Samstag, 8. November

Schon gestern Abend war mir irgendwie klar, dass ich heute besonders viel Motivation habe, etwas zu unternehmen. Ein klein wenig Chinesisch, ansonsten gucke ich viel Formel 1 nach. Die Schwierigkeit einer Unternehmung besteht vor allem darin, sich ein Ziel auszusuchen und dann auch loszukommen. Gerade wenn ich keine Zeit wegen einer Verabredung einhalten muss, verschiebe ich gerne mal Aktivitäten oder lasse sie sausen.

Regelmäßige Kurzspaziergänge ermöglicht mir die Cafeteria. Zu Anfang meiner Zeit ist mir stets eine Hitzwelle entgegengeschlagen, wann immer ich das Dorm verlassen habe. Das hat sich mittlerweile deutlich verändert. Es ist draußen zwar meistens wärmer als drinnen, aber der Unterschied ist nicht so gewaltig und manchmal sogar angenehm. Wer auf den Wetterbericht schaut, stellt interessanterweise kaum einen Unterschied fest. Zu Beginn hatte es meistens an die 33 Grad Höchsttemperatur, die jetzt aber immer noch 31 Grad erreicht. Der große Unterschied ist die Luftfeuchtigkeit, die anfangs so hoch war, dass gefühlt vielmehr 40 Grad herrschten. Jetzt ist das Niveau deutlich gesunken, 30 Grad tagsüber fühlen sich nur ein bisschen wärmer als die deutschen 30 Grad an. Die Niederschlagsmengen haben sich wenn dann nur zum Geringeren verändert, aber auch Anfang September war die Regenzeit quasi schon vorbei. Tatsächlich soll es nächste Woche aber einen Taifun geben, und diesmal sieht es wirklich so aus, als würde er Kaohsiung treffen. „Windy“ gibt an, dass das Sturmauge gegen Mittwoch Abend 200 Kilometer westlich an meiner Stadt vorbeiziehen wird, auch wenn der Taifun sich da bereits in seiner Endphase befinden soll. Sebastian und Anna, die an dem Tag nach Japan fliegen wollen, machen sich jedenfalls Sorgen, ob der Flieger abhebt; und das Dorm empfiehlt mal wieder, Instant Nudeln zu hamstern. Keine Sorge, ich habe noch eine Menge vom letzten Mal.

Mein Highlight des Tages ist das Sprinttraining, zu dem ich mich selbst bringe. 40 Minuten vor Einbruch der Dunkelheit, kurz vor fünf, gehe ich mal wieder auf die rote Tartanbahn und genieße die Momente, ohne äußere Einflüsse Sport zu treiben. Keine Gruppe, kein Handy, nur Aufwärmen und Rennen. 3*50m 85% mit Turnschuhen, 3*5m 90% mit Spikes, 2*30m 95% mit Spikes. Das Training ist wegen der Examen diese Woche komplett ausgefallen, für mich allerdings ärgerlich, will ich doch fit bleiben. Demnächst stehen ja sogar Wettkämpfe an, und Sprintvorbereitung bedeutet Fleiß. Aufgrund meiner Verletzungshistorie der letzten zwei, drei Jahre lege ich allen Fokus darauf, minimalen Muskelkater zu bekommen und am Montag wieder fit zu sein. Das schaffe ich sogar ganz gut.

Alleine für den leicht rosafarbenen Himmel hat es sich gelohnt, rauszugehen.
Ans Reck wurden neuerdings aussteifende Dreiecke gelötet, nachdem die mittlere Stange in den letzten Wochen mehrfach einen V-förmigen Knick bekommen hatte und jeweils kurzzeitig ausgetauscht wurde.

Das Verausgaben auf meinem Lieblingsmaterial, Tartan, lässt die Gedanken schweifen. Sollte ich jemals mein eigenes Haus entwerfen, muss irgendein Areal (vielleicht ein überdachter Außenbereich) diesen enthalten, aber in einer besseren Farbe: vielleicht dunkelrot, -blau oder -pink? Ich überlege auch schon, wohin ein Wanderurlaub nächstes Jahr in Europa gehen könnte, vielleicht in eine Saunahütte im Riesengebirge? Außerdem denke ich auf die Wettkämpfe bezogen an früher zurück, als ich als Teenager noch richtig trainiert hatte. Mit durchdachtem Trainingsplan, Trainingslager und Trainern, die Druck ausgeübt haben, damit man zu jeder Einheit erscheint. Viele meiner Dehn- und Aufwärmübungen sowie Anweisungen zur Körperhaltung sind Rudimente aus dieser Zeit, die ich wegen der Disziplin einerseits vermisse aber aufgrund mancher Gruppengefüge irgendwie auch nicht. Ich versuche, mich jetzt einfach darauf zu konzentrieren, mit dem Sport im Moment glücklich zu sein. Gar nicht so einfach, aber ohne mein Handy fällt es schon leichter. Wenn ich in den Trinkpausen draufgucke, merke ich direkt, dass ich eigentlich gar keine Lust darauf habe. Aber man ist trotzdem damit gefangen, weil man es halt für alles Mögliche braucht.

So dunkel ist es auf der Strecke um 18:20 Uhr, nachdem die Sonne untergeht. Licht kommt nur von den Basketballplätzen, sodass man die Sprintstrecke am besten vorher auf Hindernisse wie Äste prüft.

Entgegen dem letzten Mal, als ich hier trainiert hatte, höre ich kein einziges (Militär-) Flugzeug, nur die Basketballer nebenan und die üblichen Tartanspaziergänger beleben das Feld. Freundlich macht jeder Platz, wenn ich angerannt komme, auch Hunde und Kinder werden dazu angehalten, Acht zu geben.

Am Ende muss ich mich sputen, um vor 19 Uhr noch ein Abendessen zu bekommen, ich hätte heute jedenfalls keine Lust auf 7/11 oder FamilyMart. Eigentlich habe ich auf die convenience stores generell keine Lust mehr, aber sie machen ihrem Namen alle Ehre, meist ist es der einfachste Weg. Es ist noch nicht einmal so, dass mir die Gerichte nicht schmecken, im Gegenteil, wie bei McDonalds oder anderem Fast Food beginnt man es mögen, je häufiger man es isst. Denke ich zumindest. Was bleibt, ist aber das ungute Gefühl danach; nicht unmittelbar, aber Tage, an denen meine Mahlzeiten aus Brötchen, Fàntuán und Mikrowellengerichten bestehen, lassen mich müde und unsportlich werden. Ich lege zwar kein sichtbares Fett an, aber ungesundes Essen kann ja auch auf anderem Wege der Fitness, den Muskeln und der Koordination schaden. Auch den süßen Schwarztee morgens verteufele ich insgeheim, auch wenn ich mich jeden Morgen darauf freue. Glücklicher werde ich wieder mit der Freiheit der deutschen Küche sein. In einem Urlaub kann man sich gehen lassen, Mist ohne Ende futtern; aber wenn es um den generellen Lebensstil geht, fährt man einfach besser damit, selbst zu kochen und ungesundem Fast Food abzuschwören. Das werde ich definitiv auch machen, wenn ich zurückkehre, keine Frage. Prinzipiell habe ich durch den Reiskocher und mein neues Zimmer sogar die Möglichkeit zu Kochen, aber weil Gemüse auch im Kühlschrank unfassbar schnell schlecht wird und auch Lebensmittel wie Reis schnell aufgebraucht werden müssen, wenn man keine Reiskäfer haben will, ist man eigentlich gezwungen, für jede Mahlzeit neu einzukaufen. Der nächste Supermarkt ist vom First Campus aber eine gute Weile entfernt, was mich in die angesprochene Ausgangssituation bringt. Abgesehen davon, dass die Cafeteria oder der convenience store häufig billiger sind.

Mein Prof in Berlin, den ich für die Betreuung meiner Bachelorarbeit angefragt habe, hat mir endlich geantwortet. Es scheint, als wäre er grundsätzlich bereit, mich aufzunehmen, wegen terminlichen Komplikationen kann er aber die mündliche Prüfung erst zu Beginn des darauffolgenden Semesters durchführen, sodass ich nicht direkt einen Master drauflegen könnte. Da ich das sowieso nicht vorhabe, kann ich aufatmen und sage ihm zu. Er betreut zwar lieber Zweiergruppen, wie das sonst üblich ist, aber ich bin überzeugt, dass eine Bachelorarbeit das Zeugnis individueller Leistung sein sollte. Außerdem fallen alle Kandidatinnen, die in meinem Semester verbleiben (Jungs kenne ich keine mehr, die noch da sind), für eine Gruppenarbeit raus.

Am Abend telefoniere ich nach langer Zeit mal wieder mit meinem Vater und überlege, was ich morgen machen will.

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