Mittwoch, 12. November

Dieser Tag wird langweilig, das kann ich versprechen. Taifun „Fung-Wong“ soll am Nachmittag/Abend eintreffen, aber Arbeit und Uni sind abgesagt, deshalb bleiben alle zuhause. Immerhin die Cafeteria hat geöffnet, ich sehe sogar ein kleines Mädchen, die höchstwahrscheinlich Personaltochter ist und den Sturm mit Vater oder Mutter auf dem Campus überstehen wird.

Gefährlich fühlt sich hier gar nichts an, draußen weht ein feines Lüftchen, mehr nicht. Die Ruhe vor dem Sturm? Ich glaube fast nicht, mein Gefühl sagt mir, dass am Ende mal wieder ganz viel Aufregung um nichts sein wird. Im Dorm lebt jeder für sich hin, die Taiwanesen sind sowieso abgeschottet von den Internationals, und auch die lernen entweder für ihre Kurse oder glotzen in die Quadratkiste. Die Zeit vertreibe ich mir vormittags mit dem weiteren Aufholen von Formel 1-Rennen und halbmotiviertem Vokabellernen. Mein Rücken tut weh, das viele Liegen und Sitzen tut mir nicht gut, vor allem auf der gut 4cm dicken Matratze, durch die ich mit meiner Wirbelsäule die holzige Platte darunter spüre. ChatGPT gibt mir wieder ein paar Übungen, aber natürlich bessert sich so etwas nicht innerhalb von 20 Minuten.

Ausnahmsweise gönne ich mir auch zum Mittagessen ein Getränk: Apfel-Milch-Tee

Spannender ist für mich, dass ich heute mein erstes Hostel buche. Tatsächlich habe ich noch nie in so etwas gepennt, obwohl der Vibe stark einem Dorm ähnelt: zufällige Zimmergenossen, low comfort und billige Preise. Die Bekannte von einem deutschen Freund wohnt in Taichung und hat sich bereit erklärt, mir am Samstag die Stadt zu zeigen. So habe ich einen Anhaltspunkt, um Taichung einmal komplett anzusehen, nachdem ich mit James im September nur eine Nacht auf der Durchreise geblieben war und kann nochmal üben, alleine zu reisen. Im „Getcha Hostel“ bekomme ich ein Bett für umgerechnet 35,60€ von Samstag bis Montag. Für 11€ kann ich dann morgens mit dem Bus hochfahren, so sind meine Fixkosten nur bei knapp 60€.

Am Nachmittag hole ich alle mir fehlenden Vokabeln aus dem Unterricht auf und gehe manchen Wortkombinationen im Detail auf den Grund, damit es mir leichter fällt, die character wiederzuerkennen. Ein paar wunderbare Logikschätze sind wieder dabei: ein Laserpointer, 雷射筆 „léishèbǐ“ bedeutet wörtlich übersetzt Donner schießender Stift und die allumgebende air condition 冷氣 „lěngqì“ kann man mit kalter Dampf/Rauch übersetzen. Das Wort für Donner ist übrigens mein chinesischer Nachname. Ich heiße 雷柏恩 „Léi Bó‘Ēn“, die Wörter stehen für Donner, Zypresse und Freundlichkeit; dabei ist Donner der last name, mit dem mich z.B. Schüler rufen würde, wäre ich ihr Lehrer (雷老師 „Léi lǎoshī“, teacher Lei). Mit Sky und Dylan tausche ich mich über weitere Wörter aus, allen ist ziemlich langweilig. Dylan zeigt mir sein Tesgergebnis aus dem anderen Mandarin 1-Kurs; er hat zwar nur knapp über 70 Punkte erreicht, dafür waren die Aufgaben deutlich schwerer als bei uns. Er musste Töne von Silben erkennen und Gehörtes in Schriftzeichen niederschreiben. Wäre ich vielleicht besser mal in den Kurs mit höherem Niveau gegangen, tja.

So geht der Tag ohne weiter Nennenswertes zuende. Der Taifun trifft um 20 Uhr auf Kenting und entscheidet sich dann nach Hin und Her der Prognosen dafür, an der Ostküste raufzuziehen. Mehr als ein leicht regnerischer Herbsttag deutschen Niveaus kommt bei uns nicht raus. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre nicht ein bisschen enttäuscht.

Obwohl es mittlerweile nachts akzeptable Temperaturen um die 23 Grad hat, wollen die Indonesier in meinem Zimmer auf keinen Fall die Klimaanlage ausstellen. Ob ich verrückt sei, sagen mir ihre Blicke. Dylan mag es halt, sich in seine dicke Decke zu kuscheln, „cozy“. Da kann ich nicht ganz mithalten, aber im dünnen Schlafsack halte ich es schon aus. Ich war es bloß gewohnt, komplett ohne Bedeckung zu schlafen und mag das irgendwie auch.

Außerdem ist Heizo unter den anderen nochmal Thema und warum „he hates (south east) asian people“. In dem Kontext lasse ich mir nochmal erzählen und sogar ein Foto geben, wie Sky das erste Zimmer A203 aufgefunden hat, als Heizo als Erster bereits eingezogen war. Auf dem Boden verstreuter Müll, den Sky daraufhin aufgeräumt hat, war für Heizo wohl wichtig und ein berechtigter Grund zum Eskalieren. Seitdem war das Verhältnis unheilbar zerrüttet. Jetzt frage ich mich: Ist es schlimmer, in einem mausinvasierten Zimmer mit freundlichem Roommate anzukommen oder in einem ungezieferfreiem Zimmer mit einem Roommate, der solche Ordnung pflegt?

Geschichten aus dem Jinyue Building – Heizo‘s Höhle

Dummerweise habe ich mir genau den Tag zum Waschen rausgesucht, an dem alle im Haus sind. So gibt es auch nach Mitternacht eine Wäschekorbschlange sowohl vor der Waschmaschine als auch vor dem Trockner. Mangels frischer Unterhosen habe ich aber keine Alternative, als wach zu bleiben. Kommt davon, wenn man alles bequem nach hinten schiebt. Ich melde mich dafür noch für eine Tour am Freitag an, die vom International Office (OIA) veranstaltet wird, eine Tour nach Pingtung, wenn ich es richtig verstehe, die sich mit „Indigenous People“ oder so ähnlich beschäftigt. Damit könnte ich Pingtung dann auch abhaken.

Hinterlasse einen Kommentar