Taipei (Donnerstag, 27. November)

Viel zu früh muss ich schon wieder aufstehen, schließlich wollen wir schon mittags Taipei erreichen. Nach einer hektischen Suche finde ich mein Portemonnaie, dann kann es losgehen. Wir fahren mit einem Bus nach Nanzih, dessen Fahrer gerne vergisst, die Türen zu schließen, so rüttelt der Fahrtwind wach. Zeit für Frühstück bleibt Sidd und mir nicht, deshalb überspielen wir den Hunger so gut es geht mit Schlafen. Zuerst im Stehen, später im Sitzen, wobei die Lehnen im Fast Local Train viel zu niedrig und alles andere als angenehm sind. Nach zehn Minuten ziehe ich mir lange Hose, Pulli und Jacke über, die Klimaanlage ist wirklich brutal. Es ist übrigens die erste lange Hose, die ich in Taiwan benutze und ein ganz merkwürdiges Gefühl, die unteren Beine wieder von Stoff umstrichen zu haben.

Auf der mehr als sechsstündigen Fahrt fragt Sidd mich nach meinem Kenting Date. Auf die Rückfrage schüttelt er nur den Kopf, die Gründe bleiben vorerst vorenthalten. Außerdem erfahre ich, dass Sidd nichts mehr mit Muskan zu tun hat („lots of little fights“), wie viel er vom Deutschbriten Thomas hält, der anscheinend bei einem Konzerttreffen neulich keine nette Figur gemacht hat und dass ihn klassische Musik an Tom und Jerry erinnert. Die Windmühlen vor der Nordwestküste sind vermutlich wegen Taifungefahr sehr niedrig, so beeinträchtigen sie das Landschaftsbild kaum. Sowohl Dehydration als auch die AC bewirken bei mir nachhaltige Kopfschmerzen, sodass ich sehr froh bin, dass wir in Taipei spontan Pause machen. Sidd, dessen Handybildschirm ihn selbst in Kenting displayt, oberkörperfrei am Strand, hat einen veganen Stand in der „Taipei Main Station“ identifiziert. Die Verkäuferin ist ganz wild, ihre Ware loszuwerden, sie lässt uns nicht einmal mehr aussuchen. Für 3,50€ bekommt jeder eine große Box mit Gemüse, Tofu und lila Reis, das längst überfällige Frühstück geht weg wie nichts.

120$TD (3,50€) – ich schätze mal, in Deutschland wärs das Doppelte oder Dreifache

Der Hauptbahnhof selbst ist von fragwürdiger Architektur, auch wenn die schiere Größe der Halle beeindruckt. Ein riesiger Weihnachtsbaum wünscht statt schöner Weihnachten nur fröhliche Ferien, es handelt sich also um kapitalistische Dekoration. Sitzgelegenheiten gibt es kaum, so kann ich kaum zwischen Reisenden und Obdachlosen unterscheiden, auch wenn es von letzteren durchaus einige gibt.

Brutal große Halle, brutal großer Weihnachtsbaum

Weiter geht’s nach Osten, denn unser vorerstiges Ziel heißt „Jiufen“, gesprochen „Dschouufänn“. Bekannt ist der Ort für seine „Jiufen Old Street“, von der es später mehr gibt. Auf der Zugfahrt bin ich so weit nördlich wie lange nicht mehr, auch das Wetter draußen sieht nicht gerade nach kurzen Sachen aus. Die armen Taipeiler. Außerdem sehen wir, warum die Hauptstadt 6,5 Millionen Einwohner hat: über weite Strecken der Zugfahrt sieht man neben wunderschönen Bergen eben auch in den Himmel sprießende Betonburgsetzlinge. So alt, so verschlissen, so hässlich, ich kann es nur mit Bildern vergleichen von Hongkong vergleichen, die ich kenne. Unpassenderweise hat es dort heute früh einen verheerenden Brand gegeben, hoffentlich bleiben die Wohnmaschine hierzulande von so etwas verschont. Mehr bekomme ich nicht mit, die Strapazen der Reise lassen mich die Äuglein schließen.

Schließlich erreichen wir Ruifang, eine Endstation im Nirgendwo. Schon der Bahnhof weist auf einen kleinen Provinzort hin, dort gibt es einen Platz, einen FamilyMart und eine viel befahrene, aber schmale Straße. Ich folge Sidds Tipp und probiere am „50嵐 Lan“ mal einen heißen Tee, „coconut jelly milk tea“. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber auch mal was Neues.

„Ruifang Station“

Nach Jiufen müssen wir aber noch den extrem vollen Bus nehmen, in dem das Stehen bei scharfen Serpentinen eine echte Herausforderung darstellt. Unmengen an Touristen, darunter wenige Europäer, schwärmen aus und fluten das kleine Bergdorf. Wir schreiben einen bewölkten Donnerstag Mittag außerhalb der Saison, aber das scheint keinen Unterschied zu machen. Zugegeben, die Aussicht ist an den meisten Punkten wirklich toll, durch die Hanglage ist der Blick auf Keelung (eine Stadt nordöstlich von Taipei) und seine Vororte überall erreichbar. Unsere Unterkunft zu finden, ist gar nicht so einfach, nach einigen verwinkelten und steilen Treppchen werden wir aber an einer Schiebetür fündig, die direkt in das altmodisch möblierte Wohnzimmer einer ebenso alten Dame führt. Sie heißt uns freundlich willkommen und scheint auch zu verstehen, was wir wollen, kann aber nicht ganz klar machen, dass sie jemanden anrufen muss. Schließlich führt uns ein netter Mann über die Hauptbergstraße und auf noch mehr Treppen zum Apartment, während er schonmal erzählt, was wir im Ort alles machen können. Von der „Old Street“ haben wir natürlich nicht nur gehört, wegen ihr sind wir da. Ansonsten befindet sich der „Keelung Mountain“ angrenzend zum Dorf. Eventuell ist der eine Besteigung wert, auch wenn für morgen schon ein anderer Gipfel anvisiert ist.

Jiufen: Auf der Suche nach dem Apartment
Nur diese Hauptstraße durchbricht das Hüttendurcheinander
Am Hauseingang – man beachte die Touristenfließbänder, getarnt als Busse

Das Apartment funktioniert wie eine riesige WG mit mehreren Doppelbettzimmern. Außerdem erschließt die Anlage sich wie die vermutlich meisten Wohnung über den Hang verteilt, mehrere innenliegende Treppen führen zum Ziel. Die Räume um unser Wohnzimmer herum bleiben wohl leer, wir haben also auf das Stockwerk runtergerechnet sturmfrei. Das Schlafzimmer ist in gutem Zustand, auch wenn es nicht besonders gut belichtet ist. Das, was nach Klimaanlage aussieht, nennt der Vermieter allerdings „heater“. So kalt soll es werden? Das crazy.

Zimmer in Jiufen

Wir sind zwar ziemlich erledigt, besonders ich, aber weil die Sonne im Winter ja so früh untergeht, bleibt nicht mehr viel Zeit. Also steppen wir die paar Stufen wieder rauf und erreichen die berühmte „Old Street“. Ihr Eingang, bzw. einer ihrer Eingänge befindet sich in einer Haarnadelkurve der Hauptstraße, und es wundert mich, dass dort nicht täglich jemand verunglückt, denn Shuttlebusse und andere Vehikel kreisen durch den Straßenbogen, während sich die Touristenmassen an den Rand drängen. 7/11 und FamilyMart ziehen ebenfalls viele Besucher an, das nennt man vermutlich einen Hotspot. Der Eingang des Stadtwunders erinnert mich sofort an die berühmte Winkelgasse, das dichte Umhergewusel, die Dekoration und die magisch aussehenden Shops an den Seiten legen den Vergleich in unmittelbare Nähe.

九份老街 „Jiufen Old Street“
Kurz bevor die Gasse sich füllt

Sidd weiß von einigen Foodspots bereits, dass sie sehr berühmt sind, wir merken sie und für später. Die alte Straße schlängelt sich durch den gesamten Ort und wird von dazugehörenden Abschnitten durchkreuzt, es gibt viel zu entdecken. Ein Teestand lässt uns Alishan Tea, Teapot Mointain Tea und Sun Moon Lake Mountain Tea probieren. Nicht ohne uns den Kauf aufzudrängen, aber wir „überlegen es uns nochmal“. Es gibt Postkarten, Kühlschrankmagneten, Essstäbchen, Produkte aus Zypressenholz, deren Abholzung erst seit kurzem wieder erlaubt sei, getrocknete Früchte, leckere Wintermelonenkuchenstücke, besonderes Waffeleis und noch einiges mehr. Besonders erfrischend finde ich, dass die Souvenirshops zumindest leicht anders aufgebaut sind und thematisch andere Klischees (süße Stofffigürchen, Animes, asiatische und insbesondere chinesische Kultur im Allgemeinen) abdecken. Dazu kommen die roten Lampen mit der Aufschrift „九份“, deren Anblick mindestens mal die Hälfte allen Ruhmes ausmacht. Allerdings kann man hier auch noch bei Dunkelheit chillen, deshalb jage ich uns den Berg rauf.

Auf Google Maps füllt ein riesiger Friedhof flächenmäßig nämlich mehr als die Hälfte der Kernstadt aus, den muss ich unbedingt gesehen haben. Leichter gesagt als getan, denn die ganzen Treppen, versteckten Wege und mal mehr, mal weniger privaten Durchfahrten lassen keine rote Linie erkennen, während Google uns quasi querfeldein schicken würde. Zwischendurch geht es über Tempelgelände und ab und zu denke ich mir, so muss sich eine Favela rein räumlich auch anfühlen. Durch meinen linken Fuß stößt bei jedem Schritt ein dumpfer Schmerz, ich kann ihn sehr sicher auf den gestrigen Wettkampf zurückführen. Im Absprung liegt neben der ganzen Körperlast eben auch ein Drehmoment auf diesem Angelpunkt des Körpers. Im Gegensatz zu den letzten Tagen spüre ich aber, dass es nichts muskuläres ist, sondern sich eher wie ein blauer Fleck anfühlt. So kann ich entspannter damit umgehen, und erst, wenn es in zwei, drei noch genauso schmerzt, will ich mir Sorgen machen.

Taiwanesische Favela?
Beatles-Mitglied Nr. 5: Siddheart Bhatia
Die Ruhe der Berge

Schon den ganzen Tag über telefoniert Sidd mit mutmaßlich verschiedenen Leuten, die zu seiner tiefschwarzen Haarfarbe passenden EarPods reingesteckt, und livestreamt seine Umgebung. Waren vorher Freunde dran, ist es jetzt die Mutter, die heute 30. Hochzeitstag feiert. „Congratulations!“ gibt es von mir, und auch der Vater lässt sich kurz blicken. Wenn Sidd Hindi redet, klingt er auf das erste Hören, als wäre es Englisch, genauer betrachtet verstehe ich aber nichts. Er übersetzt: seine Eltern finden mich „handsome“. Soweit man das durch zehn Sekunden Handylivestream beurteilen kann. Artig frage ich, wie man Danke auf Hindi sagt, „Dhanyavaad“. Die Inder freuen sich. Auch die Schwester ist mal dran. Fälschlicherweise gratuliere ich ihr nachträglich zum Geburtstag, allerdings hat Sidd keine Zwillingsschwester.

Schließlich sehen wir den Friedhofshang, er zieht sich über den kompletten Bergrücken. Ein, zwei Spazierwege führen hinüber, wir beschreiten sie. Gerade noch fällt ein gutes Licht, so kann man die Aussicht in drei Richtungen genießen. Das bisher gesehene Tal in Richtung Keelung, dann den Keelung Mountain und auf der anderen Seite den Rest der Ortschaft vor der Kulissen weiterer Berge, u.a. des Teapot Mountains. Ich erinnere mich an den Fauxpas, als ich die Goldplatten einer großen Pagode auf Instagram gepostet hatte, die in Wahrheit eingeäscherte Gräber waren und dass das nicht so gut in der taiwanesischen Community ankam. Aber ein Friedhof, dessen Gräber mehr einem Mausoleum als signierten Obelisken gleichen? Dazu vor so einem tollen Hintergrund. Wenigstens das Hiersein und Fotosmachen sollte nicht verboten sein.

Gräberkulisse vor dem „Keelung Mountain“
Respektvoller Spaziergang zwischen den Berggräbern

Sidd erzählt mir auf Nachfrage, wie das Sterben in Indien gemanagt wird. Friedhöfe gibt es keine (was übrigens eine Menge Platz spart), sondern die meisten Menschen werden zu Asche verbrannt und anschließend in den Ganges verstreut. Ärmere und weit entfernte Familien haben diese Möglichkeit nicht immer, deshalb und auch wegen regional religiöser Unterschiede gibt es zudem abweichende Rituale.

Auf dem Rückweg redet Sidd lachend über seine Kindheit. Der Vater war beim Militär, also musste er jeden Morgen früh aufstehen, Liegestütze machen und joggen gehen. Weil er irgendwo weit weg stationiert war, kam er nur alle zwei Monate und wenn er wieder wegmusste, habe ihn das so kirre gemacht, dass wirklich alle aufpassen mussten, was sie sagen. So wurde auch ein enger Freund Sidds einmal des Hauses verwiesen, immerhin konnten später alle darüber lachen. „A typical Indian dad“, das scheint kein Einzelfall zu sein. Der Vater ist so motiviert, dass die ganze Familie ihn davon abhalten muss, viel im Haushalt zu machen. Schließlich ist er mit 61 schon im Ruhestand, weil er einen Herzinfarkt hatte.

Zurück in der nächtlichen Old Street kommen die roten Lampen erst richtig zur Geltung. Im FamilyMart holen wir uns etwas Herzhaftes, „turmeric rice“, der fancy klingende Begriff für Kurkuma. Denn in den Gassen ist das Meiste Fleisch oder jedenfalls Seafood, nichts für meinen vegetarischen Begleiter. Dann geht’s aber rüber, jetzt sind die Gassen komplett überfüllt, teilweise stehen wir minutenlang am selben Fleck. Auch weil jeder ganz viele Fotos machen muss, und nicht ausgenommen. Die schönste Stelle ist eine sehr langgezogene Treppe die den Hang senkrecht erschließt und als Kulisse wirklich wundervoll ist. Ganz oben schließt das verriegelte Tor einer „Elementary School“ ab. Klar gibt es hier mehr Touristen als in Kaohsiung, aber auch anteilig fallen mir mehr westliche Gesichter auf. Lustig ist vor allem, dass sie genauso wie ich eigentlich keine Lust auf Gleichartige haben. Jedem zweiten Blick sehe ich direkt an: Oh nee, nicht schon wieder Europäer. Tatsächlich habe ich mich im Laufe der letzten Monate so sehr an die taiwanesische Gesellschaft gewöhnt, dass ich mich fast unwohl und beobachtet fühle, wenn viele andere Europäer anwesend sind.

Verboten lecker aussehendes Eis
Was es mit diesen im ganzen Land populär zu seienden (und m.E. wirklich hässlichen) Taschen auf sich hat, muss ich noch herausfinden
Überfüllter Insta-Spot
Bros on a hunt
LG aus Jiufen
Philosphischer Ort

Am Gasseneingang lassen wir uns Stinky Tofu andrehen. Weil ich bisher nur das schwarze, eklige probiert hatte, muss ich dem „richtigen“ noch eine Chance geben. Und tatsächlich: Obwohl es mit seinem Gestank alle anderen Stände übertrumpft, macht das bisschen Soße und die Gewürze alles wieder wett, es schmeckt sogar ganz gut. Nicht schlecht! Den berühmten Bubble Tea lassen wir aus, angeblich gibt es denselben auch in Taipei, zum Nachtisch setzen wir uns dann in ein Tarobällchen-Restaurant. Genauso wie kurz davor werde ich hier eines besseren belehrt, denn Taro hatte ich nach einem nicht ganz so starken Eis im September vor allem gemieden. Hier werden sie mit Tofupudding in Ingwersaft serviert, eine wilde, aber sehr gute Kombination. Als wir uns hinsetzen, merkt Sidd an, dass es echt gut aussehende taiwanesischen Mädels gibt. Mit Blick auf die gestresste Kassiererin kann ich ihm guten Gewissens Recht geben und hake ein wenig nach. Er fühlt sich aber zu alt (mit gerade einmal 28?), um zu daten, die (oder der?) Nächste sollte dann schon für immer sein. Und so kann er sich erstmal auf Studium und Beruf konzentrieren, er will nämlich in wenigen Jahren nach Europa ziehen, aus beruflichen Gründen. Möglicherweise trifft es sogar Deutschland, aber das ist hier natürlich leicht gesagt. Die Argumentation erinnert mich stark an Mike, der auch die nächsten sechs Jahre seiner beruflichen Zukunft widmen will und sich erst danach um Frauen kümmern möchte. Wer‘s glaubt, bitte. Wo wir schon beim Thema sind: „Gay marriage“ ist in Indien verboten, wird außerhalb der Großstädte angeblich nicht akzeptiert. Erst recht nicht von Eltern, die sowieso großen Wert darauf legen, die Schwiegerkinder weit genug im Voraus kennenzulernen, sodass sie sichergehen können, das soziale Ansehen der Familie mit der Heirat zu wahren. Dabei denkt Sidd wohl an Sascha, der zurzeit auf einer Hochzeit in Südostindien ist und vor kurzem ein Foto mit seinem indischen Freund gepostet hat.

Für dieses Stinky Tofu kann ich sogar guten Gewissens eine Empfehlung aussprechen
Dasselbe gilt für Tarobällchen in Ingwersaft

Viel früher als gedacht schließt die Attraktion der Stadt, ein Laden nach dem anderen fährt sein Rolle herunter. Die Lampen bleiben an und spenden immerhin schöne Reflektionen im Metall. Na gut, es handelt sich ja auch um keinen Nachtmarkt. Für Eis ist es zu spät, also hole ich mir im komplett überfüllten FamilyMart (auf den alle „Nachteulen“, die nach 20 Uhr noch etwas unternehmen wollen, ausgewichen sind) einen kleinen Snack, dann gehen wir schon ins Apartment.

Taiwans Nordküste bei Nacht

Angenehm finde ich, dass Sidd wie ich einen nach hinten verschobenen Schlafthythmus hat, allerdings hat er mit der Arbeit einen guten Grund. So setzen wir uns in den Gemeinschaftsraum oben und chillen etwas. Die einzigen Gäste, die sich blicken lassen, sind zwei taiwanesische Mädels, die uns nicht beachten und nur durchgangsmäßig existieren. Mit Sidd, dessen Musikgeschmack in Richtung The Weeknd, Maroon 5 und für mich nicht einordbarer indischer Mucke geht, tausche ich einige Songs aus. Den einzigen indischen Song, den ich schon aus Schulzeitenkenne, „Tunak Tunak Tun“, kennt er natürlich auch, die Turbanträger kommen sogar wie er aus dem Norden des Landes. Funfact: bei dieser gesellschaftlichen Gruppe ist Kanada sehr beliebt, in manchen kanadischen Dorms soll es ausschließlich indische Turbanträger geben. Warum? Fragt mich nicht. Eine andere lustige Geschichte aus Sidds Kindheit ist eine Art Hustensaft, der viel mehr ein als Medizin getarnter Schnaps gewesen sein dürfte. Ein warmes Gefühl habe er ausgelöst, und die Eltern hätten den Kindern aufgetragen, nach dem Trinken eines mit Wasser verdünnten halben Deckels nicht mehr aus dem Bett aufzustehen. Der Vater trinkt wohl ab und zu, ansonsten ist die Familie so wie viele der Inder aus dem Chinesischkurs nichtalkoholisch unterwegs. Umso lustiger, dass Sidd in jüngeren Jahren abends heimlich vom guten „Cherry Brandy“ gekostet hat, weil das wärmende Gefühl beim Einschlafen besonders angenehm war. Keine Sorge, ich werd’s keinen Indern erzählen. Wer bin ich, darüber zu urteilen, wo ich auf Weihnachtsmärkten doch so gerne Glühwein für Glühwein in mich reinschütte? Es gibt Schlimmeres, außerdem hatten meine Eltern nicht nur lahme 37,14%, sondern Stroh 80 im Schrank stehen. Gut erreichbar auf Kniehöhe.

Unsere Vermieterin, die alte nette Frau, kommt um kurz vor Mitternacht in den Raum und zeigt uns per Geste eine gute Nacht. Das heißt aber, dass wir uns verziehen sollen, also geht’s ein Stockwerk runter, wo ebenfalls ein Gemeinschaftsraum ist. Sie folgt uns aber und wünscht nochmal gute Nacht, geht dann zum Lichtschalter. Lieb gemeint, aber wir können selber entscheiden, wann wir schlafen gehen. Das ruft ganz alte Erinnerungen hervor. Wann hat mir denn jemand zum letzten Mal vorgeschrieben, schlafen zu gehen? Gar nicht, dass das so schlimm wäre, aber extrem ungewohnt. Die leicht bucklige Weißhaarige akzeptiert unsere Entscheidung aber und bittet nur, das Licht später auszuschalten. Kein Problem, 謝謝 „xièxiè“.

Sidd friert ein wenig, weshalb der „heater“ an der Decke (Position auch sehr sinnvoll gewählt…) zum Einsatz kommt. In Nordindien wohnt Sidd übrigens im Erdgeschoss, wodurch er weder Klimaanlage noch Heizung benötigt. Auch eine Art von Luxus.

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