Der Mensamann staunt nicht schlecht, als ich ihm diesmal zwei statt einen Finger anzeige. Fabian hat trotz Mensaphobie und außerakademischem Essen-Bestell-Lifestyle Interesse an dem Eierpfannkuchen angemeldet, den ich meistens in die Vorlesung schleppe. Er freut sich über mein Mitbringsel und schlägt vor, dass ich ihm ab jetzt immer einen mitbringen könnte und er mir dafür mal einen 20€-Schein zusteckt. Mehr, als wahrscheinlich alle restlichen Dienstags-Pfannkuchen des Semesters wert sein werden. Warum nicht, es ist ja kaum mehr Aufwand. Und es schmeckt ihm offensichtlich so gut, dass ich das wirklich gern tue.
„Consumer Behavior“ behandelt mal wieder etwas mit Konsumenten, die wie und warum irgendwelche Produkte „purchasen“. In meiner Erinnerung verschwimmen die Stunden zu einem Einheitsbrei, inhaltlich gibt es gefühlt kaum noch Neues. Entspannt ist es trotzdem, Danny (der Prof) erzählt von seinem Traum, Lehrer zu werden und dass er deshalb seinen gut bezahlten Job in der Industrie aufgegeben hat. Später bilden wir Gruppen, um kleine Debatten zu führen, wobei meine Gruppe zu viel ist und nur moderiert, also pro Person eine einzelne Frage stellt, sehr entspannt.
Der Bogenschieß-Kurs macht wegen des Regens und des aufziehenden Taifuns nur Trockenübungen und erlaubt, fernzubleiben, weshalb ich mich Sebastian anschließe, zum Jiangong-Gym zu fahren. Dafür wird die Mensa geskippt, denn der Shuttlebus fährt nur einmal. Auf dem Weg in die Stadt hat Luca viel zu erzählen. Unter anderem hat sie in Taiwan gelernt, dass es super easy ist, in andere Länder zu fliegen, schließlich sind die Flüge billig und die Zeiten kurz. Also nimmt sie sich vor, das in Europa auch vermehrt zu machen. Leicht ironisch, wo wir im Kurs heute früh über sustainability und environment diskutiert haben. Entsprechend qualmen Sebastian die Ohren, aber er hält sich zurück. Dafür will Luca aus politischen Gründen auf keinen Fall nach China oder in die USA, da kann ich mich anschließen. Auch sonst gibt sie ihre politischen Meinungen zum Besten, Friedrich Merz kommt nicht gut weg, genauso wie die restliche Trump-Administration.
In Jiangong trennen wir uns, warten mit einem Tee, bis das Gym aufmacht, dann stößt Anna aus der Bib dazu. Still ziehen wir drei unser jeweiliges Programm durch, eine schätzte Stunde. Positiv an diesem Gym fallen mir heute die vielen Gewichtsabstufungen bei den Hanteln auf, gerade weil mein Kraftraum in Berlin auch nach Jahren der Nachfragen keine 17,5kg-Hanteln organisiert hat. Also genießen, solange ich es nutzen kann. Außerdem teste ich bei meinem Rücken-Bizeps-Training eine Maschine aus, die den Rumpf trainiert und man im Sitzen die Rückenlehne nach rechts oder links drehen muss, gegen das Gewicht. Ich bin gespannt, ob man davon Muskelkater bekommt.

Danach essen wir in einem Restaurant gegenüber und schlagen die Zeit ein wenig tot. Anna und Buggi sorgen sich um ihren Flug nach Japan, der morgen passend zum Taifun abgesagt oder verschoben werden könnte. Sie wollen aber trotzdem genug Zeit zum Packen haben und wirken ein bisschen gestresst, deshalb gehe ich schonmal vor nach Nanzih, um die Zeit bis zum Unterricht dort abzuwarten.

Frau Peiti gibt uns die Tests von letzter Woche zurück, ich habe 91 von den immer zu erreichenden 100 erzielt, respektabel. Sebastian hat natürlich noch mehr, beim Rest kann man nur vermuten. Muhan erzählt in der Pause aber, dass er mit seinen 70 Punkten gerade so die Mindestmarke zum Bestehen erreicht hat. Was mich sehr wundert, denn dass bei dem laschen Unterricht eine derart hohe Bestehlatte gelegt wird, fügt sich nicht unbedingt zu einem Bild. Den Unterricht finde ich heute sogar sinnvoll, denn nach einer monotonen tonübenden ersten Hälfte verinnerlichen wir die Zählwörter des Chinesischen. Ich weiß schon, dass man 這個 „zhège“ für „dies“ oder „das“ verwendet. Dabei steht aber nur 這 „zhè“ für den Hinweis auf einen Gegenstand o.Ä., und das 個 „ge“ fungiert als Zählwort, ein Äquivalent zum deutschen „Stück“ und der Normalfall, wenn man etwas aufzählt. So sagt man bspw. 這三個 „zhè sān ge“, wenn man genau drei Stück von etwas meint. Das gilt für einzelne Gegenständen, in dem Fall wird die eins, also 一 „yī“, entweder halbwegs sauber als „zhèi“ inkludiert, man kann sie aber auch verschlucken, „zhé ge“ versteht also auch jeder. Der Teufel liegt aber im Detail: Für bestimmte Wortarten gibt es eigene Zählwörter, bei sämtlichen Getränken sagt man bspw. 杯 „bēi“ (was eigentlich Tasse bedeutet) anstelle von 個 „ge“, bei einer Zusammenfassung („dies alles gemeinsam…“) verwendet man 共 „gòng“ und wenn man nicht zählt, sondern konkrete Gegenstände benennt, fügt man dem Konzeptworte ein 子 „zi“ hinzu. So erklärt sich auch ein Missverständnis, das ich hatte, als ich beim Leichtathletik nach dem Wort für Hürde gefragt hatte. 爛子 „lánzi“ meinte Momo, im Nachhinein hatte Google mir das aber anders übersetzt. Denn 爛 „lán“ meint nur die Idee, das Konzept einer Hürde, während 爛子 „lánzi“ die konkrete Hürde meint, auf die ich anscheinend gezeigt hatte. Das klingt jetzt vielleicht nach Korinthenkackerei, aber zumindest am Anfang finde ich das echt verwirrend. Hoffentlich gibt es nicht so viel mehr Zählwörter.
Um das Verständnis für diese Thematik und dazu eine Alltagssituation zu üben, bilden wir zum Schluss der Stunde wieder zwei gegenüberstehende Reihen und sprechen reihum als Person A und Person B immer und immer wieder dasselbe Gespräch durch (ich werde davon träumen):
Person A: 先生,你吃什麼?“Xiān shēng, nǐ chī shén me?“ Mister, what do you eat?
Person B: 兩個包子,一杯茶。多少錢? „Liǎng ge bāozi, yì bēi chá. Duō shǎo qián?“ Two steamed stuffed buns, one tea. How much is it?
Person A: 一共,四十八塊(錢)。“Yí gòng, sì shí bā kuài (qián).“ All together, it’s 48($).
Person B: 謝謝。“Xièxiè.“ Thank you.
Recht glücklich mit der Stunde gehe ich nach Hause. Noch ist der Himmel ruhig, die Straßen belebt. In unser cringlastigen neuen WhatsApp-Gruppe, die André erstellt hat, ohne dass jemand danach gefragt hat, gibt er zu verlauten: „Alle warten wohl auf den Bürgermeister und 20 Uhr.“ Na dann, Trommelwirbel… Morgen fallen alle Kurse aus und Büros der ganzen Stadt bleiben geschlossen. Die Info kommt aber auch sofort über die Internationals-Chattgruppen rein, mit dem mittlerweile bekannten Hinweis, Instant-Nudeln genauso anzuhäufen wie Taschenlampen, Batterien und möglichst die nächsten Tage drinnen zu bleiben. Ich hoffe, dass es diesmal wirklich einen Grund für die Warnungen gibt, nachdem die erste Taifunwarnung vor einigen Wochen in ein paar Stunden Nieselregen aufgegangen ist. Der diesmalige Taifun Fung-Wong soll laut Windy mit seinem Epizentrum südlich der Stadt auftauchen, sodass wir wirklich voll drin sein müssten.

Apropo Naturkatastrophe: Gestern soll es ein Erdbeben mit Epizentrum irgendwo nordwestlich von Tainan gegeben haben, laut Michael mit einer Stärke von knapp über 5. Einige Leute geben an, etwas gespürt zu haben, bei Luca hat anscheinend auch ein Schrank gewackelt, ich selbst habe es leider nicht mitbekommen. Zur Bebzeit war ich mit Buggi in der Mensa, vermutlich war da so viel los, um es zu bemerken. Ich warte also weiterhin auf mein erstes Bodenwackeln.
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