Der Tag beginnt doch gut, wenn Fabian seine Pfannkuchenlieferung mit den Worten „Du bist der Beste“ quittiert. In „Consumer Behavior“ reden wir über privaten Konsum, es gibt zwei Arten von Menschen, wie sie Geld ausgeben. Die eine verspürt Dopamin beim Bezahlen, die anderen inneren Schmerz. Auch wenn es mir Spaß macht, von Zeit zu Zeit Geld auszugeben, gehöre ich wohl genetisch bedingt zur letzten Gruppe. Danny (der Prof) redet über die Gründe dafür, u.a. niedrige Einkommen. In Taiwan liegt das durchschnittliche Einkommen angeblich bei 60.000$TD (1700€) im Monat, nicht besonders hoch. Er selbst hat während der Recherche für seinen PhD ausschließlich von Stipendien gelebt, 12.000$TD (342€). Damit kann ich gerade mal ein halbes Berliner Zimmer bezahlen, wow. Selbst für taiwanesische Verhältnisse ist das extrem wenig. Immerhin sind die Lebenskosten in Vietnam, wo er herkommt, deutlich niedriger, genauso wie das durchschnittliche Einkommen (bis zu dreimal niedriger verglichen mit Taiwan). Ich finde es bemerkenswert, wie offen der Lehrer (zugegeben in einem Finanzkurs, aber trotzdem) über seine persönliche finanzielle Situation spricht. Gerade, obwohl er weiß, dass die Österreicher und Deutschen, die sich auf den Hinterbänken einen Gemütlichen machen, deutlich besser aufgestellt sind.
Mithilfe von UN-Statistiken vergleichen wir das absolute Einkommen und Einkommenspyramiden (also die Strukturen) in unterschiedlichen Ländern auf der Welt. „The gap between the poor and the rich“ ist besonders wichtig und verhält sich je nach Gesellschaft unterschiedlich. Besonders gut stehen Länder wie Belgien oder Qatar dar, was in letzterem Fall m.E. eher daran liegen mag, dass die ausgebeuteten Gastarbeiter keine Staatsbürgerschaft besitzen. Zu Sidd sagt Danny, „Your country‘s population… has become a lot! One point four billion! That is why the gap between rich and poor is so high, many people have less Money. Taiwan only has 23 million.“ Übergreifendes Thema der heutigen Stunde sind „unusual consumer behaviors during economic crises“, hauptsächlich geht es um die Kaufverhaltensweisen der vielen Einkommensklassen und wie man Werbung so gestaltet, diese Faktoren einzubeziehen. Es gibt eine im Fachbereich wohl sehr bekannte „80/20 rule“, die besagt, dass 80% des Umsatzes eines Unternehmens nur 20% der Kundschaft entstammen. Entsprechend richten viele Firmen ihr Angebot hauptsächlich an die Stammkundschaft. Außerdem gibt es das Phänomen „trickle up consumption“, das den Start vieler Trends den Straßen, also den niedrigeren Einkommensklassen zuschreibt. So geschehen bspw. im Fall der Sneakermode, deren Ursprung sich auf Basketballer in Amerikas Straßen zurückführen lässt.
Die Gruppenarbeit gegen Ende umfasst heute ausnahmsweise keine Präsentation, sondern die Gruppen haben Zeit, gemeinsam am Semesterprojekt zu arbeiten. Ich setze mich zu Michael, Rita, Tracy und ein paar anderen, die sich heute erst für ihre Werbekampagne entscheiden, die Würste vermarkten soll. Richtig Lust hat darauf niemand, deshalb labern wir die ganze Zeit. Mit Rita und Michael kann man viel Spaß haben, ihr Albernheitslevel trifft sich gut mit meinem. Außerdem sitzt eine Thailänderin mit am Tisch, die uns etwas über die Dialekte ihrer Heimat und die Sprache erzählt.
Zur Mensazeit hauen die meisten Leute leider rein, aber Sidd ist ein verlässlicher Compagnon. Mit ihm quetsche ich mich an einen fast vollen Tisch und genieße die großzügige Mahlzeit. Heute scheint mein Glückstag, denn im Stress der langen Schlange haben die Kassierer (eine Frau sagt die Preise an, ein Mann gibt das Wechselgeld raus) sich sich vertan und mir 100$TD zu viel zurückgegeben, so kostet mein Essen nur 10$TD (30 Cent).

Sidd zeigt mir Graslandschaften, die er sich nächste Woche nahe Taipei anschauen will. Das ist genau eines meiner noch nicht verplanten Wochenenden, insofern schließe ich mich sofort an. Mega, jetzt steht Taipei auch endlich auf dem Plan. Quasi jeder war schon da, Anna und Buggi sind es jetzt gerade. Außerdem geht Sidd in den Semesterferien in seine Heimat nach Indien, und so kann ich noch einen Trip mit ihm machen. Auch Ihsan will schon im Dezember nach Deutschland zurückkehren. Schade, aber ich weiß, dass ihn das Heimweh plagt und er sich nicht zu 100% wohl fühlt. Jetzt vergeht die Zeit echt schnell, für die meisten exchange students ist die Hälfte ihres Aufenthalts längst rum, bei mir ist es zum Glück erst in etwa 10 Tagen soweit. Allerdings werden meine letzten zwei Monate hier nochmal sehr anders, ohne viel der ganzen bisherigen Leute und auch ohne die Uni.
Umso mehr kann ich aber auch die Erlebnisse hier genießen. Im Bogenschießkurs gehe ich wieder zu meinen Schießgesellen, die wie sonst auch auf Chinesisch reden, mich aber ab und zu aufklären, worum es geht. Der Coach hat eine Neuerung dabei, innerhalb der Gruppen sollen Turniere gespielt werden. 1 vs. 1, mit winzigem Turnierbaum. Direkt in der ersten Runde verschieße ich zwei Pfeile neben die Zielscheibe und die glatzköpfige Grinsbirne hat mal wieder Spaß, mich zu piesacken. Ein lautes „Ahahaha“ gibt es sowieso öfter mal, aber jetzt stellt er sich demonstrativ neben mich und zeigt mit seinen Fingern: „Maybe… use your eyes.“ Sich selbst feiernd zieht er weiter. Fairerweise muss ich sagen, dass ich nur nach Gefühl schießen kann, die auf Mandarin angesagten Tipps kann oder will niemand so richtig vermitteln. Aber das soll keine Ausrede sein, ich verspüre kein besonderes Talent in mir, das einen Meisterschützen identifizieren würde.

Immerhin werden die Schüsse besser, als ich es mal ohne den Fingerschoner probiere. So sehr tut es gar nicht weh, und das Loslassen der Sehne geschieht reibungsloser. Gegen Chén, mit dem ich Ende Dezember wandern gehe, gewinne ich sogar ein Bracket. Dafür bekommt er den Hohn von der Seite ab. Normalerweise sind die Pausen zwischen den Schüssen sehr langatmig, aber heute rede ich viel. Die Jungs wollen die deutschen Zahlen von eins bis zehn kennenlernen, und interessieren sich für mein Aktienportfolio. Sie selbst probieren sich regelmäßig an Aktien-Futures, und machen über längere Zeiträume angeblich auch Profit, da sie sich viel belesen. Ich bekomme die wärmsten Empfehlungen, in TSMC zu investieren, was ich mir tatsächlich sowieso schon vorher überlegt hatte. Vielleicht schaffe ich es am Wochenende mal, mich darum zu kümmern.
Weil Sebastian noch auf Reisen ist, gebe ich mich im Chinesischkurs alleine mit der Fraktion aus Indien und einzelnen anderen Asiaten ab. Dass es homework gab, habe ich leider verpasst, erstaunlich viele geben es ab. Das ist aber nicht so schlimm, ich kann es morgen einfach per Foto nachreichen. In der ersten Stunde machen wir viele „tone practises“, üben mal wieder die Aussprache von Silben, je nach Betonung. Frau Peiti sagt etwas vor und anhand der Zahl unserer ausgestreckten Finger erkennt sie, ob wir den Ton richtig rausgehört haben. Ganz ohne Melden kann ich nebenbei mein Brötchen essen und den Yakult trinken, entspannter Hase. So langsam sollte man die Töne eigentlich draufhaben, aber vielen fällt das immer noch sehr schwer. Ein älterer Typ hinter mir, der jedes Mal durch große Probleme bei der Aussprache auffällt, beharrt so oft auf den falschen Tönen, dass es ihm eigentlich selbst auffallen müsste. Vivek und Muhan hingegen scheinen wenigstens gelernt zu haben, sie können heute mehr Antworten geben als sonst und werden dafür ausgiebig mit 很好 „hěnhǎo“ gelobt. Außerdem gehen wir den Dialog von letzter Woche, wo ein Typ einen anderen nach seinem Essen und dem Preis dafür fragt, wieder durch. Ich kann sogar noch den genauen Betrag für die zwei Teigtaschen und den einen Tee auswendig aufsagen. Das alles erneut feinteilig aufzudröseln, kommt mir echt ein wenig blöd vor. Auch für Frau Peiti muss es doch bescheuert klingen, die ganze Zeit auf simpelstem Mandarin nach dem Preis der zwei Teigtaschen zu fragen. Erst recht, wenn Leute wie Pryanshu andere fragen sollen, was sie essen, dann aber „du“ mit „ich“ verwechselt: 我吃什麼? „Wǒ chī shénme?“ Außerdem will ich bei den meisten Fragen an die Inder am liebsten direkt eingreifen und rufen, dass es durch und durch falsch ist, wie sie die Wörter aussprechen. Kein Chinese wird sie so jemals verstehen, aber ich glaube, dass Frau Peiti aufgegeben hat. Sie akzeptiert die gravierenden Fehler und verteilt großzügig Lob an die Leute, die wenigstens irgendwas sagen. Auch wenn es wie Babysprache klingt. Aber gut, muss sie wissen, ist nicht mein Bier. Nach zwei Verständnisfragen meinerseits stellt sie fest, dass wir ein Arbeitsblatt noch gar nicht bearbeitet haben. Ein Glück, dann lag es nicht an mir.
Ich werfe einen Blick auf die Sitzordnung, die mehr oder weniger gleich bleibt, auch wenn jeder mal einen Stuhl weiter rechts, links, vorne oder hinten sitzt. Die Indergruppe versammelt sich immer hinten links in der Nähe der Tür, vorne mittig sitzen zwei Frauen, die jeweils alleine kommen und so weit ich mich erinnere Vietnamesinnen sind. Ich (und normalerweise auch Sebastian) sitze irgendwo dazwischen; weit genug hinten, um nicht als Oberstreber weitab der Hinterbänklergang zu gelten, aber auch nicht ganz hinten, um mich wenigstens ein bisschen vom allgemein schlechten Eindruck der Reihe abzusetzen. Die ersten drei Reihen bleiben in der Regel komplett frei, genauso wie einige weitere Sitze, der Raum ist eigentlich viel zu groß für den Kurs.
In der zweiten Stunde geht die Lehrerin einigen Charactern inhaltlich auf den Grund, daran finde ich Gefallen. Die höfliche Variante von „du“, also statt 你 „nǐ“ würde man dann 您 „nín“ sagen, ist als Schriftzeichen nur um das Zeichen für Herz, 心 „xīn“ erweitert worden, das in der höflichen Variante unter dem „du“ platziert wird. Das kann man sich gut merken, weil eine höfliche Anrede von Herzen kommt. Außerdem will sie uns erklären, wie die zwei Schriftzeichen für die dritte Person Singular funktionieren. „If… you want to tell if Miss oder Mister. So, your brain, how to work?“ Sie zeigt auf ihre Stirn, meint vermutlich eine Eselsbrücke. Statt „er/sie/es“ sagt man auf Mandarin i.d.R. immer nur „tā“, aber das Schriftzeichen gibt mithilfe des linken Parts Auskunft über das Geschlecht der gemeinten Person. 他 zeigt links eine stehende Figur, einen Mann, während 她 auf der linken Seite das Symbol für Frau (ursprünglich eine kniende Frau) enthält. So kann man vielen Zeichen schon eine gewisse Bedeutung entnehmen, ohne es vorher jemals gesehen zu haben. Genau das ist meine Motivation für die Sprache, das ist der Spaß, den man beim Lernen braucht. In den letzten zehn Minuten sollen wir in Zweiergruppen mit von ihr gestellten Vokabelkarten die wichtigsten Schriftzeichen des bisherigen Semesters üben. Ich lerne mit einem Inder zusammen, den ich bisher kaum kenne. Seine nette, verschlafene Art und die große Brille sowie die Cap geben ihm aber einen Wiedererkennungseffekt. Seine Schriftzeichenkenntnisse erschrecken mich schon ziemlich. Praktisch kein einziges Zeichen kann er zuordnen, auch nicht diejenigen aus den ersten Stunden wie 我、你、他、個. Immerhin interessiert ihn, was die Bedeutung ist und fragt bei Frau Peiti nach. Relativ schnell erledige ich außerdem die Hausaufgabe (Fragen nach den Preisen von Lebensmitteln in Pinyin aufschreiben) und kann sie noch abgeben, bevor die Stunde zuende geht.
Auf dem Rückweg ins Dorm halte ich an der großen Straße vor dem Campustor. Dort schreibe ich etwas am Blog, bevor ich mein Abendessen (Tofu mit Reis in Soße) beim FamilyMart hole und nach Hause gehe. Erstmals friere ich ganz leicht in meinem Tshirt, bei etwa 20 Grad weht ein stärkerer Wind, der auf Dauer leicht unangenehm ist.
Bei meinem Telefonat mit einem Berliner Freund später muss ich mir sogar einen Pulli anziehen, während ich auf dem Campus umherspaziere. Eigentlich kein Problem, aber eine Umstellung ist es dann doch. Darren, der stille, aber nette Roommate zockt heute wieder bis lange in die Nacht hinein. Selbst um kurz vor vier, als ich endlich die Blogs der letzten drei Tage aufgeholt und abgeschlossen habe, redet er noch mit irgendwem im Voicechat (aber leise).
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