Den Morgen verbringe ich im Bett, während Sky sich zu weiteren Prüfungen hetzt. Ich schreibe außerdem am gestrigen Blog, für den ich nachts um drei einfach keine Motivation mehr hatte und für den ich auch noch ganz grobe Recherche mache, damit ich nicht völligen Stuss von mir gebe. Auch die Formulierungen brauchen etwas, je nach Ausdrucksweise hinterlasse ich ja einen anderen Eindruck der Geschehnisse. Die Macht des Wortes ist nicht zu unterschätzen.
Den Mittag verbringe ich auf meinem Stuhl, da das Handyladekabel nicht ganz ins Bett reicht. Ich bin, anders als es jetzt klingt, sogar produktiv und trage mir ein, zwei Stunden lang jede Menge Vokabeln ein und recherchiere nach den Hintergründen. Erstens will das mein innerer Monk wissen, und zweitens kann ich mir Sachen, die ich bis ins Detail verstehe, viel besser merken. So ist es bspw. essentiell, aus welchen zwei Bestandteilen das Wort Fahrstuhl besteht. 電梯 diàntī bedeutet wörtlich elektronische Leiter, 電腦 diànnǎo bedeutet elektronisches Gehirn = Computer und 電話 diànhuà heißt so viel wie elektronische Stimme, ein Telefon. Das sind also diese tollen Wortpuzzles, von denen der Kanadier Chris in meinem ersten AirBnB geschwärmt hatte. Wenn man die Fantasie spielen lässt, ergeben viele Zeichen auch optisch einen Sinn. 電 diàn sieht aus wie ein Gerät, von dem unten ein Kabel nach rechts absteht, also Elektrizität bedeutet. Das Zeichen für Tasche/Rucksack, 包 bāo, sieht wirklich wie etwas Eingepacktes aus und auch 圖 tú, ein Bild oder Gemälde, lässt sich gut merken. Und so weiter.
Sky kommt gegen mittags wieder und hat immerhin seinen Mandarin-Test gut überstanden. Das Rechnen-Fach bereitet ihm große Sorgen, aber sein senior hat ihm versichert, dass er sich erlauben kann, in den mid terms durchzufallen. Dafür muss es dann am Semesterende sitzen. Apropo Semesterende: Ich wollte mich ursprünglich erst im Dezember/Januar um Bewerbungen für eine Werkstudentenstelle in Berlin ab April kümmern, aber da ich mich initiativ bewerbe, hat Anna letztens den guten Einwand gebracht, dass ich mich lieber früher bewerbe, damit die Personalabteilungen mich bei Bedarf tatsächlich einplanen können. Heute schaffe ich das zeitlich nicht mehr, aber ich will mich die Tage mal darum kümmern, Anschreiben zu gestalten.
Da ich das Mittagessen der Cafeteria verpasse, muss ich vor Chinesisch einen Jieper-Einkauf tätigen. In der ersten besetzten Reihe des Saals futtere ich zwei Fantuan (bzw. Onigiri, die in Seeblätter gehüllten Reisdreiecke), ein Melonenbrötchen und einen Yakult-Drink verschlinge. Anna schüttelt den Kopf, schließlich sind wir später mit Minda für Hot Pot verabredet, aber ich habe da locker wieder Hunger.

Frau Peiti lässt uns heute schauspielern. Schon öfter hatte sie den Unterrichtsstoff mit Situationen in verschiedenen Offices begründet, weshalb besonderer Wert darauf lag, dass wir uns sauber vorstellen und unsere Studenten-ID sagen können. Zuletzt wurde unser Wortschatz dahingehend erweitert, dass wir diverse Unterrichtsutensilien wie Schlüssel (鑰匙 yàoshi), Bleistift (鉛筆 qiānbǐ) oder Fernbedienung (遙控 yáokòng) erfragen und ausleihen können. Heute lernen wir nicht nur, die Uhrzeit anzusagen, sondern auch, bestimmte Zeiträume (für Ausleihen z.B.) zu definieren. Dazu teilen wir uns in Zweierpärchen, bekommen richtige Formulare und während einer den ausleihbedürftigen Studenten spielt, ist der andere der Büroheini. Von einem Skript mit viel Text lesen wir ab, es geht neben dem eigenständigen Festlegen von Uhrzeit und Raumnummer vor allem darum, die Aussprache zu üben.
Der Freitagskurs hat definitiv mehr drauf als der von Dienstag, hier hat sich (vermutlich aufgrund der Freiwilligkeit) ein lernwilliger Kern herauskristallisiert. Sogar Sascha ist da, er hat aber offensichtlich nicht so viel gelernt wie die motivierten Inder weiter hinten und struggelt ab und zu, wenn er rangenommen wird. Fairerweise muss man sagen, als Lehrer, als 老師 lǎoshī hat er vermutlich mehr zu tun als wir. Morgen geht’s mit einer Klasse sogar nach Taipei, nachdem er letztens schonmal da war. Der DAAD scheint es gut mit ihm zu meinen, es sei ihm gegönnt. Er erzählt, dass die Schüler allesamt nach Versicherungen gefragt hätten und obwohl er es geklärt bekommen hat, ist er verwundert. So was hätte man doch eher von Deutschen erwartet? Oder einfach von niemandem?
Minda hat noch im Labor zu tun, aber kommt dann direkt in das Restaurant, zu dem ich anschließend mit Anna und Buggi laufe. Vivek begegnet uns, auch er hat wohl einen harten Arbeitstag im Labor hinter sich. Die gute Laune scheint es aber nicht zu vermiesen, richtig motiviert fragt er uns, was heute drankam und probiert, mit uns Chinesisch zu reden. „Only talk in Chinese“ ruft er wie immer ziemlich laut und lacht. Wir gehen darauf ein und stellen ihm die klassischen Fragen, aber seine linguistische Aura ist einfach auf einem anderen Level. Wild haut er mit Phrasen um sich: „wǒ hē Wéi WéiKè“, frei übersetzt, er trinkt sich selbst. Wie er heißt? „Yeess“. Dabei klopft er Buggi kumpelhaft auf die Schulter und hält den für ihn typischen Augenkontakt aufrecht. Das ist zwar ziemlich lustig, aber ich bin auch froh, dass wir nur mit Minda essen gehen.
Das Restaurant habe ich vorgeschlagen, weil die Trainingskollegen mich vor einigen Wochen mal hierher mitgenommen hatten. „Xin Ju Guo Hot Pot“ zeichnet sich neben den Hot Spots durch seine umfassende All-you-can-eat-Insel in der Mitte aus, die Vorspeise besteht erstmal aus einem dick aufgetragenen Eis. Das Verwalten des eigenen Kochtopfs am Tisch fühlt sich immer noch ein wenig ungewohnt an, aber je öfter ich es machen desto mehr Gefallen finde ich daran.

Minda erzählt uns von ihrem großen Mädelstrip nach Xiao Liuqiu letzte Woche und einem Drama zwischen Muskan und einer Freundin von Heena namens Sanjena (oder so ähnlich, spielt keine Rolle). Diese hatte Muskans Zeitplan für blöd erklärt, woraufhin Muskan eskaliert ist, was wir genüsslich in der Gruppenchathistorie auf Mindas Handy nachverfolgen können. Ich kenne Muskan nicht gut, aber habe sie immer für etwas ruhiger und angepasster gehalten, anscheinend lag ich falsch. In der Neunergruppe schimpft sie über Sanjena und schmeißt sie anschließend raus, so geschehen letzte Woche. Irgendwie heitern mich solche Geschichten auf, weil sie von außen so komisch und vermeidbar wirken. Muskans Zeitplan habe ich übrigens schon vor einiger Zeit durchgesteckt bekommen, der klang ehrlicherweise wirklich ziemlich schlecht. Minutiös ist darin festgelegt, welche timestemps der Ausflug erlaubt. Fürs Ausleihen der Scooter gehen genau zehn Minuten drauf, dann fünf Minuten zum Strand fahren, 20 Minuten lang eine Höhle angucken, dann zehn Minuten zum nächsten Strand, dort bleiben dann ganze 50 Minuten für ein Fotoshooting, eine Schnorchelsession und Entspannung. Entspannung!! Dass der Plan bei so vielen Leuten nicht einzuhalten ist, abgesehen v grundsätzlichen Stress, den er produziert, ist ja klar. Eigentlich kann nur ChatGPT so etwas ausgespuckt haben, da bin ich mir sicher. Interessant finde ich auch, wie Anna und Buggi reagieren, als Minda erwähnt, dass Luca als Einzige keinen Scooter geteilt, sondern sich einen alleine gemietet hat. „Of course!“, tönen die beiden und ich beiße schon die Zähne zusammen. „She is so rich, haha“ retten sie den Satz.
Der Eiskonsum unseres Tisches ist schon ein bisschen bodenlos, das kann man getrost so sagen. Alle ein bis zwei Minuten rennt jemand an die Tiefkühltruhe, ist ja gratis. Warum nicht einfach jede Sorte ausprobieren, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Die Deutschen halt. Dass es billige Ware ist, schmeckt man zwar, aber die Geschmacksnote „Kostenlos“ wiegt schwerer. Minda fällt ein chinesisches Meme ein, das sie extrem lustig findet und uns zeigt. 冰淇淋 „bīngqílín“ bedeutet Eiscreme und ist eine Vokabel, die wir erst neulich gelernt haben. Deshalb und weil Minda uns zwingt, zercringen wir das sich zunehmend leerende Lokal, stellen das Video in bester Gen Z-Manier nach. Das Original zuerst:
https://youtube.com/shorts/XD9W1Z2Y4GU?si=rjEKPHg7FiO1IxjR
Außerdem will Minda am Ende ein Gruppenfoto machen. Wir posieren vor dem Schriftzug des Restaurants und die verwirrte Mitarbeiterin hält uns fest, wie wir in Sitcom-Manier beieinanderstehen und -sitzen, denn Minda hält es nicht aus, auf Bildern so viel kleiner als andere zu sein.

Den Heimweg empfinde ich als etwas anstrengend. Minda muss ja auch zum First Campus und fragt, ob ich mit ihr den Bus nehmen will. Der braucht im Gegensatz zu den 28 Minuten billigem YouBike über eine Stunde und kostet mehr, deshalb lehne ich ab. Daraufhin will sie auf dem Fahrrad mitkommen, was meine Reisezeit erfahrungsgemäß verlängert. Wenn sie sich alleine nicht sicher fühlen würde, würde ich sie auch im Bus begleiten, aber sie meint, dass es vor allem um das Finden des Weges geht. Come on, das ist höchstens einmal Umsteigen, außerdem wohnt sie schon genauso lange am Campus wie ich, das wird sie doch wohl mal alleine schaffen. Am Ende wird es das E-Bike, ein guter Kompromiss. Dadurch ist Minda nicht langsam, aber mir fällt auf, dass sie mir scheinbar gedankenlos hinterherfährt. Eine Ampel, die sie fünf Sekunden nach mir nimmt und die längst rot anzeigt, leuchtet in ihren Augen vermutlich gar nicht, jedenfalls habe ich das Gefühl, auf ein kleines Kind aufpassen zu müssen, das immer der Nase nach fährt. Wir kommen aber ohne Zwischenfälle im Dorm an.
Darren, der sonst so stille Mitbewohner, fällt mir dadurch auf, dass er abends, so heute auch, bis spät in die Nacht zockt und im Voice Chat mit seinen Freunden ist. Von meinem Platz aus kann ich schräg rüberschauen, ich glaube, er spielt Roblox. „Oh shit, haha“ und eine Menge indonesischer Begriffe fallen, die anderen beiden scheint es vom Schlafen nicht abzuhalten. Mich stört es eigentlich auch nicht, weil seine Stimme trotzdem halbwegs leise bleibt und ich auch noch wach bin. Nicht auszumalen, was Heizo mit ihm anstellen würde, würden die beiden ein Zimmer teilen.
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