Um 7:30 Uhr klingelt mein Wecker, denn für 8 Uhr ist das Wettkampf-Gruppentreffen angesetzt. Vor dem „swimming pool“ versammelt sich die Meute, neben meiner Gruppe viele andere Studenten. Nach langer Warterei laufen alle langsam rüber zum Sportplatz und legen ihre Sachen auf einer der kleinen Metalltribüne ab. Ein Teil der Gruppe, den ich als Sprinter identifiziere, setzt sich dann ab und läuft irgendwo hin. Mich hat keiner informiert, also gehe ich mit, vielleicht geht es ja ums Warmup. Im kalten Schatten des Sportgebäudes warten sie 20 Minuten, bis Daniel mir mitteilt, dass sie sich hier für die Staffel versammeln und ich ja zurück zur Tribüne gehen kann. Wow, vielen Dank. Nach einem Reisdreieck gönne ich mir noch einen halben Pfannkuchen, mehr geht nicht rein. Vor den Zelten des Platzes werden schon große Ansagen ins Mikrofon gesprochen, hoffentlich verpasse ich nichts.

In der Zeit frage ich Sascha, woher er Ben kennt, den merkwürdigen Typen von gestern Abend an der Metrostation. Ich erfahre, dass dieser ihm nachts im convenience store begegnet sei. Er habe Sascha eine Massage angeboten, ohne Erfolg, und sei erst mit dem abgeschwatzten Insta-Follow abgezogen. Ben derweil hat mir Guten-Morgen-Nachrichten geschrieben und jede einzelne meiner Antworten gelikt. Mit dem verabrede ich mich garantiert nicht, was für ein Creep. Auch wenn er alles andere als einen gefährlichen Eindruck gemacht hat; vermutlich ist er einfach einsam und kennt keine persönlichen Grenzen.
Schließlich starten wir das Warmup. Jeder für sich, aber das ist bei Wettkämpfen gar nicht so schlecht. Die Leute an der Registrierung fragen nach meiner Startnummer; gute Frage, sind nicht eigentlich die dafür zuständig? Anscheinend hätte ich meine Startnummer von letzter Woche mitbringen sollen. Ja wenn mir das irgendjemand gesagt hätte. Es passt schon wieder ins Muster und nervt mich sehr, dass ich bei wichtigen Informationen einfach übergangen werde. In einer hinteren Kurve der Tartanbahn machen alle ihr Lauf-ABC, hektischer als sie es sollten. Die ersten weiblichen Läuferinnen gehen schon an der Start, also muss ich mich wohl auch bereit machen. Dafür bleibt aber so wenig Zeit, dass ich schon ein leichtes Ziehen im rechten Beuger spüre, als Ray aufgeregt ruft, ich solle an den Start gehen. Na, das kann ja was werden. Es ist so chaotisch, dass ich nicht einmal nervös bin. Ein schlechtes Zeichen, denn in einem Wettkampf pusht das i.d.R. die letzten Prozente raus. Aber die brauche ich nicht, denn in meinem Lauf sind nur Studenten, die aus Spaß und ohne Spikes rennen. Ich bin sofort vorne und renne, so gut es halt geht. An der Ziellinie ist ein dünnes rotes Seil gespannt, vor dem ich mich erschrecke, weil ich vor dem roten Tartan im Hintergrund nicht sehe. Jetzt ist der Lauf zwar durch, aber das Ziehen im rechten Bein ist viel stärker, sodass ich meinen Gang leicht anpassen muss. Auch wenn es wirklich nicht schnell war, gehe ich immerhin als Erster ab bekomme von den Mitläufer Komplimente wie „so fast“ und „wow“. Ja, es kommt auf die Perspektive und den Anspruch an.

Keine fünf Minuten später gibt es die Siegerehrung. Da diese, warum auch immer, für jeden Lauf einzeln vergeben wird (das macht absolut keinen Sinn), stehe ich auf einmal oben auf der Tribüne. Die Sportchefin der Uni, es ist die gleiche Frau wie letzte Woche beim Hochsprung, hängt uns Medaillen um den Hals, nachdem wir kurz salutiert haben, eine Tradition hier. Sidd steht auf einmal da und hat das Ganze fotografiert, natürlich. Fast beschämt humpel ich an den Ergebnisstand. 12,65 Sekunden, wobei sowohl Start- als auch Zielzeitpunkt handgestoppt sind (!), geben meinem Gefühl recht. Auch Byron, der nach einer offiziellen Zeremonie verspätet eingetroffen ist (die Uni wird heute nämlich acht Jahre alt), guckt leicht schockiert und stellt fest: „It was because of your injury.“ Eine Goldmedaille für einen Krüppellauf fühlt sich einfach nicht richtig an, wenn im nächsten Lauf (und eigentlich in der selben Wertung) ein Daniel knapp 11 Sekunden hinlegt. Ich wurde ja schon letzte Woche beim Hochsprung in eine seperate Wertung gesteckt, da hatte ich immerhin trotzdem das beste Ergebnis. Vielleicht ist es ja das Mittel der Uni, um Austauschstudenten zu werben.

Viel schlimmer ist aber der Lauf zum Registrierstand, wo ich meine 200-Meter-Teilnahme absagen muss, das kann ich meinem Bein nicht antun. Wenn ich nächste Woche nicht wandern könnte, wäre das der viel größere Reinfall. Ich quatsche dann ein bisschen mit Sidd, der 20 Minuten vor dem 200-Meter-Start sagt: „I should do the 200. I will ask them if I can participate.“ „Bro! You need to warmup!“ „Yeah haha, I will be okay, I‘ll do it now.“ Gott sei Dank lassen sie ihn nicht teilnehmen, das wäre einfach nur dumm gewesen. Dann macht er sich stattdessen auf in die Bib, und ich darf mir wieder eine Aktivität suchen. Alle aus meinem Verein, auch die Nichtteilnehmenden, haben ihre gelben Helfershirts angezogen und machen sich bei der Zeitmessung nützlich. Neben der Zielgeraden steht nämlich diese schmale Tribüne mit vier oder fünf Reihen, sodass zehn Leute gleichzeitig schauen können, wer das Ziel überschreitet. Nach jedem Lauf sagen Momo, der Kapitän, Yìzhì und andere ihre gemessenen Zahlen an. Für mich gibt es nichts zu tun, also stehe ich dabei und gehe ab und zu aus dem Weg, wenn ich das Sichtfeld von irgendwem blockiere.
Weil ich kein Helfer bin, steht mir eigentlich keine Lunchbox zu, aber Daniel ist so lieb und organisiert mir nach einiger Suche sogar eine der wenigen vegetarischen. Dazu gibt es einen Trauben-Honig-Drink aus einer Plastikflasche, in der die Saftmasse einen gefrorenen Anteil umfließt. Traditionell taiwanesisch, wie ich höre, und echt lecker. Die Mittagspause ist ziemlich lang, auf einer kleinen Seitentribüne essen alle oder chillen am Handy. Byron und andere zerreißen sich Pappkartons und legen sich schlafen, was ich nachtue. Am Pausenende bleibe ich einfach liegen, was soll ich auch sonst tun. Ganze zwei Stunde schlafe ich auf der Wiese, bis Byron mich weckt und hektisch an meine Zusage erinnert, bei der 20*100-Meter-Staffel mitzumachen, was zugegeben echt lustig klang. Ich beiße die Lippen gestikulativ zusammen, aber er nimmt das nicht hin – ich soll einfach laufen, egal wie langsam, denn einen anderen Läufer finden sie jetzt nicht mehr. Da kann ich schlecht nein sagen. Zeit für die Toilette bleibt auch nicht, also mache ich mich so gut warm, wie es in der Situation nur geht. Dynamisches Dehnen und den Kreislauf in Schwung bringen, das muss reichen.


Auf der Wiese in der Mitte versammeln sich alle Gruppen, bei bestimmt elf oder zwölf Gruppen rennen deutlich über 200 Leute mit. Hintereinander aufgereiht und mit winzigen Laibchen überzogen, hocken wir am Boden, als ginge es um die Einschulung in die erste Klasse. Mindestens vier Drohnen kreisen am Himmel und filmen laut surrend das Geschehen. Dann gehen die ersten vier Gruppen an ihre Startpositionen, bereit, als Gemeinschaft jeweils zwei Kilometer zu sprinten. Der Startschuss ertönt, und Byron an erster Stelle übergibt mir ohne Probleme (als hätten wir es geübt) den Staffelstab. Ich kann mehr Gas geben, als ich erwartet hätte und bringe unsere Gruppe gegen zugegeben kleine Amateure mit schlechtem Laufstil in Führung. Den Läufer ramme ich fast nach der Übergabe, aber alles geht gut und er schnellt vorran. In der letzten der fünf Runden überrundet unsere Gruppe fast die letzte, ohne Probleme werden wir Erster. Unter den nächsten Gruppen befinden sich aber noch zwei schnellere, sodass wir in der Gesamtwertung Bronze bekommen. Angeblich bedeutet das 150$TD (4,12€) Preisgeld für jedes Mitglied, davon sehe ich nächst aber nichts.
Der Wettkampf ist damit eigentlich vorbei, aber gut zwei Stunden lang werden noch Preise vergeben, Gespräche geführt, Spiele gespielt. Rays Freundin und Momos Freund sind auch gekommen, bei beiden fällt mir auf, dass sie extrem weite Baggy-Hosen tragen, die selbst die atzigsten Berliner erstaunen würden. Rays Freundin schaut den ganzen Tag auf ihr Handy und lullt sich ein, während Momos Freund sich mir vorstellt. Sean heißt er, ein stiller und lulatschiger Typ mit müdem Blick. Er sucht nach Worten, später kann er mir erklären, dass er mit Momo nach Deutschland reisen und Tipps von mir hören will. Wofür denn, frage ich, also was haben die beiden vor? Drei Monate wollen sie nächstes Jahr dorthin, für eine Aktivität, deren Inhalt ich nicht herausbekomme. Es tut mir im Herzen weh, Bayern vorzuschlagen, aber die beeindruckendsten Berge gibt es nunmal dort, sowie Fleisch, auf das die Asiaten ja so oft jiepern. Ansonsten empfehle in Berlin für Kultur und Party, auch wenn Momo Alkohol immer wie ein kleines Kind mit „Ihh, bähh“ ablehnt. Hamburg hat die Elbphilharmonie und einen coolen Hafen, ansonsten ist der Bodensee auch echt schön. Mir würde noch mehr einfallen, aber das reicht wohl schon. Als Nächstes muss das Pärchen nämlich zwanzig peinliche Medaillenfotos machen, für die Instagramfollower. Bevor später Karaoke ansteht, bringe ich meine Sportsachen ins Dorm und hole einen Pulli, falls es mir zu kühl werden sollte. Hansen, der mir vor dem Wettkampfplatz begegnet, weiß von nichts und fragt, ob ich joggen gehe. Für mich es der Inbegriff der meisten Indonesier, die ihr Leben nicht nur auf den Campus beschränken, sondern gleich auf das Dorm, wo man möglichst wenig von der Außenwelt mitbekommt. Immerhin stehen überall massenhaft Hinweise auf das Sportevent und grundsätzlich auf die Feierlichkeiten zum Geburtstag der Universität.
Wann die Gruppe genau losgeht, verbleibt im Unklaren. Es macht mir nur wenig Spaß, so negativ darüber zu schreiben, aber manchmal fühle ich mich wirklich wie ein Baby, das kaum Möglichkeiten zur Kommunikation hat, stets bin ich auf andere angewiesen ist, wenn ich dabei sein will. Die Kommunikation, die es gibt, ist dabei sehr primitiv. Es werden Teebonbons ausgeteilt und einige schauen mir beim Essen zu, ob es mir denn schmeckt. Ich hebe den Daumen und grinse. „This… sweet?“ fragt jemand. Ich bejahe, aber weil komplexere Antworten wie bspw. die Frage nach anderen Sorten nicht ankommt, bleibt es dabei, dass alle sich darüber freuen, dass ich ein Bonbon gegessen habe. Der Baby-Vergleich ist doch wirklich nicht so weit hergeholt, oder? Vielleicht regt mich auch deshalb die Goldmedaille so auf. Ich will keinen Trostpreis bekommen, sondern angemessen ausgezeichnet oder eben nicht ausgezeichnet werden.
Ganz cool ist immerhin, dass die Gruppe dann Volleyball spielt, da muss man nicht allzu viel reden. Byron, der Alleskönner, wie er nicht müde wird sich selbst zu betonen, macht jede Menge Tricks und liefert sich Netzblockduelle mit Chén, sodass viele Bälle im Geschmetter versanden. Mit weniger Leuten wird das Spiel dann flüssiger, ein angenehmer Flow entsteht. Spaß macht es auch, weil ich mein Bein nicht spüre und ohne allzugroße Anstrengung mitspielen kann.
Zum Karaoke nimmt Byron mich dann in seinem Auto mit. Als letzte gestartet und als erste da, „must be my driving style“, gibt er selbstbewusst von sich. Schlauerweise hat er Wechselklamotten dabei, ich habe mir dummerweise nur einen Pullover mitgenommen. Den brauche ich aber auch, denn im Haus ist es kalt, richtig kalt. Im Sommer verstehe ich die Klimaanlagen ja sehr gut, aber was haben die Taiwanesen bloß an ihren unterkühlten Bussen und Innenräumen?

Im Vergleich zur gestrigen Karaoke ist dieses Etablissement nochmal größer und bietet neben riesigen Räumen auch ein umfassendes Büffet an. So holen sich alle erst einmal ihr Abendbrot (immerhin haben wir einen anstrengenden Tag hinter uns und eine anstrengende Session vor uns), während die Zeit bereits läuft. Unter der gar nicht mal so kleinen vegetarischen Auswahl finde ich Pommes, Süßkartoffeln, Gemüsereis, Eierauflauf, Toasts, Suppe und diverse Snacks. Unser Raum ist wie ein großes Wohnzimmer, eine längliche Couch erstreckt sich vor einer ebenso langen und hohen Leinwand. Mehrere Couchtische haben genug Platz für alle 14 Leute und die Mädels setzen sich alle in den Zwischenraum auf den Boden, um sich nicht rüberbeugen zu müssen.

Teuer ist es hier nicht, der Massenrabatt sichert uns vier Stunden Singen inklusive dem Büffet mit Zuckerwatte und Speiseeis für 550$TD (15,15€) pro Person. Dafür habe ich ordentlich Pech mit der Songauswahl. Nicht nur, dass die Gruppe sowieso auf chinesische Musik eingestellt ist, sie kennen auch schlicht keine englischen Songs. Yìzhì macht den Beginn und singt mit seiner tiefen Stimme eine Art Ballade, die echt toll klingt. Niemand steht zum Singen auf, man bleibt einfach sitzen und tönt aus der Gruppe heraus. Ray und Róng kaufen ein Sixpack Dosenbier (Alkohol kostet extra) und bieten mir ehrfürchtig eines an. Locker stecke ich das weg und später darf ich auch noch das letzte haben, da fast alle mit dem Motorrad gekommen sind und auf der sicheren Seite bleiben wollen. Was die Musik angeht, scheint sich nur Byron um mich zu kümmern. Er zeigt mir die Liste an englischen Songs, denn angeblich kann man kein Handy oder das Internet verbinden: „This is only Chinese“, sagt Róng. Beatles-Songs kennt Byron allerdings genauso wenig wie Bruno Mars oder die Beach Boys, deshalb fügt er „Yellow“ von Coldplay in die Warteschlange. Allzu gut kenne ich das Lied nicht und die Tonlage ist so hoch, sodass mir teilweise die Stimme versagt. Das will ich nicht auf mir sitzen lassen und beschließe, alleine „True“ vom Spandau Ballet zu singen, das traue ich mir gut zu. Soweit, so gut, nur ist das Musikvideo dazu relativ erotisch. Ein paar Jungs holen sich Essen, andere schauen auf ihre Handys. Halbwegs stolz bringe ich es zuende, aber Vibe fühlt sich anders an. Also begebe ich mich wieder in die Zuhörer-Rolle.
Für mein ungeübtes Ohr klingt die chinesische Mucke zwar meist ähnlich, aber dass kaum Rap, sondern eher Lieder im melodischen Pop-, Schlager- oder Achtzigerstil gesungen werden, erkenne ich doch. Zwei Songs kenne ich sogar, aber da die Lyrics in Schriftzeichen angezeigt werden, habe ich keine Chance auf Mitsingen. Einzelne Wörter wie die für wir, ich, du, sein, trinken, Zahlwörter und so weiter erkenne ich immerhin. Ab und zu bekomme ich eines der vier Mikrofone, dann Summe ich kurz mit, verliere aber schnell die Melodie und die Motivation. Ich sitze zwischen Momo, die sich nach der Hälfte anfängt zu räkeln und fast einschläft, und Rays Freundin, deren einzige Wortmeldung an mich auf das Büffet bezogen ist: „Taiwanese food delicious.“ Ray und Róng nehmen mich fast mitleidig mit in den Büffetbereich, um die Zuckerwattekuppel zu bedienen. Das macht Spaß, weil es schwierig ist, den Holzstab gleichmäßig durch den Luftwirbel zu manövrieren, aber ich fühle mich wie ein schlecht gelaunter Sechsjähriger, der nach einer Schmollpartie aufgemuntert werden soll. Zum Schluss gibt’s noch ein paar chinesische Banger, bei denen fast alle mitgrölen und die vermutlich riesigen Spaß bereiten. Die besten shazame ich mir.
Kurz vor knapp legt Byron „See you again“ auf, das er schon die ganze Zeit singen wollte. Seine Mimik ist theatralisch, in diesem Song geht er voll auf und lehnt sich gegen alle, die in der Nähe sind. Auch ein Kumpel von ihm, der zuvor gekommen war, singt ein paar Songs, die alle kennen. Für den Preis war die vierstündige Aktion finanziell schwer in Ordnung, allerdings würde ich nächstes Mal trotzdem das Karaoke-Haus von gestern bevorzugen, einfach wegen der Songauswahl.
Auf dem Rückweg nimmt Byron Momo und mich mit, tatsächlich wohnt sie im Dorm auf dem Nanzih-Campus, genau wie ihr Freund. Sie will dort aber ausziehen, wie sie direkt betont. Deshalb ist sie also immer beim Training, logisch. Auf der Autofahrt lässt Byron mich deutsche Musik spielen, ein kleiner Ausgleich zur Karaoke-Session. Als jemand, der letztes Jahr eine Weile im deutschsprachigen Raum gelebt hat, weiß er die Klänge deutschen Raps (Ski Aggu, SSIO) wie auch von deutschen Schlagern zu schätzen. „I love melodic songs“ sagt er zu Udo Jürgens.
Am Abend telefoniere ich kurz mit meiner Mutter, die auf einen Weihnachtsmarkt gehen wird. Ich selbst war ja schon im Central Park letzten Mittwoch, auch wenn es sich nicht so angefühlt hat. Außerdem steht im östlichen Teil des Campus ein einsamer Christbaum, der nachts in all der Dunkelheit und umgebenden Stille vor sich hin leuchtet, wer braucht da schon Trubel und Kälte? Ich bin übrigens nur deshalb dort, weil ich fieberhaft nach einem Ort suche, an dem ich in Ruhe eine längere Sprachaufnahme machen kann. Meine Großmutter wird am Montag nämlich 90 Jahre alt und die Familie schenkt ihr eine CD, auf der jeder einen Text einspricht. Da bietet sich mein Blog ja geradezu an, gerade weil die gute Frau mit den Augen nicht mehr so fix ist. Zu dem Zwecke habe ich den Samstagseintrag von Taipei an einigen Stellen leichter verständlich formuliert und schiebe dem Ganzen eine kurze Kontexterklärung vor. Ein stilles Örtchen zu finden, ist aber viel schwerer als gedacht. Das Dorm kann ich sowieso vergessen, wenn nicht die Menschen Lärm machen, sind es Klimanlagen, Waschmaschinen, Motorräder oder Toilettengeräusche. Draußen tönt selbst abseits der befahrenen Teerstrecke die Autobahn, deren Gerade den Campus ja entzweiteilt. Also suche ich mir erst am östlichsten Ende einen Platz. Dort wohnen aber viele der Bediensteten und tatsächlich begegnet mir auf dem Fußweg diejenige ältere Taiwanesin, die mich neulich im Gym zugetextet hat, Sidd wird damit wohl regelmäßig belästigt. Sie stammt ja irgendwie auch aus dem deutschen department; aber so, wie sie ihren Kopf leicht schräg hält, die weißen Haare etwas zerzaust und stark lispelt, könnte sie genauso gut aus dem Heim entlaufen sein. Oh nee, ist mein erster Gedanke, und meine Synapsen sollen recht behalten. Erst erzählt sie mir ungefragt von den Bedienstetenwohnungen, obwohl ich die ganze Zeit über AirPods drin habe und definitiv nicht danach aussehe, als wollte ich um halb eins nachts eine Unterhaltung beginnen. Ich gehe schon langsam weiter, aber sie kommt auf Sidd zu sprechen. Im Gym letzte Woche wollte sie ihn als Englischlehrer für uns unbekannte Taiwanesen einspannen, offiziell natürlich mit Mandarin-Gegenleistung, aber wir wissen ja, wie das meistens ausgeht. Ich lüge, dass mir Sidds Telefonnummer nicht bekannt sei, schließlich läge es bestimmt nicht in seinem Interesse, neben den Gymabenden auch noch per WhatsApp vollgeschwatzt zu werden. Kein Problem, sagt sie auf Deutsch, wobei sie vor Lispeln fast spuckt, sie gibt mir einfach ihre Nummer und ich gebe die dann an Sidd weiter. Na wenn es sein muss. Ich gebe ihre Nummer in das dafür vorgesehene Feld befinden Kontakten ein, aber sie scheint mir nicht zu glauben und will sich mit eigenen Augen vergewissern. Fertig, gut? Ich gehe los, verabschiede mich, sie läuft noch ein paar Schritte mit, dann ziehe ich das Tempo an und die lästige Fliege ist endlich abgeschüttelt. Den neuen Kontakt erstelle ich übrigens nicht; wenn Sidd Bock auf Nervtöterei hat, hat er ja fünf Gelegenheiten pro Woche, sich dem hinzugeben. Das arme Schwein, hoffentlich wird er von Schlimmerem verschont. Leider zu spät fällt mir die eine andere viel zu aufdringliche Person ein. Warum habe ich die alte Schrulle nicht mit Ben (aus der MRT gestern Abend) connectet? Beide sprechen nachts gerne Leute an, lassen definitiv nicht los, scheinen sehr einsam zu sein und labern sich die Birne zu Matsch, bis selbst geduldige Menschen verzweifeln.
Es ist schon viel zu spät und selbst in den Unterrichtsgebäuden werde ich nicht fündig. Warum auch immer, irgendwelche Leute sind dort auch Samstag nachts unterwegs und schlagen Türen zu, lassen ihr Echo durch die Gänge hallen und bringen die Aufzüge zum Summen. Erst auf den abgeschirmten Steinstufen des Hauptgebäudes werden ich fündig. Nach einmal Probesprechen beginne ich und die Aufnahme läuft super, bis nach knapp 20 Minuten die Eingangstüren des Hauses auf- und zugeschlossen werden. Schließlich kommt ein Wachmann raus, starrt mich an und ich muss die Aufnahme stoppen. „Am I allowed to stay here?“ frage ich. Es scheint erlaubt zu sein: „I close now.“ Dann geht er wieder rein und verriegelt die Tür. Na vielen Dank auch, du Idiot! Ich saß die ganze Zeit auf einer Stufe ganz am Rand und habe laut in mein Handy reingesprochen. Garantiert habe nicht den Eindruck erweckt, am Wochenende nachts in ein dunkles Unterrichtsgebäude gehen zu wollen. Damit das nicht erneut passiert, setze ich mich eine Ecke weiter, allerdings wird auch die nächste Aufnahme gestört. Scheinbar ist es ganz wichtig, um diese Uhrzeit Bauzäune abzuladen, ein entsprechender Transporter rast vorbei und geht seiner Arbeit nach.
Also darf ich mich vorm Schlafengehen noch mit billigen Audio-Schneideprogrammen im Browser rumschlagen, die Aufnahme muss aber noch abgesendet werden, um es auf die CD zu schaffen. Sogar Darren, der zuvor mit vier Leuten im Discord war, schläft schon. Höchste Zeit, es ihm gleichzutun.
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