Taichung (Samstag, 15. November)

Nach schon wieder wenig Schlaf tue ich mich zwar schwer mit dem Aufstehen. Der Druck, einen rechtzeitigen Zug zu bekommen, verhilft mir aber zum Machen. Nichts vergessen, Reisepass dabei, los geht’s. Kein Frühstück, dafür gibt’s was vom FamilyMart in der Zuoying Station, sobald ich sicher weiß, dass ich den Zug bekomme. Anscheinend muss ich kein Ticket kaufen, denn die Mitarbeiterin am Schalter schickt mich in einen Bereich, wo ich per EasyCard-Swipe passieren kann.

Die Local Train ist wie erwartet unkomfortabel, ohne Sitzplatzreservierung bleibt mir leider nur das Gammeln am Boden. Viele andere tun es mir gleich, dieses Bild kenne ich aus Taiwan bisher noch nicht so. Kein Problem, Hauptsache ich komme rechtzeitig an. Außerdem ist das nach dem Bus die billigste und unkomplizierteste Variante. Auf der Fahrt hole ich den gestrigen Blog nach, denn mittlerweile sehe ich es immer weniger ein, ellenlang dafür wach zu bleiben. Außerdem merke ich selber, dass die Qualität meiner Schreibweise schwindet, je müder ich bin.

Um etwa 11 Uhr treffe ich mich mit Jessie an der „Daqing Railway Station“ im südlichen Teil von Taichung. Ich bin ein klein wenig zu spät, weil am Hauptbahnhof eine alte Frau auf die Schienen gefallen ist, immerhin war das Notarzt-Team schnell da und hat sie mit einer Liege weggetragen. Jessie ist aber noch ein wenig später als ich dort, insofern kein Problem. Sie ist sehr dünn, hat eigentlich eine typische Modelfigur; dazu klassisch lange, glatte schwarze Haare, ist halbwegs groß gewachsen. Sie trägt eine Art blaues Cord-Kleid und eine winzige Handtasche, die garantiert von einem teuren Modelabel stammt. Kennen tue ich sie bisher nicht, deshalb sind die Begrüßung und der Anfang ein klein bisschen bröckelnd, aber das ist ja normal. In den Smalltalk finden wir sogar recht schnell rein, das scheint kein Problem zu sein. Ein Freund aus Deutschland hat sie kennengelernt, als sie ihr Auslandsjahr 2022 in Jena gemacht hat, weshalb sie sogar ein bisschen Deutsch spricht. Er hat sie letztes Jahr in Taichung besucht und uns schnell connected, als er von meinen Plänen erfahren hat, Taichung zu besuchen.

Check-Out-Bereich der Metro, 27 Grad

Und so schreiten wir direkt zum ersten Programmpunkt, nachdem ich meinen Wanderrucksack in einem Bahnhofsschließfach verstaut habe. Auf dem Scooter von Jessies Großmutter cruisen wir durch die Stadt, ich gewinne die ersten Eindrücke (jedenfalls bei Tageslicht, einmal nachts war ich ja schon im September hier). Genauso wie Kaohsiung hat Taichung eine Menge hässliche Hochhäuser, Betonburgen ohne Ende, tendenziell vielleicht sogar mehr. Dazu gesellen sich weitere Himmelskratzer, die Kaohsiung in nichts nachstehen, eher besser aussehen. Man merkt gleich: diese Stadt ist groß. Die Mittagshitze schlägt volle Kanne zu, nur der Fahrtwind sorgt für Abhilfe. An jeder roten Ampel dreht Jessie ihren Kopf zur Seite und hat eine neue Frage parat, die sie fast schon wie ein Roboter stellt. Warum ich nach Taiwan gegangen bin, wie ich mit der Hitze klarkomme, wie meine Uni so ist. Dass ich Pescetarier bin, wie ich mit dem Taifun klargekommen bin und was ich in Taichung alles vorhabe, hat sie in den letzten Tagen bereits über Instagram erfragt. Diese Neugierde wirkt auf mich zwar erstmal leicht überbordernd, aber dadurch entsteht wirklich schnell eine Unterhaltung ohne stille Momente. Immerhin ist ein entfernter Freund die einzige Grundlage für unsere Bekanntschaft.

Irgendwo im Stadtzentrum parken wir und machen uns auf die Suche nach einem Curryladen ihrer Wahl. Der hat zwar wegen Baustelle vor der Haustür geschlossen, aber sie kennt in unmittelbarer Nähe genug Alternativen. In einem indischen Restaurant, das mich stark an die Amrit-Kette in Berlin erinnert (ein Kompliment), werden wir in den zweiten Stock gebeten, von dem aus man angenehm nach draußen blickt. Der Kellner fragt höflich, ob die zwei Sonnenstrahlen auf unseren Knien schon das Ausfahren eines Rollos bedürfen und bringt mit elder Geste eine Kanne Wasser. Jessie bestellt für uns beide auf Chinesisch, ich nehme ein Gemüsecurry, das ziemlich schnell gebracht wird. Über die Standardfragen hinaus bekomme auch ich meinen Raum, etwas über die in Erfahrung zu bringen. Sie erzählt über ihre Zeit in Jena: Weihnachtsmärkte, Kälte, Trips nach Berlin und Wien und den Zwang, in einer eigenen Wohnung kochen zu müssen. In Taiwan ist es ja so komfortabel, immer essen gehen zu können, auf Deutschland sollte man diese Gewohnheit aber lieber nicht übertragen, wenn einem der Inhalt der Geldbörse etwas wert ist. Das höchste der Gefühle ist in ihrem Kochuniversum schon Hühnchensuppe, entsprechend überlebensnotwendig war wohl die Mensa. Da sie aber sehr „picky“ ist, was Essen angeht, scheint sie darunter gelitten zu haben. Eine schlechte Kombo. Übrigens auch der Grund, warum ich mich bei der Lokalauswahl nicht einmischen wollte. Irgendein Bestandteil ihres Gerichts schmeckt ihr nicht, aber statt das so zuzugeben, tätigt sie eine typisch taiwanesische Aussage. „Don’t you like it?“ „So-so…“ Dabei hebt sie ihre Handflächen abwechselnd. Ähnlich wie viele Deutsche (je nach Region) keine besonders hohen Worte für Lob finden, verhält es sich in Taiwan mit der Kritik an Dingen. Die Höflichkeit gebietet es, dabei denke ich mir, dass am Ende trotzdem jeder weiß, was die Aussage bedeutet; aber gut, nicht mein Bier.

Jessie wechselt bald ihren Job, und zieht aus Taichung, ihrer Heimatstadt mit Officejob, nach Taoyuan neben Taipei, wo sie ihren Standort als Flugbegleiterin haben wird. Sie hat irgendwas Internationales studiert, insofern ist das vor allem eine Zwischenlösung, denn ihre berufliche Zukunft könnte in unterschiedliche Richtungen gehen. Zu Schulzeiten wollte sie wohl Diplomatin werden, aber stand jetzt gibt es einen anderen Plan A. Wie ich Instagram schon entnehmen konnte, ist sie hobbymäßige Pole-Dancerin. Ein nicht ganz billiges Hobby, angeblich kostet eine Stunde Unterricht an die 600$TD, 17€. Jessies Traum ist es, hauptberufliche Tänzerin zu werden, dafür spart sie die nächsten drei Jahre Geld an und will dann entweder nach Berlin oder Wien ziehen. Da kann ich sie nur ermuntern, an den Städten wird es vermutlich nicht scheitern. Außerdem sollte man seinen Träumen vor allem dann folgen, wenn man bereits ein abgeschlossenes Studium in der Hinterhand hat, das bedeutet so viel weniger Risiko. Ein weiterer Grund scheint aber auch die Unabhängigkeit von den Eltern zu sein, die recht traditionell sind und sowas vielmehr als Schnapsidee betrachten. Da kann ich von Glück reden, dass meine Eltern mich bei dem Meisten unterstützen und ich mir wegen sowas noch nie Gedanken machen musste.

Nachdem Jessie ein wenig Deutsch hat durchblicken lassen, gebe ich auch ein wenig meines Chinesisch zum Besten. Sowieso habe ich durch das Lesen chinesischer Schriftzeichen immer eine gute Möglichkeit, von Gesprächsstille oder einer Ich-weiß-nicht-wohin-ich-gucken-soll-Situation abzulenken. Auf dem QR-Code-Plättchen erkenne ich bis auf zwei Zeichen alle notwendigen, um die Aufforderung zum digitalen Ordern zu erkennen, das bringt mir Anerkennung ein. Und so wie ich Spaß am Erklären habe, wenn Ashley oder andere Deutsch lernen, scheint es Jessie ebenfalls zu gehen. Schließlich landet das Gespräch bei dem Freund in Deutschland, und den Leuten, mit denen er und ich befreundet sind. Jessie kennt seine Ex-Freundin noch, wenn ich es richtig verstehe, aber keinen der anderen. Wie eng er mit Jessie war, kann ich auch gar nicht einschätzen, ihr Jahr in Deutschland liegt schließlich schon fast drei Jahre zurück. Jedenfalls erzähle ich grob, welche gemeinsamen Leute in Berlin ich kenne, schließlich sind meine Mitbewohner Teil der ganzen Gruppe und der Geschichten rund um den Kumpel. Im Gegenzug erfahre ich auch Storys aus ihrem Leben, endlich wieder taiwanesischer Klatsch. So war sie letztes Jahr kurz mit einem Typen zusammen, der nur Gedanken an die eigene Ex hatte, bitter. Eine Freundin von Jessie hat es noch schlimmer getroffen: Ihr (damals) indischer Freund hatte ihr so viel Angst gemacht, dass sie sich im Bad eingesperrt und Jessie angerufen hat, die wiederum befreundete starke Männer geholt hat, um die Situation zu beruhigen.

Wir quatschen außerdem über Karaoke und Trinkkultur, die es Taiwan entgegen jeden Eindrucks ja doch zu geben scheint. 高粱 Gāoliang ist ein starker, herber Alkohol, den man sich bspw. ins Bier schütten kann, um es stärker und trockener zu machen. Jessie hat sich davon bereits übergeben müssen, so eine Story hätte ich nach dem bisherigen Eindruck nicht erwartet. Nach einem Sternzeichencheck (wir sind beide Zwilling) und der Beteuerung ihrerseits, dass es natürlich trotzdem nichts bedeuten muss, fragt sie mich, ob ich mich eher als extrovertiert oder als introvertiert beschreiben würde. Was sie denkt? Irgendwas in der Mitte? Hm, vielleicht. Sie selbst? Auch so mittig. Die Unterhaltung hat eine gute Dynamik, aber das Lokal ist ziemlich laut und Jessie spricht sehr leise, was sowohl meine Konzentration als auch meine Ohren strapaziert. Oft muss ich nachfragen, was sie meint, manchmal nicke ich sogar bestätigend, weil es auch beim dritten oder vierten Mal nicht ganz in meinen Kopf geht. Das tut mir Leid, aber so ist es nunmal. Bevor wir gehen, sitze ich bereits eine Weile vor leerem Teller, während Jessie gefühlt ein Reiskorn nach dem anderen verschlingt. Am Ende lässt sie bestimmt mehr als die Hälfte des Gerichts übrig, Wahnsinn. Sie zahlt, wir machen aus, die Rechnung später zu begleichen.

Auf den Straßen ist viel los, an diesem für Taichunger Verhältnisse ungewöhnlich warmen Samstagmittag. In einer Parkzeile spielen Kinder im Grün, Straßenmusiker, Spaziergänger und längerfristig Unterwegsseiende beleben die Straßen. Zwischen all ihnen laufen wir durch Gassen und Fußgängerzonen, schließlich landen wir in einem Viertel, das vor Läden und Kaufhäusern nur so strotzt. Mit einem Fingerzeig auf jedes zweite große Klotzhaus werde ich darauf aufmerksam gemacht, „This is a shopping mall.“ Deutlich öfter als jedes zweite Mal müssen wir übrigens in einen Klamottenladen für Damen. Jessie läuft mit flachen Pointed Toes, als wären es High Heels, das Geschäft ist ihr Catwalk. Unpassend laute Popmusik durchbricht den modischen Eindruck des Ganzen. Aber kein Problem, es gibt noch so viel mehr Stores zu entdecken, in denen man ebenso kein Geld ausgeben kann. Jedes Mal frage ich, ob sie etwas kaufen will, aber sie winkt ab, „just looking“. In einer der vielen Shopping Malls bin ich an der Reihe, entscheide, in welchen Läden ich nach was gucken will. Und tatsächlich werde ich fündig in einem Buchladen: „Chip War“, ein halbwegs aktuelles Sachbuch über den geopolitischen Konflikt, dessen eingeklemmter Protagonist Taiwan ist und das mir vor ein paar Monaten empfohlen wurde, steht als eines von ganz wenigen englischen Büchern inmitten von anderen Wälzern, deren Cover von Bill Clinton, Elon Musk oder Donald Trump geschmückt werden. Die Gelegenheit muss ich nutzen. In der Schallplattenabteilung bekomme ich eine Lektion über asiatische Popmusik. Jolin, die bekannteste taiwanesische Sängerin, David Tao, ebenfalls aus Taiwan und für R&B bekannt sowie Liu De-hua (ein Bekannter Hongkonger Mandopop-Sänger) schmücken die Cover großer Verpackungen. Recht peinlich, nichtmal einen Namen davon habe ich jemals gehört. Immerhin Madonna und Harry Potter kann ich zuordnen. Im restlichen Kaufhaus finde ich noch ein zwei Spielereien, die eventuell mal als Geschenk oder für mich selber was taugen, ganz schnell sind 20, 30€ ausgegeben. Kein Klamottenladen darf ausgelassen werden, Uniqlo, Adidas und Second Hand. Hier will Jessie erst recht nichts kaufen, wozu verdient man denn gutes Geld? Ich als Berliner weiß aber, dass Second Hand manchmal teurer als neu ist, so auch hier. Ein Blick auf meine Schuhe, und wir müssen auch in den New Balance Store, der aber wie so oft nur kleine Schuhe anbietet. Okay, ich brauche wirklich dringend neue Schuhe.

In der Innenstadt, die sich nicht durch irgendwelche alten Häuser, sondern vielmehr über das Fußgängeraufkommen definiert, kann man auch draußen genug Geld ausgeben. Ein Markt folgt auf den nächsten, Schmuck, kitschige Postkarten und Weihnachtsspielereien erfreuen sich großer Beliebtheit. Eine rankenüberwucherte Gasse lädt in eine kleine Ausstellung ein, auf deren Dach man nicht nur schöne Fotos schießen, sondern auch Kaffee bestellen oder einfach ein wenig Schattenspiel genießen kann. Genau hier war Jessie letztes Jahr mit dem Kumpel, über den ich sie kenne. Ich erkenne den Spot von einem Insta-Foto wieder, er hatte sie auf einer Taiwan-Rundtour besucht.

Lob an die Fotografin

Ich weiß überhaupt nicht, wohin es gehen soll, aber Jessie scheint einen Plan zu haben. Mit diesem Kiez durch, suchen wir ihr Motorrad und fahren weiter. Meiner Architekturliebe Beachtung schenkend, darf ich als Nächstes das „National Taichung Theater“ anschauen. Inmitten eines Dschungels aus grauen und weißen Grauen der Baukunst fungiert das Areal eine Art Lichtung. Die kubische Hülle überzeugt mich wenig, auch wenn das Theater innen drin recht organisch gebaut ist. Die bogenförmig aufgehenden Stützen erinnern leicht an Höhlen und erzeugen ein ähnliches Feeling wie das Zentrum für Kunst und Kultur in Kaohsiung.

Umzingelt von Hochhäusern, die laut Jessie viele leere Wohnungen beinhalten. Nicht so sehr anders als in Berlin.
Eine Gebäudeform wie aus dem Zufallsgenerator (oder aus Trumps Postkarte?)
Höhlenartige Raumstruktur
Vereinzelt findet sich dann doch interessante Architektur
In dieser Shopping Mall (mittig) habe es letztens einen Gasbrand mit Explosionen gegeben. Mittlerweile läuft der Betrieb aber wieder.

Weil ich nebenbei frage, ob Taichung einen Strand hat (die Stadt liegt nämlich etwas weiter im Land als Kaohsiung oder Tainan), ändert sich der Tagesplan dahingehend. Ziel sind die „Gaomei Wetlands“, James hatte sie mir empfohlen. Eine gute Dreiviertelstunde braucht man dahin mit dem Roller, auf halbem Weg geht es steil bergab. Dass Taichung so hoch liegt, war mir vorher gar nicht aufgefallen. Der weite Blick auf die Vorstadt am Meer mit ihren Fabrikschornsteinen und Windrädern ist irgendwie malerisch, auch wenn es vor Ort vielleicht nicht besonders idyllisch ist. Positiv fallen mir jetzt die Taichunger Busstationen auf, die einheitlich designt sind und einer Form folgen, die nach zwei elliptischen Wellen aussieht. Kurz vor knapp erwischen wir einen Spot, an dem die Sonne noch für etwa 5 Minuten zu sehen ist, bevor sie hinter einem kleinen Hügel verschwindet. Ich hätte gerne mehr vom Meer gesehen, aber es ist besser als nichts. Massen an Touristen stört es offenbar ebenso wenig, sie schießen tausende Fotos und starren in die Weite. Auch Jessies Hauptmotivation scheint ein gutes Instapic zu sein. Nicht nur darf ich sie ablichten, auch ich werde (schon den ganzen Tag) gefragt, ob ich Fotos von mir haben will.

Sunset hunter
LG

Wenn man sich die Zeit nehmen würde, könnte man auch noch durch das taiwanesische Wattenmeer waten, aber es wird schnell sehr kalt und auch dunkel. Ich bekomme eine Windjacke aus dem Stauraum des Motorrads, ohne die ich garantiert erfrieren würde, denn der Fahrtwind peitscht und ich muss feststellen, dass Taichung anscheinend auch schon eine andere Klimazone als Kaohsiung ist. An einer Tankstelle am Straßenrand im Nirgendwo kostet eine volle Ladung gerade einmal 70$TD (2€). Weil sie sich in dieser Gegend nicht so gut orientieren kann, fragt Jessie an einer Ampel das Pärchen eines neben uns stehenden Scooters, ob sie auch in die Stadt fahren und ob wir ihnen einfach folgen können. Gesagt, getan, eine Weile später landen wir auf dem größten Taichunger Nachtmarkt, dem „Feng Jia Night Market“. Meine Taichunger Reiseführerin parkt ihren Scooter in einer x-beliebigen Seitengasse, sodass sie sich den Standort fotografieren muss, um ihn später wiederzufinden. Hier sieht wirklich jede Straße gleich aus, krass.

Entgegen meiner Erwartung, auf den endlosen Straßen des Night Markets etwas zu essen zu finden (dieser hier ist größer als jeder einzelne in Kaohsiung), will Jessie in ein Hot Pot-Restaurant. Stimmt, sie verdient ja Geld. Allerdings entscheidet sie sich auf dem Weg um, ein asiatischer Nudelladen sieht dann noch besser aus. Bezüglich Essen bin ich ja vorgewarnt, stelle lieber nichts infrage. Erneut lässt sie locker die Hälfte übrig, das ist wohl normal. Nachtisch passt aber noch rein, im Laden nebenan gibt es tolle Teigbällchen mit Sesamfüllung auf shaved ice, das man mit Sirup und Limonensaft versüßen kann.

Japanische Udon-Nudelsuppe
冰湯圓 bīng tāngyuán, Klebreisbällchen mit Eis

Als Verdauungsspaziergang schlendern wir durch die Marktstraßen, man kann sich ja mal anschauen, was das einfache Volk so treibt. Interessant sind immer wieder die personalfreien Läden mit den gelben Greifautomaten, die einem vorspielen, man könne etwas gewinnen. Um das erneut zu beweisen, müssen wir natürlich jeweils eine Runde spielen. Ich greife das Plüschtier perfekt, der Haken zieht es auch optimal in die Höhe, aber genau dann öffnet sich die Klaue, lässt den Gegenstand fallen und fährt über die Gewinnluke. Als wäre es mein Fehler gewesen. Bodenloser Scam ist das, schamloser Betrug. Des Weiteren entdecke ich mal wieder bloßgestellte Katzen, die hinter Glasscheiben feilgeboten werden. Besser als im Käfig, aber glücklich sehen sie trotzdem nicht aus.

„Funny“ cat area
„Feng Jia Night Market“

In Elektronikläden sucht Jessie nach einem Stativ für ihre Tanzvideos, ich gönne mir derweil kandierte Guaven am Spieß. Ein kleiner taiwanesischer Junge fragt mich in sehr gutem Englisch, was ich da esse, seine Eltern lächeln ihm von weiter weg aufmunternd zu. Schließlich entdecke ich einen großen NB-Store, in dem ich endlich fündig werde. Meinen Lieblingsschuh haben sie zwar nicht, aber dafür einen anderen guten mit blauen Akzenten. Eigentlich liegt der Preis bei 4200$TD (120€), aber bei über 5000$TD gibt es 1200$TD Rabatt, also hole ich mir noch ein Tshirt und bin mit 3900$TD (111€) letztendlich unter dem eigentlichen Schuhpreis. Die Verkaufslogik soll mir mal einer erklären.

Neuer Schuh

Langsam neigt sich der doch ziemlich ereignisreiche Tag dem Ende. Ganz wie geplant habe ich viel von Taichung gesehen. Jessie hält das Gespräch außerdem immer am Laufen. Die Fragen scheinen ihr nie auszugehen, auch wenn sie ab und zu klingen, als würde sie eine Liste abarbeiten. Was vermutlich an ihrer sehr direkten Art liegt. „I want to“, fordert sie sich bspw. Probierschlücke meines Bubble Teas ein. „I saw your Luis Vitton“, fällt ihr mein 2€-Fake-Portemonnaie auf, das ich seit dem Verlust meines vorherigen zu nutzen gezwungen bin. Die Radtour, die ich um die Insel plane, hat sie als Kind bereits mit ihrem Vater gemacht, ich solle mich vorher auf jeden Fall gut informieren. Dann machen wir uns auf den Rückweg, allmählich tut auch wieder mein Rücken weh, das viele Stehen und Laufen und Tragen setzt mir zu. Auch der Allerwerteste hat unter dem dauerhaften Motorradsitz gelitten, ich will nur noch ins Bett. Jessie bringt mich netterweise an die MRT-Station, an der mein Rucksack verstaut ist und kann mir schnell den exakten Betrag nennen, den ich ihr fürs Geldauslegen schulde. Dann verabschieden wir uns mit einer Umarmung, und ich hab meine Ruhe. „Text me when you arrive“ schreibt sie noch. Der Tag war ein sehr guter Einstieg in Taichung, aber ich bin auch froh, morgen etwas alleine machen zu können. Das war ja sogar der eigentliche Grund meiner Reise.

Schicker Kreisverkehr

Um kurz nach 23 Uhr erreiche ich endlich das Hostel, eine große Gruppe hat sich ungünstigerweise direkt vor mir postiert, sodass es bis zum Check-In eine Weile dauert. Die Unterkunft besteht aus Bar im Erdgeschoss, ein paar Taiwanesen trinken Cocktails mit dem Barkeeper, einer Lobby im ersten Obergeschoss und vielen Stapelbetten auf den restlichen Geschossen. Als ich mein 8-Bett-Zimmer betrete, das vielleicht 14 Quadratmeter misst (Stichwort Grundrissmaximierung), höre ich schon ein Unglück verlautendes Geräusch. Da schnarcht einer laut wie ein Traktor. Wenig später kommt eine blonde, kleine Frau rein, deren Leidtragenden Blick ich schon an der Rezeption bemerkt hatte. Erfolglos hat sie versucht, das Zimmer zu wechseln, sagt sie mit französischem Akzent. Und steckt sich In-Ears rein. Das wird ne lange Nacht, auch für mich, denn meine Nische liegt direkt neben der der Schnarchmaschine. Man kann nur hoffen, dass der Typ nicht noch eine zweite Nacht bleibt.

Bar und Rezeption in einem
Roter Hostelflur
Schlafkoje

Ich muss mir auch Musik auf die Ohren legen, anders geht’s nicht. Trotzdem schlafe ich nicht vor halb vier. Wer ist denn so asozial und geht in ein Hostel, wenn er weiß, dass er alle anderen wachhält?? Ganz so schlimm wie James ist er nicht, da die Sounds regelmäßiger sind und mich nicht so erschrecken, aber in meinen Augen ist das keine Entschuldigung.

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