Mittwoch, 19. November

Hatte Darren bis mindestens vier Uhr nachts gezockt, so klingelt sein Wecker trotzdem um kurz nach acht. Aufwachen tut er davon natürlich nicht, Dylan und Sky wollen ihn auf Gedeih und Verderb aber auch nicht ausstellen, denn Darren hat natürlich ein Recht auf Privatsphäre.

Fabian bekommt wieder seinen Pfannkuchen, der Tee interessiert ihn aber irgendwie nicht. Stattdessen kauft er sich regelmäßig einen 7/11-Eistee. Der Lehrer hat sein Mikrofon nicht im Griff, viele Male schreckt ein übersteuerter oder einfach nur laut rauschender Sound den Kurs hoch. Der allgemein müde Vibe trifft aber auch den nuschelnden Vortragenden. Ab und zu bleibt er mitten im Satz stehen, schaut auf seine Folien… und fängt einen neuen Satz an. Interessanter wird es, als er das Reden Luca überlässt, die ihre Meinung zu einer Statistik kundgibt und wie daraufhin ein paar Filmchen schauen. Thema sind heute verschiedene Lagerhallensysteme und deren Automatisierung. Während bisher nur ungefähr 28% der Volumina von Lagerhäusern genutzt werden, soll dieser Anteil mithilfe von Robotik drastisch ansteigen. Die Werbeclips diverser Startups belehren über die Vorteile bspw. eines vertikal organisierten und algorithmisierten Systems, bei dem Schienenroboter ausschließlich von oben Boxen anheben oder absenken. Über diesen Stapelmechanismus gelangen die weniger nachgefragten Produkte weiter nach unten, die beliebten hingegen in die obersten Schichten, wo sie einfach zu erreichen sind.

Vertikales Lagersystem: platzsparend und effizient

Außerdem erfahre ich von einem Supermarktkonzept aus der Ideenschublade Amazons, die umfassende Videoüberwachung nutzen, um jede Bewegung eines Einkaufenden zu registrieren, sodass Kassen überflüssig werden. Beim Laden verlassen muss man nur noch seine Geld-/Chipkarte swipen, alle eingesteckten Gegenstände werden automatisch abgebucht. In China sind diese Systeme bereits teilweise etabliert, mit Alipay werden alle Produkte bezahlt, wie ein Interviewter im Video sagt. Ich habe Freunde in Berlin, denen das gar nicht gefallen würde, schließlich sind die beliebten SB-Kassen ihre Lebensversicherung.

Zwei Gruppen des Kurses halten heute wieder Vorträge, die aus zwei Gründen recht sinnlos erscheinen. Erstens sind außer diesen Gruppen kaum andere Studis vor Ort, die zuhören könnten. Sebastian und Anna sind noch unterwegs, Kaan und Phillip machen es sich auf phillipinischen Stränden gemütlich, und wiederum andere fehlen aus mir unbekannten Gründen. Und zweitens tragen die Gruppen nun schon das dritte Mal ihr Thema vor. Fabians Gruppe behandelt Dell und muss sich langsam etwas aus den Haaren ziehen, um neue Erkenntnisse zum Thema sustainability oder Lieferkettenoptimierung vortragen zu können. Mit entsprechend wenig Liebe sind die Folien gestaltet, die Texte mutmaßlich via ChatGPT optimiert.

In den Pausen und auch sonst zwischendurch quatsche ich mit Luca und Fabian, meinen Entertainern heute früh. Luca fallen meine neuen New Balance sofort auf, auch sie habe Schwierigkeiten, für ihre anscheinend überdurchschnittlich großen Füße (Schuhgröße 39/40) passendes Schuhwerk zu finden. Fabian hängt etwas durch, weil er ab viertel vor vier die historische WM-Qualifikation seines Landes verfolgt und gefeiert hat. Marko Arnautović will dieses Datum am liebsten zum Nationalfeiertag machen, immerhin ist die letzte WM-Teilnahme bereits 27 Jahre her, da hat Fabian noch nicht gelebt.

https://www.instagram.com/reel/DRPY5S-Ae62/?igsh=djBvMjMyMTV6OTlk

Weil er wegen dem Schlafmangel zu schlapp ist, hat Fabian leider keine Motivation, nachmittags etwas zu machen, also gehe ich wieder ins Dorm und chille vor mich hin. Die übliche Kombination aus Mensaessen, Formel eins, Massieren und Eincremen meiner empfindlichen Muskeln (weil ich meinen neuen Schuhe die Fußspitzen zu sehr angezogen habe, schmerzt das seitliche Schienbein), Vokabeln lernen, und schwups ist es abends. Sky hat seinen heutigen Test mit Ach und Krach hinter sich gebracht, laut eigener Aussage steht es 50/50, ob er ihn besteht. Mich würde wirklich mal sein Unterrichtsniveau interessieren, denn prinzipiell kommt er mir nicht komplett blöd vor. Zu all seinem Pech verliert er auch noch sein ganzes Gemüse, da er es nicht rechtzeitig aus dem Kühlschrank gebracht hat, schließlich sind rohe Lebensmittel ja verboten…

Von Henry bekomme ich heute eine Menge Bilder, Videos und Sprachnachrichten. Zum Glück für ihn läuft das Urlaubsdating in Hanoi bestens, auf einem längeren Video filmt er die durchwuselten vietnamesischen Straßen und seine neue Perle, wie sie die Gegend fotografiert. Er unterhält sich mit ihr sogar auf Deutsch, ich hatte ganz vergessen, dass sie ja ein B1-Zertifikat hat. So werden mir immerhin unangenehm schlecht geführte A2/B1-Englischkonversationen erspart.

In der frühen Nacht (ausnahmsweise schon um 23 Uhr, 16 Uhr deutsche Zeit) telefoniere ich noch mit einem deutschen Freund, der als Student passenderweise ähnlich flexible Zeiten hat wie ich.

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