Halbwegs früh aufstehen lautet die Devise, wenn man im Urlaub etwas erleben will. Besonders im Winter, wo Sonnenauf- und -untergang so massiv nach vorne verschoben sind. Wer steht bitte um viertel nach sechs auf? Und wer geht bitte um viertel nach fünf ins Bett? Den gesamten Zyklus um zwei oder drei Stunden nach hinten zu verschieben, würde mir sehr zupass kommen. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, deshalb darf ich mich gediegen aus der Heia quälen. Sidd hat sich zwar rumgewälzt, dafür aber nicht geschnarcht, wofür ich sehr dankbar bin. Um 10 Uhr checken wir aus und statten der Old Street einen letzten Besuch ab.
Frühstück gibt’s im FamilyMart und als wir vor dem ikonischen Eingang der Attraktionsgasse ein Bild zu zweit machen lassen, werden wir von einer großen Gruppe japanischer Studenten oder Schülern angesprochen. Sie wollen unbedingt ein Bild mit uns machen, und bevor sie weiterziehen können, lasse ich es mir geben, woraufhin der Junge Instagram austauschen will. Sofort landen wir in der Story mit fettgedrucktem „Danke!!!“. Auch andere japanische Jungsgruppen in Schuluniformen (sie könnten glatt aus Hogwarts kommen) schwärmen in die Gasse. Dachte ich, dass ich mittlerweile asiatische Gesichter gut auseinanderhalten kann, wo belehrt mich ein Jungstrupp voller kurzgeschorener Köpfe eines Besseren.

Weil dies der perfekte Ort für eine Souvenirjagd ist, besorge ich mir eine Minilaterne mit „九份“-Aufschrift, Sidd kauft sich Essstäbchen und anderen Krimskrams und gemeinsam lassen wir uns durch eine Teeverkostung führen.


Schließlich nehmen wir den Bus, der uns in zehn Minuten an den Beginn eines Wanderwegs bringt. Ziel ist der „Teapot Mountain“. In meinen Wanderschuhen schmerzt der linke Fuß nicht mehr so sehr, außerdem bin ich jetzt mehr oder weniger gegen Umknicken resistent. Auf einer quasi unbefahrenen Straße läuft man am Berghang vorbei und kann nach links eine atemberaubende Aussicht auf das Meer genießen, welches bereits ein ganzes Stück unterhalb liegt. Eine quadratische Ruine verdeutlicht das umso mehr, als dass von ihr in steilem Winkel zwei Schienen abgehen, über die garantiert Lasten vom Hafen hochgezogen wurden. Das Meer um den Hafen herum ist merkwürdig grün, vielleicht eine Alge? In den Gemäuern, die vielleicht noch von den Japanern stammen, deuten sich außerdem Fundamente großer Apparate an. Ein taiwanesisches Ehepaar macht gerne Fotos von uns.



Irgendwann führt glücklicherweise ein richtiger Wanderweg ab, Steinstufe um Steinstufe geht es steil bergauf. Sidd gibt an, Steintreppen zu hassen, viel lieber läuft er auf unebenem Erdboden oder wenigstens Kieselsteinen. Ich frage ihn über die Berge Indien aus, schließlich kommt er aus einer der nördlichsten Regionen und kann von seiner Haustür aus das Himalaya sehen. Skifahren kann er nicht, auch wenn es theoretisch angeboten wird. Nicht in seiner Nähe, aber in Kaschmir. Ist das nicht diese Konfliktregion, in der Indien, Pakistan und China um Territorium streiten? Ja genau, und Sidds Familie hat dort früher sogar gewohnt, denn sein Vater (der Militär) war im Gebiet stationiert (genauso wie in Afghanistan übrigens, als UN-Friedenstruppe). In Kaschmir haben sie zum „terrorism peak“ etwa um 2005 rum gelebt und wer das Camp verlassen wollte, musste unterzeichnen, sein Leben auf eigene Verantwortung zu riskieren. Unter den Bedingungen hätte ich auch keine Lust auf Skifahren. Dafür ist Sidd mit Wandern großgeworden, enthusiastisch lerne ich über die fünf Routen des „Lord Shiva“, also des mächtigsten hinduistischen Gottes. Sein Bruder hat letztens schon eine der Wanderungen absolviert, Sidd will nächstes Jahr unbedingt die schönste und schwierigste von allen versuchen. Auf ihr sind viele Pilger unterwegs, man benötigt zwei ganze Tage und sieht angeblich im Verlauf des Trips vier Jahreszeiten: Sommer (im Tal), Monsun (Regenfälle), Postmonsun (weniger grünes Gras und fallende Blätter), schließlich Winter (offensichtlich Schnee in der Höhe).Dass Sidd bei den Berge in Taiwan so ausflippt, wundert mich fast. Ohne Frage sind sie wunderschön, aber indisches Gebirge muss auf diese mickrigen Hügel doch runterspucken wollen. Oder irre ich mich? Vermutlich ist es die Vegetation, die Taiwan ein Stückchen Besonderheit verleiht.

Zwischendurch stehen immer mal wieder Pavillons, das bin ich mittlerweile gewohnt. Vereinzelt schöne Dächer in der Berglandschaft, das schadet nicht. Dabei erweitert sich das Blickfeld mehr und mehr, der bewölkte Himmel und diesige Horizont, in dem Wasser und Himmel, Wolken und Bergkanten verschwimmen, fällt da überhaupt nicht ins Gewicht. Wir sind nur froh, nicht zum Sonnenaufgang hergekommen zu sein, das hätte sich nun wirklich nicht gelohnt. Auch freitagmittags zieht es Touristen rauf, es hält sich aber gerade so in Grenzen. Europäische Gesichter entgehen mir nicht, besonders auf dem Teekannengipfel, wie er wörtlich heißt. Eine offensichtliche Namensgebung ist es auf den ersten Blick nicht, aber vielleicht stellen die sprießenden Felsen ja auch Kohlen da, auf die man die Zischkaraffen in alten Zeiten gestellt hat. Sidd will bei jeder Gelegenheit ein Foto machen oder eines schießen lassen, das finde ich erst gut, aber es artet ein klein wenig aus. Am Ende des Tages bekomme ich über 50 Bilder, von denen ich den Großteil eh wieder lösche, ich komme mit doppelten und mehrfachen Varianten in meiner Galerie nämlich nicht klar, das macht mich kirre. Die entstandenen Shots sind trotzdem ziemlich cool.


Um auf den Gipfel, also die Steine zu gelangen, muss man durch eine große Öffnung klettern und innen an einem Seil die enge Luke passieren, was mit Rucksack auf dem Rücken Baucheinziehsport ist. Bis es soweit ist, warten wir mit anderen Wanderern eine ganze Weile, denn von oben kommt Wanderverkehr, der natürlich Vorrang hat und sich mit dem Schlängeln schwertut. Unter den eingeklemmten Felsen will ich bei einem Erdbeben übrigens nicht sein. Zwar scheinen sie bisher bestanden zu haben, aber wer weiß, welche Felsen im Tal auch mal hier oben waren?

Als ich dann endlich hochdarf, offenbart sich ein noch besserer Ausblick als zuvor. Viel Bewegungsraum gibt es nicht, relativ schnell warnen Schilder vor Rutschen und Absturzgefahr, tatsächlich geht es zu beiden Seiten steil bergab. Allerdings traut sich eine Gruppe hinter uns, die aus Einheimischen und einem unentwegt lächelndem französischen Pärchen besteht, weitere Steine zu queren, über in einen Felsen gehauene Trittstufen. Ein schöner Ort fürs Mittagessen. Natürlich dürfen auch die deutschen Stimmen nicht fehlen. Zwei Mädels in Alltagsklamotten, die sich einen Rucksack teilen, kommentieren das Geschehen und Gesehene trocknen, nicht ohne jeden zweiten Satz mit einem „Bro“ zu versehen. Eigentlich verhalte ich mich in der Gegenwart von anderen Deutschen gerne unauffällig (ich werde auch nie als Deutsch identifiziert), aber Sidd schaut mich vielsagend an und sagt „give it a try“. Es lohnt sich wirklich, denn die beiden erzählen von einer Rundroute, die sie wandern, ohne das wären wir vielleicht einfach umgekehrt. Ein unscheinbarer Weg hinter dem Berg führt weiter ins Gebirge, die Route ist sogar auf dem wenig mit Informationen versehenen Komoot eingezeichnet. Die Mädels kommen aus München und machen Auslandssemester in Hongkong und Kuala Lumpur, da kann man sich mal in Taiwan treffen. Aber nur, wenn man aus München kommt. Hinter der Bergkuppe befindet sich auch der blonde Franzose, den seine Gruppe die ganze Zeit schon mit „Antoine!“ gerufen hat. Auf einem Vorsprung über uns sitzt außerdem die ganze Zeit schon ein anderer Blonder, der auf seiner Gitarre einige Akkorde anschlägt. Idyllisch.

Der Weg führt bei gutem Windschutz zwischen tropischen Gewächsen weiter über einen Bergsattel, der sich letztlich zum Kletterhang auswächst, dessen Spitze Teil eines anderen Sattels ist. Von oben ruft ein netter Taiwanese zu, dass wir keine Angst haben brauchen, tatsächlich aber warten wir nur auf freie Bahn. Jemand anders erzählt uns, dass wir nicht in Richtung Meer klettern sollten, er ist seit den frühen Morgenstunden unterwegs und hält die Strecke für zu gefährlich.



Die beiden Deutschen wandern mal vor, mal hinter uns, so höre ich die Gesprächsthemen meilenweit. Es geht um Jungs, die sich für besonders individuell halten und dass ihre Kleidung, insbesondere die Schuhe, sich mit Wandern nicht besonders vertragen. In der Tat, die armen rosa Sambas. Der rutschige Bergmatsch tut ihnen nicht gut.

Der höchste Punkt der Route misst 705 Meter über dem Meeresspiegel, nicht schlecht. Kalt ist es außerdem, am besten bleibt man in Bewegung. Immer wieder helfen Ketten und Seile beim Klettern, in erster Linie kann man dadurch aber Entgegenkommenden ausweichen. Endlich reicht das Blickfeld übrigens 360 Grad rundherum, so kann ich mir auch die Berge weit hinter uns anschauen. Der 半平山 „Banpingshan“, nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter in Kaohsiung, ist Teil von Taiwans nordöstlicher Ecke, in zwei Himmelsrichtungen sieht man Ozean. Weil langsam die Sonne herauskommt und die grünen Erhebungen im Hinterland beleuchtet, sieht die Ferne nach flauschigen Decken und Kissen aus, wundervoll. Auf einem baumlosen Gipfel nebenan befindet sich ein hässliches, kantiges Gebäude, das stark nach wissenschaftlicher Einrichtung aussieht und eher abschreckt.

Zum Ende der Hauptroute wird es fast am Schönsten. Zitat Sidd: „Whoever built this trail, he must have been a genious.“ Ich bin alles andere als ein Biologe, aber eine Art weiße Wedelpflanze oder -blume bedeckt ganze Hänge, vermutlich ist genau die für die Flauscheffekt zuständig. Sie reicht locker bis auf Kopfhöhe, sodass man geborgen und weich wandert. Später schreibt Jessie mir, dass es sich um 芒草花 „Mángcǎo huā“, also Miscanthus-Blüten handelt. Was auch immer das heißen mag. Das Sonnenlicht gibt dem Ganzen einen zusätzlichen Touch, fast wie ein Fotofilter. Natürlich kommt kurz dahinter eine Straße, auf der einige Autos parken. Fotos schießende Pseudowanderer erkenne ich sofort am fehlenden Gepäck, aber sollen sie ruhig die anderen geilen Abschnitte verpassen, ich genieße ihre Abwesenheit dort gerne. Wenn „time is money“ das Motto ist, hat man m.E. das Ziel sowieso schon verfehlt. Angeblich gibt es in China einen Berg, der nur mithilfe von Rolltreppen bestreitbar ist, das hat mir glaube ich neulich jemand so erzählt. Kein Kommentar.


Von da an wird es leerer, auf die Straße haben viele wohl keine Lust und kehren um oder steigen in den gemütlichen Vierbeiner. An der Straßenrand zu urinieren, traue ich mich nicht, auch wenn ich weiß, dass es ganz natürlich ist. Taiwan ist in der Hinsicht anders. Immerhin geht zum Ende hin wieder ein Wanderweg ab, der mehrheitlich aus offenliegenden Treppen besteht, die wir schon am Mittag gesehen haben. Beim Blick auf die hinter uns liegenden Berge wird mir endlich klar, warum der erste Gipfel seinen Namen trägt: aus diesem Blickwinkel ist es wirklich eine Teekanne!

Ein Highlight gibt es dann noch. Ein als Mine versprochenes Areal entpuppt sich als kleines Tal, in dem rechts und links gelb und blau rostende Felsen aufsteigen und Steinquader in der Mitte fast schon friedhofsartig angeordnet sind. Noch stranger sind aber die metallischen Klänge, als wäre ich in einem Videospiel, das seine NPCs mit Spitzhacken Erz farmen lässt. Von den Talgrenzen tropfendes Wasser liefert dazu die realistischen Hintergrundgeräusche. Ein Blick nach oben offenbart aber: Irgendwelche Maschinen sind noch am Werk! Alle paar Sekunden schlägt ein Hammer auf ein Gegenstück, von so weit unten lässt es sich leider nur schwer verfolgen. Ob das jetzt reine Kulisse ist (bei der Abgeschiedenheit allerdings fraglich), tatsächlich Arbeiter vor Ort sind oder ein automatisiertes Bergbausystem dahintersteckt, vermag ich nicht zu urteilen. Weiter unten im Abstieg steht mitten im Weg ein ebenfalls rostendes Steinprisma. Irgendwie muss das mit den Japanern zu tun haben, all die verlassenen Ruinen, Bahnstrecken und Konstruktionen.



Auf dem letzten Wegstück begegnen wir dann wieder vielen Guckern, wortwörtlich. Gut erreichbare Viewpoints ziehen die Leute bekanntlich an wie Moskito-Zapper ihre gleichnamige Beute. Ich habe nach ausgelassenem lunch schon wieder massiv Hunger, aber lieber nehme ich direkt den Bus nach Keelung, statt eine weitere Stunde zu warten. Auf den Serpentinen verkehren viel zu viele Busse, was durchgehenden Stau und ordentlich Verspätung produziert. In unserem mit der Nummer 788 sind größtenteils Schülerinnen und Schüler. Leider steigt kaum jemand in Jiufen aus, sodass wir die ganze Fahrt mit den Rucksäcken stehen müssen. Dafür werden wir vom Busfahrer gefragt, ob wir nicht für den Zug aussteigen wollen. Sehr aufmerksam, wie er auf die Touristen Rücksicht nimmt. Mit leicht tauben Händen penne ich fast ein, aber ständig muss man jemandem ausweichen, der raus will oder neue Leute durchlassen. Der Bus hält zwar für jeden, dafür muss dann aber auch die Menschenstapelei ertragen. Am Ende der Tuckerfahrt kippt eine alte Frau irgendeine tiefgelbe Flüssigkeit aus. „這是茶 zhè shì chá“, das sei nur Tee.
Keelung sieht im dunklen Abendlicht erstmal aus wie die meisten anderen taiwanesischen Städte. Vermutlich aufgrund der Höhe und der winddichten Straßenzüge friere ich kaum noch, T-Shirt oder Pullover gehen voll klar. Der Gang zum Hotel erinnert mich stark an meine erste Nacht in Kaohsiung: durchwuselte Straßen, eher schlechte als rechte Fußgängerwege, schließlich ein zwielichtiger Eingang. Das „Aloha Hotel“ schickt uns mit einem extrem langsam reagierenden Fahrstuhl in den fünften Stock, wo das Zimmer genauso wie der ganze Flur eine einzige Trump-Hommage ist, jedenfalls architektonisch. Weiß und gold bestimmen den billigen Dekor nicht nur, sie sind er. Billigste Materialien schmücken die hohlen Trockenbauwände, aber Stuck und kleine Tor- und Fensterbögen diversifizieren die Raumstruktur so sehr, dass ich dem Gesamtkonzept etwas abgewinnen kann. Leider müssen wir den Raum wechseln, der zwei riesige Doppelbetten hatte, weil die Klimaanlage viel zu kalt ist und sich nicht ausstellen lässt. Allerdings ist der nächste ähnlich eingerichtet, das nimmt sich nicht so viel. Interessantes Detail: In Pappbechern auf dem Taschentuchspender (der aber wirklich normal ist) befinden sich beide Male drei oder vier Kondome, ganz casual. Wie subtil billig und ramschig willst du dein Hotel vermarkten? Ja. Dass das ökonomische Konzept der Hotelkette auf ONS fußt, das will ich mal überhaupt nicht anzweifeln.

Die Wanderung hat müde, aber auch hungrig gemacht. In einem großen Budda-Tempel findet sich ein entsprechend vegetarisches Restaurant, Käsereis und -nudeln legen die Grundlage. Ein anderes Veggie-Restaurant versorgt uns mit Bowls, wobei mein Wurstimitat eindeutig süß und etwas nach Banane schmeckt.




Der Keelung Night Market zieht sich zwar nur durch zwei Straßen, die sind dafür umso länger. Eine standardisierte Oberleiste gibt an, welches Essen man wo kaufen kann, außerdem leuchten die schönen roten Lampen wieder hell und wärmend. Ich sehe kaum Nichtsasiaten, bei der Stadtgröße und Taipeinähe irgendwie verwunderlich. Ein schlechtes shaved ice später gehen wir nach Hause. Ich hätte gerne noch etwas gemacht, aber weiß nicht, was das hätte sein können, außerdem brauche ich echt Schlaf.

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