Im Gegensatz zu Sidd habe ich außerordentlich gut geschlafen. Zähneputzen auf der Hostelveranda, knallender Sonnenschein und der Blick auf einen Tempel hinter dem Vorplatzpark machen gute Laune.
Auf der Suche nach Frühstück gelangen wir zufällig in das rege Treiben eines Morgenmarkts, der zu großen Teilen von Senioren betrieben und besucht wird. Mehrere Schlachtstände, auf denen gröbstes Fleisch zerhackt wird, zappelnde Schwertfische vergeblich um Luft ringen und Dreiradkonstruktionen, die ich eigentlich mit Vietnam verknüpfe, geben dem Ort einen Charakter. Motorräder hupen und schlängeln sich im Schritttempo durch. Ampeln sind zwar im Betrieb, sind aufgrund des erhöhten Verkehrsaufkommens aber obsolet. Nichts wird hier aufgehübscht, manches Gemüse ist dreckig, die Fassaden bröselig. An wenigen Stellen versammeln sich Fliegenschwärme, entsteht so vielleicht die nächste Pandemie? Das absolut einzige westliche Gesicht gehört einem strohblonden Typen, der schnurstracks auf mich zukommt, „Hello white man!“ ruft und schüttelt mir erleichtert die Hand. Sidd schaut er kurz an und fragt dann, ob er irgendwo „currency“ herbekommt. Klar, der 7/11 da hinten hat einen ATM. „Man! I have only cash. Cash!“ Auweia, dann wirds eng. „The banks are closed“, weiß er selber. „Shit! I have only 100 Dollar bill.“ Am Flughafen müsste es gehen, viel Glück; dann ist er auch schon weg.


In einer weniger belebten Seitenstraße werden wir vegetarischen Sonderlinge fündig, eine Frau verkauft vietnamesische „Bánh mì“ in Plastikfolie sowie Frühlingsrollen mit rätselhafter Soße. Nur 70$TD (2€) pro Gericht für ein mehr als satt machendes Frühstück, den Laden speichere ich mir.

Anschließend geht’s weiter mit der „Zhonghe-Xinlu Line“, die man eigentlich wie in Kaohsiung einfach als yellow line bezeichnen könnte. Cooles Feature: die Anzeigetafel gibt an, in welcher Station sich die nächste Bahn befindet. Diese verlässliche Information zu sehen (selbst wenn die Bahn zu spät ist, was hier auch mal passiert), erzeugt große innere Ruhe. Gerne auch in Deutschland!

Ein Taipeier Must-See ist die 國立中正紀念堂 „Guólì zhōngzhèng jìniàn táng“, also die Nationale Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle, wobei die internationale Aussprache des Protagonisten sich stark von der chinesischen Variante unterscheidet. Auf dem Weg dorthin begegnen uns zwei Männer in Anzügen auf Fahrrädern, vor deren Konversationsstrategie Sidd mich geradeso abhalten kann. Männliche Mormonen halt.
Das Memorial-Gelände ist von weißen Mauern mit dunkelblauen Dachziegeln umrahmt, was Sidd als japanisch identifiziert haben will, auch wenn die Japaner mit einer Ehrung des taiwanesischen Vaters der Nachkriegsordnung wohl kaum etwas zu tun haben. Ein Staatsgründer war er wohl nicht, denn ein solcher wurde nie neu gegründet, auch heute ist Taiwans offizieller Name noch „Republic of China (ROC)“. Insofern ist Sun Yat-sen der Staatsgründer, der aber genauso verehrt wird, schon öfters sind mir Plakate mit seinem Gesicht aufgefallen, nicht zuletzt auf der Tribüne des Nanzih Campus. Quadrat Ausformung.

Hinter einem Speckgürtel aus dichten Bäumen erhebt sich das Denkmalgebäude in den weitgehend wolkenfreien Himmel, die weißen Mauern neigen sich edel nach innen. Entgegenmarschierenden Wachen kann ich geradeso ausweichen, Vorsicht! Auf der Vorderseite erstreckt sich ein riesiger rechteckiger Platz, an dessen Ende sich der Eingang des Areals als fünfschiffiger Torbogen aufbietet. Rechts und links davon wiederum befinden sich farblich subtiler gehaltenere Gebetstempel mit weit geschwungenen Dächern. Eskortiert wird Anlage von streng französischen Gärten mit perfekt frisierten Hecken im Ornamentstil. Allein auf dem Platz zu stehen, lässt einen königlich fühlen. Es wird klar, welche Ehre Chiang Kai-shek zuteil wird. Sidd erkennt die Gelegenheit und baut sofort sein Stativ auf. Lange justiert er, bis er die goldene Mitte der Fluchtpunkte gefunden hat, dann kann das Shooting losgehen. Zugegeben, bei dem Hintergrund lohnt sich der Aufwand, auch wenn ich mich manchmal frage, wie sehr man das eigentliche Erlebnis noch genießt, wenn alles auf das perfekte Fotos ausgerichtet ist. Es sind eine Menge Touris hier, quasi alle sind auf Fotojagd, starren durch ihre quadratischen Bildschirme und sind auf Belichtung, Fokus und Ausschnitt fokussiert. Wäre es nicht absurd, nur für ein Foto zu einer Sehenswürdigkeit zu fahren? Gerade in Zeiten des Internets und von Photoshop. Nach den Fotos nehme ich mir aktiv einen Moment, um die Monumentalität und das strahlende Weiß des Bauwerks auf mich wirken zu lassen. Ob auf dem Platz auch mal Militärparaden stattgefunden haben? Es gibt schlimmere Orte und Temperaturen, einen ersten Advent zu verbringen.





Das große bogenförmige Eintrittsportal hat neben der Statue des Veehrten eine sehr beeindruckende Holzkassettendecke zu bieten, wobei deren Mitte polygonaler ausgeformt ist, eine Kuppel mit der Sonne der Kuomintang inklusive. Gelbes Licht lässt dies golden erscheinen, einer absolutistischen Majestät würdig. Immerhin hat sich Chiang Kai-shek nicht gerade als lupenreiner Demokrat hervorgetan.

Unterhalb des Prestigebaus befindet sich ein kleines Museum mit freiem Eintritt. Dort geht es in erster Linie um den bereits genannten Protagonisten und die Gründung Taiwans. Neben dem einem Geländemodell, dem Hochzeitsoutfit Chiang Kai-sheks, der Kuomintang-Flagge und eines Notenblattes mit der Flaggenhymne Taiwans sind auch zwei kugelsichere Limousinen, Marke GM ausgestellt.



Besonders interessant finde ich ausgestellte UN-Dokumente, die die Kehrwerte in der globalen Chinapolitik nachzeichnen. Neben den UN-Aufnahmen von Bhutan, Bahrain, Qatar und Oman vermerkt ein immer noch sehr kurzer Absatz ohne Begründung, dass von nun an (Herbst 1971) alle Institutionen der „People‘s Republic of China“ (also der Volksrepublik) anerkannt werden und dass alle Repräsentanten von Chiang Kai-shek, die ihren Sitz in den Vereinten Nationen angeblich zu Unrecht besetzt gehalten hätten, von diesem ausgeschlossen werden. So als ob Taiwans Mitgliedschaft noch nie rechtmäßig gewesen sei und es einfach kein Gegenmittel gegeben habe.

In anderen Vitrinen werden die Einführung einer neunjährigen Schulpflicht gefeiert und die Memoiren/das Tagebuch des ehemaligen Präsidenten, das fein säuberlich Sektionen für Selbstreflektion sowie wöchentliche und monatliche Planung trennt. Ein kleines Kind läuft durch die Ausstellung und fuchtelt mit einer Taiwanflagge.
In einem zweiten Bereich bebildert ein langer Zeitstrahl die weltweiten Revolutionen der letzten anderthalb Jahrhunderte. Viele Ereignisse hatte ich nicht auf Rechnung, besonders die aus anderen Weltregionen wie Südamerika und Afrika. Andere sagen mir aber durchaus etwas, besonders die der jüngeren Vergangenheit: die Deutsche Einheit, die Gräueltaten der roten Khmer in Kambodscha, das Massaker am Tiananmen-Platz, bei dem sich einzelne Studierende für die Freiheit eines ganzen Volkes in die Bresche warfen. Und natürlich den arabischen Frühling in Tunesien sowie den Euromaidan.

Auf die Wand am Ende des Zeitstrahls ist passenderweise ein riesiges Auge projiziert, das den davorstehenden Besucher mithilfe einer Kamera verfolgt, während eine Uhr im Zeitraffer durchläuft. Schon klar, 24/7 Überwachung. Eine Besucherin erschreckt sich, als ich sie darauf hinweise, aber das ist ja auch der Sinn. Der Verweis auf Orwells „1984“ ist prinzipiell überflüssig, aber der Vollständigkeit halber haben sie ihn daruntergedruckt.
Im nächsten Raum wird ein spannender Kirzfilm in Animestyle gezeigt, der das Leben unter konstanter Überwachung darzustellen versucht. Sidd erinnert das an einen stilistisch ähnlichen Film namens „Grave of the Fireflies“, zu Deutsch „Die letzten Glühwürmchen“, der die Bombardierung japanischen Festlands im zweiten Weltkrieg zeigt. Taiwanesen könnten sich den nicht geben, weil er zu schrecklich sei.
Eine temporäre Ausstellung über Bronzegefäße nebenan ist eigentlich nicht sehr spannend, aber ein paar Frauen am Eingang bitten uns, auf einem großen Papier zu unterschreiben, es hat wohl etwas mit Unterstützung des Events zu tun. Protip: Mit dem Schreiben des eigenen chinesischen Namens kann man sich leicht Bewunderung ergattern. „You are so smart!“ und „What a beautiful name!“ sind die Reaktionen. Als Gegenleistung bekommen wir einen Kalender des ‚Lehrmeisters‘ der Damen geschenkt, allerdings für 2025.
Einen Bubble Tea später kommen wir mit den nächsten Religiösen in Kontakt. Wir haben uns neben den nächsten 50嵐 „wǔshí lán“ auf eine Holzbank gesetzt, um den Rücken eine Pause und den Körpern etwas Flüssigkeit zurückzugeben. Auf einmal sind wir von vielleicht sieben Jugendlichen umzingelt, manche im Anzug und alle mit schwiegersohnhaftem Lächeln im Gesicht. „Can we do an interview with you?“ Sidd wird eine große Tafel mit fünf Spalten vorgehalten; er soll sich entscheiden, welche love language am meisten auf ihn zutrifft und einen roten Punkt an die Stelle kleben. Wenn ich mich richtig erinnere, wählt er „appreciating through words“ oder so. Ich vergebe zwei Punkte, einen zusätzlich an „touches“. Ein Mädel der Gruppe filmt das Ganze mit ihrem Handy und läuft mehrfach um uns herum. Immerhin fragen sie am Ende, ob sie es hochladen dürfen (sie dürfen), dann ziehen sie ab. Ein Geschenk lehnen wir dankend ab, die Rucksäcke sind schon zu voll. Es hätte schlimmer kommen können.



Die Zeit vergeht rasend schnell, so müssen wir uns ranhalten, wenn wir unser Programm noch schaffen wollen. Die rote U-Bahnlinie bringt uns schnurstracks zur Station 象山 „xiàngshān“, den Elefantenberg. Die Gegend fühlt sich an wie der Grunewald von Taipei: im Südosten erstreckt sich ein Waldgebiet, das nicht viel weiter zur unberührten Natur der Inselmitte ausartet, während neben Taipei 101 auch andere Wolkenkratzer emporschießen und man über die U-Bahn bestens angebunden ist. Der namensgebende Elefantenberg nebenan und eine ihm zu Fuße liegende Grünanlage namens 樹蛙保育區 „shù wā bǎoyù qū“, das Baumfroschschutzgebiet vervollständigen das Feeling. In nahegelegenen convenience stores kosten die Produkte locker 30% mehr, als ich es gewohnt bin. Die Straßen sind wenig befahren und wenn, dann nur von teuren Sportwägen. Auch die von den Hochhäusern in den Schatten gestellte Architektur beeindruckt irgendwie. Zwar gibt es hässliche Bürogebäude und man erkennt, dass der Standort mit besonders individuellen Häusern vermarktet wird, aber das macht es auch interessant. Menschen spazieren, treiben Sport, sitzen in Cafés oder klettern die steilen Stufen auf den Berg. Dem schließen Sidd und ich uns an, die dritte Wanderung in drei Tagen. Leider ist das Wetter recht bewölkt und wenige Tropfen fallen auf uns nieder, aber für die Aussicht lohnt sich der Schweiß trotzdem. Hier wohnen? The Dream.



Ein Fenster aus Dschungelpflanzen rahmt die hohen Stadtmerkmale gut ein und überall stehen kleine Elefantenstatuen, warum auch immer. In Taiwan gibt es nicht einmal Elefanten, mal abgesehen von Zoos. Ein calisthenics park zwischen den Bäumen wird ausgiebig genutzt und bestimmt die Hälfte aller Hügelbezwinger sind Nichtasiaten. Ein Elefantenpiktogramm wird zum Fotostudio, Sidd geht mit Freuden ans Werk und hilft anderen Besucher mit dem perfekten Bild. Ich horche auf, als Sidd sagt, der Gipfel sei über 500 Meter hoch. Ist Taipei nicht auf „sealevel“? „The mountain behind is even 700 meters high“, ist er überzeugt. Tatsächlich hat er das Wegschild weiter unten falsch interpretiert, in Wahrheit sind wir 184 Meter über NN. Mensch, Mensch, von einem himalayaafiin Inder hätte ich mehr Realismus erwartet. So oder so ist der Berg toll, ich muss auf jeden Fall bei klaren Wetterverhältnissen wiederkommen.



Den Sonnenuntergang ist für 17:03 Uhr angesetzt, und optimalerweise wollen wir den von ganz oben betrachten, deshalb laufen wir ohne Umwege auf Taipei 101 zu (die Zahl steht übrigens für die oberirdischen Stockwerke). Das bis 2010 (vom Burk Kalifa abgelöste) höchste Gebäude der Welt übersteigt alle Bauwerksdimensionen, die ich jemals gesehen habe. Aufgegliedert in einen größeren, sich nach oben verjüngenden Sockel und anschließend acht sich verbreiternde Glieder (acht und neun sind im Chinesischen Glückszahlen) hat das Gebäude eine klare Struktur, in alle vier Himmelsrichtungen ist die Fassade gleich gestaltet. Riesige Bullaugen an der Obergrenze des Sockels (der bestimmt schon über 20 Stockwerke aufweist) wirken wie das Parierstück einer Klinge mit acht Widerhaken. Auf der Spitze thront natürlich ein dünnerer Turm, der dem zum Haus gewordenen Schwert die nötige Schärfe verleiht. Das soll kein lächerlicher Vergleich sein, sondern ein Lob für die gelungenen Proportionen. Schließlich stellen Elemente der Architekturen schon immer reale Gegebenheiten und ihre Maßstäbe nach, so sind Säulen oft Bäumen oder Menschenkörpern nachempfunden, Schrägdächer den Baumkronen prachtvoller Gewächse. Die Materialität ist kühl gehalten, Glas und metallische Töne halten sich gegenseitig im Zaum. Ohne Frage lässt sich ein derart hohes Gebäude am besten vermarkten, wenn so viele Aussichten wie möglich generiert werden, dazu muss man fehlende Balkone ausgleichen, die es wegen der glatten Fassade (und des Höhenwindes?) nicht geben sollte.


Je näher wir gelangen, desto weiter streckt sich der Nacken. Der Stil ist brutal, aber einzigartig schön. Viel denke ich über die Fassadengestaltung nach, mit der man es sich natürlich leicht gemacht hat, das kleinteilige Raster komplett durchzuziehen. Allerdings fällt mir kaum eine bessere Alternative ein und im Grunde wird es dem Charakter ja gerecht. Alles sollte sich dem Emporragen unterordnen, und das tut es. Sparsam eingesetzte Ornamente unterstützen die Struktur an Ecken, symmetrischen Mittellinien und auch im Detail innen drin, was mich besonders freut. Die Wandbeleuchtung orientiert sich an den ikonischen Bullaugen und die subtilen Rundungen in einigen Räumen passen zum Raumschiffstil. Die besten Gebäude folgen sowohl außen als auch innen einem beabsichtigten Stil.

Den Aufstieg bzw. Aufzug zu finden, ist nicht ganz einfach, denn die untersten Stockwerke sowie große Teile im Untergrund sind, wen wundert‘s, eine große Shoppingmall. Und da wir uns in Taiwan befinden, ist sie auch gut belebt. Die high society versammelt sich zwischen Rolex-, Apple-, Versacestores und sonstigen Luxuspräsentanten und stellt sich zur Schau oder isst absurd teuer, wie man es aus dem KaDeWe oder anderen Ku’damm-Gegenden kennt. Gut aufgehoben fühlt man sich hier eher nicht, aber darum gehts auch nicht. Nach einiger Rumfragerei landen wir immer noch 40 Minuten vor Sonnenuntergang in der Warteschlange vom „Simple Kaffa Sola“, wobei wir innerhalb kürzester Zeit an erste Wartestelle vorrutschen. Wenn man hier einen Kaffee bestellt, zahlt man nur den zugegeben recht hohen Preis dafür, kann ihn im 88. Stock ‚abholen‘ und so lange genießen, wie die Aussicht spannend bleibt. Unglücklicherweise werden immer dann neue Leute hochgelassen, wenn andere runtergehen, aber natürlich verpasst niemand absichtlich das sunset. So warten wir etwa 80 Minuten, bis es längst dunkel ist und wir gemeinsam mit zwei mutmaßlichen Amis hochkönnen, die nach fünf Minuten schon wieder gehen müssen. Im 60. Stock müssen wir einmal umsteigen, auch Fahrstühle sind ab gewissen Höhen limitiert. Die Stockwerke schnellen nur so vorbei, dass man regelrecht Kopfschmerzen bekommt.

Wenigstens schmeckt mein „brown sugar latte“ für 250$TD (7€) und Taipei ist auch bei Nacht ziemlich cool. Das Café geht entgegen meiner Erwartung nicht rundläufig um den Gebäudekern, sondern befindet sich nur an der nordöstlichen Seite. Dabei sind einige Tische am Fenster reservierungspflichtig, die armen Touristen mit Kaffee in der Hand müssen währenddessen stehen und drängen sich an der einzigen Fensterecke, die gute Sicht verspricht. Dort wollen natürlich alle ein gutes Foto bekommen (wir spielen wieder Fotograph), aber Bilder von sich selbst halte ich für overrated, weil der Hintergrund dadurch so verschwimmt und aus dem Fokus gerät, dass es auch von anderen Orten stammen könnte. Zudem sind die Scheiben hier nicht nur nicht spiegelfrei, sondern auch stark fettverschmiert, kein Wunder bei all den gaffenden Plattnasen. Am coolsten finde ich, wie schon auf dem Shard (London) 2015, auf die Straßen zu schauen und mir vorzustellen, dass alle Autos Miniaturspielzeuge sind, weil sie sich so langsam bewegen. Die Bürogebäude neben uns wirken total niedlich, obwohl auch sie Wolkenkratzer und unfassbar hoch sind.




Im stark beleuchteten Eingangsbereich des Stockwerks kann man ein wenig ruhiger auf die Stadt schauen, aber irgendwann reicht es dann auch. Wenn gutes Wetter ist, lohnt sich vielleicht auch eine Aussichts-Reservierung weiter oben. Nach der langen Warterei bin ich doch ziemlich froh, das Gebäude verlassen zu können. Die Außenbeleuchtung ist bei Nacht auch einen Blick wert, die Fassadenflächen werden weiß, die Ecken pink bestrahlt. Gerade aus etwas größerer Entfernung kommt das gut zur Geltung. Im Shopping-Paradies drumherum hängt Weihnachtsdekoration ohne Grenzen, aber klassische Weihnachtsstimmung will nicht so richtig aufkommen, jedenfalls bei mir nicht. Nicht dass das schlecht wäre, ich kann darauf gerne mal ein ganzes Jahr verzichten.

Weil Sidd wieder mit der Familie telefonieren muss, entscheide ich das nächste Ziel. Henry hatte mir im September vom einzigen taiwanesischen Pokémon-Center erzählt, zufällig befindet es sich nur zwei Kaufhäuser weiter. Besonders anders ist es nicht: im Erdgeschoss warten die klassischen Modelabels auf, die Kundschaft kann es sich leisten. Interessant ist eher ein Tesla-Store, in dem Schaulustige beim Model Y ein- und aussteigen sowie Funktionen anderer Varianten testen können. Dass die Marke hier beliebt ist, war mir sowieso schon ganz zu Anfang aufgefallen, vielleicht liegt es am gleichzeitigen sozialen Aufstieg und der Abneigung gegenüber China vieler Menschen. Das Pokémon-Center im dritten Stock ist zwar cool, aber nicht besonders groß. Gut, die Stofftiere und grundsätzlich alles ist erwartungsgemäß überteuert, aber die EasyCard im Pokémonstil hätte ich mir wohl gekauft, wenn sie nicht bereits vergriffen wäre. Naja, nächstes Mal.

Sidd und ich müssen uns dann erstmal an einen random Tisch eines Cafés setzen, um verschnaufen und realisieren zu können, dass wir hier keine Aktivität mehr finden. Die schweren Rucksäcke helfen nicht unbedingt, aber wenn wir Sidds Plan, die Nacht in einer Bar oder einem Club zu verbringen, umsetzen wollen, müssen wir woanders hin. Also geht’s wieder nach Ximending.
Dort schauen wir einem Straßenkünstler beim Erstellen seines Graffiti-Gemäldes zu und beobachten einen Akrobaten, der die Menge so frech auffordert, seine nicht allzu beeindruckenden Tricks zu beklatschen, dass es wieder lustig ist. Die exotischen Tiere von gestern sind weg, aber Sidd findet neue Kühlschrankmagneten. Ein riesiger Schuhladen von Nike hat keinen einzigen Schuh in meiner Größe (46) parat und das taiwanesische Modelabel „One Boy“ stellt seine berühmten Funktionsjacken nicht nur für die Haustierbesitzer her. Die menschliche Variante enthält eine Batterie, die im Sommer für angenehme Kühlung und im Winter für Wärme sorgen kann. Schon öfter habe ich Leute mit diesen vor Luft nach außen gewölbten Jacken auf Motorrollern gesehen, allerdings kosten sie auch ein kleines Vermögen.

Jetzt zum großen Barplan: Sowieso frage ich mich schon die ganze Zeit, was Sidd dort genau machen will, ganz zu schweigen von einer ganzen Nacht. Ich halte Ausschau, aber weil selbst diejenigen am Straßenrand kaum trinkende Besucher haben, entscheiden wir uns für eine in einer süßen Nebengasse mit billigen Preisen, 120$TD (3,30€) für einen halben Liter. Am Eingang bestellt man und nimmt das Gezapfte mit in den Keller, der einer gemütlichen Kneipe nachempfunden sein soll, kein schlechter Ansatz. Allerdings will der Kellner Sidd nicht runterladen, als dieser nichts bestellen mag. Er trinke ja sowieso keinen Alkohol (dafür sei es nicht kalt genug) und die Mocktails fallen auch raus, denn nachher will er noch Bubble Tea trinken. Ich mit meinem bereits bezahlten Plastikbierbecher in der Hand leiste einige Überzeugungsarbeit, dann darf auch Sidd passieren. Der Keller ist bis auf zwei winzige Gruppen komplett leer, dafür aber hübsch eingerichtet. Warm gestrichene Wände, Weihnachtsschmuck und ein Holzhaus, das eigentlich eine Krippe sein muss. Man sitzt auf tiefen Campingstühlen und natürlich, für alle reizverwöhnten Asiaten, gibt es eine riesige Leinwand, die irgendeinen Film zeigt. Die Gäste nehmen keinen Blickkontakt an, sowieso wirken sie leicht wie Alkoholiker, die Fremde im zweiten Zuhause nicht gewohnt sind. Sidd, der alte Kneipengänger, chillt sich direkt ans Handy, während ich mein erstes Bier in einigen Wochen genieße. Dass es keine wilde Nacht wird, war mir sowieso klar, insofern kann ich den herben Geschmack genüsslich aufnehmen und fühle meine Nonresistenz ziemlich schnell aufweichen.

Etwas aufgelockert und gelangweilt frage ich Sidd Dinge über ihn und seine Familie. Er zeigt mir Bilder seiner engeren Verwandtschaft und auch von sich. Am Ende der high school war er noch viel dürrer als heute, „lean“ nennt er es in Gymsprech. Mit kurzen Haaren sieht er außerdem total anders aus, lang hat er sie sich nur wegen einem Cricketspieler wachsen lassen, den er feiert. Auf ganz alten Posts seines Instagramaccounts, der übrigens öffentlich ist, kann man das gut erkennen. Außerdem zeigt er mir genauso alte Bilder, auf denen er u.a. mit seiner Ex-Freundin zu sehen sei. Interessant.
Der letzte Taipei-Checkpunkt befindet sich ebenfalls auf dem mittigen Platz in Ximending, es ist der Flagship-Store von 幸福堂 „Xìngfú táng“, der Bubble-Tea-Brand. In 九份 Jiufen verpasst, müssen wir ihn hier mitnehmen. Zwar ist ein Becher mit 120$TD (3,30€) schon stark überteuert, aber einmal kann man es sich schon geben, außerdem wird durch die Glasscheiben der Küche hindurch transparent, wie die Tapioka handgefertigt werden. Dazu muss der Teig geschlagen, durch spezielle Mühlen gepresst und dann in schwarzer Klebsoße gebadet werden. Zusammen mit Milch, Salzkaramell und Kakaopulver werden die Kügelchen gefühlvoll zusammengemischt, und das Topping vor dem Verkauf mit zwei stichflammenspeienden Drachenfeuerzeugen flambiert. Das Resultat ist die einzig verkaufte Sorte und schmeckt sehr gut. Die Tapiokaperlen machen m.E. den größten Unterschied: Frisch, wie sie sind, geben sie sich nicht so zäh wie der billig fabrizierte Müll anderer Franchises, die rein definitionsmäßig bestimmt auch nur aus Pflanzenstärke produzieren, aber meistens irgendwie chemisch schmecken.


Um 23 Uhr geht’s dann ernüchtert zum Bahnhof. Klar sind wir jetzt nicht steil gegangen, aber viel gesehen und erlebt, sonst wäre der vorangegangene Text schließlich nicht so lang. Genau dafür zwirble ich mir einen FamilyMart-Kaffee rein (plus Brötchen zur Stärkung), denn auf einer mehrstündigen Busfahrt bleibt viel Zeit, um produktiv zu sein.

Wir kaufen uns spontan ein Ticket für den „Ubus“, der mindestens alle halbe Stunde ablegt. Das Ticket ist nicht nur minimal billiger als das für den local train, sondern im Bus hat man offensichtlich einen garantierten Sitzplatz und dazu erreicht er innerhalb von vier Stunden Kaohsiung, ebenfalls ein Vorteil gegenüber dem Zug. Hätten wir den doch mal auf dem Hinweg genommen, denn auch die Klimaanlage funktioniert hier besser, die Lüfter lassen sich für jeden Platz individuell drehen. Der Busfahrer hetzt uns hinein, denn wir erwischen sogar den vorherigen Bus, der höchstens zu 10% gefüllt ist. Auf Anfrage hält er auch in Nanzih, einem optionalen Stopp in Kaohsiung, neben der Main Station. Ein laut rotzender Typ stört das ruhige Rauschen der Autobahn, aber schlafen tue ich ja sowieso nicht. Die ersten zwei Stunden quatsche ich mit Sidd über Gott und die Welt und schaue gebannt auf den ausschließlich Food-Werbespots abspielenden Minifernseher. Warum dieser überhaupt existiert und auch im Nachtbus 24/7 läuft, brauche ich eigentlich gar nicht mehr zu erwähnen. Asian things.
Noch halbwegs wach werden wir dann um kurz nach drei in Nanzih rausgelassen, erst nach einem YouBike-Kraftakt dürfen wir dann in die Betten fallen.
Hinterlasse einen Kommentar