Taichung (Montag, 17. November)

Um 10 Uhr klingeln gleichzeitig meine Wecker und derjenige meines neuen Bettnachbarn, der glücklicherweise kein bisschen geschnarcht, aber nachts leise telefoniert hat. Spanischer Hiphop beschallt das Zimmer solange, bis die Schlafmütze nach frühestens zehn Minuten den Aus-Knopf findet. Trotz ruhiger Nacht bin ich leicht verdattert, finde meine Chipkarte nicht und auch mein Schließfach bekomme ich nicht auf. Die Karte findet sich schnell, aber das Fach ist ein reales Problem. Letztlich muss ich in meinen Schlafsachen runter zur Rezeption und Bescheid sagen. Zwei europäisch aussehende Backpacker lächeln mir aufmunternd zu, und die Dame des Hauses ist ebenso freundlich. Sie versteht sofort, es handelt sich um ein häufiges Problem. Den Code hatte ich richtig in Erinnerung, aber die zweite Ziffer klemmt, billiges System.

Wenig später checke ich aus und suche meinen Weg zum Bahnhof. YouBike bringt mich in zehn Minuten hin, einfach die große Straße runter. Bis der Zug fährt, ist noch reichlich Zeit, aber ich muss zum Frühstücken sowieso irgendwo hin und außerdem wollte ich ein berühmtes Eiscafé ausprobieren, das Jessie empfohlen hatte. In einer Seitenstraße des Hauptbahnhofs befinden sich zwei FamilyMarts auf der selben Straßenseite innerhalb von 25 Metern, das ist mein persönlich beobachteter Rekord. Dort verbringe ich eine Weile am Tisch mit Fàntuán, Yakult und einem Apfelbrötchen. Der Eisladen nebenan scheint wirklich berühmt zu sein, reichlich Dekoration schmückt ihn von außen und von innen. Das Ganze ist ein Ensemble aus Galerie, Ausstellung, Restaurant, Schokoladen- und Eisverkauf. Natürlich alles aus edlem Holz und überall Touristen, die ohne Ende Fotos schießen. Es sind tatsächlich so viele da, dass ich trotz Hitze meinen Eisplan cancele, so lange sehe ich mich da nicht warten. Und das an einem Montag, wow.

Märchenartige Einrichtung
Riesige Bauruine in der Innenstadt

Da ich noch Zeit habe, aber mein Gepäck mitschleppen muss, setze ich mich einfach schon in den Bahnhof. Als der Zug um 13:20 Uhr kommt, finde ich mit Glück ein freies Sitzpaar. Nach mehreren Stationen nimmt eine Frau neben mir Platz, aber den Rest der zweieinhalb Stunden Fahrzeit wird mir Ruhe gewährt, niemand scheucht mich weg. Meinem Rücken gefällt das, endlich Entspannung. Weniger entspannend ist, dass ich jetzt eine Menge Blog nachzuholen habe. Ich will darüber nicht zu viel schreiben, das Projekt ist kein Selbstzweck. Aber heute schlaucht mich das schon ziemlich, aufgrund meines schlechten Schlafs am Samstag und grundsätzlich wegen meinen vielen Aktivitäten hänge ich ziemlich hinterher und es gibt ganz viel, was ich unbedingt festhalten will. Eine halbe Stunde vor Ende hab ich vorerst genug, lehne den Kopf ans Fenster und genieße die vorüberziehende Landschaft. Der Ausstieg in Kaohsiung fühlt sich beruhigend an, die Stadt ist ein Stück weit Zuhause geworden. Ohne nachzudenken weiß ich, welche Wege zu welcher Metro ich nehmen muss und durch welche Straßen ich das gelbe Fahrrad lenken muss, um in mein Zimmer zu finden. Sky begegnet mir auf dem Flur. „Ah! You‘re already back, haha.“ Richtig früh bin ich von meinem Wochenendetrip zurückgekehrt, Montagabend. Der Junge versteht meine Einstellung zum Auslandssemester.

Gerade so schaffe ich es zeitlich, ein Mittagessen in der Cafeteria abzugreifen, bevor ich zum Training weiterfahre. Genau dafür bin ich ja so „früh“ zurückgekommen. Ich komme zwar gut zu spät, die anderen sind aber gerade erst mit dem Einlaufen durch. So wenig Leute wie heute sind sonst fast nie da, anscheinend nutzen viele das weiterhin warme Wetter. Auch Byron erscheint mal wieder, klinkt sich zu Anfang aber wie die anderen in seine üblichen Konstellationen ein. Ich versuche, mit Healer zu kommunizieren, der immer freundlich ist und lächelt, aber er versteht wenig von dem, was ich sage. Sein ganzer rechter Arm, das Handgelenk und beide Knie sind mit Bandagen umbunden, ich frage mich, wie er überhaupt trainieren kann. Und ihn, wie das passiert ist, aber nach intensivem Grübeln antwortet er einfach gar nichts mehr. Auch eine Option, dann schweige ich einfach mal wieder eine Weile. Später sehe ich Koby (der Deutsche, den ich letzten Freitag auf dem OIA-Event kennengelernt hatte), wie er joggend seine Runden zieht. Mit dem Handy in der Hand macht er große Schritte, das Attribut goofy passt einfach zu gut, um es nicht zu nennen. Er grüßt mich und zieht weiter. Auch den Coach vom Bogenschießen sehe ich wieder, er grinst rüber.

Da ich den vier Tage alten Muskelkater immer noch in den Beinen spüre, bin ich für das heutige Programm sehr dankbar. Edward lässt uns wieder mit Kettle Bells Mini-Workouts machen, bevor wir zum Hochsprung übergehen. Das ist auch allerhöchste Eisenbahn, die Wettkämpfe stehen vor der Tür. Ein richtiges Training erwarte ich erfahrungsgemäß nicht, aber einfach ein paar Sprünge zu machen, verleiht große Sicherheit. Viele tun sicher genauso wie die letzten Male sehr schwer, mit dem richtigen Bein abzuspringen oder sich einen nicht-tippelnden Anlauf einzuprägen. Die steigen aber schnell aus und machen andere Sachen, während Byron, ich und drei andere Jungs dabeibleiben und die Schnur immer höher hängen. yī bǎi liù, yī bǎi qī, yī bǎi bā. Bei 1,80m, Byrons angeblicher Bestleistung, bleiben wir stehen, kaum jemand schafft es ohne Berührung hinüber. Fairerweise muss ich sagen, dass wir kaum Platz für Anlauf haben. Die Anlage steht am Rand der Bahn-Längsseite, weshalb ich beim 5-Schritt-Anlauf bleibe. Nach Scherentechnik am Anfang üben wir den meistgenutzten Flop, der auch einfach wahnsinnig viel Spaß macht. Edward hat für mich zwar keine Tipps, dafür aber ordentlich Lob: „Leo, you are, the best!“ Da bin ich mir gar nicht mal so sicher, aber bedanke mich. Ein paar der Jungs haben wirklich mehr drauf, als man nach ein paar Sprüngen denken mag. Leider spüre ich meine Ober- und Unterschenkel immer stärker, schon der kurze Anlauf reizt die Muskeln. Deshalb kann ich die Staffelübergabe mit Byron auch nur halbherzig üben, ich will mich ja nicht verletzen. Er zeigt mir, wie ich den optimalen Abstand (25 Fußlängen vor der Übergabezone) ausmesse, in dem ich loslaufen soll, sobald er selbst eine Marke passiert hat und in welche Richtung sich meine linke Hand öffnen sollte, um den Stab bestmöglich entgegenzunehmen.

Hochsprung-Training

Am Ende setzen wir uns auf den Boden neben der Anlage und quatschen (bzw. Byron schaut Reels), während der Rest der Truppe das Training abschließt. Byron fragt mich, ob ich Weihnachtsmärkte vermisse (zur Erinnerung: er war letztes Jahr zum Auslandssemester in Österreich) und gibt kund, dass er die Night Markets hier für deutlich besser befindet. Da kann ich ihm prinzipiell nur zustimmen, allerdings vermisse ich, wenn man das so nennen kann, tatsächlich ein Detail der deutschen Märkte: sich gemeinsam einen Glühwein nach dem anderen reinschütten, hat definitiv etwas, das es in Taiwan so nicht gibt. Dann gibt es endlich die Tshirts, die wir vor vielen Wochen bereits vorbestellt und bezahlt haben. Endlich mein eigener Vereins-Merch! Auch ein Handtuch mit Vereinsdesign ist dabei und aus irgendeinem Grund schenkt Edward mir seins mit dazu. Ich mache klar, dass ich schon eines habe, aber er gibt es mir in die Hand und sagt, es sei ein Geschenk. Vielen Dank!

Guter Stoff: Tshirt-Erinnerungen an Taiwan

Bevor alle gehen, gibt es immer diese gut zehn Minuten Abschiedsphase, in der wahlweise ausgerollt, gedehnt, an den Handy gechillt wird und die weiteren Pläne für den Abend geschmiedet werden. Momo und Healer haben ein paar Fragen an mich, für deren Formulierung sie sich zusammentun und Google Übersetzer zur Hilfe nehmen, als er trotzdem nicht klappt. Warum ich so behaarte Beine habe? Gute Frage, wegen meiner Gene vielleicht? Und warum habe ich so blaue Augen? „Maybe the same reason?“ Meine Familie hat auch blaue Augen, sage ich. „Oohhh, so beautiful!“ erwidert Momo. Sie sagt, sie selbst habe schwarze Augen, und ich widerspreche zuerst, sehe dann aber, dass sie wirklich schwarz sind. Kontaktlinsen machen‘s möglich. Außerdem: Sind Schuhe in Deutschland billiger? Ist überhaupt irgendwas billiger in Deutschland? Vielleicht Milch, und Bier, würde ich sagen. Und wie teuer waren meine Ohrringe? 40€, also 1400$TD. „So expensive!“, staunen die Taiwanesen.

Koby, der zwischendurch gefragt hatte, ob ich mit ihm Abendessen gehen will, ist frisch geduscht in schicker Hose und Hemd zurückgekehrt und hofft, mit mir und den anderen mitkommen zu können. Zum ersten Mal ist Ray nicht hier (er organisiert das diner sonst oft), aber die Jungs kriegen es auch so hin, Koby ist natürlich eingeladen. Viele verabschieden sich wieder vorzeitig, womöglich um mit Partnern oder Familie essen zu gehen, aber es bleiben immer noch eine Handvoll Kerngruppenleute da. Die meisten fahren die 400 Meter zur Essensstraße mit ihrem Motorrad, nur Byron läuft mit Koby und mir. Die beiden verstehen sich sofort gut, sind einfach froh, miteinander kommunizieren zu können.

Einkehren tun wir in dem Restaurant, in dem die Gruppe mich das allererste Mal mitgenommen hatte, Anfang Oktober glaube ich. Das Reisrestaurant ist das Lieblingslokal von vielen in der Gruppe. Koby freut sich ebenso über das gute Essen und zusätzlich über die Gesellschaft. Ziemlich bedingungslos versucht er, in Konversationen zu kommen und haut dabei die eine oder andere Frage raus, die man als cringe einzustufen könnte. Bspw. fragt er sehr genau nach, warum die Taiwanesen so gerne Scooter fahren. „Is it only because it’s convenient?“ Auf die Antworten folgt wahlweise ein „Aahhh“ oder „Oohhh“. Es stört aber niemanden, also alles in Ordnung. Byron erzählt ihm von seiner Zeit in Wien und den Ausflügen nach Deutschland. Dabei war er nur in Bayern, hat den Königssee, das Oktoberfest und München allgemein gesehen. Nichts, was er mit Koby gemeinsam hätte. Der lädt sich bei der Verabschiedung schon für nächste Woche wieder ein, scheint es echt genossen zu haben.

Byron ist so lieb und fährt mich in seinem riesigen weißen SUV wieder vor die Haustür. Nach dem Ausstieg fällt mir die Abwesenheit meines Portmonnaies auf, aber nach einem kleinen Herzinfarkt kehrt Byron zurück, es lag auf dem Beifahrersitz. Im Dorm will Dylan die Schuhe sehen, die ich mir neu gekauft habe und gibt den Tipp, nächstes Mal nach einem tax refund zu fragen. Außerdem zeigt er mir einen ziemlich beeindruckenden Trick, um eine Schleife viel schneller binden zu können und hat, als er das Buch sieht, das ich gekauft habe, einen eigenen Literaturtipp parat: „Die with Zero“ lautet der Titel, klingt schonmal inspirierend.

Henry ist jetzt übrigens auf dem Weg nach Hanoi. In Shanghai haben die Chinesen ihm mit ihrer Firewall WhatsApp abgestellt, aber sobald er wieder schreiben konnte, hat er mich es wissen lassen. Wie ein persönlicher Blog eigentlich. Ich bin auf die nächsten Tage gespannt.

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