nach einem zweiten fragt; auch wenn ich sehr dankbar für das Gesehene und Gehörte bin, ich habe ja offensichtlich viel zu berichten. Bitte ebenfalls solle ich Byron übrigens nicht erzählen, „that I took you to this restaurant. I never took Byron or Albert to this one. Maybe I will in the future, on somebodys birthday or so.“ Alles gut, hatte ich definitiv nicht vor.

Eine halbe Stunde Wartezeit im Friseursalon gibt mir Raum zum Chillen, endlich Verschnaufpause. Es ist dasselbe Studio mit dem knallgelben Metalltor, in dem ich bereits vor zwei Monaten einmal war. Über den Schnitt konnte ich mich nicht beklagen, auch wenn er für taiwanesische Verhältnisse sehr teuer ist. Während Leute wie Sky oder Ihsan sich die billigsten Läden für 150$TD (4,30€) raussuchen, zahle ich gerne die letztmaligen 400$TD (11,40€) und sehe dafür akzeptabel aus. Dieses Mal kostet mich der Spaß zwar sogar 600$TD (17,10€), im Vergleich zu meiner Berliner 37,50€-Friseurin ist das aber immer noch ein Wahnsinnsschnäppchen. Der Friseur ist diesmal aber auch ein anderer, der offensichtlich mehr drauf hat. Er stammt aus Hongkong, spricht aber sehr wenig Englisch, wofür er sich entschuldigt. Seine fetten Ohrringe, die Oversize-Uniform über der Baggy Jeans und seine Schachbrettschuhe lassen ihn aussehen, als könnte er genauso gut aus dem Prenzlauer Berg stammen. Er schlägt mir eine Charles Leclerc-Frisur vor, dazu sage ich nicht nein. Die Behandlung fühlt sich sehr professionell an, jeder Schnitt sitzt. Er trocknet meine Haare zwischenzeitlich so stark, dass mal ein Mittelscheitel, mal eine Topffrisur Bestand hat.

Wohlfühlstunde

Am Ende bin ich wirklich zufrieden, das kommt bei mir unmittelbar nach einem Schnitt fast nie vor. Der Friseur freut sich auch über sein Werk und bedankt sich über mein Lob. Fazit: Solange ich in Taiwan bin, koste ich die hochwertige Haarbehandlung aus und in Deutschland werde ich die Preisumstellung wahrscheinlich nicht verkraften können, sodass ich mir wen Neues werde suchen müssen.

Um noch mehr Alltagsquests zu erledigen, kaufe ich mir auf dem Rückweg endlich zwei Airism-Shirts bei Uniqlo, zuhause wird dann zu Formel 1 gechillt. Sky erzählt mir von den harten Prüfungen, die er hat. Zwei von denen heute (Accounting, Python programmieren) liefen sehr schlecht und er stresst sich mit denen, die morgen auf ihn warten: Mandarin und Calculus. Ach, mein Leben ist doch gar nicht so schlecht. Der Junge schafft es aber auch einfach nicht, seinem Handy zu entfliehen. Statt meiner Empfehlung nach einem Powernap nachzukommen, meint er, er müsse erst alles erledigt haben, bevor er schlafen kann – und spielt am Ende Clash Royale. Das verstehe, wer will.

Eine neue Reislieferung erreicht den Campus

Ich selbst bin so müde, dass ich mich zu nichts mehr aufgerafft bekomme und zögere sogar, als Ray mir schreibt, dass ich ihm und seinen Freunden in einem Café joinen kann. Zum Glück checke ich mein Glück, denn Aktionen mit Ray haben bisher meistens Interessantes bedeutet. Um kurz nach zehn Uhr abends finde ich ihn und andere taiwanesische Jungs auf Klappstühlen vor einem kleinen Laden, der garantiert unter 10 Quadratmeter misst. Ein tiefgelegener Tisch, etwa acht Stühle drumherum, manche noch leer. Alle reden Chinesisch, und als ich einen der Stehenden mit „Hi! I‘m Leo“ begrüße, schaut er nur Ray an, der ihn lachend boxt. Ich darf mich setzen und erfahre immerhin die Namen von den beiden Sitzenden. Den eines dürren Typs mit zum kurzen Zopf gebundenen Haaren vergesse ich sofort wieder, der andere namens Ethan trägt Ziegenbart, eine runde Brille und eine Mütze, die seinen Style derart nerdig definiert, dass es mich nicht überrascht, als er mir später von seiner Vorliebe für Animes erzählt. Während der erste sich sehr zurückhält, spricht Ethan bemerkenswert gutes Englisch und hat großes Interesse an einer tiefergehenden Unterhaltung. Der Autodidakt habe sich Englisch vornehmlich durch Videos und Serien beigebracht und beschreibt sich selbst als eine Art Ausnahmetalent, was das Nachahmen von Stimmen und Akzenten angeht. Zwar stinkt Selbstlob, aber den Punkt muss man ihm lassen, gerade in Anbetracht des taiwanesischen Bildungssystems, das alle anderen hier ja genauso genossen haben. Für die nächsten zwei Stunden reden vor allem Ethan und ich, alle anderen sitzen still da, manche an den Handys, andere am Laptop, allesamt (bis auf Ray und ich) am Rauchen. Und zwar nicht zu wenig, in einer Schüssel liegen bereits fünf leere Schachteln, zwischendurch fährt immer mal wieder jemand los, um neue zu besorgen. Geraucht wird auch nicht, wie ich das kenne, sondern jeder hat ein radiergummigroßes Gerät, in das das Zigarettenende gesteckt wird, um mutmaßlich dem Brennvorgang größere Effektivität zu verleihen.

Ethan stellt mir netterweise einige der Leute vor, er ist definitiv der Extrovertierte. Der Dürre neben mir korrigiert Mathe- und Python-Hausaufgaben, wird als der Smarte schlechthin beschrieben, der das taiwanesische System ausgetrickst hat: Er zahlt keine Steuern, weil sein Gehalt in Boni abgerechnet wird, sei als Kind angeblich aus dem 6th floor (also 4. Stock, weil 4. ausgelassen wird und das EG schon der 1. ist) gefallen und mit einem gebrochenen Arm weggekommen, muss wegen seiner körperlichen Dürre nicht zum Militär und fährt Motorrad, obwohl er seinen Führerschein aufgrund Alkohol am Steuer abgeben musste. Genau genommen hat er von seinem Recht Gebrauch gemacht, das Röhrchen zu verweigern, woraufhin man Gerichtsverfahren entgeht und pauschal für ein bis zwei Jahre für den Straßenverkehr gesperrt wird. Ich soll das Alter eines jung aussehenden Typs erraten, der allerdings mit 29 Jahren zu den Ältesten am Tisch zählt und ebenfalls Mathelehrer ist.

Mit Ethan tausche ich mich über den deutschen Föderalismus, die AfD, den taiwanesischen Sozialstaat, Besonderheiten in den Provinzen, das Schengenabkommen, Geschichtsunterrricht in beiden Ländern und einiges mehr aus. Er will nach seinem gerade abgeschlossenen Bachelor im Finanzbereich unbedingt in sein Traumland USA, hat aber aufgrund der Trump-Administration berechtigte Visa-Bedenken und spielt auch mit dem Gedanken, nach Europa zu gehen. Frankfurt und München kennt er schon, Berlin steht aber weit oben auf seiner Liste. Die Feierkultur, die Internationalität der Stadt, die Geschichte der deutschen Teilung fasziniert ihn sondergleichen. Er hat Angst vor der deutschen Sprache, traut sie sich nicht wirklich zu, obwohl er ja ein offensichtliches Sprachtalent hat. An westlichen Bildungssystemen, vor allem am deutschen, fasziniert ihn die Art, wie wir lernen, neben dem Fakt, dass es für uns fast gratis ist. In Taiwan würden die Schüler alle nur für gute Testergebnisse lernen, auswendig und stumpf, während Deutsche viel praxisbezogeneres Wissen hätten. Ich darf erklären, wie „Ausbildung“ und „duales Studium“ funktionieren. Außerdem sorgt er sich um striktere Migrationsregeln, hat gehört, dass die AfD den Kurs verschiebt. Das stimmt, aber ich bin mir sicher, dass auf absehbare Zeit Fachkräfte dennoch willkommen sein werden, dahingehend beruhige ich ihn. Mir fällt auf, dass Ethan viele meiner Aussagen wörtlich wiederholt, um sich darauf zu beziehen. Er ist wie gemacht für Bilderbuchdebatten mit fairen Argumenten und Bezugnahmen. Auch interessieren ihn die Gründe für das Erstarken der AfD. Ich sage ihm, dass niemand so richtig Lösungen für einen richtigen Umgang findet und auch ich gespalten bin, was den Einbezug oder Nichteinbezug angeht, gerade weil das konsequente Ausschließen bisher nicht dazu geführt hat, das Problem verschwinden zu lassen. Ethan hat schnell eine Meinung, Entzaubern durch Koalition, wird aber nachdenklicher, als ich ihm Argumente dagegen nenne: deutsche Vorsicht aufgrund geschichtlicher Ähnlichkeiten, und auch in Koalitionen kann man Frust auf auf die Partner abwälzen.

Ich versuche, mir taiwanesische Geschichte erklären zu lassen, aber selbst die Taiwanesen scheinen es äußerst „weird“ zu finden, dass die KMT in den Neunzigern eine umfassende Demokratisierung einleitete, nachdem sie über Jahrzehnte Kriegsrecht geltend gemacht hatte und es keine drohende Revolution zu geben schien. Angeblich wird in Taiwanesischen Schulen sogar über Verbrechen aus der Zeit wie bspw. die Gefangenenlager auf Lü Dao (wo ich am Montag einen Überlebenden gesehen hatte) gesprochen, wenn auch nicht ganz so viel, wie das in Deutschland der Fall ist.

Prinzipiell hat Ethan eine hohe Meinung über Deutschland, weiß aber auch über klassische Klischees Bescheid, bspw. die Deutsche Bahn und ihre Verspätungen, für die sie auch im Ausland berühmt ist. Ich differenziere, um dem Eindruck vorzubeugen, es kümmere einfach niemanden: Bei der Bahn ist viel schiefgelaufen, aber die Misere hat mehrere Gründe wie bspw. Personalmangel und auch rücksichtslosere Ereignisse als in Taiwan, wie Tiere oder Personen auf den Fahrbahnen, Polizeieinsätze in den Bahnhöfen.

Des Weiteren lerne ich über die Provinz Miaoli, die so hohe Schulden macht, dass viele Leute sie spaßeshalber als eigenes Land betiteln und Hsinchu County, Rays Heimat, das so schlecht angebunden ist, dass es als Steppe gilt. So gut es geht, will Ethan die anderen inkludieren, sie weigern sich aber entweder, weil ihr Englisch zu schlecht sei oder können nicht anders. Ray sitzt aufmerksam daneben und traut sich immer mehr, was ich sehr wertschätze. Ohne dass ich gefragt habe, bringt der Ladenbesitzer mir Schwarztee und Sirupwaffeln. Die Jungs schwärmen vom besten Café der Gegend, zu Studienzeiten sei er fünfmal die Woche hergekommen, sagt Ethan. Dazu eine Geste, die einen Kettenraucher symbolisiert. Der Caféchef sei eine Art Ersatzvater, bei jeder wichtigen Entscheidung fragen sie ihn um Rat. Auch kennengelernt haben sich einige genau hier, für die meisten ein Wohlfühlort. Über die Zeit kommen und gehen einige junge Männer, bei fast jedem sagt Ethan, „that’s my friend“ und hat eine Story parat. Ein Junge habe für seine Freundin mit dem Rauchen gestoppt und verschweigt ihr bis heute, zwei Jahre lang, davor Kette geraucht zu haben. Okay, es gibt wohl Schlimmeres, die Gruppe lacht sich kaputt, und der Kollege grinst verlegen. Ich bekomme die Gelegenheit, Taiwan zu loben und werde nach taiwanesischen Frauen gefragt. Wunderschön, ist die einzig richtige Antwort. Aber die Sprache macht es schwer, Kontakte aufzubauen. Immerhin ermuntern die Jungs mich, weiter zu lernen und loben meine Aussprache bei den wenigen Wörtern, die mir einfallen. Wie es sich für einen Männerabend gehört, tauschen wir natürlich auch Schimpfwörter in der jeweils anderen Sprache aus. Jetzt kann ich Mütter nicht nur auf Festlandchinesisch, sondern auch im taiwanesischen Dialekt beleidigen, was für ein tolles Gefühl.

Um kurz vor zwei Uhr ist es Zeit zu gehen. Ich ziehe mein Portemonnaie, aber werde zurückgehalten, „It’s on us.“ Ray, der Ehrenmann, bezahlt und fährt mich auf seinem Motorrad bis vor die Haustür. Seine stille Side Character-Art mir gegenüber begründet sich wahrscheinlich auf der Sprachbarriere, aber ich frage mich trotzdem manchmal, warum er so nett ist. Regelmäßig lädt fragt er, ob ich seinen Gruppen joinen will, gibt aus wie selbstverständlich und spielt das kostenlose Taxi.

Sperrstunde. Zu räumender Cafétisch mit leeren Tassen und Zigarettenschachteln.

Ein schöner Abschluss des Tages: ungewohnt spätes Geselligsein und die Frage, wie viele Zigarettenäquivalente ich durchs Passivrauchen inhaliert habe. Wenigstens sind die hiesigen Glimmstängel ein bisschen milder, schmecken nach Angaben der Gruppe auch etwas süßlich.

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