Montag, 10. November

Den Stress des Wochenendes, seinen Tag planen zu müssen, um nicht rottend im Bett zu verelenden (wie das im Übrigen meine Roommates oft machen, ich kann das einfach nicht mit ansehen), habe ich ab Montag zum Glück nicht mehr. Klar habe ich keine verpflichtenden Kurse, aber wo ich kann, besuche ich die Vorlesungen der Finanzcrew, deshalb steht heute auch für mich um 13:30 Uhr Financial English an. Eigentlich war ich erst einmal da, aber kann mich noch gut an die Affen erinnern, die die Finanzexperten outperformen. Deshalb bin ich umso mehr auf neue, kinnladensenkende Erkenntnisse gespannt, die uns die heutige Stunde bringen wird.

Ich habe gestern wohl einen Fehler gemacht, als ich die goldenen Platten der Pagode fotografiert und dann auch noch gepostet habe. Es erreichen mich mehrere Nachrichten, dass es „weird“ sei oder ich aufpassen solle, niemanden damit zu verärgern. Sogar Henry aus Mannheim warnt mich, dass er denselben Fehler gemacht hat und zurechtgewiesen wurde. Anscheinend handelt es sich bei den Buddha-Abbildern um eine Art Grabsteine, die die Pagode in einen turmartigen Friedhof verwandeln. Auch Brian und Ashley, die in der Mensa zufällig am Nebentisch sitzen, sprechen es an, woraufhin ich direkt eine Entschuldigung erwidere. Sie finden es zwar nicht schlimm, aber auf jeden Fall „weird“. Schlimmer wäre es, wenn ich konkrete Platten mit lesbaren Namen (die ich einfach für Sprüche oder Ähnliches gehalten habe) fotografiert hätte, auch wenn wenn man einzelne Namen in meiner Story erkennen kann. Ich nehme den Post auch nicht mehr runter, weil gesehen hat ihn jetzt sowieso jeder. Ich verstehe einerseits, dass es gegen die Regeln der Religion verstößt und werde das bestimmt nicht wiederholen (jedenfalls nicht das Posten), aber fairerweise hat mich niemand vom Fotografieren abgehalten und Verbotsschilder waren auch keine vor Ort. Meine restliche Empathie hält sich in Grenzen, schließlich machen Touristen in Europa auch Fotos von Friedhöfen.

In „Financial English“ findet ein Gastvortrag statt. Weil bis kurz vor Start nicht klar ist, ob dieser auf Englisch gehalten wird, dreht Kaan fast durch und kündigt an, nach Hause zu gehen, falls das nicht so sein sollte. Er hat aber gerade nochmal Glück und die Gastprofessorin, die aus dem Vereinigten Königreich kommt, redet über „Deep Reinforcrment Learning for Dynamic Trading“, wobei sie für die Taiwanesen nach ein paar Minuten auf Mandarin umstellen muss. Der Vortragsraum ist deutlich größer als die normalen Räume und hat moderne, ausklappbare Computertische.

Modernste Technologie

Inhaltlich steige ich also recht schnell aus, aber wie die anderen Deutschen chille ich am Handy und bin sogar produktiv, während ich Länderflaggen und Chinesisch-Vokabeln lerne. Für die eigentliche Lehrerin des Kurses scheint der Inhalt auch neu, jedenfalls befragt sie eine KI zu den Vortragsinhalten und kopiert das Ergebnis in die Kurs-Chatgruppe auf Line, wie Sebastian mir zeigt.

Gastvortrag über Finance

Nach dem Vortrag geht es zum regulären Unterricht über, wo wir auf dem altbekannten Niveau über Finanzen reden. Die Lehrerin lässt Schüler kurze Texte vorlesen und lobt sie daraufhin ausgiebig, es geht um Kenia, wo die Menschen ganz ohne Account mit ihrem Smartphone bezahlen können. „Student, I am gonna ask you to read this text. Evan, could you please read this text for me?“ Der Student liest die drei Sätze ganz langsam und unsicher von der Leinwand ab. Sie freut sich aber, das zählt. Ein Fragebogen, den wir bekommen, beantwortet die erste Frage mit dem Text der zweiten Frage. Tracy, die Lehrerin, hat außerdem noch ihre eigene Story zu KI, der Vortrag hat sie beschäftigt. „Do you use AI to search for things often?“ „Yes“, erwidert Kaan. „Don’t do that.“ Allgemeine Erheiterung. Dann erzählt sie eine Geschichte von ihrem Studenten, der Streit mit seiner Freundin hatte und ChatGPT gefragt hat, was er tun soll. „Step one: Say something good. Step two: Give her a present. Step three: Invite her for diner.“ Und: „It worked! ChatGPT could help the student with his love. Wow!“ Also ist KI jetzt gut oder böse? So zusammenhangslos wie irreführend ist die ganze Stunde, es gibt zwar immer mal wieder Schmunzler und Lacher, aber am Ende fragt man sich trotzdem, wozu man eigentlich da war.

Wie die zweite Frage einfach die erste beantwortet
James‘ Regenschirm wird heute das erste Mal benutzt

Derweil hat Heizo mich gebeten, wegen seines schlechten Deutschtest-Ergebnis ein gutes Wort bei Sascha einzulegen, denn: „😭Ich liebe Deutschland“.

Der Regen, der schon den ganzen Tag über fällt, intensiviert sich, aber Edward, der Leichtathletiktrainer, antwortet auf entsprechende Fragen trocken, dass wir trainieren müssen, vor dem Taifun wegzurennen. Also findet es wohl statt. Zum ersten Mal benutze ich meinen Windbreaker, der auch ein wenig Regen abkann. Schwitzen tu ich darin trotzdem, aber ist vielleicht besser so.

Regnerischer Montagabend

Die Gruppe trifft sich diesmal im Gebäude unter der Tribüne und nachdem wir uns eingelaufen, das Lauf-ABC durchgeführt und uns gedehnt haben, geht’s rein. Viele sind zu spät und stoßen erst später dazu. Da die sonstigen Kapitäne, die die Aufwärmübungen vorgeben, nicht da sind, lerne ich die weitere Hierarchie kennen, ein bisher unscheinbarer Typ mit lockigen Haaren übernimmt. Oder die Hackordnung wurde spontan erweitert, das kann natürlich auch sein. Drinnen legen wir den harten Boden mit Styropormatten aus, Edward verlautet: Heute werden Koordinationsübungen trainiert. Na, das kann ja was werden. Ich erinnere mich gut an vergangene Einheiten, in denen die Leute es nicht hinbekommen haben, abwechselnd beide Füße und dann einen Fuß aufzusetzen. Das braucht man bei quasi jeder Hürdenübung. Aber ist ja gut, dass es dann auch mal trainiert wird.

Die Matten bilden zwei Stränge in Längsrichtung, viel mehr passt in den kleinen Eingangsraum nicht rein. Auf der einen Seite begrenzt die Glasfassade, auf der anderen eine breite Treppe, die sich dann teilt und auf die Tribüne führt. Wie eine Schulklasse stellen wir uns in zwei Reihen an und machen jede Übung nacheinander, während allgemein gelacht wird, wenn sich jemand blöd anstellt. Und tatsächlich, das Niveau ist noch niedriger, als ich vermutet habe. Zuerst beginnen wir mit Purzelbäumen entlang der Strecke (ungefähr vier Stück schafft man hintereinander), aber die Übung ist wohl Neuland. Ich erkenne sofort, dass die meisten nicht wissen, wo sie ihre Hände platzieren sollen, sich nicht trauen, nach vorne zu kippen oder einfach kein Gleichgewicht ausstrahlen und stattdessen in der Mitte der Ausführung zur Seite kippen. Und wir sind hier in einem Leichtathletikverein! Auch wenn es ein Amateurverein ist. Der Kollege mit dem eindeutig höchsten BMI der Gruppe rollt unkontrolliert nach vorne und streckt seine Beine am Ende der Rolle fast in den Spagat, das sieht schmerzhaft aus. Entsprechend schwierig fällt die Negative, der Rückwärtspurzelbaum aus. Den brechen viele ab oder lassen sich zur Seite fallen, bevor sie über ihren Kopf rollen müssten. Ohne angeben zu wollen, mache ich meine Purzelbäume einfach im durchgehenden Flow, daraufhin Edward: „Leo, you’re the best!“ „Xièxiè!“ und zwei, drei Jungs applaudieren sogar. Leicht unangenehm, für Purzelbäume so beklatscht zu werden, aber es wird noch härter: Weil Edward immer so vernarrt in meine Stabhochsprungtipps war, zeige ich ihm kurz, wie man aus dem Rückwärtspurzelbaum aufrollen kann, sprich man drückt sich aus der Bewegung in einen Handstand hoch und landet mit den Füßen. Da schauen alle zu und klatschen, danke für die Blumen. Das müssen jetzt auch alle probieren, nur Byron und ein anderer Junge schaffen das.

Zwischendurch wird ein großer Stapel neuer Trikots verteilt. Ich bekomme aber doch nicht wie gedacht endlich die Produkte, für die ich neulich über 3000$TD (100€) dagelassen habe, sondern dieses gelb-orangene Shirt ist gratis und soll den vorausgehenden Wettkämpfen dienen. Über die Farbe machen sich alle lustig, und es ist wirklich ziemlich hässlich, aber über Geschenke meckert man nicht.

Schlichtes neues Sportshirt der Uni

Als weitere Übungen mutet Edward der Gruppe Liegestützsprünge und Radschläge zu, was besonders wegen der angrenzenden Treppe wirklich ein wenig gefährlich ist. Dann sollen wir Kopfstand üben mit Partnern, die die Beine festhalten; ich darf Momo helfen. Weil es nicht ganz so gut klappt, will ich ihr erklären, dass der Kopf weiter vorne sein muss, um mit den Händen ein stabiles Dreieck zu bilden, aber ich kann es irgendwie nicht verständlich vermitteln. Egal, lustig ist es auf jeden Fall. Mit Koordination hat das Ganze m. E. nur begrenzt zu tun, bei dem Wort habe ich vielmehr eine Koordinationsleiter oder irgendwas mit Rhythmen erwartet.

Bis dass zum Schluss gibt es dann noch Kraftübungen mit Terrabändern, das macht wirklich Spaß und ich bin überrascht, welche Ausführungen dem Coach dabei einfallen. Schließlich folgen Partnerübungen zum Thema Liegestütze. Im Sitzen soll ich die Beine eines Jungen, der vor mir Liegestütze macht, in die Luft stemmen; böse Zungen würden das eine anstrengende 69 nennen, aber die Position legt den Vergleich schon nahe. Dann bilden wir Liegestütz-Vierecke, bei denen jeder um 90 Grad versetzt zueinander Liegestütze macht, während die eigenen Beine jeweils auf dem oberen Rücken des Nachbarn liegen, ganz schön anstrengend. Die Kirsche auf der Sahnetorte ist ein Liegestützturm, bei dem ich, dem mit dem Adjektiv „strong“ geschmeichelt wird, ganz unten das Fundament bilde. Zwei weitere Liegestützende befinden sich über mir und ein weiterer starker Mann bildet die Türangel, hält alle Beine fest. Viele Versuche später bricht den Turm immer schneller zusammen und wir rotieren durch, jeder darf mal. Edward freut sich, als wäre er genauso alt wie wir, er ist schon ein richtiger Gruppenonkel.

Liegestütz-Turm
Edward orchestriert seine Bande

Das Ende der Trainingseinheit checke ich erst, als der Coach es mir sagt, „Goodbye Leo“. Ich bin so blöd und erwidere das „Goodbye“, jetzt verabschieden sich alle von mir, obwohl ich eigentlich mit der Gruppe was essen gehen will. Die meisten chillen auch noch, also gehe ich mein Wasser auffüllen und mische mich dazwischen, so gut es geht. Byron hat ein „appointment“ und auch Ray überlegt kurz, bevor er mir eine Adresse rüberschickt, zu der alle mitkönnen, die wollen.

Es ist aber noch keine Aufbruchsstimmung zu erkennen, alle schauen sich die Videos vom Ende an. Ich stehe daneben und höre zu, bis Momo sich zu mir dreht und verlegen lachend etwas sagt, das die anderen übersetzen: jemand will mich kennenlernen, eine Freundin von ihr. Und ob das okay sei? Ah achso, ich dachte kurz, es ginge um sie selbst. Ob ich die Person kenne? Anscheinend nicht, aber Momo hält mir kurz ein Instagram-Profil vor die Nase. In den höchstens fünf Sekunden, in denen ich sehen darf, wer mich überhaupt kennenlernen will, muss ich schon eine Entscheidung fällen. Der eine sehr laute Kollege zeigt schon einen Daumen nach oben und sagt fragend „zàn?“ Ich will nicht so oberflächlich nochmal nach dem Profil fragen, auch wenn es absolut angebracht wäre. Die Bilder, die ich gesehen habe, sahen nicht schlecht aus, und ich darf mich ehrlicherweise nicht über fehlende soziale Kontakte beschweren, wenn ich solche Chancen nicht wahrnehme, also sage ich „zàn!“ Scheint die richtige Antwort zu sein, der Kreis der Schaulustigen grinst und sagt irgendwas, das lustig klingt. Momo ruft ihre Freundin daraufhin gleich an und vereinbart mit ihr, dass sie am Donnerstag nach dem Training mit uns essen geht. Ob das für mich klargeht? Na, jetzt ist es ja schon ausgemacht. Das kam jetzt schon sehr unerwartet. Mir ist bewusst, dass der Donnerstag jetzt potentiell einen Unangenehmheitsfaktor hat, aber für die Erfahrung macht man‘s ja. Do it for the plot oder so. Im Anschluss erledigen wir das sowieso längst Überfällige: Instagram-Profile austauschen, ein ganz wichtiger Freundschaftsbeweis im Social-Media-Zeitalter. Nur Ray und Byron hatte ich vorher geadded, jetzt kommen einige andere dazu. In den Storys der Mädels fällt mir ein Phänomen auf, das ich schon öfter bemerkt habe: die Taiwanesen (vielleicht auch andere Asiaten) lieben es anscheinend, private Chatverläufe publik zu machen. Für mich sind das immer nur Schriftzeichen, die recht kryptisch klingen, wenn ich sie übersetze (vermutlich Slang oder so), aber grundsätzlich werden lustige oder interessante Momente mit allen Followern geteilt. Interessant finde ich auch, dass ein paar Leute untereinander Instagram austauschen, vielleicht kennen die sich auch noch nicht so lange.

Dann geht’s aber los: die meisten verpieseln sich, auch Momo: „I will eat with my friend.“ Boyfriend? In der Sekunde habe ich nicht die Eier, das vor allen zu fragen, aber ist auch egal. Der Junge mit Übergewicht erklärt mir auf dem Weg zu den Motorrädern, dass er in der high school 300 pounds gewogen hat und seine aktuelle Form schon gut ist, er sich aber noch verbessern will. Er ist auf jeden Fall der Kräftigste der Gruppe und auch bei den Sprintübungen sieht man, dass da doch viel Muskelkraft in ihm steckt. Er lobt: „You take the training seriously“ und entschuldigt sich für sein schlechtes Englisch, denn er versteht meine Antwort nicht.

Das heutige Restaurant liegt ganz woanders als die bisherigen Stätten des gemeinsamen Post-Training-Diners. Als einziger mit Fahrrad unterwegs, komme ich lange nach den fünf Jungs an, die aber artig auf mich gewartet haben. Ich bestelle Garnelenreis und eine Limo, das Essen über verbringen die meisten am eigenen Handy, in Taiwan nichts Ungewöhnliches. Einen Lacher teilen sie mit mir: das Google-Profil eines PX-Marts in Stadtmitte beinhaltet das Foto eines in den Laden gebretterten PKWs, ein Unfall vor einigen Jahren:

https://maps.app.goo.gl/RztwSjgragpsUhDg7

Abendessen – alle am Handy

Auf dem Wandbildschirm läuft ein europäischer (Horror-)Film, den Schauspieler kenne ich sogar irgendwoher. Ansonsten ist das Lokal wie jedes andere. Obwohl Ray nicht aus Kaohsiung kommt, kennt er hier wahrscheinlich mehr Restaurants als ich in ganz Deutschland. Jedes Mal gehen wir woanders hin, das finde ich irgendwie beeindruckend.

André schickt mir am Abend weitere Infos zum aufziehenden Taifun, der uns diesmal wirklich (versprochen!) treffen soll, genauer ab Dienstag Abend (also morgen), und der bis mindestens Mittwoch Abend oder Donnerstag früh ein Rausgehen unschmackhaft machen soll. Ich weiß nicht, ob es mit dem Sturm zu tun hat, aber die Frage passt einfach zu André: „Soll ich mal alle „Deutschen“ in eine Gruppe einladen?“ Ich kann mir schon vorstellen, was Sascha, Sebastian & Co. von dieser Idee halten.

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