Taichung (Sonntag, 16. November)

Eine schlimme Nacht geht zuende. Wenigstens ist die personifizierte Bohrmaschine aus dem Nebenbett früh aufgestanden. Um kurz vor 11 Uhr stehe ich dann selber auf, mit weniger Schlaf würde ich den Tag nämlich nicht überleben. Schnell mache ich mich fertig und auf zu dem Museum, das ich schon länger anvisiert habe. Die Mittagshitze knallt rein, lange sollte ich mich in der Sonne nicht aufhalten. Bevor ich meine Kulturaktivität beginne, versorge ich mich in einem 7/11 mit Reisdreiecken, die mich immer mehr begeistern. Halbwegs gesund, ziemlich lecker, nicht allzu teuer, wachsen sie immer mehr zu meinem Lieblings-Fast-Food heran. Von der Mauer, auf der ich damit chille, gewinne ich schon ein paar Eindrücke des Areals.

Das „iBike National Museum of Natural Science“ erstreckt sich über einige Straßen hinweg, fast wie ein großer Uni-Campus. In einer Art Park am Rand steht ein großes Glashaus, eine riesige Libellenskulptur davor. Schon jetzt sehe ich, was mich den Tag über begleiten wird, Eltern mit Kindern, Großeltern mit Kindern, Kinder. Das Wetter und der Wochentag scheinen perfekt für Familienausflüge, dazu ist das Museum leicht verständlich aufgebaut, so wirkt es zumindest.

Tropenhaus in den Tropen?

Jessie schreibt mir währenddessen, dass sie den Tag nur zuhause chillt und theoretisch Zeit hätte, wieder etwas zu machen, aber mal schauen. Erstmal habe ich einen anderen Plan. Den verfolgend, begebe ich mich auf den großen Platz des Areals, von dem aus verschiedene Eingänge in unterschiedliche Museumsabteilung führen. Die Gebäude selbst sind an Hässlichkeit kaum zu überbieten, irgendwie unwürdig für ein repräsentatives Museum. Ich suche nach der Fahrradabteilung, denn James, der mir schon im September davon erzählt hatte, hat von der Teststrecke geschwärmt, auf der man an Fahrrädern basteln und Kombinationen ausprobieren kann. Fündig werde ich zwar nicht, auch nicht mithilfe von Lageplänen des Areals, also beschließe ich, einfach irgendwo reinzugehen. Ein schwarz angemaltes Dinosaurierskelett und Unmengen an kreischenden Kindergartenkindern schrecken mich vom Hauptgebäude ab, sodass ich mich einer Art Theater auf der anderen Seite zuwende.

Schlimm, schlimmer, kleine Fliesen

Dort werden Shows angepriesen, die laut Vorschau wie ein Planetarium funktionieren. „Space Theater“ heißt die Abteilung. Eine halbe Stunde müsste ich auf die nächste Show über das Universum warten, aber das sind mir die 3€ wert. Leider will sich das Ticket nicht so einfach kaufen lassen, also frage ich die zwei mittelalten Frauen in der Schlange hinter mir um Hilfe. Sie sprechen zum Glück gut verständliches, wenn auch lustiges Englisch, mutmaßlich Touristinnen. Mit der Kreditkarte klappts schließlich und ich sehe, dass sie in die selbe Show wollen. Woher ich denn komme, und schon sind wir im Gespräch. „Ooohhh. Ger-ma-niee“ tönen beide kurz nacheinander und sind beeindruckt. Meine chinesische Antwort haben sie nicht verstanden, aber ich erfahre kurz darauf auch, dass sie es selber nur kaum bzw. bruchteilhaft sprechen. Sie sind Phillipininnen und kommen aus Manila und einer anderen Stadt im Norden. Sie arbeiten in Taiwan für ihre customer, erst später verstehe ich, dass es um so etwas wie Altenpflege geht. Drei Jahre wollen sie noch bleiben, und jeden Sonntag machen sie gemeinsam einen Ausflug. Sehr schnell bekomme ich Wohoo-Girl-Vibes (Stichwort HIMYM), die beiden hypen sich bei vielen Sachen gegenseitig hoch und es fehlt nicht viel, dass sie sich für irgendwas abklatschen würden. „How old are you?“ „23.“ „23?? OH MY GOOSH!“ schreit die lautere von beiden. „I am your auntie!“ Ja, sieht wohl so aus. Die beiden sind Ende 40, sagen sie. Dann macht sie Werbung für die Phillipinen. „Do you know about the vlogger in the Phillipines? The vlogger, go all over there, the vlogger.“ Ja welchen denn? Welchen denn? „In the YouTube.“ Welchen!? „Soo many.“ Achso. Ja, hab ich bestimmt schonmal gesehen. Ich solle auf jeden Fall auch in die Phillipinen gehen, vielleicht einer von den Vloggern sein. Danke, ich bleibe erst einmal beim Blog. Aber warum nicht mal den Inselstaat besuchen? Die beiden Frauen empfehlen mir die Inselgruppe „Coron“, die ist wohl besonders beliebt bei Touristen. Aber nicht nur solle ich dahingehen, am liebsten soll ich da auch gleich bleiben, für immer. „But what about my family?“ „You can tell them to come also there.“ Achja, wie kann ich nur so blöd sein, hätte ich gleich drauf kommen können. Jedenfalls, sollte ich mal dort sein, kann sie (oder ihre Familie) mir das Land zeigen. Danke, sehr großzügig, aber eventuell verzichte ich auch gerne.

Relativ unfreiwillig erfahre ich noch mehr über die Lebensgeschichte der beiden Frauen, vor allem von der extrovertierteren. Ihre Namen habe ich garantiert falsch verstanden, die stillere heißt wohl Tina, die lautere Rozelle. Letztere fragt, wie alt meine Eltern sind und schlussfolgert, dass sie sich sehr sehr spät kennengelernt haben. Naja, denke ich, aber verstehe dann, denn Rozelle hat ihren Sohn mit 18 Jahren geboren, in den Phillipinen normal. Sie ist jetzt Witwe und offensichtlich auf der Suche nach einem neuen Partner. Glücklicherweise komme ich aufgrund meines jungen Alters nicht infrage, das hält sie aber nicht davon ab, mich zu komplimentieren. „Your eyes are so beautiful! Look, the blue eyes. I see your eyes and I become pregnant!“ Danke, ich mag meine Augen auch, aber das ist langsam ein bisschen viel. Immerhin bin ich angeblich der erste Mensch mit blauen Augen, dem sie begegnen. Die soziale Energie der Frauen ist so hoch, dass wir das Thema zum Glück schnell wechseln können. Ich lerne, „Danke“ („Salamat“) und „Ich liebe dich“ („mahal kita“) auf Filipino zu sagen, ich würde es dort oft brauchen. Phillipiner seien mit die freundlichsten Menschen der Welt, immer gut zu anderen Menschen. Wie die Taiwanesen. Ah, und nicht zu vergessen, „beautiful women“ haben sie natürlich auch. Vielleicht könne ich wenigstens zur Partnersuche in das Land reisen? „Thanks, I already know some beautiful Filipino women in Kaohsiung.“ Allerdings fällt mir spontan jemand ein, für den dieses Angebot was sein könnte, aber der ist gerade schon auf dem Weg nach Hanoi. Falls er seine große Liebe dort nicht findet, kann ich ihm die Phillipinen ja mal als Geheimtipp durchstecken.

Der Filmbeginn nähert sich, und beide Frauen kaufen sich noch ein Ticket für die Show danach, denn da werden Dinosaurier gezeigt. Tina fragt mich, „Do you believe in dinosaur?“ „Like, you mean, if they existed?“ „Yes.“ „Yeah, I think so. Right? What do you think?“ Mit vielsagendem Blick antwortet sie: „No, I don’t think so.“ Ich kann nicht anders, als zu lachen. Zum Glück versteht sie das überhaupt nicht böse, sondern lacht mit. „Maybe they are only fantasy.“ Ja, haha, genau. Wir sind ja bloß in einem naturwissenschaftlichen Museum, das muss natürlich nichts heißen. Bevor wir das Gebäude betreten, wir Rozelle noch ein Foto zu dritt machen. Das habe ich klarer kommen sehen, als dass ich morgen früh wieder aufwache. Sie öffnet ihre Kamera-App und zeigt mehrfach ihre Handfläche in die Linse, bis endlich der Selfie-Countdown auslöst. Fokus gibt’s natürlich nicht und auch die Belichtung ist schlecht, aber das stört sie nicht. Innerhalb Sekunden wird das Foto an Familie und Freunde geschickt. Verständlich, sie hat ja gerade auch ein exotisches Alien getroffen.

Zwei phillipinische Gartenzwerge auf Ecstasy

Das Theater ist tatsächlich wie ein Planetarium aufgebaut, allerdings nicht als ganze Kuppel, sondern im Winkel reduziert. Voll ist es bei weitem nicht, und so herrscht freie Platzwahl, die in der Mitte vermutlich am besten ist. Meine beiden Anhängsel wollen, dass ich in der Mitte sitze und bevor es losgeht, machen sie weitere unscharfe Fotos für sich selbst, geben mir „candy“ (Kaugummi) und Tina hat noch eine Frage. „So… Hitler.“ Rozelle lacht, aber unterbricht nicht. „Is he real? Reality?“ Das ist doch nicht ihr Ernst, oder? „Yes, he was real. He did horrible things to people.“ „Ohhh“ tönt es zurück, als hätte ich etwas total Überraschendes erzählt. „So he was bad. He was communist?“ Nein! Wenn ihr nicht gerade Weidel mit Nachnamen heißt, eher genau das Gegenteil. Rozelle hat immerhin Schindlers Liste gesehen und zählt eins und eins zusammen. Hitler ist also doch keine erfundene Geschichte.

„Space Theater“

Die Vorstellung verschafft zum Glück Ruhe, lange halte ich das nicht mehr aus. Leider dauert sie nur so an die 25 Minuten, und das Niveau bewegt sich vielmehr auf dem Wissensstand der Kinder, die mindestens ein Drittel der Zuschauer ausmachen. Aber ich mag die Effekte der gekrümmten Projektionsfläche. Viele kleine Bildschirmelemente verschmelzen zu einem einzelnen großen und wie in einem 3D-Film fühlt man sich wie im Geschehen, wenn bspw. Himmelskörper außerhalb des Blickfelds auf den Bildschirm schießen.

Niveau des Films: So wird die Physik der Erde erklärt
Chinesisches ASMR

Auf dem Endscreen gehen Props an die NASA raus, die den Film im Jahr 2007 produziert haben soll. Das erklärt die billigen Darstellungen, aber gelohnt hat es sich trotzdem. Bevor wir rausgehen, muss ich weitere Fotos von mir machen lassen, auf meinem eigenen Handy. „So you have a remembrance! A nice remembrance!“ Weil Rozelle so auf die Dinosaurier abfährt, empfehle ich ihr noch das Berliner Naturkundemuseum, falls sie jemals nach Deutschland kommen sollte. Sie seufzt, wann soll sie bloß dahin? Jemand habe ihr gesagt dass die Deutschen tolle Leute sind, vielleicht wäre ein Deutscher ja auch ein guter husband? Wenn ich ihr einen uncle organisieren kann, sagt sie, kommt sie vielleicht nach Deutschland. Klar, vielleicht hat Henry ja Interesse. Mal schauen.

Meine „good remembrance“ an diesen Tag

Ich will mich schon verabschieden, denn glücklicherweise kann ich mir kein Ticket mehr für die nächste Show kaufen. Da bekomme eine letzte Frage. „Are you here alone?“ Ich bejahe, weil ich auch mal alleine reisen will, und mehrfach fragen die beiden nach: „You have no friends?“ Doch, doch, ich bin nur auch gerne mal alleine unterwegs. „No friends? How will you find friends?“ Als ob sie mich mit Absicht ignorieren würden. Egal, es ist nur nett gemeint. Jedenfalls kann ich endlich einen Cut setzen, bekomme zum Abschied ein Saft-Tetrapack und die Bitte, auf mich aufzupassen. Taiwanesen seien zwar freundlich, aber den Gastarbeitern sei nicht zu trauen. Dann laufe ich rüber zum großen Abteil des Museums. Derweil hat Jessie ein Restaurant vorgeschlagen, in das wir später gehen könnten. So wird das Wochenende letztlich kein Solotrip mehr, aber ich kann auch schlecht nein dazu sagen, außerdem bedeutet es, dass ich mehr Zeit mit Einheimischen verbringe, das geht für mich klar.

Für die Ausstellungen muss ich mir ein neues Ticket kaufen, wobei mir eine Mitarbeiterin netterweise hilft. Beim Befolgen ihres Fingerzeigs in Richtung Eingang (umdrehen und gleichzeitig loslaufen sind eine schlechte Idee) stolpere ich über irgendwas und krache volle Kanne in drei Leute rein, die mein Entschuldigung zum Glück sofort akzeptieren. Ich kann mir nur vorstellen, was mir in Berlin hätte blühen können.

Rein in die Menschenmenge, endlich hab ich Ruhe. Am Sauriereingang rein, laufe ich ab hier einen erdgeschichtlich chronologischen Weg ab. Ausgestellt sind alte Fossilien, Reptilien, Kontinentalplattenverschiebungen auf Knopfdruck in einer Kreisebene, die Ähnlichkeit des menschlichen Körperbaus mit dem der frühen Lebewesen. Die allermeisten Beschriftungen sind auf Chinesisch, aber viele Bilder und Knochen sind gut aufbereitet, sodass sie sich mehr oder weniger von selbst erklären. Schließlich sollen auch kleine Kinder angesprochen werden.

Grundlegende Körperstrukturen bleiben gleich. In einem Filmchen nebenan wird das am Beispiel vieler Tiere symbolisiert.

In einer ersten großen Halle sind einige Dinosaurier nicht nur im Originalmaßstab täuschend echt repliziert worden, sie bewegen sich auch noch flüssig und geben beeindruckende Brüller von sich. Der größte in der Mitte ist eine echte Attraktion, besonders beliebt bei den kleinen Rackern.

Lebensgroßer Dinosaurier

Eine Treppe weiter oben werden Vögel erklärt: „birds are not just flying animals“ sagt eine Infotafel. Die späten Flugsaurier hätten unabhängig voneinander verschiedene Techniken zu Fliegen entwickelt, mal als Gleiter von Baumkronen herab, mal als richtige Flugapparate. Das Federkleid habe bei unterschiedlichsten Aufgaben geholfen, so auch beim Halten des körpereigenes Energielevels. Schon lustig, dass ich in diesem Museum jemanden getroffen habe, der nicht an die Existenz von Sauriern glaubt.

Chinesischer Flugsaurier mit Klauen zum Klettern und vier Flügelextremitäten

An anderer Stelle wurde ein Gedankenexperiment verbildlicht: Was, wenn Tiere ihre Dimensionen einfach ändern würden? Dass das aufgrund der Körperbauten und vor allem dem Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnis nicht funktioniert, wird ausführlich erklärt. Das sind zwar fast alles Dinge, die ich auf eine Art schon wusste, aber mir gefällt die Herangehensweise des Museums, alles so stark wie möglich zur Schau zu stellen, anstelle mit langen Wandtexten zu informieren.

Was, wenn Insekten riesig und Elefanten winzig klein wären?

Neu erfahre ich, wie viele unterschiedliche Elefantenarten es eigentlich im Lauf der Geschichte gab, von einer Art größerem Nasenbär bis hin zu den Mammuts. Überlebt haben nur die afrikanische und die asiatische Variante, wie schade. Je weiter ich gehe, desto mehr lebensgroße, ultrarealistische Ausstellungsstücke kommen mir unter die Augen. Weil ich so selten in Museen gehe, kann ich nicht sagen, wie besonders das tatsächlich ist, aber es begeistert mich zunehmend mehr. Die letzten Ausstellungen, in denen ich war, hatten neben reichlich Text höchstens kleine archäologische Fundstücke oder abstrakte Malereien zu bieten.

Eisbären …
… Nasenbären …
… Leopardkatzen …
… depressive Affen

Aus den Lautsprechern der Decke höre ich leise „Lucy in the Sky With Diamonds“. Irgendwie passt das zum metaphysischen Thema der Erdgeschichte. Ein paar kleine Kinder schlecken die Schaufensterscheiben ab, bewundern die still stehenden Affen und Raubkatzen, deren Blicke mitunter sehr witzig sind. Je weiter ich gehe, desto mehr Lust bekomme ich. Irgendwann kommen ja die Menschen ins Spiel, und neben wenigen größeren Figuren rückt die Ausstellung die soziale Komponente der Menschheit in den Vordergrund. In unterschiedlichen Maßstäben lassen sich nomadische Siedlungen, die Nutzung der (asiatischen) Natur und erste komplexere Konstruktionen beobachten. Teilweise existieren ganze Modelllandschaften hinter den Glasscheiben, theoretisch könnte man Ewigkeiten stehenbleiben, um immer mehr Details zu entdecken. Das Leben früher Homo Sapiens Sapiens lässt sich so auf jeden Fall gut nachvollziehen, besser als mithilfe jeden Textes.

Das Leben in Höhlen
Hüttenbau und Getreidezermahlen
Siedlungen in kleinerem Maßstab
In viel kleinerem Maßstab
Simulierte Bootsanlandungen

Eine viele Ziffern umfassende Digitaluhr listet sekündlich die geschätzte Weltbevölkerungszahl auf. Bei meinem Besuch sind es 8.200.080.100 Menschen, nicht wenig. Im großen Hof des Museums findet irgendein Event statt, das stark an Uni erinnert. Zwei übermotivierte Studis machen Ansagen über Lautsprecher, unter dem aufgebauten Zelt werden Flyer verteilt und zwei andere Studenten lassen eine ziemlich fette Drohne (mutmaßlich selbstgemacht) in den Himmel steigen.

Ein Technik-Club zeigt, was er kann
Museumsdach: Inspirierend geht anders

Drinnen ist es dann doch etwas spannender. In einer neuen Abteilung sind alle mögliche Dinge mit Bezug zum alten China ausgestellt. Alte Schiffe, Pagoden, riesige Webstühle, Modelle von kleinen Festungen, Plakate. Eine Tafel erklärt die Bedeutung von Yin und Yang und ihrer Verbindung zu den fünf Elementen der Philosophie. Holz, Metall, Wasser, Feuer und Erde beschreiben nicht die physischen Äquivalente, sondern vielmehr Prozesse des Lebens. Yin und Yang beschreiben die Gegensätze und Zusammenspiele dieser Prozesse, viel tiefer steige ich aber nicht ein. Um mich herum wuseln zunehmend mehr geführte Touristengruppen und sonstige Schaulustige. Alte Frauen und Männer mit Warnwesten, Gesichtsmasken, Sonnenbrillen und Mikrofonen sitzen stellenweise vor einer Masse von Kindern und rufen ihnen Fragen zu, die diese mit lautem Schreien beantworten. Außerdem habe ich Jessie zugesagt, um kurz vor vier an der „Nantun Station“ zu sein. Das war noch, als ich das Museum nur halb spannend fand, aber jetzt ist es zu spät. Nicht so schlimm, ich habe trotzdem viel gesehen und um das ganze Museum zu schaffen, muss man mindestens mal den ganzen Tag, wenn nicht mehr einplanen. Im Gang- und Menschengemenge finde ich den Ausgang geradeso und mache einen kleinen Abstecher in die Unterwasserwelt, bevor es wirklich rausgeht. Für den mickrigen Preis hat sich die Aktion absolut gelohnt! Sollte ich nochmal nach Taichung kommen, mache ich das vielleicht nochmal.

Genau die Art von Hütte, die ich Freitag im Indigenous Village gesehen habe. Qualitätsbeweis des Museums, würde ich sagen.
Genau die Art von Kunst, die ich mir ins Badezimmer hängen würde
Eine Reisegruppe und eine Pagode
Im „Whale Lab“ kann man den Wissenschaftlern beim Arbeiten zusehen

Zur „Nantun Station“ befolge ich meine alte Lehre aus Paris, dass man eine Stadt via Fahrrad so gut kennenlernt wie sonst nur durchs Spazieren. Den etwas gefährlicheren Verkehr als in Kaohsiung, eine noch höhere Dichte an Hochhäusern und sogar ein paar interessante Bauwerke sind dabei. Außerdem kann ich dabei die bereits etwas tiefer stehende Sonne auf der Haut und auf den Klamotten einsickern lassen, pure Lebensenergie. Das Metrosystem folgt dem gleichen Prinzip wie in Kaohsiung: massive Betonstützen heben die Trasse über Hauptstraßen an, undesignt und brutal groß. Die Stationen gehen noch viel beeindruckender in die Höhe, alleine das holt mich schon ab. Allerdings stört mich, dass die gesamte Konstruktion im Rohbau geblieben ist, genauso wie in Kaohsiung. Ich verstehe, dass man nicht so viel Geld für Materialität in die Hand nehmen kann, aber was wäre denn bspw., wenn man ausgewählte Grafitti-Künstler auf die T-förmigen Stützen losließe? An Mut zu solchartigen Aktionen fehlt es dem Land eigentlich nicht – Street Art findet sich an jeder Ecke und sowohl in Taichung als auch in Kaohsiung gibt es ganze Kieze, deren Häuser nach genau dem Prinzip gestaltet wurden.

Ähnlicher Mix aus klassisch europäischer Baukunst und billigem Hochbau, wie es ihn auch in Kaohsiung gibt
Das gefällt mir nicht
Mit wenigen Mitteln tolle elliptische Bögen erzeugt

Der Rest des Tages verläuft ähnlich wie gestern. Jessie nimmt mich auf dem Motorrad mit, wohin ihre Route sie führt. Erster Stopp ist ein Shaved-Ice-Restaurant, das von außen sehr unscheinbar, von innen schon deutlich edler aussieht. Dekorationen wie aus einem Antiquitätenladen, dunkle Holzmöbel und ein vornehm gekleideter Kellner lassen die eher unschöne Decke schnell vergessen. Letzterer erklärt die Speisekarte auf Chinesisch Schritt für Schritt, preist vermutlich die besonderen Sorten an, von denen es nur an die fünf gibt (prinzipiell ein Qualitätsmerkmal, finde ich). Wir entscheiden uns für einen Sesam-Birne-Eisbecher, der wie alle Optionen für zwei Personen ausgelegt zu sein scheint. Unüblich lange warten wir auf die Bestellung, in der Zeit schaue ich mir die Tischmöbel genauer an. Mein Sessel ist pechschwarz, angenehm weich und an sich fehlt mir nur noch die Zigarre, um gedanklich ins letzte Jahrhundert zu wechseln. Die Tischlampe ist eine derjenigen, die in Berlin mittlerweile als Retroleuchten einen neuen Hype erfahren, farbiges, kratziges Metall. Überall im Raum stehen alte Telefone, Drehscheiben inklusive. Jeder Platz sieht etwas anders aus, sehr individuell eben.

Unscheinbares Geschäft

Das Eis macht ordentlich was her. Wie ein aufgeblasener Ballon wölbt es sich über der winzigen Salatschüssel empor, ein Klebreisbällchen obenauf. Dazu wird roter Tee, noch mehr Sesamsoße und eine Nussschale serviert. Acht oder neun Euro kostet der Spaß umgerechnet, das kann man schonmal machen. Geschmacklich habe ich nichts auszusetzen, einwandfrei. Gefunden hat Jessie das Restaurant über Instagram, wie die meisten ihrer Vorschläge. Der nächste Halt ist nämlich schon geplant, heute Abend wird wieder japanisch gegessen. Da ich ja kein Fleisch esse (abgesehen vom Fisch), ruft sie kurzerhand an und klärt das Menü ab.

Was wäre ein passender Name für dieses Eis?

Weiter geht’s, das nächste Lokal liegt im selben Bezirk, in dem wir gestern indisch essen waren. Weil es noch nicht geöffnet hat, schlendern wir durch die Gegend. Es ist die angeblich zentralste Gegend Taichungs, abends finden sich alle möglichen Leute ein, entspannen sich im langgezogenen Park, schauen Straßenkünstlern zu, lassen LED Helicopter Toys aufsteigen (die heißen wirklich so), oder stolzieren in bester Ku‘damm-Manier umher und zeigen, wer sie sind. Ich habe die unterschwellige Vermutung, dass Jessie sich hier recht wohl fühlt. Auch die Malls und Läden am Straßenrand sowie angrenzende Hotels erinnern an die berühmte Berliner Straße, alles passt. Das Beinahe-Shoppen (nur in die Läden gehen, um zu gucken) lohnt sich für mich sogar, denn in einer angrenzenden Apotheke bekomme ich endlich eine eigene Feuersalbe für den Rücken, der sich schon wieder meldet. Wir reden über die Stadt, den Vergleich zu Jena, Erfahrungen mit Gras und Sonstigem, die Temperaturunterschiede in unseren Ländern. Öfter zieht Jessie mich an die Seite, da mich die Autos und Roller als Luft identifizieren und womöglich umfläzen würden, wenn ich nicht schleunigst besser aufpasse. Ein Vorgeschmack auf Teipei, wenn ich den Leuten aus der Uni trauen kann.

Das Restaurant verlangt, die Schuhe vorne abzustellen, bevor man sich auf die Bank setzt, die zum Tresen zeigt, wie in einer klassischen Bar. In kleinen Mengen werden die Zutaten auf Tablette gegeben und als Kreation serviert. Mein Fisch ist richtig zart, die Gewürze edel. Die klassischen Gesprächsthemen sind so langsam abgearbeitet, also unterhalten wir uns über die Flaggen in meiner Vokabelapp und Jessie erzählt von einer schlechten Hostelerfahrung in Berlin, wo sie ein paar Mal für Events war. Im gemischten Schlafsaal hatte ein Typ seinen Koran auf den Tisch Richtung Osten gelegt, daraufhin habe sie sich so unwohl/unsicher gefühlt, dass sie unbedingt das Zimmer wechseln wollte. Das Hostelpersonal hatte dafür aber kein Verständnis und so hat sie die Nacht auf einer Couch im öffentlichen Bereich verbracht, wo sie sich auch noch verstecken musste, da dieser irgendwas geschlossen und sie des Raumes verwiesen wurde. Das klingt äußerst unangenehm. Auch danach fallen ihr immer neue Themen ein, viele persönliche Fragen, so zeigen wir uns z.B. gegenseitig Familienfotos. Am Ende hat sie wieder einmal mehr als die Hälfte übriggelassen, aber sie lässt es sich nicht einpacken, sondern nimmt es so hin. Sie kokettiert selbst damit, wie langsam sie isst und sagt, dass ihre Schwester immer Witze darüber macht. „The children in Africa would be grateful about your food.“ Aha, diese Phrase gibt es also überall auf der Welt. Wie jedes Mal, wenn wir auf das Essen warten oder am Gehen sind, muss Jessie die Toilette aufsuchen, als wäre es ein fester Termin.

Ein kulinarisches Highlight jagt das nächste

Zum Abschluss sieht der Zeitplan vor, auf ein Glas Pflaumenwein anzustoßen, aber leider Gottes hat die Bar geschlossen. Apropo, Jessie ist evangelisch aufgewachsen, hat meinem Eindruck nach aber kein hervorstechend religiöses oder abergläubisches Mindset. Von den Mormonen hält sie demzufolge nicht besonders viel. In Taiwan werden Protestanten nicht konfirmiert, sondern nur getauft und auch sonst halten sich viele europäische Traditionen zurück. Zu Weihnachten verschenkt man höchstens kleinen Kindern etwas, Adventskranz, Adventskalender, Weihnachtsmärkte und Lebkuchen kennt man zwar, macht aber selbst keinen Gebrauch davon. Dafür gibt es allerdings schon ziemlich viele Weihnachtsgeschäfte, die vor Klischees nur so strotzen. Duftkerzen, Wollpullis, Weihnachtsfigürchen, Schneekugeln sind aktuell vielleicht beliebter als in Deutschland. Auf dem Weg in ein anderes Barviertel darf ich alles aufzählen, was ich im Straßenbild als Unterschied zu Deutschland identifiziere: (Fehlende) Fußgängerwege, die Anzahl der Motorräder, (hässliche) Gebäudefassaden, Neonschilder an mehr als jeder Ecke, die aufgezeichneten Warteboxen für Motorräder an Kreuzungen, die Kakerlaken, Streetfood überall, lange Wartezeiten sowie Countdowns an Ampeln. Zudem die Sorglosigkeit, mit der man quasi überall entlanglaufen kann, umzingelt von freundlichen Menschen. Allerdings gibt es in Taichung angeblich eine kriminelle Gegend. Was das in taiwanesischen Verhältnissen bedeutet, kann ich mir nur ausmalen, aber im Osten der Stadt scheint es tatsächlich öfter mal Polizeieinsätze wegen Schüssen oder sowas zu geben. Außerdem sieht Jessie in den Nachrichten öfter mal, wie sich betrunkene Leute in Karaokebars prügeln. Das fängt auch nicht anders an als in Deutschland, einer fühlt sich oder wird blöd angeguckt, rempelt das Gegenüber an, und schon haben wir den Salat. Dass so etwas wert, in den Nachrichten zu landen, sagt aber auch schon alles.

Wir landen etwas abseits der belebten Gassen und Parks in einem teuer aussehenden Diner & Bar, auf zwei Stockwerken ist außer uns nur eine laute Gruppe junger Mid-Zwanziger anwesend, das Personal setzt uns genau neben deren Tisch an das Fenster mit Blick auf das Gerinnsel, das die hier wahrscheinlich Kanal nennen würden. Jessie muss dem waiter erklären, dass sie wegen des Scooters alkoholfrei bestellt, ich bestelle ein italienisches Bier. Es wird mir ebenso wie der Cocktail meiner Begleitung im Weinglas serviert, dazu gibt es gratis etwas Wasser.

Barbesuch

Hatte ich vorhin impliziert, dass wir über Gott und die Welt reden? Tatsächlich werde ich nach meinem Lieblingsphilosophen gefragt, mit Begründung! Ich nehme mal Kant, wegen seines kategorischen Imperativs und der Aufforderung, eigenständige Kritik zu üben. Jessie hat aber auch etwas mit Staat und Philosphie studiert, muss ich fairerweise sagen. Ihr Favorit ist jedenfalls nicht Konfuzius, der nur gelabert habe, dass das Leben aus Arbeit besteht und man für die Familie arbeiten solle; sondern ein anderer chinesischer Philosoph, Zhuangzi, ein Protagonist des Daoismus, der den Müßiggang und das Loslösen gesellschaftlichen Drucks predigt. Sympathischer Typ. Jessie erklärt mir noch ein paar chinesische Wörter und Besonderheiten. Jetzt kann ich in der Theorie beim Bezahlen nach Karte fragen: 可以刷卡嗎? „Kěyǐ shuākǎ ma?“ Die Praxis ist wie immer etwas schwieriger, und so frage ich doch auf Englisch, nachdem mir eine Rückfrage gestellt wird. Jetzt sind annähernd quitt und ich habe noch genug Geld für meine Rückfahrt morgen.

An Jessies Motorrad kommen wir fast nicht mehr ran, weil die ganze Straße spontan zu einer Baustelle umfunktioniert wurde. Immerhin sind die Arbeiter (um 10 Uhr abends) freundlich und lassen uns gewähren. Sie bringt mich wieder an dieselbe Station wie gestern, eine Umarmung später heißt es Byebye. Wenn ich möchte, kann ich das Chinese New Year im Februar mit ihrer Familie verbringen und in den nächsten Wochen (bevor sie ihren neuen Job antritt) eine andere Stadt wie Hualien erkunden. Sehr nette Angebote, ich werde darüber nachdenken, muss aber auch noch die anderen geplanten Trips realisieren.

Entspannte fünfzehn Minuten YouBike-Fahrt später bin ich wieder im Hostel, wo ich mit Freuden erkenne, dass die Dampflok aus dem Nebenbett verschwunden ist. Ab 1:30 Uhr findet sich dafür ein neuer Gast ein, er ist aber deutlich angenehmer, redet oder telefoniert ganz leise. Viel besser aushaltbar. Ich versuche mich so gut es geht am Blog aufholen, aber die Müdigkeit und das Wissen, rechtzeitig auschecken zu müssen, stressen mich. Auf der Zugfahrt wird auch noch genug Zeit sein. Außerdem bin ich dankbar dafür, so viel erlebt zu haben, was ich aufschreiben kann.

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