Heute besuche ich mal wieder das Jiangong-Gym, das erstaunlich früh gefüllt ist. Gefüllt bedeutet in dem Fall natürlich, dass die Hälfte der Jungs im Studio durchgehend an den Handys ist, klassische Gymsituation. Obwohl ich so selten hier bin (da über eine Stunde Anfahrtszeit), erkenne ich den großgewachsenen, immer in Anzughose und Unterhemd trainierenden Muskelprotz wieder, der seine Zeit neben wirklich schweren Sets (Schrägbank-Kurzhantel-Drücken mit jeweils 30kg) hauptsächlich nutzt, um sich selbst im Spiegel zu bewundern und ab und zu kritische Blicke zu allen Seiten zu werfen. Einerseits aufgrund von Faulheit und andererseits, weil ich gar nicht im Training drin bin (die Wage zeigt leider wieder nur 74kg an, ein neuer Tiefstand), mache ich ein Allrounder-Programm aus Brust, Schulter und Armen. Meine Beine brauche ich noch für morgen, außerdem schmerzt der Rücken wieder leicht, sodass ich ihn lieber schone.

Zum Mittagessen setze ich mich in den 7/11 in Nanzih, mit Blick auf das große Tor am Campuseingang.

Beim Aussuchen eines weiteren Snacks betreten Anna, Buggi und die Freundin seines Bruders Sabrina (die die beiden gerade besucht und mit der sie im Norden Taiwans bereits einiges erkundet haben) den Laden. „Schon wieder das ungesunde Zuckerbrötchen?“ fragt Sebastian zu Recht. Ich weiß, aber die Verlockung ist zu groß, die (gesunde) Alternative schlicht nicht vorhanden. Sich selbst gönnen die Kritiker aber einen ganz übel aussehenden Energydrink, der anscheinend auch so schmeckt. Aber der Urlaub der letzten Wochen zehrt, irgendwie muss man ja wach bleiben. Ein kleines Mitbringsel haben die drei auch dabei: Der Brief meiner Eltern mit der neu beantragten Kreitkarte ist endlich angekommen. Jetzt kann ich wieder Bargeld abheben, ohne ständig Leute anpumpen zu müssen, was in den letzten Woche leider zu nervigen Side Quests geführt hat. Schließlich ist der Verlust meines Portemonnaies schon eine ganze Weile her.

Frau Peiti kündigt an, dass die heutige Chinesischstunde die vorletzte sein wird, der Freitagskurs ist ja ein freiwilliger und hält sich dementsprechend auch an keine Semesterzeiten. Eine besonders motivierte Streberin aus Indien widerspricht dem zwar und diskutiert, weil sie es in irgendeinem Plan anders gesehen hat, aber Fakt ist, dass ich freitags bald frei haben werde. Was für eine Befreiung für zukünftige Trips! Die Lehrerin reicht ein Büchlein rum, in dem wir alle unterschreiben sollen, auf die Nebenseite kommt dann ein Erinnerungsfoto, dass sie am Anfang des Semesters gemacht hat. Sascha fehlt mal wieder, mir schreibt er nur, dass er busy ist und bald nach Indien fliegt, wo er vor Taiwan ein Jahr als Sprachlehrer gearbeitet hat. Bei ihm geht’s auch rund.
Die Gespräche, in die uns der interaktive Unterricht führt, werden immer flüssiger. Frau Peiti geht rum und spricht die Sachen an, die sie sieht. Wie teuer mein Yakult war, wer aus welchem Land kommt und welche Sprache spricht, und so weiter. Wir lesen zunehmend längere Texte, genauer gesagt Dialoge, in denen wir wie in der Kirche beim Psalm die Lehrerin (den Pastor) Part A sprechen lassen und selber (die Gemeinde) Part B sind. Sebastian und ich können ein leichtes Grinsen nicht verbergen, wenn Viveks heisere Stimme immer leicht verzögert zwei Reihen hinter uns wie ein indisches Echo hinterherhallt. Ich muss ihm aber zugestehen, dass er sich deutlich verbessert hat. Man kann durchaus verstehen, was er sagen will. Für den Dialog, in dem zwei Personen Höflichkeiten austauschen und einander nach Universitätszugehörigkeit sowie nach Namen und Nationalität fragen, soll die Klasse wieder eine rotierende Reihe bilden. Nach ungefähr acht mal dasselbe sagen kann ich das Ganze nicht nur auswendig, ich werde auch sicher davon träumen. Prinzipiell keine schlechte Übung, Praxis ist immer noch die beste Lernmethode. Des Weiteren gibt es neue Verben, besonders die Wörter 做 „zuò“ (to do) und 會 „huì“ (have learned) sind im Alltag besonders wichtig. Mithilfe ihrer sollen wir Fragen zu unseren Vorlieben im Sport, im Haushalt und zu sonstigen Hobbys beantworten. Peiti bittet zum Tanz, damit wir sagen, dass wir nie gelernt haben zu tanzen. Allerdings checke ich das etwas spät und darf so eine winzige Einlage ablegen. Außerdem macht sie erneut auf die Semesterabschlussaufgabe aufmerksam, bei der wir in das Unibüro am Nanzih-Campus gehen und etwas auf Chinesisch ausleihen sollen. Unter den erfolgreichen Absolventen werden Schlüsselanhänger verlost, die Taiwan themed sind. Wahlweise wird Architektur (Taipei 101, Sky Tower), taiwanesisches Essen (Oyster Omlette, Stinky Tofu) oder ein südlicher Vibe in Form von Flip Flops dargestellt.
Ein Armband, das Minda mir letzte Woche gegeben hatte, weil es ihr nicht passt, darf ich jetzt übrigens komplett behalten, das freut mich sehr. Sie hatte es im Souvenirshop bei den Indigenous People erworben.
Nach der Stunde geht’s mit den drei Deutschen und Minda auf den Liuhe Night Market, den Sabrina unbedingt gesehen haben soll. Sie besucht nicht nur ihre Freunde bzw. Familie, sondern reist morgen weiter nach Hanoi, von wo aus sie Vietnam erkunden will. Ihr Erscheinungsbild und die Art, wie sie redet und zuhört, ist Anna und Buggi so ähnlich; vermutlich hätte ich die drei nichtmal zusammen treffen müssen, um festzustellen, dass sie sich kennen. Mit Minda versteht Sabrina sich auf Anhieb, sie neckt sie in Anna-typischem Stil. Kurz sitzt die Fünfergruppe an einem Tisch in Straßenmitte und isst Teigsandwiche, koscheres Fleisch, Süßkartoffelbällchen und trinkt Milchtee, bevor es weiter in Richtung Hafen geht. Weil Anna sich anstellt, in der Bahn Kniebeugen zu machen, liegt der Jeremy-Fragrance-Vergleich nahe; Minda klappt die Kinnlade runter, als wir ihr entsprechende Videos zeigen.

Der Fischmarkt hat leider gerade zugemacht, aber „The Pier Garden“ ist weiterhin beleuchtet und bietet tolle Sicht auf Hagen und Stadt. Neben einem riesigen ankernden Militärschiff läuft ein noch viel größeres Kreuzfahrtschiff aus, auf dem sich eine Disco an oberstem Deck beobachten lässt. Das „Kaohsiung Music Center“ sehe ich zum allerersten Mal nicht in pink, sondern in dunkelblau angestrahlt, anlässlich des morgigen K-Pop-Konzerts von „TWICE“. Bestimmt super bekannt, ich höre den Namen zum ersten Mal. Vor der „Great Harbour Bridge“ stehen Fangruppen und Cosplay-artige Frauengruppen, die das Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit sind und Applaus für eine Art Performance bekommen, während aus lauten Boxen Songs der Band klingen. Eine Frau, die zwei besonders hübsche Katzen in einem Kinderwagen dabei hat, ist fast noch beliebter, alle Scharen sich um die zwei verdutzten Tiere und lichten sie von allen Seiten ab. Die Beziehung der Asiaten zu ihren Haustieren ist einfach mal ne ganz andere Nummer als in Europa, und damit meine ich wirklich nur die Aufmerksamkeit, die sie ihnen geben.




In einer ziemlich leeren Markthalle nebenan gibt es viel zu sehen, allem voran Weihnachtsartikel. Auch wenn die wenigsten Leute hier christlich sind, so nehmen die meisten doch gerne die Feiern und kapitalistischen Traditionen mit. Aufgrund der immer noch sommerlichen Temperaturen in Kaohsiung befremdelt mich der Hokupokus ein bisschen, abgesehen davon ist es mir aber egal. Viele Artikel haben einen Taiwanbezug, das macht es ganz witzig. Winzige Klemmbausteinsets, um in wirklich hässlicher Optik den Taipei 101, die Great Harbour Bridge oder den Sky Tower nachzubauen, viel zu dunkle Modelllampen, Weihnachtsdekoration mit grüßendem Schwarzen Bär (Nationalmaskottchen) und landkartenartig designte Taschen kann man sich wenigstens einmal ansehen. Sabrina kauft sich einen Handyhalter aus Holz, schließlich muss man den Bildschirm beim Essen irgendwo vernünftig abstellen können. In der Halle gibt es sogar ein Hostel, das im Obergeschoss einzelne Kajüten platziert hat und für großes Geld vermietet, wie Google sagt.

Minda will dann zurück, da sage ich nicht nein. Sechs Stationen Tramfahrt zittere ich, weil meine EasyCard kein Guthaben mehr hat und an der Station keine Auflademöglichkeit besteht. Für den Local Train bekomme ich das aber hin und fahre mit Minda ab Nanzih YouBike. Kurz vor den Campus halte ich an der Ecke mit den convenience stores, um endlich eigenes Geld abzuheben. Im Family Mart wird die Transaktion abgebrochen, allerdings kann der Automat auch nur Chinesisch, vielleicht habe ich etwas falsches ausgewählt. Im 7/11 bekomme ich zwar ein englisches Auswahlmenü, aber irgendwie kommt eine ähnliche Meldung erneut. Da ich nach Eingeben der PIN noch zur Betragsauswahl komme und entscheiden muss, ob ich die Währung konvertieren will oder nicht (niemals machen!), muss es ja irgendein ATM-Problem sein. Allerdings kommt die Karte anschließend nicht mehr raus, das hässliche Monster mit den drei Buchstaben hat sie verschluckt. Nach ein paar Mal tippen und rütteln frage ich eine Frau hinter mir nach Hilfe, die ihrem Outfit nach zur höheren Klasse (jungen Alters) gehört. Sie ist aber sehr freundlich und telefoniert über das Kabeltelefon über dem Automaten, während ich wie verrückt in meinen Taschen suche, ob die Karte nicht doch dort gelandet ist. Krass, wie schnell man sich selbst anzweifelt, wenn man sich unter normalen Umständen todsicher wäre. Schließlich führt die Frau testweise ihre eigene Transaktion durch, eine Einzahlung von einem sehr dicken Bündel Tausenderscheine. Selbst wenn es „nur“ 30 oder 40 Stück sind, hat sie da gerade einfach über 1000€ in der Hand. Ihre Karte funktioniert übrigens bestens. Auf meiner Quittung steht außerdem wie zuvor angezeigt nur etwas von „Transaction Fail“, das kann ja alles heißen.

Nachdem die Frau jemanden in der Leitung erreicht und sie anschließend Telefonnummern gegoogelt hat, sagt sie mir, dass das Problem an einer zu oft eingegebenen PIN liegt und der Automat die Karte vorerst behält. Morgen kann ich irgendwo anrufen, aber wie es dann weitergeht, muss ich wohl selbst rausfinden. Ich bin stinksauer, natürlich nicht auf die Frau, sie hat mir ja ohne Weiteres so gut wie möglich geholfen. Aber der ATM ist ja mal so gehirnamputiert, ich glaub‘s nicht. Als hätte ich eine Wahrsagekugel vor mir, hält er es wohl nicht für nötig, mich darüber zu informieren, dass die eingegebene PIN falsch war. Hätte ich das gewusst, wäre ich natürlich nach Hause gefahren und hätte nochmal genau nachgeschaut. Vermutlich hatte ich einen Zahlendreher drin, denn nach dem Verlust der letzten Karte musste ich die PIN vor vielen Wochen ändern und hab sie noch nicht einmal benutzt, da meine Handy-Wallet mit Face-ID funktioniert. Jetzt sitze ich mit knapp 3-4€ in bar in meinem Zimmer, für Frühstück und ein Ticket in Richtung Tainan morgen wird es wohl reichen. Und klar kann ich mir vermutlich von irgendwem Geld leihen, aber die Enttäuschung ist groß, nachdem ich so lange auf die Erlösung gewartet hatte und jetzt wieder genau dasselbe Problem habe. Na toll, vielen Dank an den verschrotteten Mülleimer (namens ATM) von nebenan. Dieser 7/11 steht bei mir eh schon schlecht im Kurs, besser wird es dadurch nicht.
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