Freitag, 5. Dezember

Heute will ich mich mal um mein Fahrrad für den Januar kümmern, aber im nächsten GIANT-Store haben sie das gewünschte (und billigste) Modell nicht da. In meiner Größe L ist das Fahrrad online sogar nicht mehr verfügbar im ungefähren Zeitraum von Anfang bis Ende Januar, vielleicht muss ich mir etwas einfallen lassen. Immerhin kann ich mir die Fahrradtaschen und ihr Volumen anschauen, schließlich richtet sich mein ganzes Gepäck nach ihnen. Besonders viel Platz werde ich nicht haben, aber wenn man genauer über sein Urlaubsgepäck nachdenkt, benötigt man abgesehen von wenigen Klamotten und dem Handy eigentlich wenig.

Interessanter Neubau in Nanzih

Mein Mittagessen stammt wie an den meisten dieser Art von Tagen aus der Cafeteria, und wie jedes Mal überlege ich intensiv, ob ich auch noch Geld in Tee investieren soll. Da der aber so billig ist, wie ich ihn in Deutschland vermutlich nicht wieder bekommen werde, muss ich das ausnutzen.

Am Abend bin ich mit der Jungs-WG beim K-TV, also zur Karaoke verabredet. Fabian hat in zwei Line-Gruppen gefragt, aber nur Luca hat weiterhin zugesagt. Um 19 Uhr beginnt die Raummiete und das Personal geleitet uns nach einem Fahrstuhl durch interessant beleuchtete Gänge, die gut und gerne ein Hotel sein könnten. Aus anderen Räumen dröhnt sehr laute Musik, hier lassen die Taiwanesen also die Sau raus. Von Jessie (aus Taichung) hatte ich ja mal gehört, dass wenn es mal sowas wie Prügeleien oder sonstige Unsittlichkeiten gibt, das meistens im Karaoke-Kontext geschieht. Statt in Bars wird vor allem hier getrunken, auch härterer Alkohol gehört zum Geschäftsmodell, das kann dann schonmal ausarten.

Hotel oder K-TV?

Luca verspätet sich, also legen Philipp, Kaan, Fabian und ich schonmal los. Wir haben einen Raum bekommen, in den auch zehn Leute passen würden, es gibt sogar ein kleines Badezimmer. Am Couchtisch lässt sich gemütlich der Tee verköstigen, den das Personal uns gratis zum Stimmen-Ölen serviert. Für nicht allzu viele Taiwan-Dollar bestellen wir uns außerdem ein alkoholisches Getränk aus der Dose, das zwar Traubengeschmack hat, sich aber weder eindeutig als Bier noch als Wein identifizieren lässt, immerhin bei 9 Volumenprozent. Die Beleuchtung des Raumes lässt sich genauso individuell einstellen wie das Echo der zwei Mikrofone (bitte keines?). Ganz vorne steht für die theatralischen Bühnenkünstler ein Mikrofonständer, mit dem man seinen inneren Elvis Presley ausleben kann.

Das chinesische Menü bekommen wir nicht sofort eingerichtet, weshalb wir die Kabeltelefone an der Wand betätigen müssen, um das Personal zu rufen. Die nette Frau richtet Kaan eine Handy-Verbindung ein, woraufhin wir starten können, YouTube-Versionen unserer Lieblingssongs zu suchen. Super sicher fühlen die Jungs sich anscheinend nicht, denn erstmal soll die Originalstimme noch mitsingen. „Baby“ von Justin Bieber macht den Einstieg leicht, erst nach und nach trauen wir uns an schwerere Kost wie Deutschrap oder Pop mit höheren Frauenstimmen ran. Cro, SSIO, RAF Camora, Levin Liam und Eko Fresh funktionieren auch mit Luca gut, die erwartungsgemäß volle Kanne aufgeht und viele Texte komplett auswendig singt, von dem Treffen der allermeisten Töne ganz zu schweigen. Sie unterstützt gesanglich und gestikulativ, wer immer droht, aus dem Flow zu fallen. Bei Rihanna, Lady Gaga, Katy Perry, TwentyOnePilots, Sandra und nicht zuletzt einem chinesischen Song stellen wir Jungs den Gegenpol dazu dar. Bei Kaan will ich mich am wenigsten beschweren, aber Fabian und in besonderem Maße Philipp verbleiben in sehr begrenzten Tonlagen, sodass jeder Song auf eine einstellige Tonvariation komprimiert wird. Über mich selbst mag ich gar nicht urteilen. Der chinesische Song ist laut Google einer der einfachsten und dazu relativ bekannt. 朋友 „Péngyǒu“, also ‚Freund‘, handelt nach meinen Erkentnissen von Hunden, der Liebe zu ihnen und durchaus auch von Alkohol, wie die Phrase 一杯酒 „yī bēi jiǔ“, also ein Glas Alkohol darlegt. Welcher Alkohol genau, ist oft sehr kontextbasiert.

Gemütlicher Karaokeabend
朋友 „Péngyǒu“
Der Klassiker

Einige Songs kenne ich natürlich auch nicht, aber oft lässt sich mit den Lyrics so gut mitsingen, dass es kaum einen Unterschied macht. Je mehr man singt, desto sicherer fühlt man sich. Zwei Stunden vergehen rasend schnell, sodass Fabian spontan eine dritte organisiert. Zum Schluss müssen natürlich Klassiker wie „Griechischer Wein“ und „Major Tom“ her. Die Stimmbänder versagen schließlich nicht von alleine. Und wann ist man schonmal in Taiwan mit einer deutschen Crew unterwegs? Morgen bspw. werde ich mit dem Leichtathletikteam zum K-TV gehen, deutsche Mucke wird da vermutlich nicht so angesagt sein. Am Ende zahlt jeder 22,35€ für drei mal fünfzig Minuten; teuer, aber lohnend.

Nach der Session gehen wir gemeinsam in eine Bar nahe der Jungs-WG, um für Kaohsiunger Verhältnisse teuer essen zu gehen. Die Burger sehen aber nicht schlecht aus und auch meine Nachos sind nicht von schlechten Eltern. Dieser Abend weckt in meiner ganzen Taiwan-Zeit am ehesten Berlin-Feelings, in dem Fall nichts Schlechtes. Luca fragt aufmerksam nach den Wettkampf, den ich morgen habe und betont unmissverständlich, dass sie ja auch mal Leichtathletik gemacht habe. Auch die Technik der Wurfdisziplinen ist groß Thema, nachdem ich von meiner kurzen Speer-Einheit am Montag erzählt habe. Dass Speer auf die Schulter geht und gerade nach jahrelanger Pause richtig wehtun kann, wenn man alles gibt, geht natürlich nicht auf ungewohnte Belastung zurück, sondern muss an der schlechten Technik liegen. Auch Stabhochsprung hat Luca mal gemacht, so an die fünf Mal, und sie respektiert meine Erfahrung seit 2018 zwar, spricht aber trotzdem davon, als wenn sie die Trainerin wäre. Klar, man muss sich den Absprung erstmal trauen, dann kommt vieles von selbst, oder so. Der morgige Wettbewerb findet auch aufgrund der simplen Gegebenheiten auf dem First Campus nur im Track-Bereich statt, also mit ausschließlich Laufdisziplinen. Ich erzähle neben den normalen Disziplinen auch von der 20-Personen-Staffel, der ich mich spontan mit Byron angeschlossen habe und dass dort jeder mitmachen könne. Abgesehen von der frühen Startzeit habe ich ja aber auch einen unfairen Vorteil mit meiner Beinlänge, deswegen ist die Expertin am Tisch leider raus.

Ansonsten quatschen wir viel über Urlaubsziele und was geil war. Hanoi bezeichnet Luca als schönste Stadt der Welt, während Kaan und Philipp in den Phillipinen traumhafte Taucherlebnisse gesammelt haben. Als der Tauchlehrer „Shark!“ gerufen hat, habe Kaan als einziger im Boot gewartet, während die anderen Touristen sofort reingesprungen wären. Schließlich hat es sich nur um einen harmlosen Walhai gehandelt, von dem ich beeindruckende Aufnahmen gezeigt bekomme. Philipp, der alte Taucher, empfiehlt mir aber thailändische Inseln zum Tauchen ganz besonders. Zwar ist es durchaus teuer, aber die schönste Unterwasserwelt habe er dort gesehen und wie es der Zufall will, komme ich im März mit meinem Bruder dort vorbei. Man kann es sich ja mal überlegen. Aber auch die Phillipinen reizen mich. Der Zeitraum, der sich mir für dort bieten würde, liegt Anfang Februar, genau dann, wenn Fabian mit seiner Freundin dorthin reist. Das behalte ich auch im Hinterkopf; mir käme natürlich nicht in den Sinn, die beiden zu stören, aber einmal treffen oder so könnte man ja machen. Die gemeinsame Besteigung des 玉山 „Yùshān“, des Jadebergs, klappt dafür wohl eher nicht, aber man könne ja einen anderen Berg anpeilen. Luca sind diese ganzen Wanderurlaube ja zu stressig, wie sie verlauten lässt. Sie chillt lieber irgendwo am Strand, wobei ich ihrer Main-Character-Energie durchaus zugetraut hätte, in irgendeiner Art durchzupowern.

Eben weil ich morgen so früh rausmuss, spurte ich mich dann zur Bahn, nüchtern bin ich sowieso längst wieder. Wir verabreden, nach Möglichkeit bald wieder Pickleball zu spielen, vielleicht noch an diesem Wochenende.

Eigentlich ist der Tag vorbei, aber als ich im Metropolitan Park aus der Metro steige, spricht mich ein sehr durchschnittlich aussehender Taiwanese an, der mit mir ausgestiegen ist. Mittels halbwegs gutem Englisch will er wissen, woher ich komme und was ich in Kaohsiung mache, soweit nichts Ungewöhnliches. Während die meisten Taiwanesen, auch die extrovertierten, danach meistens erfreut ihrer Wege gehen, hat dieses Exemplar ein sehr gesteigertes Interesse an mir. Er heißt Ben und fragt, ob ich gerne Bier trinke. Ich bin Deutscher, natürlich tue ich das! Dann könne man sich doch mal auf eines treffen, oder? Ja, in Ordnung, sage ich, und lasse mich überreden, Insta auszutauschen. Lustigerweise sehe ich, dass Sascha diesem Ben folgt und frage, woher die beiden sich kennen. Er muss kurz überlegen und die Antwort verstehe ich nicht wirklich, also scheint es eher eine flüchtige Bekanntschaft zu sein. Egal, ich bin echt müde und will jetzt dringend ins Bett, aber Ben lässt nicht locker. Er kommt mit zum YouBike, nachdem ich schon den Stationsausgang gewählt habe, der bestimmt sowieso nicht seine Richtung gewesen wäre. In Kenting gibt es gute Bars, und er zeigt mir zum Beweis die Google-Bilder. Ja, cool, interessant. Er macht Lenkbewegungen, „Brummbrumm“. Er fährt oft alleine dorthin und sagt „I go there and drink beer. Alone“, trauriges Gesjcht dazu. „I can take you and we drink beer together?“ Ich schlage einen Kompromiss vor: „Lets go drink a beer with Sascha together“, das scheint akzeptabel, wenn auch nicht intendiert zu sein. „I can take you to Tainan. Good food!“ „Sounds cool. But I have to go now.“ Ein Handschlag, Ben läuft ein paar Schritte mit, dann geb ich Gas und bin ich ihn endlich los. Meine Güte, was für eine Klette.

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