Erstaunlich fit wache ich um Punkt zehn auf und hole mir wie eintrainiert Frühstück. Dabei sehe ich, wie endlich, nach langer, langer Zeit, neue Wasserspender den Campus erreichen. Fünf Männer entladen und entpacken die schwere Ware. Es bleibt zu hoffen, dass das Ausländerstockwerk einen funktionstüchtigen bekommt, schließlich sind wir zu hohem Grade abhängig davon, wenn wir nicht jedes Mal kleine Plastikflaschen aus convenience stores besorgen wollen. Ich frage mich außerdem, warum es gleich so viele sein müssen, denn meines Wissens nach funktionieren diejenigen auf den anderen Stockwerken einwandfrei. Genau deshalb laufe ich für mein kaltes Wasser ja manchmal hoch. Eventuell gab es Massenrabatt oder so.

Ansonsten lasse ich den Morgen gechillt angehen, nur für die Mensa raffe ich mich auf, mal wieder mit Sebastian zu quatschen. Wir tauschen uns über die vergangenen Trips aus, u.a. waren er und Anna in Kenting bei viel Wind und die beiden wollen möglicherweise schon diese Woche ein Stückchen Radtour an der Westküste probieren. Kostenlose Versuchskaninchen, nehme ich gerne. Letzten Freitag habe ich aufgrund des Trips leider die Abschlussstunde des Freitagskurses in Mandarin verpasst. Der „TCOFL A“-Kurs war freiwillig, wird aber mit einem Test abgeschlossen, für den die meisten ihn belegen (vermutlich benötigen ihn mehrheitlich die Inder, Praktikanten für ihre Stipendien). Nur hat Frau Peiti vorher nichts dergleichen angekündigt, auch nicht den Computerraum, in dem der Test stattfinden würde. Anscheinend war er zudem viel zu schwer. Man sollte auf Fragen nur aus Schriftzeichen bestehend ebenfalls nur mit Schriftzeichen antworten, was schonmal etwas ist, das wir wenig bis gar nicht hatten. Ich halte Peiti ja nicht für dumm, aber sie muss doch wissen, wie so ein Test aussieht. Wir hätten locker flockig schwereren Stoff durchnehmen können, sowieso eine Kernforderung meinerseits, wie einige Male durchgeblitzt sein dürfte. Insofern ist es bestimmt gut, dass ich nicht da war, denn wenn Sebastian die Aufgabe schwer fand, wäre es mir sicher nicht so viel anders ergangen. Leider aber habe ich den Taiwan-themed Schlüsselanhänger verpasst, der mir durch das Office-Übungs-Gespräch letzten Mittwoch ja zugestanden hätte. Alles in allem etwas merkwürdig.
Brian kommt am Tisch vorbei und grüßt kurz, danach setzt sich Mike zu uns. André und Sascha derweil sitzen in sicherer Entfernung und haben uns nicht gespottet. Als Sebastian über die kommende Stunde „Financial English“ stöhnt, fällt mir mal wieder auf, was für ein Privileg ich habe, mal hinzugehen und mal nicht hinzugehen. Ich wäre auch heute sogar gerne erschienen, schließlich bin ich großer Brainrot-Fan, aber Ray hat mich gefragt, ob ich Lust habe, heute mal mit zum Stabhochsprung zu kommen. Also, wenn nicht heute, wann dann?
Er holt mich um 14 Uhr vor dem Dorm ab. Mit teilweise deutlich über 70 Sachen gehts durch die Innenstadt. Klingt gefährlich? Ist es vielleicht auch, aber im Grunde ist das einfach das Tempo des Verkehrsflusses. Trotz der Geschwindigkeit kommen wir erst gute 35 Minuten später an, nachdem das Motorrad u.a. den „Kaohsiung Green Park“ durchquert hat, die Gegend kenne ich noch von letzter Woche.

Eine „Junior High School“ im Osten von Kaohsiung hostet das Training. In dem kleinen Stadion hinter dem Unterrichtsgebäude herrscht reger Betrieb, fast alle Bereich des Sportfelds sind belegt. Es ist glühend heiß, mit 29 Grad und knallender Mittagssonne kann man doch ruhig mal den Dezember beginnen. Besser als der Schneematsch und die depressiv kahlen Weiden jedenfalls, die mir diverse Instagram-Storys regelmäßig in die Timeline spülen. So füllen wir schnell unsere Wasserflaschen und sagen dem Trainer hallo. Er hat ein knallgrünes Shirt an und unterhält sich amüsiert mit anderen Athletinnen und Athleten. Es trainieren sowohl Schüler als auch ‚Ältere‘, wie Ray mir erzählt, aber weil es Asiaten sind, kann ich den Unterschied kaum erkennen.
Ein Dritter aus unserem Verein erscheint noch, dann sind wir komplett. Der Typ, mit dem ich die Staffelübergabe letztens hatte und der aufgrund seines schwachen Englisch manchmal leicht unfreundlich wird, heißt laut seinem Line-Profil 崇博 „Chóngbó“, so nenne ich ihn jetzt mal. Das Warmup legen wir schnell hin, ist mir recht. Runden kann man nicht laufen, weil eine Seite des Stadions komplett besetzt ist, außerdem kommen unter den roten Tartan massiv Wurzeln von umliegenden Bäumen hervor, sodass Rennen an den Stellen sowieso gefährlich wäre. Wenige Reck-Übungen, Ray scheint definitiv geübt zu haben, seit ich ihm ein paar für Stabhoch gezeigt hatte, dann Dehnen und Lauf-ABC auf dem Beton nebenan, weil sonst kein Platz ist. Dann geht’s auf die Anlage, wo zwei Mädels und ein Junge bereits springen. Letzterer stellt sich als „Ian“ vor und wirkt interessiert. Wie groß ich bin und was meine Bestleistung ist, erstaunen ihn. Seine eigene? 3,80 Meter kommt es grinsend aus seinem Gesicht. Zwei Sekunden später schiebt er aber traurig nach, „that was only in training.“ Und im Wettkampf? Falsche Frage. „3,40m“ gibt er kleinlaut von sich. Ah, der Klassiker, ich kenn‘s.
Ich kenne die Anlage bereits aus einer Instagram-Story von Ray, so war ich auf die Simplizität schon eingestellt. Gut, die Matte ist alt und die Abdeckung sieht nach Motten aus, aber das ist ja in Ordnung, genauso wie die provisorische Ständerkonstruktion, die garantiert schon zwei ältere Generationen erlebt hat. Das größte Problem ist aber eindeutig eine Art Rollteppich aus Tartan, der etwas weniger als 10 Meter vor der Einstichgrube ausgerollt ist. Warum er da ist, weiß ich nicht, eventuell ist es darunter dreckig o.Ä., aber stören tut er mich massiv. Ein Untergrundwechsel an sich ist schon anstrengend, während man konzentriert im Anlauf ist und sich möglichst wenige Dinge drumherum ändern sollten. Aber da der blaue Tartan auf dem roten liegt, gibt es einen feinen, feinen Höhenunterschied, den ich nicht so einfach ausblenden kann. Die Stäbe selbst sind nochmal ein anderes Thema: Im Schuppen gibt es erstaunlich viele, auch für mich sollte irgendwas dabei sein. 150LBS und 155LBS bei etwa 4,45m Länge sind meine Optionen, allerdings ist der 150er deutlich zu weich, im Sprung entbiegt er sich nicht einmal richtig. Der 155er ist hingegen so hart, dass ich ihn erst nach über 6 Versuchen und viel Tape in die Anlage bekomme. Das geht für eine Weile gut, zum Ende hin rutsche ich aber immer wieder ab, sodass die Sprünge versanden. Einen Stab dazwischen haben sie leider nicht, also muss ich damit klarkommen, aber es frustriert dann schon sehr, dass bestimmt die letzten zehn Versuche allesamt in die Hose gehen. Leider liegt auch recht viel Aufmerksamkeit auf meinen Sprüngen, so fühlt es sich umso unangenehmer an, durchzulaufen oder wie an der Feuerwehrstange runterzurutschen, wenn der Versuch nicht gelingt. Dass der Trainer, den ich übrigens erst nach mehr als einer Stunde gespottet habe, kein Wort von sich gibt, hilft auch nicht gerade. D.h., die Taiwanesen bekommen durchaus ab und und zu Kommentare, aber für mich reicht entweder das Englisch nicht oder ich habe keine Priorität. Dabei sitzt er unter einem Sonnenschirm im Liegestuhl und schaut zu, wenn sein Handy nicht gerade interessanter ist. Ray und Ian filmen mich auf Aufforderung jeweils ein paar Mal, ansonsten bin ich mir selbst überlassen. Lernen und besser werden kann ich so eigentlich nicht. Trotz allem macht es irgendwie Spaß, auch weil es ja ein paarmal geklappt hat. Auch nicht selbstverständlich, nach Monaten ohne Training und mit komplett neuem Equipment.

Ian ist schnell erschöpft, nachdem er echt gute Sprünge abgeliefert hat. Das Wetter in Kaohsiung ist ihm zu heiß, es gebe nur eine Jahreszeit: Sommer. Dann sollte er vielleicht wegziehen? Geht nicht, sagt er, er wohnt ja hier. Erst später finde ich raus, dass der Junge 14 Jahre alt ist, Wahnsinn. Dafür ist er aber sehr selbstbewusst und geht offen auf mich zu, was ich von den zwei Mädels nicht behaupten kann, die nur verlegen gucken und sich zurückziehen, wenn ich in die Nähe komme. Ziemlich unvermittelt sagt Ian mir, dass ich „handsome“ sei, ein scheinbar sehr taiwanesisches Kompliment. Meine Ohrringe findet er cool und will nach dem Springen mein Insta haben. Da wird das eine Mädel hellhörig, laut ruft sie 我要、我要! „wǒ yào, wǒ yào!“ Sie will also auch. Der Instagramfollow scheint sie glücklich zu machen, dann verabschiedet sie sich. Ian und Chóngbó veralbern sich, was der 14-jährige mit mir „He is gay, he plays gay games on his phone. He is gay, do you see him?“ übersetzt. Chóngbó holt daraufhin eine Banane aus seinem Rucksack, wedelt damit und isst sie. Kein Kommentar.

Nach gut drei Stunden ist die Trainingseinheit vorüber. Ray schleppt mich noch mit zum Trainer, um Danke zu sagen (wofür auch immer, wirklich was getan hat er ja nicht), danach geht’s zurück nach Nanzih. Das Ziel lautet aber nicht etwa Zuhause, sondern das Stadion am Nanzih Campus, dort hat das eigentliche Training gerade begonnen. Dafür sage ich dann aber ab, schließlich haben die ca. 20 Sprünge mich stark ausgelaugt und ich will noch den Blog fürs Wochenende schreiben. Respekt jedenfalls an Ray und Chóngbó, dass sie so durchziehen können. Auf dem Hintersitz von Rays Motorrad, das wieder mindestens 50 km/h auch in engen Kurven fährt, entscheide ich mich aber um. Alles ist besser, als im handyverseuchten Zimmer A202 Frust in mich reinzufressen, den ich eigentlich nicht zu haben brauche. Mein Ego hat halt gesiegt und verurteilt die ganzen schlechten Sprünge. Sozialisieren ist mein persönlich bestes Heilmittel dagegen, der Drang danach pulsiert stark. Vielleicht ist das auch eine Gelegenheit, enger an die Gruppe anzuschließen. Ray, der zuvor gefragt hatte, ob ich nicht wenigstens für dinner danach mitkommen will, freut sich ausdruckslos.
Eine knappe Stunde zu spät steigen wir in Edwards Training ein. Ray und Chóngbó setzen sich zügig für Staffeltraining ab, also geselle ich mich zu den anderen, auch weil mein linker Fuß noch stark genug schmerzt, um nicht sprinten zu wollen. Die Kerngruppe macht heute Kraftzirkel, wobei die Zeiten und Wechsel lasch gehandhabt werden. Seilspringen (wofür extra Springseile gekauft wurden), Rumpfübungen mit beweglichen Rollbrettern und variantenreiche Langhantelsets bringen mich stark ins Schwitzen. Genau das habe ich gebraucht. Zum Bankdrücken am Ende versammeln sich alle um den Drückenden und unterstützen. 加油 „jiāyóu“ lautet das taiwanesische Kampfwort dazu. Kämpf!
In der Cooldown-halben-Stunde am Schluss gehen wir zu fünft Speer werfen. Róng, dessen Lieblingswort immer noch 讚 „zàn“ ist und der breit grinst, wenn ich es verwende, leitet Momo und ein bisher meist stilles Mädchen mit schwarzer Brille an, ich folge. Als Ray dazukommt, machen wir einige Würfe vom Tartan aus, dabei werfe ich erstaunlicherweise am weitesten. Die Technik der Jungs sieht denke ich deutlich besser aus und sowieso habe ich nie mit dem Speer geglänzt, aber irgendwie landet meiner jedes Mal weiter hinten. Dafür zahlt meine Schulter mit dem Aktivieren einiger Nervenbahnen. Klar, dass die ungewohnte Belastung das verursacht, es passiert ja sogar geübten Speerwerfern. Das Laufen über die Wiese bringt die Gruppe ins Gespräch und Momos Neugierigkeit greift um sich. Sie hat gesehen, dass ich in 九份 „jiǔfèn“ war und will unbedingt wissen, was ich gegessen und wie gefunden habe. Viel Zeit verbringt die Gruppe damit, sprachliche Missverständnisse auszuräumen, was allgemein frustriert. Aber es klappt irgendwie, meine Kenntnisse über taiwanesisches Tofu, Bubble Tea, Taro Bällchen und Taoyuans Foodspots (Momos Heimat) wachsen. Ziemlich witzig finde ich die vielen lauten 那個 „nàge“, die ja ein sehr beliebtes Füllwort sind, allerdings gefährlich verboten klingen. Ich muss mich zurückhalten, nicht jedes Mal ein ungläubiges Grinsen über mein Gesicht huschen zu lassen, auch wenn es sowieso niemand auf Rechnung hat. Was meine Lieblingssache an Deutschland ist? Irgendwie komisch, darüber so lange nachzudenken, als gäbe es nichts Gutes in Deutschland. 德國啤酒 „déguó píjiǔ“, deutsches Bier, ist vielleicht nicht die beste Antwort, aber eine lustige. „Iiihh“ kommt es zurück, niemand mag hier Bier. „So… bitter!“ Ich habe mal wieder vergessen, wie vernarrt in Zucker die taiwanesische Bevölkerung ist. Das Beste an Taiwan? „Food!“ Vor allem die süßen Lebensmittel, na klar. Nach weiteren Würden zeigt Momo relativ plötzlich auf mein Gesicht und sagt irgendwas mit „beautiful“; ich sehe in ihren Augen wohl sehr entspannt aus, man könnte auch sagen, träumerisch. Ein gutes Zeichen, dann habe ich den Frust vom Nachmittag entweder gut versteckt oder schon wegtrainiert. Außerdem, Momo zeigt Kreise mit ihren Fingern, findet sie meine Locken schön. Wenn das schon als Locken gilt, sollte sie mal sehen, wie ich vor zwei Jahren aussah… Aber Spaß beiseite, ich fühle mich natürlich sehr geehrt, diese ganzen Komplimente zu bekommen, aber weiß kaum, wie ich darauf reagieren soll. Klar bedanke ich mich herzlich, und ich will gerne irgendwas zurückgeben, aber sowohl einem vergebenen Mädchen als auch einem 14-jährigen Jungen (Ian) ziemt es sich nicht gerade, ihre Augen oder sonstwas zu loben. Ich weiß, dass man das durchaus kann, aber ich fühle mich nicht ready, das cringefrei rüberzubringen. Gerade, weil ich in die Gruppendynamik und ihren Humor nur begrenzt involviert bin.
Zum dinner düse ich mit fünf anderen Jungs eine Weile. Statt dem „La Ca Sa“ suchen wir einen gegenüberliegenden Laden auf, der nach Industrieimbiss mit ganz räudigem Look schreit. In den wären nicht nur andere Leute, die ich kenne, sondern sicher auch ich selbst nicht freiwillig gegangen. Jegliche Deko fehlt und Flecken an den hässlich weißen Fliesen werben auch nicht gerade um Kundschaft. Allerdings vertraue ich meinen Kameraden. Jeder bekommt Topf und Zange, woraufhin man sich die Zutaten aus riesigen Metallbehältern auftut, die einem zusagen. Neben grobem Gemüse wie ganzen Salatköpfen, Maiskolben und Kohl gibt es mehrheitlich Fleisch, Fisch, Tofu und Ei. Der Kassierer ist gleichzeitig der Schnetzler, beim Rausnehmen und Zerschneiden der Zutaten rechnet er den Preis des Gerichts aus. Seine Geschwindigkeit ist nicht von dieser Welt, kaum ein Roboter wäre schneller. So werden die Kunden durchgerusht und er hat schneller wieder Pause. Das Wechselgeld für meinen Tausender darf ich mir selber aus den halbwegs gefüllten Geldplastikboxen nehmen. Wieviel genau, scheint keinen zu interessieren, Vertrauen wird hier großgeschrieben. 140$TD (4€) für einiges an Fisch, drei Eier, viel Gemüse und etwas Tofu plus gratis Reis scheint mir ein guter Preis. Von den vielen Soßen ist diejenige ohne Fleisch (vermutlich Knoblauch) extrem lecker, ich könnte damit den ganzen Reis übergießen. Ray und andere haben sich im Hungerblick komplett überschätzt und lassen wahnsinnig viel übrig, das habe ich bei ihnen noch nie so gesehen. Aber die vielen Stunden Training haben echt Löcher in die Mägen gefressen, für mich selbst reicht es gerade so zum Sattwerden. Den Laden speicher ich mir ab.



Hatte Ray sich zuvor noch entschuldigt, dass er mir heute mal nicht bis vor die Haustür bringen kann, so winkt er mich beim Verabschieden zurück und kann es wohl doch noch unterbringen.
Dylan begegnet mir auf dem Flur und ich sage spaßeshalber „Bule is back“. Den indonesischen Begriff hatte Erin mir beigebracht und so oder als „Mas Bule“ redet er mich immer an. Dylan bestätigt zwar, dass es kein per se rassistischer Begriff ist, hält ihn aber in gewisser Weise trotzdem für diskriminierend. Schade, jetzt habe ich mich schon halb damit identifiziert. Ganz so schlimm scheint es aber nicht zu sein, auch weil „Mas“ eine respektvolle Anrede ist, sodass ich wörtlich gesehen nur „Herr weißer Mann“ genannt werde.
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