Donnerstag, 20. November

Übermüdet starte ich in den Tag, denn Darren hat mal wieder bis spät in die Nacht gezockt. Meine Bitte, den Pegel bitte etwas herunterzufahren, hat höchstens minimale Auswirkungen auf seine punktuellen Ausrufe gehabt. Da sein Bett und Schreibtisch parallel zu meinen stehen, konnte ich gut sehen und hören, wie er mit anderen Indonesiern Fifa spielt, dabei ständig dieselben Wörter von sich gibt, die vermutlich allesamt Fußball- und Schimpfwörtervokabular sind, und sich durchgehend heiser einen ablacht. Es ist vielleicht gar nicht die Lautstärke, aber der Fakt, dass ich ungewollt zuhören muss, macht mich vollkommen verrückt. Die Ohrstöpsel, die ich ursprünglich gegen James gekauft hatte, machen es ein wenig besser, grob geschätzt bin ich dann gegen vier Uhr eingeschlafen.

Schlange an der Frühstückstheke – klotzendes Pärchen arbeitet an meinem Pfannkuchen

Fabian, mit dem ich eigentlich etwas machen wollte, meldet sich nicht. Ich bin aber auch zu faul, und da ich sowieso später beim Training sein muss, spare ich die Energie und hoffe, dass mein Schienbein rechtzeitig fit wird. Den Mittag verbringe ich damit, alte Zeichnungen aufzuhübschen, Formel eins zu schauen und dabei zu essen, Flaggen zu lernen. Die aktuellen Chinesischvokabeln habe ich schnell hinter mir, mittlerweile bin ich echt regelmäßig dabei.

Generell frustriert mich, dass ich schon wieder nichts zu tun habe und mich auch nicht aufgerafft bekomme, etwas zu unternehmen. Prospekte oder Internetseiten über Events in Kaohsiung zu lesen wäre bestimmt sinnvoll, aber das langweilt mich, am liebsten fahre ich einfach drauf los oder habe im besten Fall bereits Impulse von außen erhalten. Das führt zwangsläufig dazu, dass ich mich mit den Geschehnissen außerhalb des Dorms beschäftige. Auf Henrys Profilbild sieht man ihn jetzt gemeinsam mit Thu Chang (so spricht man ihren Namen ihm zufolge aus), das ging ja schnell. Ich warte schon auf die News, dass sie zu ihm nach Mannheim zieht. Später bejaht er meine Frage, ob sie schon zusammen sind. Außerdem: „Gut dasses mit susi nicht geklappt hat“ und „Sollse tsmc machen“. Ist vielleicht wirklich besser so.

Außerdem lese ich mir einige Einträge im Blog von Anna und Buggi durch, die nach langer Reise aus Japan, Taipei, vom Sun Moon Lake und aus Alishan berichten. Meinen eigenen Trip nach Alishan plane ich aktuell mit Hasan. Ihsan haben wir auch gefragt, aber er wird jetzt schon Anfang Dezember nach Deutschland zurückkehren, Wahnsinn. Auch über meine Radtour im Januar mache ich mir Gedanken, sortiere in meinem Kopf die Stopps, die ich einzulegen gedenke. Mit dabei sind bspw. die Moon World nördlich von Kaohsiung, in der Anna und Buggi bereits gezeltet haben, einen früher im Tag gelegenen Stopp bei den Gaomei Wetlands als letzten Samstag, die jeweils am weitesten nördlich, westlich, südlich und östlich gelegenen Punkte des taiwanesischen Festlands und je nach Zeitplan ein erneuter Abstecher nach Lü Dao.

Ansonsten startet der Tag erst am Abend so richtig. Das Training fängt an wie üblich, irgendwann schreibe ich bestimmt mal den genauen Ablauf des Warm-ups auf, das wird eine wertvolle Erinnerung. Laut Byron ist heute „pole vault day“, aber die Matte, die wir aufbauen, wird nur von den Mädels für Weitsprungübungen benutzt. Der Trainer macht irgendwelche langen Ansagen auf Chinesisch, danach geht’s für mich an den Staffelstab. Zum Glück, denn ich würde nur ungern unvorbereitet in den Wettkampf am Samstag gehen. Da ich der vierte Läufer meiner Gruppe bin, muss ich nur eine Übergabe üben, aber auch dafür ist die Zeit eigentlich viel zu wenig. Hätten wir das mal vor ein paar Wochen schon gemacht, wären wir wesentlich besser dran. Aber hätte, hätte, Fahradkette. Ein Typ mit sehr lockigen kurzen Haaren ist an dritter Stelle, gemeinsam üben wir mehrfach die Übergabe. Es gibt eine von gelben Strichen mit Haken (die wie Einsen aussehen) eingegrenzte Zone, in der jeweils der Staffelstab übergeben werden muss. Kurz hinter der vorderen Eins begebe ich mich in den Dreipunktstart und gucke auf eine selbst gesetzte Markierung nach hinten. Sobald der Übergebende die Markierung passiert, muss ich lossprinten, um eine optimale Übergabe mit wenig Zeitverlust zu erreichen. Im ersten Lauf habe ich mich dummerweise auf die falsche Bahn gestellt, in den nächsten bin ich mal zu schnell, mal zu langsam, sodass der dude entweder aufläuft oder mich nicht mehr erreicht. Dann startet er mal auf der falschen Bahn (durch die Kurve der Strecke ist das tatsächlich nicht so leicht zu sehen) und flucht. Die Markierung wandert von anfangs 25 Schritt Entfernung auf schließlich 22,5 Schritt, was immerhin für meine Geschwindigkeit spricht. Trotzdem sagt er mir ziemlich direkt, ob ich „too slow“ bin oder „too early“ reagiert habe. Vielleicht liegts am fehlenden Vokabular, aber es klingt meistens, als wäre ich schuld. Ein einziger Versuch klappt, das muss reichen. Am Ende proben wir einen kompletten Durchlauf, in dem jeder die 100 Meter sprinten und die Übergaben geübt werden sollen. Dem Vollsprint verweigere ich mich aber. Erstens spüre ich schon wieder leichten Muskelkater und zweitens macht man sowas doch nicht zwei Tage vorm Wettkampf. Ob man das jetzt Glück nennt oder nicht, die andere Gruppe hängt uns sowieso schon beim zweiten Läufer komplett ab, so kann ich entspannt ins Ziel flitzen, ohne dass es auffällt.

Stadionvibes

Byron hat eine gute Erklärung für mein Weh im Schienbein. Während ich es auf die neuen Schuhe und eine veränderte Haltung der Füße geschoben hatte, liegt es viel eher am Hochsprung von Montag. Klar, dass sich auch deshalb nur die linke Seite zieht wie eine glühende Feder. Eine Aufmunterung gibt’s, als mir das nächste Merch überreicht wird: ein Wettkampf-Tanktop, pünktlich zum Wettkampf geliefert. Sitzen tut‘s auch noch, die Jungs nennen mich 帥 „shuài“, handsome.

Rares Spiegel-Selfie (Sieht man übrigens, dass ich an den Armen gebräunt bin?)

Als es zum Essen geht, frage ich mich, ob Momo wieder Emily einlädt (ihre Freundin, die mich ‚kennenlernen‘ wollte) und stelle mich schon darauf ein, unangenehme Fragen beantworten zu müssen bzw. an irgendeiner Stelle klarzumachen, dass ich kein Interesse habe. Immerhin hatte sie sich letztes Mal mit „see you next week“ verabschiedet. Aber Momo ist raus, nur ein paar Jungs gehen wieder ins „La Ca Sa“, wo wir letztens schon einmal waren. Der Laden ist gut, gibt viel Reis in die Portionen und ist nie überbesucht. Ich probiere einen „lemon tea“, den Google nicht übersetzen konnte und der aus Hongkong stammt. Die Frucht im Becher kann ich nicht identifizieren, aber sie hat einen sehr eigenen, intensiven Geschmack. Was hier auch lustig ist: auf dem Bildschirm oben an der Wand läuft genau wie letztes Mal ein Horrorfilm, interessante Auswahl für ein normales Restaurant. Durch Austausch unserer Instagram-Profile finde ich endlich den Namen des lauten Kollegen raus, anscheinend heißt er Róng. Er erklärt mir die Wörter für Pfeffer, Salz und die Unterschiede zum chinesischen Festland, wo man die Silben unterschiedlich kombiniert. 胡椒 „hújiāo“ ist schwarzer Pfeffer und 鹽 „yán“ ist Salz, aber in Taiwan bedeutet ersteres meistens, dass Salz schon dabei ist, warum auch immer. 走吧 „zǒu ba“ bedeutet soviel wie ‚Auf geht’s‘, das ist dann auch Programm.

Satt machendes Abendessen im „La Ca Sa“

Später darf ich Sky noch Vokabeln abfragen. Ich nenne die englischen Wörter und er schreibt die zum Teil äußerst komplizierten Schriftzeichen in Windeseile auf Papier, ziemlich beeindruckend. Der Test kann ja gar nicht schiefgehen.

Bevor ich schlafen gehe, gibt es mal wieder ein Telefonat, diesmal mit Oskar aus Deutschland, der mich vermutlich Mitte Februar besuchen kommt, kurz bevor es dann wieder in Richtung Westen geht. Wir umreißen ganz grob, welche Dinge und Orte wir gemeinsam erleben wollen und welche Termine am besten passen.

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