Donnerstag, 4. Dezember

Ich lasse den Tag gechillt angehen. So bleibt genug Zeit, um mich darüber zu wundern, dass Darren auch an einem 24 Grad warmen Dezembertag den lauten Deckenventilator anschalten muss, dass Dylan ohne vorgehaltenen Arm ins Zimmer niest und Sky schmatzt, als würde er einen Schlag in die Fresse provozieren wollen. Nicht dass die anderen beiden das besser handhaben würden. Sofort Kopfhörer rein, das ist ja nicht auszuhalten.

Heute gab’s nur den grätigen Fisch, dafür mit Süßkartoffelbällchen und „Nine Pearl Milk Tea“

Neben weiterem Formel-1-Gucken schaue ich mir endlich die Bachelorthemen an, die seit vorgestern draußen sind. Ganz aufgeregt gehe ich die Aufgabenstellungen durch, von denen eine mich nächstes Jahr für lange Zeit beschäftigen wird. Ein Prof, von dem ich lange Zeit eine Zusage hatte, hat sich jetzt spontan dagegen entschieden, so werde ich mich demnächst aus der Ferne um Formalien und Bürokratie kümmern müssen.

Auf dem Weg zum Training fallen mir sowohl am First Campus als auch am Nanzih Campus die Zelte und die durch laute Boxen angespielte Musik auf, die wohl eine Vorbereitung auf das große Sportfest am Samstag sind. Das muss ja riesig werden…

Bei der letzten Einheit vor dem Wettkampf sind entsprechend fast alle Leute da, jeder will beim Abschlusstraining dabei sein. So langsam begrüßen mich immer mehr Leute, ohne dass ich sie direkt adressieren muss, das ist wirklich angenehm. Chén ist seit langem wieder mit dabei, „long time no see“. Sein Großvater ist gestorben, haut er einfach raus, Mein Beileid nimmt er dankend an, aber er fühlt sich schon besser. „Did he die in peace?“ Er überlegt eine Weile. „No, he had pain. He had cancer.“ Ah, Mist, schlechte Frage.

Das Training selbst ist irgendwie lasch, nach dem Aufwärmprogramm wird lange diskutiert, anschließend macht die Mehrheit der Gruppe aber nichts. Stattdessen werden Lutschbonbons mit Teegeschmack und normale Kaubonbons rumgereicht. Byron sagt, dass ich meine Spikes anziehen soll und so halte ich mich warm, aber erst Daniel sagt mir, dass um 19 Uhr ein Testlauf ansteht (warum auch immer erst so spät). Er und Alex sind die beiden großen Sprinter mit Brille, wobei Daniel mit dem tiefschwarzen Topfschnitt das dichtere Haar hat. Als einzige laufen wir 200 Meter probe, „80%“ und aus dem Dreipunktstart. Ich werde meilenweit abgehängt, und auch wenn sie näher am Topspeed waren als gewollt, sehe ich mich für Samstag in einer Liga unter ihnen. 11,1 Sekunden läuft Daniel sonst auf 100 Meter, alles klar. Ich hätte es mir denken können, die die Art, wie die beiden Jungs ihre Übungen machen und wie sie laufen, identifizieren sie eigentlich glasklar als fixe Sprinter.

Dazu, welche Disziplinen am Samstag angeboten werden, gibt es widersprüchliche Aussagen, aber ich werde sicher an 200 Metern teilnehmen. Nach Möglichkeit auch an 100 Metern und als Byron mich fragt, sage ich spontan auch für 20*100 Meter zu, dort rennen riesige 20-Personen-Staffeln. Das klingt so absurd, dass ich einfach mitmachen muss.

Was den Sport anbelangt, war’s das. Ein Junge mit Locken will sein Wettkampftrikot zurück, welches ich fälschlicherweise für mein eigenes gehalten habe. Der bestellte Merch kommt aber erst in ein paar Wochen an. Momo will wieder irgendwas wissen, sie zeigt auf meine Dehnübung und gibt dann Sachen in google translate ein, die sich mir einfach nicht erschließen. „You can good?“ „You feel good?“ Sie wird ja wohl kaum meinen, ob ich die Dehnung spüre, schließlich machen das alle hier. „Do you have this in Germany?“ Klar, haha, was meint sie denn jetzt? Es bleibt ein Rätsel.

Beim Verlassen des Nanzih Campus reflektiere ich ein wenig über den Standort: Heute habe ich Vivek und eine andere Chinesischschülerin auf der Bahn gesehen, der Bogenschießlehrer hat mich vorhin abgeklatscht, ich kenne so viel mehr Leute hier als auf dem First Campus. Dazu bin ich wegen Training und Sprachunterricht sehr oft da, die schönsten Gebäude hat der Standort sowieso. Über die Red Line ist man bestens angebunden und Leute wie Koby und Hasan wohnen in der Nähe, ganz zu schweigen von der Essensstraße nebenan. Die Dorms werden sich schon nicht so viel nehmen (die Stockbetten bei Mohan sahen okay aus), auch wenn es am First mehr Natur gibt und die Mensen vermutlich besser sind. Trotzdem dürfte Nanzih klar mein Lieblingscampus sein.

Ray nimmt mich wieder mit zum Restaurant, in dem wir Montag gegessen haben. Die billige, unspektakuläre Küche ist einfach toll, ich kann mich nicht beschweren.

Kraftnahrung nach dem Sport

So richtig interessant wird mein Tag im Dorm, denn Dylan ist heute gesprächig und will deutsche Wörter und Zahlen lernen. Indonesier können Deutsch gar nicht so schlecht aussprechen, nur das harte „Z“ und das „Ö“ fällt schwer. Natürlich müssen es auch wieder ein paar Schimpfwörter sein, und nachdem „Hurensohn“ und „Arschloch“ zu schwierig waren, ist „Wixer“ das neue Lieblingswort von Sky und Dylan. Besonders die Bedeutung finden sie übertrieben witzig, „Dylan Wixer, Dylan Wixer“ schallt es durchs Zimmer.

Während Dylan kocht und in Malasana (die asiatische Hock-Pose) sein Fleisch umrührt, wächst die Neugier für Deutschland. „So, about Germany. There‘s Hitler, right?“ Ahh, es geht wieder los. „Yes, there was Hitler, las century.“ „So, are you proud of him?“ Wie bitte? „No! He was a terrible person. He killed so many people.“ „Oh, so the Germans are not proud of him?“ Nein! Also gut, wir haben natürlich schon ein paar Nazis, aber ich behaupte mal, dass die große Mehrheit nichts von Hitler hält, also nein. „Why should I be proud of him?“ frage ich zurück. „Because maybe, … he protected your country?“ „No! Do you know he killed 6 million people? Would you be proud of the leader of your country when he killed 6 Million people?“, versuche ich, Dylan die Schrecklichkeit des dritten Reiches simplifiziert vor Augen zu führen. „Mhh“, er überlegt, „it depends.“ Wovon soll das denn bitte abhängen? In meinen Ohren klingt das unglaublich dreist. Selbst wenn man nichts von Nazideutschland weiß, kann man so doch nicht auf diese Frage antworten. Außerdem: „Many of the people he killed were also German.“ „Really? Also the Jews?“ Ganz genau. „Many of them. And also political opponents, communists, disabled people and so on. Besides that, he didn’t protect the country in fact. There are all the dead Germans, but also he drove us into World War Two. Even the surviving ones lost everything, their families, houses and economic values.“ Ich versuche, auf anderem Wege Verständnis für seine Aussagen aufzubringen: „What do you know about Hitler?“ „He got rejected by an art school, right?“ Dylan grinst. Da hat er Recht. „And he had only one ball. Is that true?“ Er kann vor Lachen fast nicht mehr. Da hat er die wichtigen Infos mitbekommen, wow. Das letzte habe ich neulich auch irgendwo gehört, aber ändern tut das eigentlich nichts. „So… you don’t have statues of him or so?“ Um Gottes Willen, so langsam finde ich es fast auch lustig. Hitlerstatuen in deutschen Stadtbildern, soweit kommt‘s noch. Anders betrachtet: „Do you have a dictator in Indonesia in the past that did some bad things?“ Sky schaltet sich auf Indonesisch ein, tatsächlich gibts da wen. Haji Suharto (Gesundheit), von dem ich ehrlicherweise auch noch nie etwas gehört habe, hat den Inselstaat Ende letzten Jahrhunderts lange diktatorisch regiert und meinen beiden Roommates stimmen überein, dass er schlechte Dinge getan hat, u.a. sollen auch einige Menschen gestorben sein. Wieviele und was genau, höre ich nicht ganz raus, denn Dylan hat nur oberflächliches Wissen und auch Sky ist sich nicht ganz sicher, hat aber eine persönliche Geschichte dazu parat. Generell gab es wohl Groll gegen die chinesischsprachige Bevölkerung im Land, sodass diese massenweise geflohen sind; es klingt nach regelrechten Mobs. Weil Skys Familie auch chinesische Wurzeln hat, wurde damals (1998) das Haus von der Schwester seiner Großmutter angezündet, woraufhin ihr Mann ein Bein verlor. Den Rest seines Lebens saß er unter Schmerzen im Rollstuhl, bis er Vor etwa 15 Jahren starb. „Imagine you have only one leg, that’s bad. He had pain, but he died a few years ago so he feels free now.“ Man, klingt das traurig. Darauf ist natürlich auch Dylan eher weniger stolz. Nachdem er zwischenzeitig an seinem Platz war, kommt er zurück und hebt den Finger wie nach einem Geistesblitz. „Ah! Now I get why German people all hate Hitler. He killed so many people so you don’t like him.“ Bestimmt hat er es noch auf einer anderen Ebene gecheckt, aber ja genau, das ist der springende Punkt.

Dann ist es kurz ruhig, wir drei gehen unserem stuff nach, dann will Dylan wissen, wie meine competition letzte Woche ausgegangen ist, „did you win something?“ „Indeed. I did, here‘s my medal“, halte ich ihm das goldene Rund vor die Nase. „Oh. Wow.“ Er gibt sich beeindruckt. Ob es eine Anmeldegebühr gab? Für den Wettkampf nicht, aber der nächste kostet 150$TD, etwa 4,10€. Und gab es Essen vor Ort? Nein. Auch keine lunchboxes? Nein. „Oh. Okay. And what about transportation? Was there a shuttle or financial help for the bus?“ Auch hier verneine ich, vermute, dass er nicht ganz versteht, was meine Motivation zur Teilnahme war. „Actually, it was not that far away, at the Nanzih Campus.“ „Where?“ „Nanzih. You can get there by YouBike in 20 minutes. That is where I go always when I say I go to the training.“ Da klappt ihm die Kinnlade gleich doppelt runter. Er hat noch nie vom Nanzih Campus gehört, auch das Google-Maps-Bild vom sehr bekannten Eingangstor sagt ihm gar nichts. Außerdem: „20 minutes? Not so much?? That is a lot! How many kilometers?“ Ich schaue nach, 5 Komma 5 sind es. Okay, vielleicht braucht man 25 Minuten, aber viel ist das doch nicht. „In total: eleven kilometers, oh my god.“ „Don’t forget, in the meantime I do all the sport“, ich grinse. Ich wusste ja schon, dass Dylan gerne faul ist, aber „Man! How do you move in your life?“ Ernsthafte Frage. Ist doch klar: „With motorcycle and car.“

„Do you smoke?“ Nein, nach Möglichkeit vermeide ich das und in Taiwan sowieso nicht. „Do you drink then?“ „Uhhm. In Taiwan very few, but in Berlin I do sometimes.“ Er selbst trinkt gerne Bier, wegen des Geschmackes, da gehe ich mit. Dylans Schlussfolgerung: „You‘re healthy, man. Your body looks strong“, sagt er und zeigt auf mich. „Thanks man!“ Wir sind vorhin beide aus der Dusche gekommen, seitdem sitze ich oberkörperfrei mit angewinkelten Knien auf meinem doch recht ungemütlichen Hartplastikstuhl.

Jetzt will ich auch von Sky wissen: „Did you ever drink some alcohol?“ Ich gehe fast nicht davon aus, denn er macht immer einen so braven und kindlichen Eindruck, aber: Er hat schon getrunken, nur mag er den Geschmack von Bier nicht. Er betont: „I could deal with a lot.“ „How come?“ „My mum forced me, haha.“ „She did what?“ „Yes“, grinst er, „to prepare me. Because you get dizzy eventually, and when some men would ask me to drink a beer“, vermutlich bezieht er sich auf das Berufsleben, „I need to tolerate some, so I don’t get so much dizzy.“ Tja, was soll man davon halten? Ich kenne die Mutter nicht, aber viele Väter machen das ja nicht anders, auch in Deutschland. „How much beer can you drink then?“, will ich wissen. Sky überlegt, redet erstmal von „40% beer“ und wirft den Kopf pantomimenhaft in den Nacken. Dylan und ich lachen: „That’s not beer!“ Vielleicht sehe ich ungläubig aus, also bekomme ich das Beweisfoto. Auf November letzten Jahres datiert, sehe ich einen hölzernen Couchtisch, der unter anderem ein typisch großes Bierglas präsentiert, gut gefüllt. Angeblich 750 Milliliter und 5 Volumenprozent, was tatsächlich hinkommen dürfte. „I drank six or seven of these“, und als er im Taschenrechner die vier-Liter-Marke überschreiten sieht, lächelt er fast stolz. „Oh my god hahaha.“ Und das hat er mit seiner Mutter getrunken? „Yes. She invited her friend and I sat in the corner and trained. Over a time of maybe 3 hours, because my stomach was so full.“ Da war der Junge 17, nur so nebenbei. Und eigentlich will ich angesichts dieser Storys keine schlechten Nachrichten verbreiten, aber dass er durch ein einmaliges Besäufnis nicht gegen weitere Gelage resistent ist, muss ich schon erwähnen. „Really? But I hope that I still will be resistent a lot, because my family is kind of drinking family.“ Nein, wirklich jetzt? But the story goes on.

Beim vorhin erwähnten Shot handelt es sich um Tuak, einen weißlichen Reiswein, der in Indonesien sehr beliebt ist und immerhin ‚nur‘ knapp 20% Alkohol enthält. Sein Vater habe ihn früher probieren lassen und dann Witze gemacht. „Can you read this?“ Konnte der dizzy gewordene kleine Sky bestimmt nicht, aber sein heutiges Ich scheint das eher witzig zu finden. „That is a little dark side of my family, you know“. Das habe ich bemerkt, ja. Und dabei ist er noch schwach dabei. Sein Opa hätte regelmäßig 13 Tuaks oder mehr getrunken, inklusive Kontrollverlust, was Sky selbst neben dem Geschmack vom Alkohol fernhält. Manchmal sei der Großvater mit einer Axt nach Hause gekommen und habe an die Schlafzimmertür geklopft, woraufhin die Oma den Riegel zum Glück nicht geöffnet habe. Schließlich sei der Säufling reihern gegangen und auf dem Sofa eingepennt. Sky kennt die Geschichten nur aus Erzählungen, denn sie stammen aus einer Zeit vor seinem Geburtsjahr 2007. Allerdings weiß niemand, was der besinnungslose Opa mit der Axt gemacht hätte, wenn er jemandem begegnet wäre. „Good that your grandma didn’t open the door, right?“ „Yes. If he hit all of them and they are dead, how can I exist, hahaha.“ Als handelte es sich um eine Komödie.

Es ist Sky aber nicht zu viel, er bietet sogar an, noch mehr zu erzählen. Ich kann dazu nicht nein sagen, dafür ist es viel zu faszinierend, und das sage ich nicht, weil man es so gut erzählen kann. Skys Tante, die er schon zweimal besucht hat und die in Chiayi lebt, einer Stadt südlich von Taichung, ist schon vor einiger Zeit nach Taiwan gekommen, um zu heiraten. 1996 war sie in Indonesien vom Zug in ein Feld gesprungen, nachdem sie die Station ihrer Heimatstadt verpasst und kein Geld für eine Rückfahrt gehabt hätte. Zu der Zeit wurde bereits Stimmung gegen die Chinesen im Land gemacht (zur Erinnerung: das Haus vom Schwager der Oma hat 1998 gebrannt). Seine Tante hatte wohl Glück, dass die Farmer, die dort eine chinesische Jugendliche im Feld gefunden hatten, ihren Vater aus dem grocery store des Nebenortes kannten. „Luckily they were friendly people so they didn’t do harm to her.“ Im selben Jahr sei sie nach Taiwan gegangen (ob das automatisch bedeutet, dass sie minderjährig geheiratet hat, weiß ich aber nicht). Zum Glück, denn zwei Jahre später gab es dann die „protests against Chinese people“, wie man Progrome euphemistisch bezeichnen kann.

Aber auch „Taiwan people are a little racist“. Zwar hatte Skys Tante nicht persönlich unter den Movs gelitten, aber die Mutter ihres Mannes habe sie zu Anfang wie eine Sklavin behandelt. „You owe me debt, so you do what I say“, bekomme ich das Prinzip erklärt. Klare Verhältnisse. „But then she had a child and she (die Schwiegermutter) love him so she is okay with her. And the child also give love to them.“

Eine letzte Story: Skys Großvater hatte sieben Söhne und fünf Töchter. Ob es der Alkoholiker oder der andere war (der natürlich auch Alkoholiker sein könnte), weiß ich nicht. Und obwohl dieser selbst Buddhist war, hat er seine Kinder in drei verschiedenen Religionen erzogen, neben dem Buddhismus auch im Christentum. So konnten zwei seiner Töchter mit muslimischen Männern heiraten, sehr praktisch. Aber hassen sich die christliche Minderheit und die großteils muslimischen Indonesier nicht, frage ich Sky. Doch doch, und auch in der Familie ist das nicht anders. Na gut, bei so vielen Leuten kann man eh nicht alle unter einen Hut versammeln. Sky ist ja nicht religiös, er glaubt nur an Karma (und auf indonesischen Festland auch an Geister in der Natur). Es ist so verrückt, wie anders ein Leben hätte ablaufen können, wenn die Spawnkoordinaten bei der Geburt um einige Kommastellen verschoben wären.

Es ist schon spät, wir gehen alle wieder unseren Beschäftigungen nach. Darren zockt sowieso die ganze Zeit und bekommt durch sein Headset garantiert nichts mit, Dylan hat sich hinter dem großen Schrank ausgeklinkt und hört gute Musik, Sky lernt für seinen Mandarin-Test morgen früh, und ich notiere mir das gerade Erfahrene. „You got inspiration?“ „Yes, I don’t want to forget the details of what you told me. Of course I will remember the base information, but when I read it in ten years or more, who knows?“ „Yeah, I get your point.“, er nickt heftig mit dem Kopf. Mit dem Rücken an der Wand sitzt er auf seinem Bett, die Schlafklamotten bestehend aus blauer kurzer Sporthose und grün gestreiftem Shirt an, die schwarze Brille wird regelmäßig zurechtgerückt. „Can I ask you?“ Mich lässt das Ganze noch nicht los. „The stories you tell sound quite horrible, but you always tell them with a smile. How?“ „Yes haha, now you know why I always tired.“ „So that’s your strategy?“ „Yes, when the day was bad I tell myself that I am strong person and I stay in the bed. And when the day was good I tell myself that I can be grateful for good food or when something good happened. And hope that the next day can be the same. It’s my strategy to survive in this… world.“ Nach der schweren Kost ist es auf jeden Fall gut zu hören, dass er eine Strategie hat, die ihm hilft. Auch wenn ich nicht verstehe, warum er dafür im Bett liegen muss. Sky schiebt nach: Wenn er depressiv wäre, würde er den ganzen Tag im Zimmer chillen, sich mit niemandem treffen, dabei zeigt er mit dem Finger in Richtung von Zimmer A203, wo Heizo mit dem Kopf an meiner Wand schläft. Traurigerweise hat er vermutlich vollkommen recht.

Ich muss dann doch noch fragen: Wie sieht’s mit Sport aus, Aktivitäten, irgendwas? Das setzt doch Dopamin frei und ist bestimmt auch eine sehr gute Ablenkung gegen schlechte Gedannken. Tatsächlich habe Sky in Indonesien viel Sport gemacht, während er hier viel öfter „tired“ ist. Er zeigt auf seine Arme: „I played badminton a lot, and you can see, my right arm is still bigger than the left one.“ Dylan schaltet sich aus dem Off ein. Zwar auf Indonesisch, aber ich benötige weder Übersetzung noch Tonspur, um zu wissen, was jetzt kommt. Skys Reaktion gibt mir recht: Er lacht laut, schüttelt heftig den Kopf und wedelt horizontal mit seinen Armen. „No no no no no“. Wo wir schon dabei sind, das wollte ich sowieso längst wissen: „Do you sometimes?“ Sky lacht noch doller. „No no, how should I?“ Gegenfrage: „Why could you not?“ Es gibt ja durchaus Möglichkeiten. Er überlegt kurz, „maybe when everyone is in class or so, but no haha“. Bro, geh doch auf Toilette. Oder in die Gemeinschaftsdusche: Strahl an und niemand hört zu. Dylan verneint ebenfalls und ich glaube den beiden auch. So peinlich, es vor mir zuzugeben, der es ja indirekt selbst bestätigt hat, wäre es ihnen nicht. Außerdem haben sie es in Indonesien angeblich oft genug getan. Sky ärgert Dylan aber und bezeichnet ihn als „Wixer Master. He does 10 times a day.“ 18-jährige unter sich… Obwohl, vielleicht würde ich den joke auch ab und zu mal bringen.

Bin ich denn der Einzige hier? So schwer ist das wirklich nicht, und ich bin ja derjenige, der sich fast an wenigsten im Dorm aufhält. Sky ergänzt, dass er dafür ‚träumt‘. So richtig aber nur in Indonesien. Außerdem hat sein Biologie-Professor erzählt, dass man beim Urinieren 2% aller Spermien entlässt, insofern reicht es angeblich, sich alle zwei Wochen einmal voll zu entleeren. Ob das stimmt? Keine Ahnung.

Darren hat derweil von unserer philosophischen Stunde nichts mitbekommen, ein Jammer. Sky schaut mein gedankenverarbeitendes und Löcher in die Luft starrendes Gesicht an und fragt, worüber ich nachdenke. Über die Zahl der Leute im Dorm, die sich die Palme wedeln. Vermutlich ist sie geringer als ich dachte, die Asiaten sind dafür einfach zu brav. Allerdings fallen mir trotzdem ein paar Kandidaten ein, denen ich eine Verneinung niemals abnehmen würde. Wir leben ja schließlich nicht in der ‚Nationalen Kloster-Universität für Science and Technology‘ (NKUST). Damit wäre das Thema auch abgehakt. Es war vielleicht nicht ganz zu erwarten, aber ich weiß genau, dass manche Leser diese Frage beantwortet sehen wollen, darunter wahrscheinlich auch mein zukünftiges Ich.

Hinterlasse einen Kommentar