Sonntag, 23. November

Damit ich es nicht wieder vergesse, muss ich mal festhalten: die Cafeteria hat sonntags zwar offen, aber nicht am Morgen. So muss ich in der frühen Vormittagshitze um zwanzig nach zehn zum FamilyMart brutzeln. Mit mehreren kleinen Snacks (grüner Tee, Minipfannkuchen, Banane, Brötchen, Reisdreieck, Kaffee) decke ich mich ein und kann wenigstens mit meiner Handy-Karte zahlen, die sich nach Neu-Beantragen der physischen direkt resettet hat. Eine junges Elternpaar mit zwei Kindern hat einen ähnlichen Plan wie ich, deckt sich mit Weißmehlwaren bis zum Rand ein. Der Vater drückt seinem Sohn, der so klein ist, dass er bestimmt gerade erst laufen gelernt hat, eine große Tüte Milchbrötchen in die Hände, besorgt selbst anderes Teufelszeug. Wie kann man mit seinen Kindern nur im convenience store Essen besorgen?? Es ist ja nicht einmal billiger als die vielen Frühstücksrestaurants, deshalb kann das keine Ausrede sein. Natürlich stinkt das irgendwie nach Doppelmoral, weil ich ja selbst nicht besser bin, aber Gott sei Dank habe ich noch keine Kinder, das wäre jedenfalls etwas ganz anderes. Und wäre ich nicht nur so kurz befristet im Land, würde ich der Ernährung einen viel höheren Stellenwert einräumen. Wer mit 7/11 und FamilyMart als Hauptnahrungsquelle aufwächst, kann sich doch gleich ein Diabetes-Gen in den Embryo setzen lassen. Oder so ähnlich.

Mit blauen Bannern wird für den First-Campus-Wettkampf am Nikolaus geworben

Im Dormflur begegnet mir Heizo, bestimmt erst das erste oder zweite Mal, seit ich A203 verlassen habe. Dabei schlafen wir beide eigentlich Kopf an Kopf, fällt mir auf. Natürlich mit der Wand dazwischen, aber als Zimmernachbarn müsste man sich doch eigentlich häufiger begegnen. Wir grüßen freundlich, er ruft mir „Guten Tag!“ zu. Lachend erwidere ich den Gruß, aber er will noch mehr zeigen. „Wie heißen Sie?“ „Ich heiße Leo, und Sie?“ „Ich… heiße Heizo. Woher kommen Sie?“ Wir stehen immer noch zehn, zwanzig Meter auseinander und die Grußformeln hallen durch den Flur. „Ich komme aus Deutschland! Woher kommen Sie?“ „Ich komme… aus Ja-paan! Wo wohnen Sie?“ „Ich wohnte hier.“, zeige ich nach links. Das reicht dem Japaner, er winkt und geht ins Zimmer. Lustig.

Sky ist immer noch krank, liegt regungslos schlafend unter der Decke, die für hiesige Verhältnisse gut und gern als Winterdecke durchgeht. Dylan kocht und fragt mich, wohin es heute geht, da ich die Bauchtasche packe. Einen großen See im Osten der Stadt will ich mir mal anschauen, abends bin ich verabredet, und ansonsten mal schauen. Was er vorhat? Nichts, „I am too lazy.“ „Do you want to come with me?“ Kurzes Überlegen. „No. Too lazy.“ „Do you want to change anything about that?“ „No“, sagt Dylan und lacht. Er war als Kind und diesen Sommer bereits für jeweils zwei Wochen in Taiwan, also muss er das Land ja bereits kennen wie seine Westentasche. Wenn er lieber am Handy gammeln möchte und dabei sogar glücklich ist, dann soll es wohl so sein. Wahrscheinlich ist es für die Indonesier aber auch ganz anders als für mich, erstens wegen ihres eigenen tropischen Landes und zweitens, weil sie die nächsten drei Jahre hier sein werden. Mich jedenfalls macht die Doomscrolling-Hockerei mental krank. Muss ganz dringend los.

Ich lasse nicht zu, dass dieser Sonntag sich verschwendet anfühlt. Der See ist mit Öffentlichen wirklich schwer zu erreichen, also wähle ich die pragmatische und tonartige Alternative: YouBike. Eine knappe Stunde sagt Google voraus, aber das finde ich gar nicht schlecht, Fahrradfahren durch unbekanntes Gebiet kann wahlweise sehr meditativ oder sehr interessant sein. Die ersten Kilometer kenne ich noch, dann wird es wild. Einsame Straßen durch Felder, dann breite leere Landstraßen, immer geradeaus. Eine Abzweigung eröffnet interessante Blicke auf Fabriken, und je weiter ich gucke, desto mehr werden es. Sieht nach der perfekten Sidequest aus.

Industriegebiet im „Renwu District“

Die Straßen hier sind ebenfalls breit, leer und geben mir ganz leicht apokalyptische Vibes. Umgeben von qualmenden Schornsteinen, Gerüsten, Rohren aller Art, Stromleitungen und Blechfassaden fühlt es sich ganz besonders an. Die Optik solcher Gebiete spricht mich ungemein an, je mehr Industrie, desto besser. Vermutlich ist das sowas wie meine brutalistische Ader. Einzig Sorgen mache ich mir um meine Gesundheit. Schon in normalen Stadtgebieten tragen viele Bewohner Masken, inmitten von Chemiefabriken sollte man das eventuell erst recht tun. Leider habe ich keine dabei, also versuche ich einfach, nicht lange zu bleiben. An einem Tor von TSCR, das wird der Mitarbeitereingang eines Areals sein, hängt so etwas wie eine Reklametafel, die mit ungewöhnlichen Informationen wirbt: aktuellen Arbeitszeiten, -bedingungen und Verletzungsdaten der Arbeitnehmer. „We Aim for Zero Desasters and Zero Injuries!“ Ziele sind ja toll, aber wie sieht’s mit den Fakten aus? Der letzte Vorfall datiert auf den 27. Oktober diesen Jahres, nicht einmal ein Monat ist das her. TSCR steht übrigens für „Taiwan Synthetic Rubber Corporation“ und hat nichts mit TSMC zu tun. Erstere stellen Synthesekautschuk her, letztere Computerchips.

Tolle Szenerie
Sind die Werte jetzt gut oder schlecht?

Zwei Kreuzungen später fangen wieder normale Bezirke an. Kann sein, dass ich es mir einbilde oder es am Verkehr generell liegt, aber ein leichtes Brennen (das ich übrigens auch aus schlechten Tagen in Berlin kenne) macht sich in meiner Nase breit. Die Luft hier ist halt nicht die beste, wen wunderts. In den ‚normalen‘ Bezirken vermischen sich wieder Felder und Häuser, als würden sie derselben Kategorie angehören, wundervoll. Wie ein Catwalk führen schmale Motorradstraßen über frisch bewässertes Ackerland und kloakige Gewässer, die mit dem Wort Kanal noch zu gut bedient sind.

Nachbars Garten halt, was sonst

Beim Losfahren habe ich mir übrigens AirPods eingesetzt, eine seltene Aktion. Ich habe vor einigen Wochen schonmal darüber geschrieben, aber ohne mich dazu zwingen zu müssen, hat mein Musikkonsum diesen Sommer stark nachgelassen. Schon vor Taiwan, auch besonders hier bin ich immer mehr zu der Erkenntnis gelangt, dass ich einen Dopamin-Detox brauche, der auch Reizüberflutung mitmeint. In Taiwan gibt es so viel zu sehen und zu hören, da brauche ich mir nicht jedes Mal Ohrstöpsel zu geben, sobald ich das Haus verlasse. Innen habe ich aber meistens anderes zu tun, weshalb ich bisher fast gar keine Musik gehört habe. Heute ist das anders, zwei bestimmte Ohrwürmer lassen mich einfach nicht los. Ich schalte deren Song-Radio an, natürlich ausschließlich chinesischsprachige Songs. Während der Tour entdecke ich so einige Banger, was mich sehr glücklich macht. Am Ende meiner Zeit hier wird es bestimmt ein Ranking oder eine Playlist meiner Favorites geben.

Der „Chengcing Lake“ lädt mich dann erstmal zur Pause ein, auf einer Holzbank in leichtem Schatten kann ich die Aussicht genießen und das kleine Getränk schlürfen, das in die Bauchtasche gepasst hat. Ein Tempel, dessen Untergrund leicht in die Seefläche stößt, zieht mich zuerst an, laut bellende Hunde hinter Gittern stoßen mich aber wieder ab. Dieses Land kann irgendwie nicht ohne die Viecher, oder?

Palmen und strahlende Sonne, was will ich mehr?
It’se me

So langsam muss ich mal eine YouBike-Station finden, auf meiner Runde um das Gewässer werde ich fündig. Zufällig genau am Fuß der Wohnburgen, die bestimmt gute Seeblicke ermöglichen, nach außen aber doch recht grau und trist aussehen. Immerhin sind viele Balkone rundlich geformt und eine Fliesenfassade holt mich mit dem Farb- und Schattenmuster doch ein klein wenig ab. Am Rand des Sees stehen drei Pavillons, wenige Alte sitzen dort regungslos und starren vor sich hin. Ein Uferweg schlängelt sich zwischen Bäumen durch, dabei bleibt es aber auch.

Ich sehe das Haus vor lauter Apartments nicht!
Gar nicht soo langweilig
Was auch immer das ist
Äußerst langweilig. Abgesehen von der Höhenneigung der Kreuzung

Straßaufwärts zweigt vielversprechend eine Straße mit dem Schild „Kaohsiung Green Park“ nach links. Auf Google Maps werden im Norden des Sees Golfplätze angezeigt, aber das muss ich mir anschauen. Weiter hinten biegen eine Menge Fahrzeuge in eine langsam befahrene Spur ab. Bergaufwärts stehen Männer in orangenen Westen, die den Autos ihre Parkplätze zuweisen. Eine riesige Wiese muss dafür herhalten, wie bei einem Festival. Allerdings sind die Besucher zum großen Teil Familien und Rentner, die in Massen über das Gelände strömen. Glücklicherweise kann ich mein YouBike an einer leeren Station abstellen und schaue mir das Treiben von Näherem an. Der Eingang verlangt glücklicherweise kein Geld, man kann einfach passieren. Von erhöhter Position schweift der Blick in alle möglichen Richtungen. In die Ferne gezogene makellos gepflegte Rasenflächen, dabei spielen so viele Kinder und Erwachsene darauf. Zwischendurch immer mal sandige Löcher, der Golfpark wird also zweckentfremdet. Soll mir recht sein, mit diesem Elitesport habe ich sowieso nichts am Hut und wenn so viele Menschen davon profitieren, warum nicht.

Parkwiese
Fast schon royale Parkflächen
So weit das Auge reicht

Für meinen Spaziergang nehme ich die Ohrstöpsel raus. Nicht dass mich jemand einfach so ansprechen würde, aber Gehen hat nimmt auch die Geschwindigkeit raus, die die Musik mir gegeben hat und wenn man soziale Kontakte sammeln kann, dann bei sowas. Allerdings sehe ich mehrheitlich Familien mit Kleinkindern, auf Handys starrende Rentner, verliebte Pärchen und einzelne Schlafende. Trotzdem ist es sehr schön und irgendwie voll idyllisch, auch mit den Massen. Allein die langsam Laufenden stören, kein Taiwan-spezifisches Problem. Irgendwo ziehe ich die Schuhe aus und laufe über den einwandfreien Rasen. Mein Eindruck ist, dass viele gute Laune haben, kurze Zunicker und Lächler heitern auch mich auf. Am höchsten Punkt, neben einer wild diskutierenden Seniorengruppe, lasse mich mich nieder und tue es einer schlafenden Person gleich, die mit dem Rücken am Hang liegt und den Hut tief im Gesicht sitzen hat. Wer braucht schon Strand, wenn man auch das haben kann? Von meinen entspannenden Gedanken lenken nur die Insekten, mehrheitlich Ameisen ab, die es sich erlauben, friedliche Reisende zu überfallen. Ein buchstäblicher Steinpilz reicht aber auch. Meine Frage an Senioren nach Fotos von mir wird kurz erledigt, dann ziehen sie weiter.

Sehr gestellt, trifft aber trotzdem den Vibe
Erhöhter Blick auf die Skyline

Um 17:30 Uhr bin ich mit Fabian zum Pickleball spielen verabredet, davor will ich aber noch zu Sascha, der netterweise Cash für mich abgehoben hat. Praktisch, dass er nicht weit des Sportplatzes im Central Park wohnt, eines der leicht organisch geformten Hochhäuser nennt er sein Zuhause. Er holt mich in der imposanten Lobby ab und führt mich in seine Wohnung im 31. Stock.

Nachmittagsverkehr Kaohsiung East
Lobby von Saschas Residenz

Das kleine Apartment besteht immerhin aus Wohnzimmer, Bad, Arbeitszimmer, Schlafzimmer und ein bis zwei Balkonen, je nachdem wie man die zwei fast quadratischen Grundflächen zusammenlegt. Auf den Außenbereichen liegt einem quasi die ganze Stadt zu Füßen, auch weil der Blick nach Süd-Südost geht, wo die meisten Gebäude deutlich niedriger liegen als der kleine Palast hier. Durch fehlende Nachbarbalkone auf selber Höhe herrscht zudem ein enormes Maß an Privatsphäre, vermutlich bleibt man gänzlich ungesehen. Die Fläche vor dem Schlafzimmer fungiert als einziger Garten, in dem Sascha sein Gras anpflanzt, leider ganz gewöhnliches. Schön ist‘s trotzdem und dazu der Lieblingsspot von Thomas, der häufiger hier zu sein scheint (anderer Deutscher, den ich einmal im Chinesischkurs gesehen habe und der an der highschool Deutsch unterrichtet). Angeblich sitzt er hier zum Rauchen, nachdem er und Sascha beschlossen haben, weniger trinken zu gehen. Ich kann mir schlechtere Spots vorstellen. Ein Viertel unterhalb des natürlichen Blickfelds hat ausschließlich niedrige Häuser, deren enge Gassen und Wellblechdächer ziemlich nach Slum aussehen, aber gute Restaurants/Bars verstecken sollen. Wenn er Langeweile hat, beobachtet Sascha die anfliegenden und abhebenden Flugzeuge, deren Flugbahn ziemlich parallel zum Balkon verläuft. Des Weiteren fallen mir zwei kleine Laufbahnen auf, die in Laufweite erreichbar wären. Ich weiß, der First Campus hat auch ein Stadion, aber irgendwie sehen die beiden hier deutlich cooler aus.

Wir kommen auf meine missglückte Staffel von gestern und den Blog allgemein zu sprechen, Sascha hat sich selbst in einigen Einträgen entdeckt. Dabei hat er ein schönes Lob für mich in petto, man kann wohl gut erkennen, dass die Texte ohne KI geschrieben wurden. Wer hätte vor fünf Jahren gedacht, dass man sich über so einen Satz freuen wird? Ein sehr deutsches Bedenken hat er auch noch, Datenschutz, Datenschutz, Datenschutz. Recht hat er, aber bei den Taiwanesen fühle ich mich kein bisschen schuldig, die filmen und fotografieren sowieso alles (ohne Erlaubnis), was dreht und zuckt. Und sollte ich tatsächlich mal berühmt oder bekannt werden, muss ich die Seite wohl hinter eine Passwortschranke stellen oder wenigstens einige Bilder und Namen zensieren. Zukunftsmusik. Was mein Vorbild für den Blog bzw. meinen Schreibstil war? Boah, gute Frage. Zeitungen, vielleicht der SPIEGEL? Wenigstens der Anspruch, Wörter zu variieren und so gut es geht auf Rechtschreibung bzw. einen Stil zu achten, könnte daher kommen. Der Rest hat sich dann so ergeben. Dass Sascha den SPIEGEL noch nie gelesen hat, wundert mich dann aber. Vielleicht ist der aber auch nicht links genug. Auf jeden Fall danke ich ihm, dass er den Blog nicht an die anderen Deutschen weiterschickt, sie kommen ja nicht immer ganz so gut weg wie er, dem ich mittlerweile zutraue, mich meinen Roasts umzugehen.

Sodann leitet Sascha das Finale seines rhetorischen Schachzugs ein, schließlich hat er selber auch eine Website, nach der ich zwar nicht gefragt habe, die mich bei der Erwähnung dann aber doch etwas interessiert. Mir war bewusst, dass Sascha ein Jahr in Mumbai gelebt hat und die Zeit offensichtlich sehr genossen hat, sonst würde er wohl nicht in Kürze wieder nach Indien fliegen, aber für eine südindische Delikatesse scheint seine Vorliebe besonders groß zu sein: Dosa ist der Name eines herzhaften Pfannkuchensnacks, der besonders im Süden Indiens zu vielen Anlässen konsumiert werden kann. Saschas Website ist etwas nischig und beschäftigt sich ausschließlich mit Restaurants in Deutschland, wo man Dosa essen kann:

deutsche-dosa.de

Eine mit vielen Pins versehene Deutschlandkarte zeigt alle ihm bekannten Orte, wo dieses (National-)Gericht zu finden ist, Berlin ist dabei sogar Spitzenreiter. Wer weitere Restaurants findet, kann Vorschläge in einem Formular abschicken, das vom Chef persönlich reviewed wird. Zufälligerweise sind gerade heute zwölf neue Namen eingegangen, Sascha kann es nicht fassen.

Bevor ich gehen muss, bekomme ich noch mein langersehntes Cash von 12.000$TD (ca. 330€) und dazu das rooftop gezeigt. Spätestens auf diesem Hausdach ist mir endgültig klar, dass die so häufig zu sehenden Dachkonstruktionen tatsächlich kein bisschen mehr als nur Dekoration und eventuelles Vortäuschen von noch mehr Größe sind. Durch die Lücken des ovalen Dachabschlusses ist die Sicht nochmal deutlich besser: Alle Richtungen können beguckt werden, und der Zeitpunkt ist auch der richtige:

Sunset vom rooftop
Saschas Wohnhaus rechts im Bild, gelb angeleuchteter Dachabschluss

Deutlich zu spät komme ich zum Pickleball, denn Fabians Standort hat sich verflüchtigt und nur durch Zufall finde ich den Platz in der Nähe des Central Parks wieder. Kein Problem, der Preis wird sowieso pauschal erhoben und liegt bei schlappen 100$TD (2,80€) für den restlichen Abend. Auf drei überdachten Feldern, die neben einer Schule von den Organisatoren angemietet werden, duellieren sich wahlweise Einzelspieler oder Zweierteams, vermehrt aber letztere, als es immer voller wird. Fabian entschuldigt sich sofort für die unglückliche Kommunikation und bittet mich, kurz zu warten, bis Phillip und er ihre Runde mit zwei Taiwanesen zuende gespielt haben. Währenddessen suche ich mir einen Schläger aus und antizipiere die Regeln. Ein Feld misst vielleicht 6 Meter in der Breite und 13-14 Meter in der Länge, in der Mitte ein Netz wie beim normalen Tennis. Gespielt wird mit Plastikschlägern, die nahezu rechteckig und ungefähr A4-groß sind sowie mit einem Plastikball, der nicht nur innen hohl ist, sondern auch Löcher wie ein Schweizer Käse hat. Das führt zu lauten Kontakten und einer auf das Spielfeld angepassten Schlagweite. Das Ballgefühl ist m.E. nicht besonders schwierig, aber dafür sehr ungewohnt. Nach kurzer Zeit darf ich mich mit Fabian aufwärmen, ein paar Schläge hin und her. Dann kommt ein spielsuchender Taiwanese dazu und spielt mit Phillip gegen Fabian und mich. Die Regeln kann ich gar nicht genau erklären, weil ich sie auch nach Ende des Abends noch nicht ganz blicke. Besonders das Punktezählen, wer wann Angabe hat und wie man die Plätze im Doppel wechselt, sind Regeln, die sowohl Tennis als auch Spikeball ähneln und zusätzlich Eigenes mitbringen. So kann bspw. nur die Mannschaft mit der Angabe einen Punkt machen, die andere kann in dem spezifischen Satz höchstens verteidigen. Das Spiel (bis 11 Punkte, ohne Verlängerung) dauert also länger und hat eine erhöhte Zufallskomponente, weil nicht jede Machtdemonstration des Gegners die Punktedifferenz steigen lässt. Am coolsten finde ich aber, dass man abgesehen von den ersten zwei Ballwechseln nach einer Aufgabe in jeder Situation direkte Annahmen machen kann. Wenn der Gegner nach hinten spielen will, kann man den Schuss ganz einfach blocken, herrlich.

Fabian (rot) und Phillip (navy) am defenden

Weil der Andrang groß ist, spielen wir nicht immer zusammen. Eine taiwanesische Gruppe lässt in der Schärfe ihrer Schläge nicht ganz so viel Gnade walten, aber irgendwie bekomme ich es mit einer alten Frau hin, die Jungen Gegenüber zu schlagen. Mit jedem Ballkontakt werde ich besser, das Spiel macht unheimlichen Spaß. Sehr vertraut sind mir die Vorhandschläge, die stark an Tischtennis erinnern, denen man gut Spin mitgeben kann und die aufgrund des (im Vergleich zur Tischtennisplatte) gar nicht so kleinen Feldes leicht gelingen. Nach einem Match sind Wartende am Zug, man kann sich aber in die Warteschlange begeben, indem man den Schläger in eine Holzhalterung steckt, hinter den anderen.

Zum Essen machen wir Pause, und natürlich wird bestellt. Die Jungs wohnen in einem Hochhaus auf der anderen Straßenseite. Sie setzen mich in die Lobby, wo ich auf meine Bowl warten kann, während sie selbst zu McDonalds laufen. Keine zehn Minuten später fahre ich mit der UberEats-Tüte, deren kryptische Beschriftung auf das Stockwerk und die Zimmernummer der Dreier-WG hinweist, nach oben. Die Wohnung sieht gemütlich aus, hinter doppelter Sicherheitstür empfangen mich ein großzügiges Wohnzimmer mit Küche sowie ein Flur, der zu einem Bad und den drei Einzelzimmern der Innsbrucker Studenten führt. Kaan kommt aus dem seinen gekrochen und empfängt mich freundlich. Er und Phillip waren bis gestern im 10-Tage-Urlaub auf den Phillipinen, davon muss er sich erst noch erholen. Während ich esse, erzählt er von hunderten Kilometern Motorrad-Tour, die die beiden im Lauf ihres Besuchs auf Palawan zurückgelegt haben. Übrigens genau die Insel im Südwesten des Landes, die mir von den beiden Frauen in Taichung empfohlen wurde. Auch die Bilder auf Kaans Handy sprechen für sich: Traumhafte Strände, dazu beim Schnorcheln gesichtete Walhaie, Sonnenuntergänge und unberührte Natur. Ich bin schon in Taiwan, und trotzdem werde ich neidisch. Sollte ich meine Pläne irgendwie ändern, philippinisches Insel-Hopping könnte eine Option sein. Die Motorräder kann man wohl relativ leicht bekommen, also wäre das nicht das, woran es scheitern würde. Kaan erzählt außerdem von seinen Weihnachtsplänen, besser gesagt -überlegungen. Als Einziger der WG will er ursprünglich in Asien bleiben, aber genau wie Ihsan plagt ihn das Heimweh und eine endgültige Entscheidung steht noch aus.

Ein kurzes Bisschen lassen die Veranstalter uns dann noch spielen, bevor sie früher Schluss machen als gewöhnlich, denn außer uns ist niemand mehr da. Phillip hat sein eins gegen eins mit Fabian gewonnen, hält seinen Sieg auf Foto mit einer dominanten Geste fest. Zugegeben, seine Spielweise wirkt stärker als die von Fabian, auch wenn er durchaus mithalten kann. Fabian will beim Organisator noch klären, ob er einfach mal mittags spielen gehen kann, aber sein Anliegen wird nicht verstanden, deshalb tauschen die beiden ihr Line aus, Texten ist immer noch einfacher.

Bevor ich gehe, stellen Phillip und ich fest, dass wir beide den 玉山 „Yùshān“ (Jadeberg) besteigen wollen, und halten grob ein den Zeitraum Anfang Februar fest. Um die Genehmigung müsste man sich bald mal kümmern, aber wenn das klappt, wäre ich super happy.

Leider schmerzt die Muskulatur auf der Oberseite meines linken Fußes wieder, genau die Stelle, die nach dem Hochsprungtraining wehtat. Sehr wahrscheinlich liegt es am Pickleball und der ungewohnten, neuen Belastung. Im Dorm massiere ich die Muskulatur am Oberschenkel, um für Entspannung zu sorgen, mehr kann ich nicht tun. Sky geht es kaum besser, auch wenn er sagt, er sei nur müde. Sein Husten klingt eher, als hätte es draußen Minusgrade, der Arme. Ich kann nur hoffen, dass ich mich nicht anstecke, denn Ausweichen geht in einem Vierbettzimmer nicht nur schlecht, es geht schlicht gar nicht.

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