In Berlin passiert mir das häufiger, heute verschlafe ich ausnahmsweise. Ganz entspannt besorge ich die Pfannkuchenlieferung für Fabian und mich und schleiche mich rein, denn Konsequenzen gibt es keine. Danny (der Prof) guckt zwar ausdruckslos, aber ein „Sorry“ reicht ihm aus, um den Unterricht fortzuführen. Die Themen sind ganz ähnlich wie sonst, es geht um irgendwas mit Kaufverhalten und Werbestrategien. Dabei liegt der Fokus auf der „Generation Z“, die wir mit den Millenials (Gen Y) und der Gen X vergleichen. Die unsrige Generation (1997-2012) vertraut bspw. viel mehr auf Influencer (was ein Wunder) und ist dafür weniger loyal zu spezifischen Marken. Außerdem gibt es starke Unterschiede zwischen Männern und Frauen, wie er Kaan erklären lässt. „If boys need something, they will buy it, if they don’t need something, they won‘t buy it.“ Bei den Frauen ist das anders, der ganze Kurs stimmt zu. Luca erklärt es: Frauen achten öfter auf Farben und Schönheit von Produkten, was zu irrationalem Kaufverhalten führen kann. Natürlich gibt es immer Individuen, die anders handeln, aber im Durchschnitt betrachtet wird das wohl so stimmen.
Für Fabian soll ich einen Taiwanesen antippen, damit der mit ihm Clash Royale spielt. Weil dann aber Pause ist, vertagen sie das: „After the break!“ Mit Fabian, Phillip und Sidd laufe ich ins „Louisa“, ein Studentencafé. Fabian ist begeistert, dass ich auch Clash Royale zocke und erzählt aufgeregt vom neuen Update, in dem Kartenlevel 16 und Fähigkeiten für Ritter, die drei Musketiere und den Riesen eingeführt werden. Mit Sidd gehe ich kurz den Plan für Taipei durch und er erzählt mir, was ihn gestern Abend beschäftigt gehalten hat. Ich vergesse immer, dass er einen Remote-Job für die USA hat. Irgendwelche „clients“ sind nicht zu einem Termin um 10 Uhr (bei uns 2 Uhr nachts) aufgetaucht und wollten diesen auf 12 Uhr (also 4 Uhr) reschedulen. Das hat er dann aber nicht mit sich machen lassen. Fabian und Phillip überlegen, mit nach Teipei zu kommen und zögern zuerst, bis sie von den niedrigen Zugpreisen des Fast Local Trains (also der mit den weniger Haltestellen) hören. Irgendwie war ich nicht davon ausgegangen, dass Geld für die Österreicher eine so große Rolle spielt, aber das macht sie in meinen Augen umso sympathischer. Für coole Abenteuer kann man ruhig mal ein paar Strapazen auf sich nehmen.
Zurück in „Consumer Behavior“ teilt Danny einen Test aus, der, so verstehe ich es, eine Art vorgezogene Prüfung ist. Allerdings gibt es keine schlechten Noten, man kann sich nur Pluspunkte dazuverdienen. Luca, der Creditqueen, fällt sichtlich ein Stein vom Herzen. Ich entscheide mich, ebenfalls mitzuschreiben, so schwer kann das schon nicht sein. Tatsächlich handelt es sich um vier doppelseitig bedruckte A4-Bögen mit ausschließlich Multiple-Choice-Fragen, wobei viele Antworten schon schon anhand der Formulierung rausfallen. Bestimmt habe ich trotzdem einiges falsch, denn manche Fachbegriffe habe ich nicht gelernt. Die letzten zehn, 20 Fragen drehen sich um simple Mathematik, und damit meine ich wirklich simpel. Bspw. sind die Fixkosten, die Herstellungskosten und die Verkaufskosten gegeben, daraus muss der Profit berechnet werden. Manches ist zwar schlecht formuliert, so flüstert Danny mir über die Schulter „not correct“ zu, woraufhin das fiktive Unternehmen anscheinend Gewinn macht, obwohl es zum selben Preis weniger verkauft. Aber wir dürfen Handys zum Rechnen benutzen und im Grunde löst ChatGPT die Aufgaben der meisten, wie ich hinterher erfahre. Auch andere verzweifeln an der einen Aufgabe, man hört Kaan durch den ganzen Raum, wie er Sebastian das Problem erklärt. Wer fertig ist, kann gehen.
Die Mensa ist erfrischend leer, weil wir so früh da sind. Alle Bleche sind noch bis zum Rand gefüllt, sogar an der Kasse taucht jemand erst kurz später auf. Sebastian und ich setzen uns zu Brian, der freundlich wie immer über alles mögliche plaudert. Nächstes Jahr will er entweder nach Rom, Berlin oder Österreich gehen, das steht mittlerweile fest. Irgendwie kommen wir auf Kriminalität und Gefängnisse zu sprechen, mich beschäftigt immer noch der Kiffer, der für bloßen Konsum ein Jahr gesessen hat. Brian beruhigt aber. Letztes Jahr habe es zwei Austauschstudenten gegeben, die betrunken eine Reihe Motorräder umgekippt haben, und selbst für den vermutlich recht hohen entstandenen Sachschaden gab es keine Knaststrafe. Na dann kann ich ja bedenkenlos Gesetze brechen, oder? Ashley kommt dazu und fragt nach unseren Weihnachtsplänen. Sie erinnert sich, dass Buggis Eltern zu der Zeit herkommen und lädt sie gleich mit auf die Weihnachtsfeier ein, die Brian und sie wieder veranstalten. Ich frage nicht nach, aber es wird wohl die Nachfolgeveranstaltung des getarnten Mormonenclubs sein, mit dem wir im Oktober die eine lustige Sitzung hatten, in der jeder persönliche Ziele aufschreiben sollte. Das süddeutsche Familientreffen wird aber an der Ostküste (Weihnachten auf Lü Dao) stattfinden, weshalb sie leider rausfallen. Auch ich muss noch überlegen, was meine Pläne für die Zeit kurz vor Weihnachten sind.
Es gibt neuen Uniklatsch: Ashley hatte vor ein paar Wochen von Freunden (Personen A, B, und C) erzählt, die sich wegen Zuneigungen zu anderen und Verleumdung zerstritten hatten. Mittlerweile hat sich durch Ashleys tatkräftige Hilfe inklusive Moderation eines Konfliktlösungsanrufs aufgeklärt, dass Person C den Screenshot eines Telefoncalls gefälscht hat, um Person A in Verruf zu bringen. C hat sich entschuldigt und A wird im Freundeskreis gerade wieder rehabilitiert, aber die Aktion hat Spuren hinterlassen und mit C will niemand mehr etwas zu tun haben. So weit, so spannend, so genug. Ashleys Schwester hat auch Probleme: sie ist bei einem Sing-Wettbewerb eine Runde weitergekommen und will ihren Song wechseln, was die Lehrer aber nicht erlauben, obwohl das prinzipiell möglich ist. Ashley kann dabei natürlich nicht tatenlos zusehen und telefoniert alleine während des Essen zweimal. Altruistisch.
Sebastian und mich fragt sie netterweise, ob wir in Videos auf ihrem Vlog auftauchen dürfen, die sie auf dem „Focasa“-Festival aufgenommen hat. Klar, kein Problem, wenn wir endlich mal ihren Vlog bekommen? Tatsächlich ist der Vlog, von dem sie öfter redet, einfach ihr Instagramaccount. Sebastian will seine Mitgliedschaft dort nicht preisgeben („I don’t have Instagram“), Ashley klappt die Kinnlade runter: „So… how do you record your life?“ Allgemeine Erheiterung. „With my eyes and my ears, I remember what I see.“ Das bringt sie zum Überlegen. Instagram ist natürlich auch eine Suchtmaschine. Um weniger zu scrollen, hat sie sich eine App installieren, die sie davon abhalten soll. Ich bin skeptisch, ob das wirklich so viel bringt, aber die awareness ist immerhin da.
Beim Bogenschießen sind die Zielscheiben mittlerweile wirklich ein gutes Stück entfernt, aber seitdem ich ohne das Fingerstück schieße, nur mit den Fingern selbst, läuft es deutlich besser. In den ersten Runden treffe ich sogar weitgehend ins Gelbe, der Lehrer ist erstaunt. „Good! I‘m watching you“ ruft er und lacht. Mit den Jungs bin ich inzwischen sehr locker, kann trotz Verständnisproblemen ab und zu kleine Späße machen. Justin, der Riese aus der Nebengruppe mag sich auch unterhalten. Er studiert am Yanchao-Campus und kennt sogar Byron. „He‘s… a little bit rich guy, haha“ sagt er und grinst. Ist mir auch schon aufgefallen. Angeblich kommt sein Reichtum aber nicht durch die Eltern (immerhin der Vater hat einen guten TSMC-Job), sondern durch seine Crypto-Trading-Skills. Ich weiß von Byrons zweitem Instagram-Account, auf dem er seine Prognosen und Tipps auf Chinesisch postet, aber kann mir kaum vorstellen, dass er sein Auto, die Billardkös, Rennräder und die vielen Urlaube hauptsächlich mit seinem Portfolio finanziert. Aber wer weiß, ich würde es ihm schon gönnen. Justin sieht darin auf jeden Fall ein Vorbild und schwärmt von diesem Lebensstil, den er auch erreichen will. Dazu schaut er sich täglich Videos des Mandarin-sprachigen YouTube-Kanals „Blockchain Daily“ an und fragt seine Freunde um Rat. „I like risk“ gibt er lachend zu. Angesichts der allgegenwärtigen Gambling-Möglichkeiten ist er damit nicht allein, immerhin benutzt er dafür aber nur das zur Seite gelegte Ersparte. Auch die anderen Archery-Bros haben allesamt Portfolios, das haben sie mir ja bereits letzte oder vorletzte Woche gezeigt.
In der zweiten Hälfte müssen wir auf einen härteren Bogen wechseln und auf einmal sitzt kaum ein Schuss mehr. Der Coach bekommt wieder einen seiner Kicheranfälle, genießt mein Versagen. Der nächste „maybe use your eyes“-Kommentar liegt in der Luft. Stattdessen will er aber wieder gegen mich antreten und sein Können demonstrieren. Mein erster Pfeil geht sogar noch in die Mitte („Good!“), danach ist es „so-so“, wie die höflichen Taiwanesen gerne sagen. „Not good! 哈哈哈哈哈.“ Der Lehrer schießt wie zum Beweis erst in die Mitte, danach landet jeder seiner Pfeile knapp neben den meinen. „He follows your arrow“, erklärt ein Typ. Schon verstanden, der 老師 „lǎoshī“ (Lehrer) ist der Boss.
Zu Chinesisch fahre zum ersten Mal mit Pulli, wer weiß, wie frisch es später noch wird. Wie sonst auch lässt Peiti uns längst bekannte Silben buchstabieren, fast wie in einer Long-Term-Zeitschleife. „How to spell?“ „S-H-E-N, M-E“. „Which tone?“ Die Stimmen mehren sich, mit in der Verlosung sind erster, zweiter und vierter Ton. „Second tone. Shén me!“ Und so weiter; ich schalte auf Autopilot. Sebastian macht schon gar nicht mehr mit. Dann spielen wir in zwei Gruppen stille Post, wobei die erste Person eine Karte mit ungefähr 7 chinesischen Schriftzeichen bekommt. Karte weggelegt und Nachricht weitergeflüstert, die Reihenletzten müssen sie an das Whiteboard schreiben. Es geht ausschließlich um Sätze oder Aufzählungen, die wir in exakt dieser Form bereits rauf- und runtergelernt haben. Trotzdem verwandeln die berüchtigten Pappenheimer sie in Kreationen, die ihnen in nichts ähneln. Am Ende steht es trotz dessen oder dank der kriminellen Missachtung des Postgeheimnisses zwei zu eins. Nach der Pause sprechen wir gemeinsam Lückentexte durch, abgesehen davon kann ich mich bereits am Abend nicht mehr erinnern, was wir gemacht haben. Nur ein Arbeitsblatt bekommen wir als Hausaufgabe mit, das klingt doch spannend.

Beim kleinen Diner nebenan überlegen Buggi und ich, welcher Schüler der schlechteste ist und ob wir es unfair finden, dass sich der Unterricht auf die schwächsten Mitglieder fokussiert. In der ersten Frage stehen drei Schüler auf dem Podium, wobei sich um Platz eins subtil gestritten und konstant unterboten wird: Vivek, Pryanshu und der immer lächelnde, korpulente Vietnamese, wobei Vivek in letzter Zeit Mühe hat erkennen lassen. Frau Peiti nimmt diejenigen deutlich häufiger dran; vermutlich auch, weil sie die mid terms nicht bestanden haben, so hat es jedenfalls Mohans Bericht nahegelegt. Dass den Lernbedürftigen geholfen wird, will ich gar nicht infrage stellen, im Gegenteil: Gerade die benötigen oft eine Extramotivation, um den Anschluss halten und letztlich die Prüfung erfolgreich bestehen zu können. Was ich aber äußerst kritisch sehe, es nervt mich sogar regelrecht (und das ist ein generelles Problem, passiert in anderen Kursen genauso sehr), ist Folgendes. Anscheinend verwechselt das Lehrpersonal Hilfestellung mit Vereinfachung des Inhalts. Es kann doch nicht sein, dass langsame Studenten das Niveau derart runterziehen, sodass andere dafür auf dem dauernd gleichen Stoff sitzenbleiben. Im Prinzip machen wir schon jede Stunde etwas Neues, aber das hält sich so sehr in zwerghaften Grenzen, dass ich es fast nicht zählen will. Zugegeben kenne ich auch den Lernhorizont von Mandarin I nicht, aber dass der so wenig neuen Stoff pro Woche beinhaltet, glaube ich erst, wenn jemand mir den vor die Nase hält. Mein Vorwurf beruht also neben der Praxiserfahrung jeden Dienstags auf anderen Kursen (wie z.B. Financial English), von denen ich weiß, dass der Erwartungshorizont nach Beschwerden der Studis runtergestuft wurde. Ich meine, wenn der Chinesischkurs theoretisch nur mit Leuten gemacht würde, die regelmäßig lernen und üben, kann ich mir kaum vorstellen, dass wir uns zu diesem Zeitpunkt des Semesters noch fragen würden, was wir gerne trinken und was wir nicht gerne trinken. Mein Rage rührt zum Teil auch aus Deutschland, wo ich sowohl im Schul- als auch Hochschulsystem erhebliches Aufweichpotenzial sehe, aber hier ist das Problem schon auf viel offensichtlicherem Niveau angelangt. Mir kann es ja egal sein, die Credits kann ich nicht verwenden, aber es tut mir irgendwo im Inneren weh, dass sich das Bildungssystem nicht an eigene Standards hält. So bekomme ich beispielsweise öfter gute Noten, obwohl man locker Erwartungshorizonte definieren respektive anwenden könnte, die mich vielleicht auf ein gutes Niveau, aber mit Verbesserungspotenzial setzen würden. Ich fühle mich nicht gerade wie ein Superstar, wenn ich mit dem Erkennen von fünf Schriftzeichen die beste Note bekomme. Auf Leute, die eine Lernschwäche oder andere gut nachvollziehbare Gründe für besondere Behandlung haben, trifft meine Aussage natürlich nicht zu, der Vollständigkeit halber.
So, genug gewütet. So wütend bin ich dabei übrigens gar nicht, der triefende Sarkasmus ist einfach mein persönlicher Stil, um Gedanken zu sortieren. Das Restaurant, das Sebastian rausgesucht hat, liegt nicht nur vor dem Campustor, es ist auch wirklich gut. Die Kellnerin spricht (ausnahmsweise) zum Glück kein Englisch und wiederholt ihre chinesische Frage, sodass wir sogar antworten üben können. Ein Wort kennen wir nicht, aber die Gelegenheit zählt. Nudelsuppe und Fischcurry, dazu Saft und Tee runden den Unitag ab.

Meine Füße/Schienbeine haben sich im Laufe des Tages leicht verbessert, ich bin sehr gespannt, was sie zum Zeitpunkt des Wettkampfes morgen sagen. Schon mittags soll es losgehen, diesmal am altbekannten Nanzih Campus. Spät abends telefoniere ich noch mit einem Freund, danach geht es in die Heia.
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