Samstag, 22. November

Erste Amtshandlung des Tages ist ein Anruf unter der Nummer des ATM-Besitzers, der „CTBC Bank“. Nach einer Weile komme ich sogar in eine englischsprachige Telefonschleife, allerdings legt die sich mehrfach von selbst auf, mit dem Hinweis, alle Mitarbeiter seien „busy“. Also leihe ich mir entschuldigend lebensrettende 1000$TD von Sky, er soll sie bald wiederbekommen. Sascha hat unterdessen meinen Blog gefunden, nachdem ich ihm einen Hinweis gegeben habe, wie man ihn findet.

Mein Programm für heute umfasst vor allem den ersten Wettkampf der „Saison“, voraussichtlich werden es aber sowieso nicht mehr als drei. Auch wenn meine Disziplin (Staffellauf 4*100m) erst um 16 Uhr beginnt, fahre ich mit Ray schon ab 12 Uhr los, er empfiehlt: „you can go to there make friends haha“.

An der „Nanzih Train Station“ nutze ich den frischen Kredit erstmal, um meine EasyCard aufzupimpen. Es sitzen einige junge Leute um mich herum, bei niemandem kann ich aber mit Sicherheit sagen, ob er vielleicht aus meinem Verein ist. Am Bahnsteig sehe ich dann aber Byron, der grinsend mit einem McDonalds-Cup auf mich zukommt. „How are you?“, frage ich. „I couldn‘t sleep last night“, seufzt er. „Because of the competition?“ „No, no. But I am so excited.“ „Did something good happen?“ Er zögert kurz, „No! Haha“ lacht er verlegen, das erinnert mich an irgendeine Sitcom. Ray schreibt, dass wir nicht auf ihn warten sollen, und kommt in letzter Sekunde die Treppen hochgesprintet. Während Byron und ich schon Wettkampfklamotten anhaben, trägt er wieder seine weiße Felljacke, die irgendwie nicht so ganz zu ihm passt. Die beiden fangen sofort an, Chinesisch zu reden, also höre ich zu und beobachte. Der Local Train, den wir nach Tainan nehmen, gehört zwar der langsamsten Kategorie an, aber durch weniger Stopps als andere Varianten kommt er schneller voran. Obwohl es wirklich kein kalter Tag ist, tragen außer mir sämtliche Passagiere lange Klamotten. Klar, die Taiwanesen (oder jedenfalls die Kaohsiunger) fangen ab 27 Grad und weniger schon an zu frösteln. Eine halbe Stunde Stehen später sind wir in Tainan. Das Wettkampfstadion, in dem eine Tainaner Uni trainiert, ist nicht nur fußläufig erreichbar, es ist sogar der direkte Nachbar des Bahnhofs. Durch eine niedrige Mauer und wenige Bäume ist es klar vom Verkehr abgegrenzt, die hohe Tribüne ermöglicht aber einen guten Blick auf Bahnhof und Downtown. Die Tartanbahn und weitere Anlagen sind gut in Schuss, so muss das sein. Das Dach der Tribüne soll organisch wirken, die Unregelmäßigkeiten in Putz und Winkeln lassen das Ganze aber etwas billig erscheinen. Byron wundert sich über die wenigen Teilnehmer vor Ort, allerdings wird im Gegensatz zu den letzten Jahren dieses Mal kein 100m-Sprint angeboten, was wohl viele abschreckt. Da hilft auch nicht das nachträgliche Anbieten der Disziplin, soll mir aber recht sein. Die beiden Jungs begrüßen ein paar Leute der anderen Uni, die in weißen Shirts auflaufen, diesen Vibe kenne ich auch aus Deutschland. Leider alles in Chinesisch und ich werde nicht beachtet, so will es das Außenseiterdasein. So viel zu „make new friends“, das ist gar nicht so einfach.

Stadion neben der „Tainan Station“

Die Jungs sind neben der Staffel auch beim Weitsprung angemeldet, ein Grund für unser frühes Erscheinen. Da aber auch das erst um 15 Uhr startet, haben wir noch zwei Stunden, eine davon reicht für Powernaps, während weiterer bekannte Gesichter ankommen. Irgendwie sind alle müde, drei von ihnen reichen sich einen Energydrink rum. Zwei der ganz stillen Mädels kommen dann auch, eine hat für jeden eines dieser isotonischen Sportgetränke dabei, mit den Elektrolyten und so weiter. Byron hilft mir bei meinem Kreditkartenproblem, denn ich kann keine Anrufe mehr tätigen, Guthaben aufgebraucht. Das ist nochmal ein ganz anderes Thema, ich habe bereits mehrfach erfolglos versucht, es aufzubuchen, allerdings ohne Erfolg. Also wählt Byron sich durch verschiedene Nummern durch, nur um am Ende ebenfalls versetzt zu werden, die Center seien „too busy right now“. Ja klar, den Trick kenne ich aus Deutschland, aber es hilft ja nichts. Außer es später nochmal zu versuchen.

Allgemeiner Powernap

Ray ist so nett und organisiert, dass ich auch beim Weitsprung antreten darf, ansonsten würde ich alleine auf der Tribüne hocken. Ich habe zwar weder einen Anlauf im Kopf noch Übung in letzter Zeit gesammelt, aber die anderen haben das meines Wissens nach auch nicht trainiert und man hat ja auch ein paar Übungssprünge, um warm zu werden. Auch wenn mein letzter Weitsprung-Wettkampf ziemlich sicher auf 2018 datiert und ich ihn im Trikot meines Kindheitsvereins absolviert habe, ist Geschwindigkeit ja die halbe Miete und ich muss auch keine Medaille gewinnen, um es mal so zu sagen. Wenn ich den Absprung getimt kriege, kann ich sicher etwas Akzeptables auf die Tafel bringen.

Meiner Erfahrung nach sollte man etwa eine Stunde vor Wettkampfbeginn mit dem Aufwärmen starten, aber die Gruppe macht diesbezüglich keine Anstalten. Vielleicht hängt der Zeitplan ja auch hinterher, jedenfalls wäre es dumm, auf eigene Faust anzufangen, wo ich doch keine Informationen auf Englisch bekomme. Und so schauen wir erst einmal den Sprints auf der Geraden vor der Tribüne zu. Vor uns sitzt das Komitee mit Mikrofon, Bildschirmen und Musikboxen, von hier läuft alles an. Die Startschusspistolen müssen einige Minuten lang getestet werden, bevor es losgehen kann. Erinnert mich irgendwie an das Gerät von Edward, welches immer ein ziemlich russisches Roulette ist. Dann geht’s aber los, alle filmen und schauen gebannt auf die Bahn, während die Organisatoren kommentieren und ihren Senf dazu geben. Ich staune nicht schlecht, als bei einem Lauf 10.47 angezeigt wird, immerhin ist das nur ein kleiner Uniwettkampf. Dann aber fällt mir auf, dass im Ziel gar keine Lichtschranken aufgestellt sind. Ray zeigt auf eine winzige Tribüne auf Höhe der Zielgeraden, und aufgepasst: dort sitzen ungefähr acht Leute mit mutmaßlich Stoppuhren in den Händel, die jeweils einem Läufer zugeordnet sind. Das erklärt möglicherweise die besonders schnelle Zeit, auch wenn der Typ wirklich durchgeflitzt ist. Lichtschranken können doch nicht so teuer sein, oder? Ich weiß aus Schulzeiten, wie extrem ungenau handgestoppte Zeiten sein können, gerade auf so verhältnismäßig kurzen Strecken. Richtig ernst kann man den Wettkampf wohl kaum nehmen.

Schnelle Läufer und steinzeitliche Messmethoden

Auf die knappe Zeit angesprochen, sagt Byron, dass wir uns tatsächlich aufwärmen sollten, aber niemand bewegt sich. Also gehe ich nach einer Weile nochmal aufs Klo, aber als ich zurück bin, ist niemand außer Ray noch da. Er dehnt sich in aller Seelenruhe, hört Musik. Im Stadion sehe ich die anderen nicht, also sind sie vermutlich auf Klo oder sprechen mit anderen Leuten. Dass das nicht so ist, checke ich, als Ray mich mitnimmt hinter die Tribüne. Dort machen sie sich auf einem Fußgängerweg des Campus warm, angeblich ist das Stadion fürs Aufwärmen versperrt (warum auch immer, denn benutzt wird die hintere Bahn nicht). Lauf-ABC und Sprung-ABC auf den Gehwegplatten schmerzen nicht nur beim Anblick, sondern auch leicht in der Ausführung. Sprunglauf auf Beton, da dankt die Knochenhaut. Tatsächlich wärmen sich hier auch ein paar andere auf, mit denen die Gruppe immer ein paar kurze Worte wechselt. Man kennt sich von anderen Wettkämpfen, diese Bekanntschaften sind hier auch nicht anders als in Deutschland.

Zurück auf die Tribüne, und dann geht’s auf einmal los, „Let’s go“. Mit Spikes, Handy und Trinkflasche rüber zur Weitsprunggrube auf die andere Stadionseite, das Einspringen beginnt gleich. Auf Nachfrage bleibt Byron nach seinen eigenen Sprüngen kurz an der Grube, um auf meinen Absprung zu schauen. Wenn ich da niemanden hätte, könnte ich den Wettkampf gleich vergessen, schließlich will ich ja gültige Sprünge machen. Zwei, drei Warmmachsprünge später ist der Anlauf deutlich nach hinten gewandert (denn ich war jedes Mal weit hinter der Markierung), das ist ja meistens so, je besser man reinkommt.

Blick auf Weitsprunggrube und Bürogebäude

Dann werden alle Springerinnen und Springer aufgerufen, ich bin an sechster Stelle dran. Bevor es richtig losgeht, sollen wir uns in einer Reihe nebeneinander aufstellen, eine Fotografin macht die Runde. So wie wir da stehen, fühle ich mich fast wie ein deutscher Fußballspieler während der Nationalhymne, nur ohne die Musik. Ray neben mir flüstert: „Fast, you need to wear this!“ und zeigt auf sein Trikot. Zum Glück habe ich es unterm T-Shirt, das ich schnell ausziehe und hinter meinem Rücken in den Händen halte. Ich höre irgendwen hinter mir das Stichwort „live“ droppen und stelle fest, dass die Namen der Teilnehmenden aufgerufen werden. Das Mädchen rechts von mir winkt mit ausgestrecktem Arm und tritt dann ab, da realisiere ich erst, dass mein Gesicht jetzt irgendwo im Fernsehen oder sonstwo zu sehen sein muss. Vermutlich wird „Leo“ gesagt, ich nicke in die Kamera und warte kurz, bis ich ebenfalls abtrete. Wow, das war knapp. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass allzu viele Leute bei sowas einschalten, aber trotzdem besser, ich falle nicht negativ auf, z.B. durch Wegdrehen, Kratzen oder Gähnen. Später bekomme ich den Link zum Livestream der Uni, glücklicherweise kein richtiges Fernsehen. Ab 5:33:20 ist die Vorstellungsrunde zu sehen:

https://www.youtube.com/live/WuVZyaQ33ps?si=cuTY9d-BoPrdZsy5

Dann geht es los, während mehrere Kameras dauerhaft auf den Springer gerichtet sind. Dass ich aufgerufen werde, muss mir erst mitgeteilt werden, denn leider wird nicht nur die Nummer, sondern auch irgendwas drumherum angesagt, das ich nicht verstehe. Immerhin bin ich als erster Junge dran, das kann ich mir merken. Der erste Versuch ist ungültig, diesmal war es aber wenigstens knapp an der Markierung dran. Byron hat sich beim Einspringen irgendwas am Knöchel geholt, legt aber trotzdem einen beeindruckend hohen Sprung hin. Der letzte Junge im Feld lässt sich besonders viel Zeit, kann es sich prestigetechnisch aber auch leisten. Angeblich liegt seine Bestleistung bei deutlich über 7 Metern, damit dürfte er der Beste hier sein. Obwohl die Sonne nicht besonders blendet, tragen fast alle Athleten eine schnelle Brille, irgendwie ein lustiges Detail. Mein zweiter Sprung ist immer noch ein kleines bisschen zu nah, aber ich schaffe es, ihn durch einen verkürzten Schritt gültig zu machen. Es gibt keine Anzeigetafel, ich kann mir die Weite aber bestimmt später zeigen lassen. Außerdem müsste der dritte und letzte Versuch deutlich besser werden, da der Anlauf jetzt passt und ich mich endlich auf den Sprung selbst konzentrieren kann.

Dazu kommt es aber nicht, denn ganz aufgeregt packen die Jungs ihre Sachen, auf einmal soll die Staffel losgehen. Na toll, gerade wenn ich die Chance kriege, einen guten rauszuhauen. Die Zeit scheint sogar so knapp zu sein, dass die Übergabe nicht einmal noch geübt werden kann, eigentlich so üblich. Aber ja, was erwarte ich eigentlich noch von diesem Wettkampf? Bisher läuft ja nicht allzu viel für mich. Meine Jungs schicken mich auf Bahn acht, ganz außen laufen wir. Alex, der der vierte Läufer des anderen Teams unserer Uni ist, gibt mir noch schnell den Ansteckzettel fürs Trikot, auf dem normalerweise die Startnummer steht. Heute bekomme ich dafür den Stempel als Mitglied von Team B der NKUST, bzw. der 高科大 „gāokēdà“, die Kurzform. Die Rollen sind also verteilt. Kurz bevor es losgehen soll und die meisten Wettkampfrichter schon weiße Fahnen schwenken, fällt mir das Fehlen eines Läufers auf Bahn sieben auf, sodass ich alleine am Rand stehe. Noch habe ich das kleine Trauma von Donnerstag im Kopf, wo mein Vorläufer und ich auf unterschiedlichen Bahnen gelaufen sind. Daher muss ich den Typen mit der Fahne unbedingt fragen. Ob er mich versteht, kann ich nicht sagen, aber er schwenkt rot und schickt eine Sprachnachricht ab, danach gehe ich auf Bahn sieben. Ob das eine Anweisung von ihm oder eine Frage war, keine Ahnung, aber es macht Sinn. Den Startschuss hört man bei uns nichtmal, aber man sieht gut, wie es losgeht. Bei der ersten Übergabe gerät eine Gruppe deutlich ins Straucheln, aber trotzdem kommt mein Läufer als Letztes bei mir an. Anscheinend laufe ich zu früh oder zu schnell los, denn er ruft „Slow!“ und der Staffelstab wechselt ganz unsicher die Hände. Ich renne zwar Fullspeed, aber das ist egal, mit locker zwei Sekunden Verspätung komme ich als Letzter ins Ziel. Ein riesiger Abstand, unfassbar.

Schön ausführlich dokumentierte Langsamkeit auf der Außenbahn. Der Himmel ist aber wirklich schön.

Dann trete ich den Walk of Shame zu meinen Sachen an, auch wenn mir klar ist, dass die wenigsten interessiert, wie schnell ich oder meine Gruppe waren. In dem Moment wird mir auch klar, dass unser Trainer fehlt. Edward hatte am Donnerstag noch versprochen, aufzukreuzen. Jemand, der ein bisschen Struktur reinbringt und der mir vielleicht auch mal rechtzeitig sagt, wo ich wann hinmuss, würde definitiv helfen. Ich bin ja wirklich gerne selbstständig und mich nervt es selber total, dass ich die ganze Zeit Fragen stellen muss, aber wenn alle schriftlichen Infos auf Chinesisch sind und es einer Lotterie ähnelt, Englischsprechende zu finden, bin ich nunmal auf die Gruppe angewiesen. Apropo Gruppe, seit dem Lauf habe ich sie auch nicht gesehen. Nur Alex, der gleich mit seiner Freundin abhauen will, packt neben mir seine Sachen ein und gibt mir ebenfalls als einziger eine Fistbump, wie ich es von anderen Wettkämpfen übrigens gewohnt bin, mit jedem Teilnehmer auszutauschen. Er fragt mich dann irgendwas zum Weitsprung und zeigt rüber, wo wieder gesprungen wird. Ich verstehe schon, die anderen sind dort. Kann mir eigentlich mal irgendwer sagen, wann was wo stattfindet? Eine Chance auf den dritten Sprung habe ich zum Glück nicht verpasst, da wir durch die Staffelteilnahme darauf verzichtet haben, aber mich ärgert trotzdem, dass niemand es für lohnenswert erachtet, mich darüber zu informieren, wo die Gemeinschaft hingeht oder was als Nächstes ansteht. Ray und der lockige Kollege von der Staffel haben es ins Finale geschafft, ich setze mich zu den anderen auf eine Metalltribüne. Kurz darauf gehen sie alle nacheinander nach hinten, um sich dort hinzusetzen. Natürlich interpretiere ich die Dinge gerade anders als sonst, aber ich bilde mir auch ein, dass sie nicht so viel Lust auf mich haben. Ich weiß, dass ich offensichtlich nicht das Charisma haben, den Muttersprachenverwöhnten einen Unterhaltungsmehrwert bieten zu können, aber mir kommt es in dem Moment einfach asozial vor. Es ist schon hart genug, den ganzen Tag in einer Gruppe voller Lacher, die ich nicht verstehe, unterwegs zu sein. Lasst mir doch wenigstens das Dabeisein. Das Gefühl von Ausgeschlossenheit oder Außen-vor-Sein, das ich heute erlebe, ist wirklich krass, und dabei unterstelle ich niemandem eine ernsthaft böse Absicht, eher fehlende Rücksicht. Es erinnert mich stark an alte Zeiten in meinem ersten Verein, von denen ich dachte, sie lägen für immer hinter mir; jetzt liegt es immerhin nur an der Sprachbarriere. In Berlin fühle ich mich manchmal schon schlecht, in der direkten Anwesenheit von Internationals beim Training längere Gespräche auf Deutsch zu führen, aber das ist absolut kein Vergleich zu hier. Im Nachhinein ärgere ich mich auch, nicht mehr auf die anderen Teilnehmer zugegangen zu sein, aber ehrlich gesagt musste ich einerseits immer schauen, ob ich irgendwas verpasse und andererseits geht mir langsam die Motivation aus. Ich nicke vielen freundlich zu, aber die hohe Wahrscheinlichkeit, auf eine Frage ein noch fragloseres Schulterzucken zu bekommen, frustriert ungemein. Meine Erfahrung hat bisher auch gezeigt, dass die, die des Englischen tatsächlich mächtig sind, oft mutig genug sind, dies mit einer kleinen Phrase, wenigstens mit einem „Hello“ zu erkennen zu geben. Wenn nichtmal mein eigenes Team mit mir reden kann, wie soll das dann mit schüchternen Randoms in einer anderen Stadt funktionieren…

Nach der Weite meines einzig gültigen Sprungs zu fragen, spare ich mir übrigens, besonders weit wird es jedenfalls nicht gewesen sein, nicht über sechs Meter. Dem Staffelkollege sage ich noch Sorry, nicht weil ich mich persönlich in besonderer Schuld sehe, sondern einfach wegen des schlechten Runs an sich. Da hätte man logischerweise öfter üben müssen. Er grinst, „It’s okay“. Kein Vorwurf an irgendwen. Wir lachen noch über das Missverständnis mit den unterschiedlichen Startbahnen, vermutlich ist ein Team ausgefallen, weshalb wir nach innen gerückt sind.

Dann wird es schnell dunkel, im rötlichen Abendlicht der recht niedrigen Tainaner Skyline werden mehrere Siegerehrungen durchgeführt. Eine Hymne erklingt, aber ob es die taiwanesische ist, finde ich nicht heraus. Wir schleichen uns hoch zu den Sachen, dort werden kleine Teilnehmerpreise präsentiert. Instantnudeln in großen Packungen, allerdings ausschließlich mit Fleisch. Dafür bekomme ich eine Plastiktüte mit mehreren Tetrapacks der „FIN“-Getränke, die angesprochenen isotonischen.

Siegerehrungen auf der Tribüne
Warme Farben über der alten Hauptstadt

Ich frage Byron erneut um Hilfe bezüglich meiner Kreditkarte, diesmal scheint er dann auch in der Leitung durchzukommen. Allerdings gibt es schlechte Nachrichten für mich: „When the ATM didn’t give your card back, it means that it was recyceled.“ Recyceled?? Ja, richtig gehört. Das ist der Euphemismus der Woche, so klingt es geradezu sinnvoll. Deutschland outsourced sein Recycling, könnte man auch sagen. Aber egal wie ich es drehe und wende, meine neue gute Karte ist nach wenigen Stunden wieder futsch, bitter. Der Tag ist wirklich mal einer zum Vergessen. Das Positive werden in erster Linie der Muskelkater und das daraus resultierende Muskelwachstum sein, durch das ich hoffentlich weiterhin in einen Sprint- bzw. Wettkampfrhythmus kommen kann. Ich kann übrigens gut damit leben, nicht als Schnellster oder Bester aus Wettkämpfen zu gehen (was auch unter keinen Umständen hätte passieren können, denn trotz der laienhaften Organisation sind z.T. ziemliche Maschinen angetreten), mich stört aber, wenn ich nicht das zeigen kann, was eigentlich in mir steckt.

Einige Leute verabschieden sich dann. Byron entgegnet meiner Frage nach dem von ihm angepeilten Zug mit dem Angebot, als Gruppe Abend essen zu gehen. Allerdings bleiben Ray und der Kapitän bei den Leuten der Tainaner Uni, ohne uns/mich zu fragen, was vielleicht auch besser so ist. Den Kapitän habe ich vor einigen Wochen ja nur provisorisch so getauft, weil er keinen englischen Namen hat und fast nie ein Wort mit mir wechselt. Aber er scheint wirklich einer zu sein, denn in der Line-Gruppe nennen ihn alle so, er organisiert bspw. Merch und anderes.

Byrons Knöchel ist mittlerweile angeschwollen, auch Kühlung hilft nicht, er lässt sich aber überreden, vor der Zugfahrt wenigstens etwas Kleines essen zu gehen. Neben dem Bahnhof sehe ich dann auch endlich, wovor er und Ryan mich immer gewarnt haben: die engen Straßen Tainans. Rein optisch sind sie vielleicht gemütlich und süß, aber sowohl für Fußgänger als auch für Motorradfahrer sind sie durchaus gefährlich. Zuerst muss Byron seinen Autoschlüssel aufladen lassen, dann finden wir ein grell gehighlightetes Restaurant. „So cheap!“ Also kehren wir ein.

Für eine Stadtmitte sind das wirklich enge Straßen
Leckerer „Golden Fish“

Ein gemixtes Tablett später stellen wir fest, dass der Zug bald kommt und rennen angeknackst durch die Innenstadt, Byron mit Knöchel, ich mit Oberschenkel. „Like two old man“, so sieht unser Laufstil wohl aus. Gerade so bekommen wir den Zug, keine zehn Sekunden vor Abfahrt.

Asiatische Skills

Mit voll getanktem Autoschlüssel fährt Byron mich noch zum Dorm, das schätze ich sehr. Ein Eisladen auf dem Weg hat leider geschlossen, sonst hätten wir da auch noch gehalten.

Sky scheint krank zu sein, jedenfalls warnt Dylan mich vor, als ich ins Zimmer komme. Nicht dass ich ihn sehen würde, der Indonesier ist vollkommen von seiner dicken Bettdecke verhüllt und in dem Moment, wo ich seinen Kopf doch einmal sehe, erkenne ich eine Maske in seinem Gesicht. Dass er so nicht erstickt, grenzt doch an ein Wunder. Klar, wir leben auf engstem Raum zusammen, wenn einer wirklich krank ist und sich nicht in DIY-Quarantäne begibt, steckt er die anderen wohl an, aber so kann man doch auch nicht leben. Vielleicht ist es aber auch nur das Mindset, schließlich bestreiten in Taiwan genug gesunde Menschen ihren Alltag mit Maske. In einer Wachphase wünsche ich Sky gute Besserung. Trotz doppeltem Pulli (während ich nur in Unterhose rumrenne) behauptet er, nur ganz leicht angeschlagen zu sein. Hoffen wir es. Und schauen wir mal, was wird.

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