Taifun vorbei, das Leben kann weitergehen, könnte man dramatisch sagen. Aber das tut es ja auch. Jedenfalls für diejenigen, die Kurse haben, was mich folgerichtig ausnimmt. Den hellichten Tag kann ich gut zum Schlaf nachholen nutzen, denn die blöde Schlange am Trockner hat mich die Wäsche erst um halb vier erledigt haben lassen. Frühstück und Mittagessen liegen also besonders nah aneinander, und den alltäglichen Fisch bekomme ich nur schwer runter. Für mein Gefühl ist da viel zu viel Salz dabei, Diabetiker aufgepasst! Aber mein Magen erholt sich davon in der absichtlich längeren Pause bis zum Training, die ich genau wegen solchen Dingen oft mache. Nichts ist ärgerlicher als fit ins Training zu starten, aber als Handicap einen grummelnden Magen im Schlepptau zu haben.
Ich bin natürlich gespannt, was aus dem Blind Date wird, das mir am Montag mehr oder weniger aufgezwungen wurde. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlecht; immerhin gehen wir als Gruppe gemeinsam essen, was kann da schon großartig schiefgehen? Die übliche Portion Grundnervosität schleppe ich natürlich trotzdem mit mir rum, aber ich glaube, Training kann Abhilfe schaffen.
Bei meiner Ankunft sind alle entweder in Gespräche vertieft oder sind irgendwo abseits. Ein allgemeines Hallo würde vermutlich noch weniger Reaktionen als sonst hervorrufen, also setze ich mich erstmal hin und suche Blickkontakte. Viele, die bisher immer im Hintergrund geblieben sind, jedenfalls aus meinem persozentrischen Weltbild, sind mir weiterhin ein Rätsel. Freundliches Nicken meinerseits wird oft ignoriert, entweder bin ich zu zaghaft, die anderen zu schüchtern oder sie haben keine Lust auf mich. Nach den ersten Trainingseinheiten habe ich mich um diejenigen auch nicht mehr bemüht, die Kommunikation mit den Extrovertierteren war ja schon schwierig genug, aber ich habe ein bisschen Angst, dass mich die stillen Anderen (drei Mädchen und mindestens sechs Jungs) nicht mögen, weil ich sie in meiner Körpersprache nie einbeziehe.
Ray wirft auf der Wiese mit ein paar anderen Speer und Diskus, währenddessen fängt die Hauptgruppe an, sich einzulaufen. Ich joine und begebe mich in die Stille, auch die anderen sprechen beim Einlaufen untereinander nicht. Das lockert sich im weiteren Aufwärmprogramm, kleine Grüppchen bilden sich so, wie ich das auch aus Deutschland kenne. Ich variiere das Dehnprogramm zwar immer noch, weil ich von manchen Übungen nicht überzeugt bin, aber dem Lauf-ABC kann ich viel abgewinnen. A-Skip, B-Skip, C-Skip werde ich bestimmt nach Berlin mitnehmen, die Übungen bringen mir richtig was.
Edward lässt uns wieder einige Koordinationsübungen an Hürden machen. Da wir das so regelmäßig machen, spüre ich bereits technische Verbesserungen. Nach wie vor überrascht es mich, wie wenig koordinative Fähigkeiten in der Truppe vorhanden sind, während einige Jungs aber echt gute Sprinter sind, mich locker abhängen. In mehreren kurz aufeinander folgenden Sequenzen üben wir den 3-Schritt-Rhythmus, über Hürden, deren Querstreben aus Styropor bestehen. Trotzdem haben viele Angst und tippeln, bevor sie über das niedrige Hindernis gehen. Zugegeben, die Frequenz macht die Übung wirklich anstrengend. Auch wenn ein frisches Lüftchen weht, brauche ich ganz viel Wasser und Luft, um darauf klarzukommen. Zu schade eigentlich, dass in den kommenden drei Wettkämpfen kein Hürdenlauf angeboten wird, neben Sprint wäre ich darauf sicher am besten vorbereitet.
Ein paar Jungs und Mädels haben sich derweil von der Hauptgruppe abgespalten und trainieren ohne weitere Ansage ihr eigenes Ding. Staffelübergabe, Hammerwurf, Workouts, Diskus, Speer. Vermutlich üben sie für die Wettkämpfe, aber ich hätte es schön gefunden, wenn mich wenigstens jemand fragt, ob ich auch irgendwo gezielt für den Wettkampf üben kann. Apropo Staffel, ich hatte vor ein paar Tagen zugesagt, auch bei einer mitzulaufen. Der eine etwas stillere Typ, der wohl auch Chén heißt, macht mit mir und dem „Kapitän“ aus, wer wo läuft. Ich lande an Position vier, was mir sehr recht ist. Wenn mir der Staffelstab im Rückstand übergeben wird, kann ich nichts dafür und wenn ich gewinne, sieht’s auch gut aus. Allerdings ist Byron heute nicht da, der an Position drei laufen wird und mit dem ich die Übergabe proben müsste. Das kann ja was werden, nächste Woche findet der Wettbewerb ja schon statt. Ganz zu schweigen von anderen Disziplinen wie Hochsprung, den ich im darauffolgenden Wettkampf meistern soll. Bei bisher einem einzigen Training, und auch da habe ich keinesfalls einen Anlauf ausgemessen oder Ähnliches. Ich hoffe wirklich, dass die Veranstaltungen so entspannt werden wie meine Stabhochsprungwettkämpfe in Berlin, sonst könnte das leicht unangenehm werden.
Ehrlich gesagt fühle ich mich recht einsam während des Trainings. Die ganze Geschichte ist ein zweischneidiges Schwert: einerseits gehe ich dafür aus meiner Komfortzone, gegen Ende/beim Abendessen danach wird es sogar meistens besser und irgendeine Geschichte bringe ich ja immer mit; aber andererseits wird meine Hoffnung, dass ich nach einer Weile in den Gesprächen der anderen mitgehen kann, zunehmend enttäuscht. Dafür reicht die Zeit wahrscheinlich einfach nicht. Momo und Chén bemühen sich ein wenig, aber als richtige Interaktion kann ich das nicht bezeichnen.
Besser wird es, als das Programm anstrengender wird. Ein Start aus dem Block nach dem nächsten, insgesamt bestimmt sechs oder acht Mal 50 Meter sprinten. Chén läuft gegen mich, gewinnt auch noch immer, seine kurzen Beine geben einen Frequenzboost am Anfang, aber auch sonst ist er schnell unterwegs. Ich darf zwischendurch das Startsignal für andere Gruppen geben („On your marks. Ready. Go!“), nachdem die Platzpatronen der antiken Startpistole mal wieder versagen. Als wir endlich durch sind, warten noch 3*150 Meter-Sprints mit 90% Geschwindigkeit auf uns. Die geben mir echt den Rest, beinahe einen Krampf auf der Bahn, aber lassen mich auch jede Nervosität vergessen und schütten gut Dopamin aus. Deshalb liebe ich Sprint-Trainings. Ein älterer Herr mit Glatze, der seine Runden gemächlich um das Stadion zieht und joggt wie ein deutscher Frührentner (Ellenbogen zur Seite, O-Beine, achtet nicht auf Gegenverkehr), stupst mich an. Es ist einfach der archery coach, und Edward scheint ihn zu kennen, lustig.

Die Gruppe hat sich entschieden, heute Hot Pot essen zu gehen, so lande ich schon wieder im „Xin Ju Guo Hot Pot“. Ray nimmt mich auf seinem fetten Motorrad mit, das umgerechnet 340€ gekostet haben soll, sehr sehr teuer seiner Meinung nach. Ganze acht Leute sind heute dabei, als Kolonne fahren wir durch die Straßen von Nanzih, bis der Laden erreicht wird. Ich weiß nicht woher, aber auf einmal steht da ein ein weiteres Mädchen neben Momo, und die lächelt mir aufmunternd zu. Aha. Um eine unangenehme Situation zu vermeiden, gehe ich gleich rüber, will schonmal Hallo sagen, aber das Mädchen ist in irgendwas vertieft, bzw. wendet sie ihren Blick konsequent ab. Alle gehen langsam Richtung Eingang, bis Momo ihrer Freundin sagt, „Leo, here“. Ich stelle mich vor, und sie erwidert, ihr Name sei Emily. Emily ist groß gewachsen, fast so groß wie ich, keine unsportliche Figur. Die langen Haare, ein typisch großes Pony über der Stirn, faden vom asiatischen Schwarz in braune Strähnen aus. Eine quadratische Brille mit abgerundeten Ecken, deren Gläser riesengroß sind, überbedeckt ihr Gesicht. Klar soll man erstmal abwarten, aber mein Typ ist sie nicht, das weiß ich intuitiv. Sie klammert sich an Momo, das ist wohl die berüchtigte asiatische Schüchternheit. Ihr Englisch ist ganz okay, ich kann sie gut verstehen.
Momo weist mir einen Platz zu. Zwei Vierertische nebeneinander, werde ich neben Chén, gegenüber von Momo und schräg gegenüber von Emily platziert, die anderen daneben. Als Einziger bestelle ich einen vegetarischen Tomaten-Hot Pot, der am Ende irgendwie trotzdem Fleisch enthält. Halb so schlimm, ich legs zur Seite. Die Gespräche bleiben vorerst auf Chinesisch, ich lausche den anderen. Das ist ja ein interessantes „Date“. Kann mir aber auch recht sein, mein Hunger ist sowieso enorm, und ich genieße den Reis, die Gewürze und das seltene Gemüse. Nach einer Weile rafft Emily sich aber, auf Englisch zu switchen und fragt mich, was mein Hauptfach ist, ob es mich interessiert und so weiter. Ab jetzt geht es nur noch um Deutschland. Nach jeweils kurzen Phasen Chinesisch höre ich schon an langgezogenen „Uuuhm“, dass mir eine Frage gestellt werden wird, die ich bestimmt schon öfter beantwortet habe. Besonders wichtig scheint zu sein, wie viel man bei uns verdient. „What is the lowest salary?“ „How much costs an egg in a german supermarket?“ Da muss ich schon kurz überlegen, bzw. rechnen. Was mein Taschenrechner ausspuckt, löst Raunen aus. „Ooohh“, mindestens 77.000$TD verdient man monatlich, das ist soo viel. Naja, dafür sind die Lebenskosten aber auch höher. Vielleicht bin ich auch gar nicht auf einem Date, sondern mitten in einer Zukunftsberatung für Studierende. Oder doch auf einem Date, und es gilt, die Liquidität des Mannes sicherzustellen. Mein inneres Ich lacht. Momo will mal nach Deutschland reisen, vielleicht könne ich dann ihr Guide sein. Klar, wieso nicht?
Dann wird getuschelt. Nach einer Weile übersetzt Emily: „Momo wants to know, how many girlfriend have you had?“ Super Frage, da muss ich erstmal grübelnd in die Luft starren, zähle dann langsam an beiden Händen ab. Kleines Späßchen, „one“ sage ich, weil ich keine Lust habe, eine Situationship zu erklären. Fragend erhobene Zeigefinger und leicht aufgeklappte Kinnladen sind die Reaktion, „One? Only one?“ Jep. Ich würde auch gern was anderes antworten, aber so ist es nunmal. Chén sagt, „But you handsome“. „Xièxiè“ gebe ich zurück. Wie lange das denn ging und warum ging es zuende, wollen die Mädels wissen. So um die sieben Monate, und die Kurzfassung ist, dass ich mich emotional habe ausnutzen lassen, sage ich schmunzelnd. Ob es inhaltlich ankommt, kann ich nicht sagen, aber soll mir recht sein. Jetzt kann ich die Rückfragen stellen: „What about you?“ „How many partners and who do you mean?“ „You all!“, natürlich. Emily und Chén hatten zwei Partner, Momo auch, ist aber gerade mit ihrem dritten Freund zusammen. Der laute Typ, dessen Namen ich irgendwie immer noch nicht kenne, hatte drei und Ray ebenfalls, der von ihm als „Bad Boy“ bezeichnet wird, „Bam!Bam!Bam!“ Alle lachen sich tot, der Junge ist schon wirklich lustig. Ich kenne Leute, die ihm ohne zu Zögern das Attribut Hackfresse geben würden, aber mit seiner frechen und etwas hochnäsigen Haltung trägt er zu dem Eindruck auch etwas bei. Jedenfalls sitze ich jetzt da in der Runde und fühle mich, als ob alle ihren Abischnitt vorgestellt hätten, der unausgesprochene Vergleich liegt in der Luft. Niemand meint es böse, im Gegenteil, aber sonderlich convenient ist das Ganze auch nicht.
Ein paar Jokes später verabschieden sich die ersten. Auch Momo und Emily gehen, die mir zum „Byebye“ noch „See you next week“ sagt. Eieiei, ich hoffe, sie hat die Phrase den anderen nur nachgeplappert, wöchentliche Sitzungen brauche ich davon nicht unbedingt. Persönlicher als beschrieben war es übrigens auch nicht. Verabschiedungen oder Begrüßungen, die über ein Winken/Zurufen hinausgehen, habe ich bisher nicht beobachtet. Momo ruft dem lauten Kollegen außerdem zu, dass er bei irgendwas die Klappe halten soll. Als nur noch er, Ray und ich da sind, frage ich natürlich nach, um was es ging. Es hat aber nur damit zu tun, dass sie keine Vorschläge zu Restaurants machen kann.
Mit ihm und Ray fahre ich zurück, letzterer bringt mich wie selbstverständlich vor die Haustür. Nächsten Montag wird er fehlen, denn er besucht mit seiner Freundin Taipei.

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