Mittwoch, 26. November

Für einen Wochentag ist heute ein großer Tag. Wettkampf steht an und Heilung meines Fußes läuft gegen die Zeit. Besonders gut fühlt er sich morgens nicht an, auch wenn ich wieder halbwegs normal laufen kann. In „Supply Chain Managment“ redet der Prof über das Maximalgewicht von Schiffscontainern und wie clevere Schweden (IKEA) mit als erste Logistiken entwickelt haben, die maximale Effizienz aus diesen Regeln ziehen. Zwei Gruppen halten schon wieder Vorträge über ihr Semesterthema, ziehen sich neue Inhalte aus den Fingern. So lerne ich mehr über Airbus‘ Schiffbauambitionen und irgendwas über Bosch, das nicht so lange in meinem Kopf bleibt.

In der Pause treffe ich Sidd, wir buchen die erste Unterkunft für den Teipeitrip, bei dem Fabian und Phillip nun doch nicht dabei sind. Dass Sidd Geburtstag hat, vergesse ich natürlich, klassischer Geburtstags-Fauxpas.

Fabian kommt so spät, dass sein Pfannkuchen schon lange kalt ist, er freut sich trotzdem. Vermutlich hatte er irgendein Treffen wegen seiner Masterarbeit, aber sein Clash-Royale-Hype könnte ihn auch einfach den Morgen zocken haben lassen. Unbedingt müssen wir jetzt mal gegeneinander spielen, zuerst in der Pause, dann im Unterricht. Mein Maindeck (Log Bait mit Golden Knight und Infernoturm) verliert gegen seins (Widderreiterin-Mönch-Tesla), mit Golem ringe ich ihn aber down. Ich gewinne zwei Auswahlkämpfe, er zwei Spiegel-Duelle, das dritte geht an mich. Mit einem Sieg kann ich gut aufhören, los geht’s zum Wettkampf.

Der findet in angenehmer Nähe am Nanzih Campus statt, allerdings verwundert die Uhrzeit dann doch: Mittwochs im Semester, 13:30 Uhr Start? Eine Stunde vorher bin ich da, aufgebaut sind zu dem Zeitpunkt nur zwei Zelte, unter denen die Wettkampfrichter und Athleten Sonnenschutz finden können. Ich erinnere mich noch, wie ich beim ersten Training Ende September um kurz nach 16 Uhr den Hitzetod gestorben bin, schon beim Gehen durch die Sonne. Jetzt ist es immer noch ziemlich warm (24 Grad und strahlende Sonne), aber kein Vergleich zu damals. Im Raumbereich unter der Stadiontribüne haben sich bereits ein paar Leute meines Vereins gesammelt, räumen ihre Sachen aus und dehnen die Gliedmaßen. Ich geselle mich dazu, tausche mit manchen ein lächelndes „Hey“ aus. Ein „Let‘s go“ hält niemand für nötig, daher laufen Byron & Co. einfach los, während ich mich noch dehne, das Aufwärmprogramm absolviere ich weitgehend alleine. Er kommt danach aber auf mich zu und leitet unser Lauf-ABC zu zweit an. Bei der Steigerung schmerzt mein linker (Sprung-)Fuß so sehr, dass ich kaum glaube, vernünftig abliefern zu können, aber weil langsameres Laufen besser funktioniert, mache ich weiter. Byrons rechter Fuß ist auch zubandagiert, ein einziges Lazarett. Schließlich nutze ich meine vorletzte Patrone aus der Paracetamol-500mg-Packung, auf Empfehlung der anderen. An der anderen Seite des Feldes sind Helfer in gelben Shirts aufgetaucht, die anscheinend auch von der Uni sind, aber ein anderes Team bilden. Gemeinsam tragen wir unser Equipment zur Hochsprunganlage, die gerade aufgebaut wird. Die drei Mattenbestandteile sowie der nur mit wenigen Karabinern befestigte Überzug, der bei jedem Sprung verrutschen wird, bilden nicht gerade ein makellos aussehendes Konstrukt, aber am wichtigsten ist ja, dass man weich landet.

Ein drahtiger Typ mit schneller Sonnenbrille und Cowboyhut identifiziert mich schnell als den Outsider, spricht mich an. Er sei „Son“, zumindest ist das sein Familienname, er kommt aus Miaoli im Norden (ich erinnere mich: die Stadt ist chronisch verschuldet) und heißt mich freundlich willkommen. Er sagt auch zu anderen Athleten: „This is Leo“, die aber drehen sich weg und gehen anderer Wege. Im Folgenden erklärt er mir immer alles auf Englisch, anscheinend ist er der Leiter des anderen Uniteams, oder so ähnlich. Nebenan findet noch Weitsprung statt, mehr Disziplinen gibt es nicht.

Nach abgeschlossenem Aufbau habe ich endlich Zeit, mich einzuspringen. Schließlich haben wir die Matte bei beiden Malen, die wir bisher Hochsprung trainiert haben, nur auf der acht Bahnen breiten Strecke aufgebaut (und nicht wie jetzt im Tartanhalbkreis am Ende des Stadions), sodass man keine Chance hatte, mehr als fünf Schritte Anlauf zu üben und dabei nicht auf Gras zu treten. So haben die anderen Teilnehmer wenigstens aufgeschriebene Anläufe, ich für meinen Teil setze die Tape-Markierung einfach irgendwo hin und taste mich ran. Sieben Schritte traue ich mir zu, viel mehr werde ich bei meinem letzten Wettkampf auch nicht gemacht haben. Der dürfte kurz vor Beginn von Corona gewesen sein, mit vermutlich neun. Leider gibt es nur drei Testsprünge, viel zu wenig. Ich finde immerhin heraus, dass ich ein klein wenig zur Seite und etwas nach hinten gehen muss. Zu meinem Glück wollen die anderen vier Teilnehmer bei 1,50m einsteigen, die Höhen kann ich auch noch zum Üben nutzen. In der Zwischenzeit taucht Sebastian (mit Anna) auf, der heute früh überlegt hat, vorbeizuschauen. Dann muss ich jetzt wohl liefern.

(Herr) Son und seine Helferlein verbringen äußerst lange mit der Ausrichtung und Höhe der Latte. Löblich, und sogar verständlich, denn sie kämpfen mit stumpfen Waffen. Die Ständer wackeln bei der kleinsten Berührung und die Höhe wird nicht wie sonst mit einem Messergerät oder wenigstens einem Zollstock, sondern mithilfe eines (äußerst biegbaren) Maßbands ausgemessen. Aber so sei es, los geht’s. Ein großer Athlet mit der eigentlich perfekten Hochspringer-Statur stellt sich als schwach heraus: Nachdem es mit dem Flop nicht geklappt hat, wagt er den Streddle, reißt dabei aber die Latte mit einer Wucht ein, als wäre es ein Kuhgatter, das gestürmt wird. Er schafft es allerdings noch, während ein anderer nullt. Ein Typ in grünem Shirt zeigt eine sehr solide Technik, kann richtig weit ins Hohlkreuz gehen. Auch für Byron ist die Höhe kein Problem. Ich folge ihm nach, den Absprungschritt merke ich zwar deutlich im Puls der Nervenbahnen, aber es funktioniert.

Ein Dank an Anna mit der Kamera
🤔
Sprung

Bei 1,53m scheitert der Große schließlich, während wir anderen drei auslassen, anschließend geht es schon ums Podium. Als einziger schaffe ich die folgenden Höhen im ersten Versuch, sodass ich bei Gleichstand den ersten Rang bekäme. Überraschenderweise scheidet der Junge im dunkelgrünen T-Shirt dann bei 1,65m aus. Ich hatte ihm empfohlen, ein bisschen wegzugehen, aber das war wohl nicht genug. Allgemein scheint es ja nicht üblich zu sein, sich gegenseitig Tipps zu geben oder auf die Sprünge der anderen zu schauen, keine Ahnung warum. Byron haut es dann bei 1,70m raus, sodass Son mich angrinst und sagt: „From now on… you choose.“ Danke, ich will auf jeden Fall mehr als die jetzige Höhe. Bestleistung habe ich noch lange nicht erreicht. Sicherheitshalber gehe ich trotzdem in Dreierschritten hoch, 1,73m schaffe ich im Zweiten, nachdem der Typ im Grünen sich hat hinreißen lassen, mir ebenfalls einen Tipp zu geben. „Maybe… a little bit more curve“, also im Anlauf. Goldrichtig, es läuft. Außerdem zeigt er mir einen YouTube-Clip, in dem ein Profi zu sehen ist, der locker über 2 Meter springt. „Yours looks like him. How long have you been training?“ Jetzt schauen sogar einige zu, Momo ruft „Go, Leo“. Auch 1,76m klappt gut, bei 1,80m (was knapp neue Bestleistung wäre) hakt es dann. Pause wird mir netterweise genug gewährt. Das ist beim alleine Springen sowieso die größte Gefahr, sich selbst zu hetzen. Ein paar Schlücke Wasser, die Schrittfolge im Kopf durchgehen, ruhig an die Markierung zurückgehen. Es will aber nicht, und während die ersten beiden Versuche ganz ordentlich ausschauen, ist im letzten dann die Kraft raus. Gerade wenn ich mir die Clips anschaue, die Sebastian von der Seite aufgenommen hat, wäre noch deutlich mehr drin gewesen, aber als erster beschwert man sich nicht. Ich hatte sowieso mit viel Schlimmerem gerechnet, und jetzt tut nichtmal mehr mein Fuß weh.

1,76m
Missglückte 1,80m

Ehe ich mich versehe, geht es auf die Siegerehrung zu, gleich ein paar Meter weiter wartet ein Dreierprodest, auf das ich vorerst alleine steigen soll. Eine mir unbekannte Frau kommt, hebt eine Goldmedaille von einem roten Samtkissen und hängt sie mir um den Hals. „Congratulations!“ und ein gemeinsames Foto folgen. Ganz leicht fühle ich mich wie ein Grand-Prix-Sieger, der mit seinem Mechaniker einen Rennsieg feiert. Byron kommt dann vom Weitsprung, und mit dem Kollegen in Grün steigen wir zu dritt auf. Dabei stellt Byron sich wie selbstverständlich auf die eins und bekommt ebenfalls eine Goldmedaille. Später erzählt er mir, dass das daran liegt, dass wir offiziell in unterschiedlichen Teams angetreten sind, weil ich nicht wie er schon vier Jahre Teil des Uniteams bin. Ach so ist das. Dafür bekomme ich noch eine Bronzemedaille, weil ein dritter von irgendwo angeblich schon gegangen ist.

„Congratulations…“
🏅
Aye, aye
Gruppenfoto

Ein Gruppenfoto später kommt Edward auf mich zu, den ich bisher noch gar nicht gesehen habe. Interessant für einen Trainer, der eigentlich Tipps geben könnte. Aber wir trainieren ja nicht so leistungsbezogen, darum ist das schon okay. „Congratulations!“ wünscht auch er mir und fragt, ob ich weiß, wer die Frau vorhin war. „No.“ Anscheinend ist sie die Koordinatorin sämtlicher Sport-Events an der Uni, beeindruckend. Als ich mich bei ihr für ihren „effort“ bedanke, verwickelt sie sich in ein Gespräch mit uns Deutschen. Aus welchen Departments wir kommen, wo wir genau herkommen und welche Sportarten wir machen, versteht sie entweder akustisch oder inhaltlich überhaupt nicht. „So you go to church?“ fragt sie sehr random. „No. Do you go to church?“ „No.“ Kurz darauf posieren alle anwesenden Lehrer und wir drei werden gebeten, uns dazuzusetzen. Vermutlich sind Ausländer einfach zu cool. Warum so viele Lehrer vor Ort sind, ist eigentlich auch eine interessante Frage. Vielleicht kann man so Unterricht schwänzen. Kurz bevor wir gehen, will ich die Fotos von der einen Frau bekommen und weil sie keine Ahnung von AirDrop hat, lässt sich mich in ihre Galerie. Dort sehe ich ein Bild, was stark nach einer Aufnahme von mir beim Anlauf aussieht und tippe es ebenfalls an, aber sie zieht sofort zurück und sagt „no, no, no“. Okay, sorry, wenigstens das Gruppenbild kriege ich. Byron ist derweil 6,23m weit gesprungen, seine persönlich beste Weite.

Mit Anna und Buggi suche ich anschließend das „Office“ auf, wozu Frau Peiti aus Mandarin I immer wieder aufgerufen hat. Dort sollen wir das Ausleihen von Unterrichtsgegenständem auf Chinesisch üben. Unter allen Teilnehmern werden dann Schlüsselanhänger verlost. Die eingeweihten Bürodamen sind aber gar nicht da und so überlegen die Officeleute fieberhaft, welchen Zimmerschlüssel sie uns denn geben könnten. Nach einigen Erklärversuchen raffen sie es endlich und rufen Frau Peiyun an, die mit uns die Übung durchführt. Statt aber frei zu sprechen und eine reale Situation zu simulieren, holt die gute Frau unseren Dialogzettel raus und fängt selbst an, abzulesen. Stimmt, das Niveau orientiert sich ja am Durchschnittsstudent.

„Realistisches“ Office-Gespräch

Anna und Buggi ziehts ins Gym, ich gönne mir ein stark verspätetes Mittagessen in der Essensstraße nordwestlich vom Campus. Den Laden kenne ich noch nicht, allerdings ist die Shrimproll-Portion extrem klein und gar nicht mal so billig (ungefähr 100$TD, 3€), nächstes Mal geht’s wieder in bekannte Gefilde.

Die Essensstraße in Nanzih um halb fünf
Dürftiges Mittagessen

Im Dormzimmer gammeln die anderen mal wieder rum; auch wenn ich es täglich sehe, komme ich darauf immer noch nicht klar. Sky zieht wenigstens los, um sich endlich Medizin zu holen, denn er fühlt sich wieder schlechter. Außerdem: Früchte. Er erzählt das aber so, als dass man Vitamine nur dann bräuchte, wenn man krank ist. Die vier Birnen, die er sich geholt hat, sind wirklich gottlos eingepackt, selbst für hiesige Verhältnisse. „I prefer pear over apple, because it has more water and more sweet.“ Natürlich, haha.

Erst in dicke Gumminetze, dann in Plastik, dann in Papier verpackt. Ist das ein Wettbewerb?

Ich selber bediene mich in letzter Sekunde in der Cafeteria, zur Feier des Tages auch mit großem Apfel-Zimt-Drink. Man wird zwar jedes Mal gefragt, wieviel Eis und wieviel Zucker man haben will (auf einer Skala von 1 bis 5!), aber egal was man sagt, das Eis ist am Ende enorm viel und vom Getränk bleibt weniger. Nur mal als generelle Beobachtung.

Sky und ich wetten beide, dass Heizo beim heutigen cleaning wieder nicht auftaucht. „Let’s gamble if he shows up.“ Obwohl jeder alle paar Wochen mal muss, hat er sich bisher immer rausgezogen, und tatsächlich erscheint er nicht. Allerdings beobachtet Sky, er nach einem kurzen Gespräch ins Zimmer flüchtet und im Bett verkriecht, woraufhin der Floor Manager wieder ein Foto oder Video von ihm macht. Am Ende sehen wir ihn allerdings die Duschen reinigen, das Machtwort scheint gesiegt zu haben.

Skys und meine Aufgabe ist es diesmal, die „recycling area“ zu reinigen, womit aber nur ein größerer Flurabschnitt gemeint ist. Sky wischt die unheilbar dreckigen Fensterflächen, ich kehre den Boden mit einem Plastikbesen, während es ziemlich dunkel ist. Entweder liegt kaum Dreck, das kann man anhand der dreckigen Farbe nicht gut sagen, oder es ist schlicht zu dunkel, um etwas zu erkennen. Der bleiche Floor Manager hat, wie mir auffällt, das gleiche „United States – Marine – Brave Sailor“-Shirt an wie immer. Sein rundlicher Gehilfe patrouilliert durch die Flure, während jeder seine Aufgabe erledigt. Als wären wir irgendwelche Häftlinge, die körperliche Arbeiten verrichten müssen. Die Sinnhaftigkeit stelle ich bei manchen Aufgaben schon sehr infrage.

Der zu reinigende Bereich

Etwas hektisch packe ich dann noch meine Sachen und telefoniere kurz mit meinem Bruder wegen Urlaubsplänen für das nächste Jahr, dann muss ich schlafen.

Hinterlasse einen Kommentar