Taipei (Samstag, 29. November)

Wir verschlafen schon wieder, aber die Müdigkeit ist auch nur ein subtiler Hinweis des Körpers, insofern soll es wohl so sein. Um halb elf checken wir aus und suchen ein Brunch-Restaurant auf, das im Preis-Leistungs-Verhältnis leider gar nicht stimmt. Für 6€ bekommt jeder eine heiße Schokolade (die gut ist) und eine mickrig befüllt Platte mit vier Minitoasts, einem Eierbecher voll Müsli, einigen Salatblättern, zwei Apfelstücken und zwei eisigen Kugeln, die in Wahrheit aber Kartoffelbrei und smashed potato sind, bei viel zu niedriger Temperatur. Nächstes Mal gehe ich doch lieber in einen convenience store.

Enttäuschendes Frühstück

Der Plan für heute sieht erstens die grasslands nördlich von Taipei vor (die Sidds ursprüngliche Motivation waren, nach Taipei zu fahren) und zweitens aufgrund des recht klaren Himmels „Taipei 101“, das Wahrzeichen der Stadt. Auf den Bus warten wir am „Keelung Port“, einer perfekt rechtwinkligen Aushebung namens Hafen, in dem mehrere Boote der Küstenwache sowie ein ziemlich großes Kreuzfahrtschiff liegen. Letzteres betrachtend, kann man durchaus ein wenig Zeit damit verbringen, Wimmelbuch zu spielen und neben der Anzahl der Stockwerke auch herauszufinden, wo der Kapitän sitzt, wieviele Kinos es geben mag und wie luxuriös es im Vergleich mit anderen Kreuzern sein dürfte (eher nicht so, würde ich sagen).

Kreuzer im „Keelung Port“
Der dunkle Turm ist wohl das höchste Gebäude der Stadt, nichts Besonderes
Rote Weihnachten!

Keelung an sich ist vermutlich ganz entspannt, da es nah an Taipei liegt, selbst aber recht ruhig ist und trotzdem Naturnähe bietet. Andererseits ist es aber auch langweilig, nicht besonders schön und hat öfter schlechtes Wetter aufgrund der nördlichen Lage. So mein Eindruck nach einem Abend und einem Morgen. Muss jeder für sich selbst wissen, ich bin jedenfalls froh, in den Bus nach Taipei zu steigen, der versteckt in einer Hinterhalle am Bahnhof abfährt. Der Motor ist dermaßen laut, dass man es in der letzten Sitzreihe nicht aushält, da quetscht man sich lieber freiwillig nach vorne. Immerhin dauert die Fahrt nicht lange und Sidd tippt mich schon auf der Autobahn wie wild an, weil er Taipei 101 in der Ferne gespottet hat. Das Wahrzeichen der Hauptstadt sieht man auch von der Shilin Station aus, an der wir rausgelassen werden.

Das Atomium hat angerufen, es will sein Glied zurück!

Der Check-In im Hostel wäre ein zu großer Umweg, deshalb geht es direkt weiter in Richtung grasslands. Der entsprechende Bus braucht aber eine Weile, sodass Zeit für ein 7/11-Mittagessen bleibt. Am Store-Tisch sitzen einige Phillipinen, die unvermittelt fragen, ob wir schon in ihrer Heimat waren. Nein, ist die Antwort, die Reaktion darauf: „Ah, okay“. Ich will aber noch, das erfreut die Gruppe von etwa fünf Leuten Ende der Dreißiger. Obwohl sie aus Manila kommen, stimmen sie zu, dass Palawan, insbesondere Coron perfekt ist, um Urlaub zu machen oder mit einem Motorrad die Küste runterzufahren. Dann müssen sie aber los, klar, viel Spaß noch.

Die Busse in Taipei sind genau wie in Kaohsiung auf den ersten Blick beliebig nummeriert. Dass S15 bzw. 小15, also die kleine Linie uns mit einem Kleinbus nach Norden fährt, ergibt aber Sinn. Zu klein meiner Meinung nach, denn Sitzen ist den privilegierten Zuerstsitzern vorbehalten. Sidd hat versprochen, dass wir „nur“ 38 Minuten fahren, die Angabe verpufft aber wie nichts, und ganz schnell sind wir bei einer Stunde. Google habe es ja gesagt, überprüfen kann man es jetzt jedenfalls nicht mehr. Das stimmt, aber ganz leicht beschleicht mich auch das Gefühl, mein indischer Reisegefährte könnte seine Planung naiv angehen. Schon die ganze Zeit wollte er in Keelung zwei Spots anschauen gehen, die auf Maps alles andere als spektakulär gewirkt haben, Hafenstellen und sonstige Küste. Erst heute früh, als ich nochmal gefragt hatte, ob sich das wirklich lohnt, scheint er sich bewusst geworden zu sein, dass das einfach nur das geringe Übel wäre, von dem, was man in Keelung hätte machen können. Gerade weil es in Taipei aber viel zu sehen gibt, können wir uns das gerne sparen. Außerdem sollte man bei Google besser die geplanten Zeiten eingeben, sonst bekommt man u.U. andere Fahrzeiten und -wege angezeigt. Nur so als Tipp. Jetzt stehen wir also über eine Stunde im Bus und zuckeln durch langsame Serpentinen, während Taipei hinter uns immer kleiner wird. Taipei 101 wird also garantiert nichts mehr, das sage ich schonmal voraus.

Von dem Managment bin ich leicht genervt (auch wenn ich natürlich selbst hätte übernehmen können), auch weil das Wetter für weite Aussicht gut ist, kann mich aber auf Anderes konzentrieren, nachdem wir ausgestiegen und etwas gelaufen sind. Eine Station vor Ende lässt der Busfahrer uns raus und wir nehmen einen kleinen Wanderweg in Richtung des Grasplateaus. Dort sind zwar viele Touristen, unter anderem sehen wir kleine Pünktchen auf einen Berg neben uns wandern, aber das Areal ist so groß, dass man sich trotz allem nicht gedrängt fühlt. Ein Waldweg auf halbwegs glatten Steinen führt unter geneigten Bäumen neben einem Bächchen entlang, ab und an einige Stufen hinauf oder hinab. Sidd holt natürlich wieder sein Handy raus und macht nicht nur sehr viele Fotos, sondern streamt gleich alles nach Indien. Ständig sagt er „haanji“, dabei steht „haan“ auf Hindi für ja und das „-ji“ ist ein Respektpartikel, den er seiner Mutter entgegenbringt. Ich beobachte entgegenkommende Asiaten, diejenigen, die nicht auf ihr Handy starren, lächeln freundlich zurück.

陽明山國家公園 „Yangmingshan National Park“
Idyllischer Waldweg

Nach nicht allzulanger Zeit kommen wir trotzdem angeschwitzt auf eine Anhöhe, deren Gelände nur über ein Blockgatter passierbar ist. Viermal wendet man sich, sodass auf keinen Fall ein Büffel hinterherkommt, dann ist man in der sicheren Zone. Nichts für Menschen mit erhöhtem BMI, ich bleibe schon mit Rucksack fast stecken. Die Graslandschaft ist nicht ganz so clean und eben wie mein Lieblingsspot auf Lü Dao, auch weil der Wanderweg vom Wildgehege abgetrennt ist und die Menschenmassen einen inhomogenen Konrast zu Graslandschaft kreieren, die sowieso recht hügelig ist. Mir gefällt es aber gut, denn der Blick reicht weit und die umliegende Landschaft weist keine Spuren von Zivilisation auf, mit wenigen Ausnahmen winziger Punkte, die sich auf Wanderwegen herumtreiben. Sowohl Kühe als auch Büffel bevölkern den Nationalpark, und auch wenn sie angeblich friedlich sind, hält die Regierung sie vorsichtshalber hinter dem Holzgatter. Sie chillen in erster Linie ohne Scheu vor den menschlichen Paparazzi, und an manchen Stellen führen die Wanderwege auch über das offene Gelände. Man soll Abstand halten und es gibt Anleitungen, wie man sich im Ernstfall hinter den Pollern versteckt.

Eintrittshindernis
Entspannter Büffel

Eigentlich hatten wir nichts Anstrengendes geplant, aber da wir sowieso die Ausstattung hier haben und man so am meisten sieht, legen wir eine kurze Abfolge von Hügeln fest, die wir dann bewandern. Zuerst derjenige, der nach Taipei und Neu-Taipei zeigt. Das sind tatsächlich zwei verschiedene Städte, auch wenn man im Volksmund nur Taipei sagt. In fünf Minuten gelangt man strammen Schrittes nach oben, dort wartet ein Steinzylinder mit der Nummer 4. Sidd meint, es sei ein Brunnen, und auch wenn ich skeptisch bin, dass man auf einem Gipfel nach Wasser gräbt, sieht die Konstruktion durch ein Loch an der Seite sehr danach aus. In Richtung Taipei führt luftlinig ein Wanderweg, der aber schnell im Gebüsch endet und dazu Fußabdrücke von gewaltigen Büffeln aufweist, nichts für mich. Die Hauptstadt vermischt sich mit dem Dunst des Horizonts, nur der 淡水河 „Dànshuǐ hé“ (Tamsui River) spiegelt das Sonnenlicht und gibt Orientierung.

Suchbild fernes Taipei – wer findet Taipei 101?

Dann wenden wir uns wieder dem Nationalpark und seinen grünen Wiesen zu. Auf dem Hang nach unten tun wir es vielen Leuten gleich: rasten, Aussicht genießen. Sidd hat sich in Hongkong einen Tripod gekauft, der dort produziert und deshalb relativ billig gewesen sein soll. Jetzt soll er auch hier zum Einsatz kommen: Das Stativ ist schnell aufgestellt, Handy in die Halterung, langes Justieren, Fernbedienung gezückt und das Fotoshooting kann beginnen. Ich bin in der komfortablen Situation, mich über den Fototourismus lustig machen zu können und dabei gleichzeitig Nutznießer zu sein. Heute wollen mir keine passenden Posen einfallen, also leitet Sidd mich an, es ihm nachzutun. Inspiration ist ihm ein indischer Schauspieler oder Musiker, dessen Catchmove eine Bewegung ist, bei der er das Körpergewicht zur linken Seite neigt und die Arme zu beiden Seiten leicht nach oben gehen lässt, u-förmig. Inder bekommen das einfach besser hin als ich, aber sei es drum.

Indische Pose
Besseres Bild

Viel spannender ist nämlich Sidds nächster Einfall: Ein Video für seine zukünftigen Kinder mit einer Grußbotschaft. Es ist ein Fehler, mir den Text vorher zu sagen, denn so brechen wir die Aufnahme zigfach ab, weil einer von uns lachen muss. Schließlich drehe ich mich als Kameramann um, sobald der Fokus stimmt, und lasse Sidd sprechen. Ich habe das Video nicht in meiner Galerie, aber der Text ist für die nächsten Stunden wie eingebrannt in meinen Kopf: „Hey Kids, this is your dad. I am at ‚Qíngtiāngǎng‘ in Taiwan. This view (zeigt und guckt hinter sich) is one of the most beautiful ones I have seen in my entire life. Right now, you’re probably still inside the balls, but I wanted to let you know that your dad was pretty cool in his late 20s.“ Vielleicht hat er leicht bei der Schönheit der Landschaft übertrieben, auch wenn es tatsächlich wunderschön ist. Sonst müsste das Himalaya in seiner Heimat ja wirklich hässlich sein. Der Rest ist aber sehr authentisch, inklusive dem boomerhaften Joke mit „inside the balls“, es passt einfach zu ihm. Ich kann ihn mir ehrlich als Vater vorstellen. Jetzt soll ich auch noch selber so ein Video aufnehmen, was ich tatsächlich mache, mit eigenem spontan improvisiertem Text. Es landet aber nicht im Blog, weil ich mich schon nach drei Sekunden Anschauen wegcringe, wie unsicher meine Arme und Beine zuckeln. Die Idee finde ich aber echt cool und in irgendeiner Form will ich auch so ein Video, aber vielleicht ist das auch einfach was für einen anderen Trip in die Natur.

Mit dem Fotografie-Set sind wir hier übrigens keine auffälligen Fremden. Im Gegenteil: der Anteil kostümierter und sonstig aufgepeppter Personen mit Kameras, Beleuchtung, Anime-Outfits, mitgebrachten Spiegeln usw. ist so hoch wie sonst nirgendwo. Auch Harry-Potter-Fans sind dabei, mindestens zweimal spotten wir „Hermione“, wie sie ja im Englischen heißt und offenbar auf dem „i“ betont wird. Insofern fällt es zwar nicht auf, aber Sidd macht einfach zu viele Fotos. An jedem Zaun, der irgendwie schön aussieht, sollen wir uns beide gegenseitig knipsen und wenn möglich auch zu zweit von Fremden. Weniger wird es, als die Landschaft trotz Ortswechsel relativ ähnlich bleibt. Von einem Hang sieht man zwar nicht direkt das Meer, weiße Punkte als Schiffsidentifizierer lassen aber erahnen, wo es sich befindet. Im Freigelände sind die Büffel nah, bleiben aber für sich. Wenn eines der Viecher angreifen würde, hätte man wohl kaum eine Chance, zum Zaun zu flüchten. In jedem Kothaufen steckt Farn, ein Späßchen der Menschen. Die Wanderwege splitten sich oft auf, vermutlich sind die meisten Berge in der Gegend besteigbar.

Kunst-Collab von Tier und Mensch

Sidd will seine Eltern auch hierherbringen, wenn sie nächstes Jahr im Juni zu seiner „graduation“ für einige Wochen nach Taiwan kommen. Und seine Schwester (zu der er offensichtlich ein enges Verhältnis hat)? Die ist leider zu busy. Allerdings hat er ihr nahegelegt, in Taipei zu arbeiten, denn ihr Arbeitgeber hat auch in Taiwan Stellen offen. Der einzige Grund, weshalb sie das nicht tut, scheint aber die Sprachbarriere zu sein, denn des Chinesischen ist sie nicht mächtig. Außerdem, so Sidd, steht nächstes Jahr ihre Hochzeit an. Einen konkreten Partner gibt es noch nicht, aber ihre Eltern seien intensiv auf der Suche. Logisch, mit 29 Jahren ist sie im besten Heiratsalter, erfahre ich. Ist das nicht etwas spät, frage ich. Kann sein. Die Eltern jedenfalls wollten sie eigentlich früher verheiraten, aber da hat sie selbst Einspruch eingelegt, sie wolle vorher Karriere machen. Immerhin, denke ich mir, ein bisschen Entscheidungsspielraum. Ob denn schon jemand in Aussicht sei? Ja, tatsächlich. Kennt sie ihn schon? Ja. Und mag sie ihn? Ja, zumindest denkt er das. In meinen Ohren klingt das alles so absurd; ich frage mich fast, wie man davon reden kann, ohne komplett rot an den Ohren zu werden. Aber klar, andere Kultur, andere Sitten. Und von allem, was ich bisher mitbekommen habe, scheint Sidds Schwester trotzdem kein Mensch zu sein, der zuhause unterdrückt wird. Ich weiß es nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, dass das in der indischen Gesellschaft der einzige Weg überhaupt ist, zu heiraten. Schließlich braucht man immer jemand zweites, und auch die Eltern des Mannes wollen mitbestimmen (und die Mitgift bekommen).

Bevor es zurückgeht, landen wir auf einem Hügel weiter hinten im Park, von dem aus man vieles überblicken kann. Einige Senkungen erinnern stark an das Auenland, wenn es die Landschaft an sich nicht sowieso schon tut, und in der tiefstehenden Sonne breitet sich der grüne Hang vor mir aus wie ein sanftes Handtuch. Sidd stellt wieder seinen Tripod auf, um eine Timelapse von der sinkenden Sonne zu erstellen, derweil mache ich ein Nickerchen in der Sonne. Dabei entstehen noch mehr gute Fotos.

Wo sind die Hobbits?
Durch den sanften Nebel
Blicke zur Seite
Nachmittagsnickerchen

An der einzigen Haltestelle ist die Schlange endlos, nichtmal fünf oder sechs Busse würden ausreichen, um alle einzusammeln. Weil einige es aufgeben, können wir uns einer Dreiergruppe hinterherschleichen, die offensichtlich einen Fotoshooting-Termin hatte. Eine westliche Frau unseren Alters trägt ein Kleid mit Blümchenmotiven, hat die blonden Haare zum lockeren Dutt gebunden und wird von zwei Asiaten eskortiert. Sie haben einen riesigen Aufstellspiegel dabei, den ich schon auf den Wiesen bemerkt habe. Alle drei finden sich mit Mandarin gut zurecht und das Mädchen informiert uns darüber, dass ein „Shuttle Bus“ eine Station weiterfährt, wo wir weitere Transportmöglichkeiten erhalten. Auf der kurzen Fahrt frage ich sie ein paar Sachen und ein interessantes Gespräch entsteht. Die drei leben in Taipei, waren aber erst zum zweiten Mal hier. Was sie dort machen? Die Jungs studieren, das Mädchen: „I study life.“ Oh, oh. „You go to church?“ frage ich, denn ich fühle mich stark an die Kaohsiunger Mormonenschwestern erinnert. „No, haha. Synagoge.“ Da habe ich ja fast einen Volltreffer gelandet. „I‘m Jewish.“ „And you’re from the US?“ „Yes, do I look like?“, fragt sie seufzend. Sie klingt vor allem so. New York ist ihre Heimat, natürlich der beste Ort auf der Welt, gerade wenn es schneit, und überhaupt. Sidds Heimat ist schnell erraten, bei mir überlegt sie kurz, aber kommt nicht drauf. Ich sehe angeblich nicht typisch deutsch aus; das nehme ich als Kompliment, bei all den deutschen Touristen. Wir tauschen uns aus über Taiwan und dass es schwierig ist, sozialen Anschluss zu finden. Dann kommen eine Menge Vorurteile: „All the German people I know are quite intense, so maybe that’s why. They are always so political, the topics are too deep for the Taiwanese.“ Achso, und ich dachte schon, meine 你好嗎? „nǐ hǎo ma?“-Anreden sind langweilig… Die zwei Asiaten stellen sich als Indonesier heraus, die drei Jahre in Taichung studiert haben und seit einiger Zeit in Taipei wohnen. Ray und Grant sind ihre Namen und sie wirken leicht im Umgang, sowie sprachlich bewandert. Grant geht genau wie ich an Weihnachten wandern, nur knapp 10 Kilometer von meiner Route entfernt, nämlich am Schneeberg, dem 雪山 „Xuěshān“. Er hat Lili, wie der main character des Dreiersquads heißt, in einer performance bar kennengelernt, wo sie gesungen und er irgendwelche Instrumente gespielt hat. Sie hat die Jungs definitiv im Griff. Sie sehen sich heute erst zum fünften Mal, aber die beiden haben den ganzen Tag Regie und Set-Personal gespielt, um für ihr neues Album Coverfotos aufzunehmen. In zwei Stunden hat sie einen „gig“, in einer Taipeier Bar, deren Publikum angeblich mindestens mittleren Alters ist. Mit den Bands muss sie meist improvisieren, aber um perfekte Performance geht es dabei wohl nicht. Ihre Musik sei traurig und nachdenklich. Ich lasse mir ihr Spotify geben, selbstbewusst drückt Lili Greenberg auf den Aboknopf ihres eigenen Kanals, wo fast jeder Song den subtilen „<1000“-Counter hat. Es ist die „Du bist nicht wichtig“-Anzeige.

Der „größere“ Bus nach Taipei ruckelt langsam vor sich hin, während alle dicht gedrängt stehen. Seine Klimaanlage bläst wie ein Winterwind über die Nacken und als wir ein langes Schleifen plus Rumms hören, bleibt die Kiste endgültig stehen, neben dem Ausgang einer einfädelnden Spur. Mutmaßlich hat uns ein Motorrad gestreift, jedenfalls steigt der Busfahrer sofort aus und kehrt lange nicht wieder. Ausgestiegene Locals erzählen dann, dass er keine Antworten von sich gibt. So chillen wir lange auf dem highway, bis irgendwann ein anderer Bus kommt, um uns aufzusammeln. Ich bin richtig froh über die spontane Reisegemeinschaft, selbst für Berliner Verhältnisse dauert das hier alles ewig. Wir reden über Sidds Armreif aus Silber, den er aus religiösen Gründen trägt. Er ist Teil der Sikh-Gemeinschaft und sein „clan“ sind die „warriors“. Natürlich kämpft er nicht wirklich, aber der Reif gebietet den Vorfahren Respekt, oder so ähnlich. Schließlich verabschieden sich die drei und ich gehe mit Sidd endlich das Hostel aufsuchen.

Die Taipeier Metro sieht grundsätzlich ähnlich aus wie die in Kaohsiung, allerdings sind die Wagons etwas breiter, die Farben noch kräftiger und die Sounds am EasyCard-Swipe, auf den Bahnsteigen und im Zug sind ebenfalls verändert. Auch die Müllabfuhr-Melodie unterscheidet sich: Die Tonabfolge aus dem Inselsüden wird im Norden durch „Für Elise“ ersetzt. In den Ballungsräumen Taipeis ist der Europäer-Anteil viel größer als überall sonst, ein typisch weißes Gesicht ist hier ungefähr so selten wie ein asiatisches in Berlin. Das „1954 Guesthouse“ liegt auf westlicher Seite des Tamsui Rivers, müsste also zu Neu Taipei gehören. Nebenan befindet sich so etwas wie ein Biergarten, aus dem laute Musik dröhnt. Die Rezeptionistin erzählt etwas von „traditional culture event“, bei dem es um die Entführung einer Tochter durch ein Stammesoberhaupt geht, aber mein Laiengehör vernimmt eigentlich nur bekannte ABBA-Hits, die durch die Wände schallen. Von denen hat Sidd übrigens noch nie gehört, genauso wie von der Nischenband namens „The Beatles“. Jedenfalls liegen Gratis-Ohrstöpsel bereit. Im 8-Bett-Zimmer sind schon fünf Vorhänge zugezogen, obwohl wir erst 19:30 Uhr haben. Sind nicht gerade Hostelbesucher diejenigen, die viel erleben und die Stadt sehen wollen? Das soll mir mal einer erklären. Der Raum ist gänzlich in Spanplatten verkleidet, jedes Bett hat Stoffrollos zum Herunterziehen und kostet ein halbes Vermögen von 1350$TD (38€) pro Nacht, für Taiwan richtig teuer. Mindestens ein anderer Deutscher scheint auch hier zu übernachten, die Adiletten und lautstarkes Mitsingen zu „Mamma Mia“ in der öffentlichen Dusche outen ihn klar. Der komplette Sanitärbereich ist auf einer Terrasse im ersten Stock angesiedelt, dort kann man in Unterhose beim Zähneputzen auf die Senioren im Park und eine leicht befahrene Straße gucken. Urlaubsfeeling. Die Toilettensitze sind glühend warm und haben irgendwelche Sensoren, die automatisch zum Spülvorgang leiten. Das ist die modernste Toilette, die ich je besucht habe.

„1954 Guesthouse“
Wenn der Waschbereich außen liegt – so kalt kann es ja gar nicht werden

Weil Sidd und ich eben keine Faulenzer sind, geht es direkt weiter, mit YouBike überqueren wir die extrem lange Brücke über den gewaltigen Fluss und können die nächtliche Skyline ausgiebig genießen. Nicht weit von hier, etwas südöstlich, befindet sich ein Hotspot der nächtlichen Hauptstadt. Der 廣州街觀光夜市 „Guangzhou Street Night Market“ ist nur einer unter vielen und trotzdem so weitläufig, dass er in Kaohsiung unter den Top 3 landen würde. Mehrere überdachte Mall-Straßen schließen sich an, die „herblane“ hat leider schon geschlossen, aber eine steril helle Gasse mit fast ausschließlich Massageangeboten wirbt um Kunden. Eine tote Schildkrötenschlange im 20-Liter-Einmachglas soll ein unbesuchtes chinesisches Restaurant attraktiv machen, nein danke.

Taipei Skyline at night
Massagen-Lane

Vegetarische Kost ist rar, aber nicht unauffindbar. Ein unscheinbarer Stand bietet Nudelsuppe und getrocknetes Tofu, das leicht stinky ist. Für 60$TD (1,70€) pro Portion schlagen wir uns die Bäuche voll, besonders die Suppe und eine spezielle Soße schmecken hervorragend. In einem nahegelegenen Tempel werfen reihenweise Gläubige die halbmondförmigen Holzbananen, um ihrem Schicksal eine Ja-oder-Nein-Entscheidung abzuverlangen. Die Atmosphäre der Stadt ist entspannt, an Läden wie dem Bubble-Tea-Franchise „50嵐“ versammeln sich große Menschenmengen. Bei den für Taipei warmen Temperaturen lobe ich mir Grüntee inklusive Speiseeis im Becher, auch wenn er mit einem Strohhalm nicht ganz so einfach zu trinken ist. Sidd telefoniert immer wieder für ein paar Minuten, was mich langsam echt nervt, schließlich sind wir ja irgendwie zu zweit unterwegs. Aber dann ist das jetzt meine Aufgabe, damit klarzukommen und Taipei zu sehen.

Nächtliche Gebetsstätte
Das ist kein Obdachlosenunterstand am Straßenrand, sondern ein Klamottenladen

Danach kommen wir aber in die beste Gegend: 西門町 „Ximending“. Schon Henry, den ich zu Beginn meiner Reise getroffen habe, hat mir von den Straßenkünstlern, Menschenmengen, sonstigen Attraktionen und Prostituierten erzählt, für die das Touristenviertel bekannt ist. Groß beschmückte Tore markieren den Kiezbeginn genauso wie die auto- und motorradfreie Fußgängerzone, in der man sich regelrecht durchdrängeln muss. In alle Richtungen sieht man Kulisse, Food Stores, Souvenirläden, Kinos und Europäer.

Ximending
Da stellt man einmal öffentliche Mülleimer hin, schon wird es dreckig…

Im Zentrum befindet sich ein asymmetrischer Platz, dort stehen Besucher in Gruppen, als wenn sie gerade von einem Konzert oder einer Party kämen. Mittendrin haben sich Besitzer exotischer Tiere in Stellung gebracht und lassen mutige Touristen in Kontakt treten. Am beeindruckendsten sind die Schlangen, die man auf den Arm, besser gesagt über die Schulter nehmen darf. Sidd berührt eine mit seinen Fingern und flippt komplett aus, die Haut „feels like rubber“. Ich lege mich schon fest, „I won‘t do this!“, aber dann kommt ein Herrchen ausgerechnet mit dem größten Exemplar überhaupt direkt auf mich zu und will sie mir geben. „It is not dangerous?“, frage ich. „No.“ „Are you sure?“ „It’s not.“ Er grinst. Vermutlich kriegt er die Frage jedes einzelne Mal gestellt. Und schon hab ich das bestimmt 35 Kilo schwere Viech auf mir, achsensymmetrisch auf den Nacken gelegt, wie einen Schal. So schlimm fühlt es sich gar nicht an, nur als der längliche Kopf in Richtung meines eigenen zieht, werde ich leicht nervös. Sidd traut sich dann auch und findet im Nachhinein per Google-KI raus, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine „Albino Burmese Python“ handelt. Giftig ist sie nicht, aber mich zu erwürgen, hätte ihr nicht besonders schwer fallen dürfen. Außerdem dürfen wir uns Lederhandschuhe anziehen und einen Bussard darauf landen lassen.

Neuer bester Freund
Was der Kollege mir da wohl flüstert?
Ich wurde angewiesen, die Hand so hoch zu heben! Immerhin ist es nur die linke.

Die wenigen Bars sind kaum gefüllt, gesoffen wird vor allem in einer Gasse, die Territorium einiger Obdachloser ist. In so einer belebten Gegend wie Ximending hätte ich große Lust, andere Leute kennenzulernen, aber da klassische Kennenlernorte wie Bars rausfallen, müsste man die Leute einfach auf der Straße ansprechen. Und ich bin ja bereits mit jemandem unterwegs, der Gesellschaft bedeutet, also ist das eher eine Aufgabe fürs Alleinereisen. Am Rand des Kiezes fallen mir sofort die Prostituierten auf, die anzüglich bekleidet auch nicht anders als in anderen Rotlichtvierteln subtil winkend am Straßenrand stehen. Sidd guckt nach meiner Bemerkung überrascht zur Seite, woraufhin die Dame und ich beide lachen müssen. Er weist dann sofort auf angeblich weitere Damen dieser Profession hin, die aber nur leicht bekleidete Mädels auf der anderen Seite des Zebrastreifens sind. Muss ja nicht jeder ein Auge dafür haben.

Auf halbem Rückweg (viel zu spät) erinnert Sidd sich, dass er unbedingt in eine Bar gehen wollte. Bro, wir sind vorhin an einigen vorbeigelaufen. Den Plan verschieben wir dann auf morgen, denn die teure Unterkunft will benutzt werden und müde sind wir beide von den langen Wandertagen, gestern waren es wohl über 20 Kilometer Fußmarsch. Außerdem trinkt Sidd keinen Alkohol, allzu lange wären wir vermutlich nirgendwo geblieben. Meinen Kalorienbedarf befriedige ich in einem 7/11 nahe des Hostels mit einem Gemüse-Mikrowellengericht. Nur ein alter Taiwanese, der unfassbar laut vor sich hinrotzt und in seine lokale Zeitung zeichnet, stört etwas. 20 Minuten Doomscrolling erlaube ich mir dort, dann geht’s rüber und ab in die Heia.

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