Sonntag, 7. Dezember

Ich hole erstmal eine Menge Schlaf nach, nachdem ich zuletzt öfter spät ins Bett und früh rausgehüpft bin. Ich mache prinzipiell ganz entspannt, aber nachdem Fabian vorschlägt, nach der Pickleball-Session heute Abend das letzte Formel-1-Rennen der Saison in einer Sportsbar zu sehen, spurte ich mich, das von letzter Woche zuende zu gucken und das gestrige Qualifying ebenso. Beide sind unnormal spannend, es ist einfach umwerfend, wie Max Verstappen aus dieser autotechnisch so schlechten Saison wirklich alles rausholt. Dass es im letzten Rennen nicht nur zwischen den McLaren-Piloten spannend wird, sondern der flixe Niederländer sich dazwischengeschoben hat, dazu mit einer pole position heute Abend, macht es umso verrückter. Da ihm 12 Punkte auf Norris fehlen, muss dieser von seiner zweiten Position auf die vierte oder schlechter abrutschen, damit mein Favorit seinen fünften Titel (in Folge) holt. In den letzten zehn Jahren hat in Abu Dhabi immer der Pole-Mann gewonnen, das sollte auch Max nicht vergeigen, aber ich bin gespannt, ob die Papaya-Garage ihre verheerenden Strategiefehler der letzten Wochen und Monate wiederholt. Ich schreibe diesen Text extra vorher, um einen Tipp abzugeben. Auch wenn Max schon öfter das Unmögliche gezeigt hat und auch wenn Lando schon öfter gezeigt hat, dass er wichtige Starts vergeigen kann, sagt mein Bauchgefühl, dass es diesmal anders läuft. Schließlich gehört zur perfekten WM-Kehrtwende sowohl eine stabile Red-Bull-Leistung als auch ein McLaren-Versagen. Der (WM-)Tipp also: Norris, Verstappen, Piastri. Auch wenn Verstappen vermutlich das heutige Rennen macht. Und Antonelli wird Hamilton als Sechsten der Gesamtwertung überholen, aber das wäre alles andere als eine Überraschung.

16:57 Uhr, Cingpu Station – das einzige Zeichen vom Winter kommt über die frühen Sonnenuntergänge

Etwa 90 Minuten spiele ich mit Fabian, Philipp und wahlweise Randoms Zwei-gegen-Zwei-Duelle. Es macht wieder richtig Spaß und die Spiele haben noch mehr Flow als heute vor zwei Wochen, das Ballgefühl wird immer besser. Am Ende bescheinigen die Jungs mir auch, deutlich besser geworden zu sein, was mich sehr freut.

Duschen darf ich in der Dreier-WG, die ja nebenan liegt, einmal über die Straße. Kaan, der gerade ein Online-Date mit seiner Freundin in München hat, leiht mir frische Klamotten, ohne mit der Wimper zu zucken. Ehrenmann. Fabian hat bei Thursten (einem Indonesier aus den IBM-Kursen, den ich vom BBQ Ende September kenne) einen Platz klargemacht, denn der arbeitet in einer Sportsbar. Weil prinzipiell genug Zeit bleibt, ziehe ich mit den drei Jungs aber nochmal zur Bar, in der wir am Freitag waren und bestelle wie alle einen Burger. Dort bleiben geschweige denn sitzen funktioniert nicht, auch hier wird auf das Finale hingefiebert, einzelne McLaren-Shirts sind bereits zu erkennen.

Kaan-Style – Blick aus dem Wohnzimmer der 3er-WG, 28. Stockwerk

Das Essen lässt unnormal lange auf sich warten, so langsam werden Fabi und ich nervös. Kaan und Philipp bleiben sowieso zuhause, aber der blonde Innsbrucker und ich schnappen uns dann sofort zwei elektrische YouBikes und düsen die Straßen runter. Auf dem vierminütigen Fußweg zum „Bottoms Up“ stellen wir garantiert persönliche Fressrekorde auf. Aufgrund des Zeitdrucks halte ich es leider nicht fotografisch fest, aber es sieht schon unfassbar lustig aus, sich schnellen Schrittes die Riesenhappen reinzudrücken, von der Seite herzhaft zuzubeißen, als würde man absichtlich theatralisch essen wollen. Ein paar junge Leute müssen auch sehr lachen, als wir vorbeilaufen. Main-Character-Moment. An der Kreuzung vor der Bar stellen wir den Müll (säuberlich in der Plastiktüte verstaut) neben anderen Säcken und eingeklappten Möbeln eines Ladens ab, das fällt kein bisschen auf. Der Grund: Die Bar bietet ebenfalls Burger an und Fabian wäre es zu peinlich, den dortigen Mülleimer zu nutzen. „Die Tüte nehmen wir später mit“ – ja genau.

Perfekt rechtzeitig kommen wir rein, Thursten heißt uns willkommen und besorgt zwei Plätze an einem hohen Wandtisch, von dem aus wir einen der vier Bildschirme ganz gut sehen können. Es ist übrigens die Bar, in der ich vor Monaten einmal mit Anna und Buggi war und in der regelmäßig NSYSU-Leute auftauchen (also von der etwas internationaleren Uni), die danach allerdings nie wieder gefunden hatte. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind auch jetzt wieder nur Westliche da. Der blonde Franzose aus unserem Supply-Chain-Managment-Kurs erweitert den NKUST-Kreis, er erkennt Fabi sofort und quatscht ihn an. Mit seiner französischen Begleitung (soweit ich mich erinnere, gibt es irgendwo eine quasi rein französische 14er-WG) setzt er sich an den besseren, aber halt auch reservierten Tresen-Platz. Egal, die Show geht los und die Stimmung im vollen Lokal steigt.

Macht die Kameraführung klar, für wen ich bin?

Die englischen Kommentatoren werden zum Glück so laut gedreht, dass man sie zwischendurch versteht, genauso wie einige Funksprüche. Wäre es lauter, könnte man selbst kaum noch reden, also ist das ein guter Kompromiss. Im legendären Formel-1-Intro branden sowohl bei Lando Norris als auch bei Max Verstappen Jubel auf, die Unterstützung für Max wiegt akustisch aber etwas mehr. Das Guiness, das Thursten uns empfohlen hat, kommt zwar erst nach Rennstart, der ist aber schon Aufregung genug. Max behauptet seine Pole ohne Probleme, fährt seine Karre sofort vor Norris, der in dem Fall keine Chance hat. Von der besseren rechten Seite startet auch Piastri auf der drei und hat nach wenigen Kurven die Gelegenheit, an Norris vorbeizuziehen. Dass Leclerc einige Runden im DRS des WM-Führenden bleibt, sorgt regelmäßig für Johlen an den Tischen. So weit, so vorhersehbar.

Spannung brandet auf

Spannend ist es eigentlich nur, weil es sich um das letzte Rennen handelt und alles davon abhängt, ob Norris sich auf Position drei halten kann, wie auch Fabian schnell bemerkt. Er ist halbwegs drin in der Materie, gibt aber viel auf meine Meinung und stellt einige Fragen, die ich gerne beantworte. Als Österreicher ist er natürlich Red-Bull-Fan und sieht sowieso ein, dass Verstappen ohne Frage der beste Fahrer im Feld ist. Als das aus dessen Sicht bittere Ende auf dem ersten Platz immer näher rückt, erinnert Fabian an seine erste Weltmeisterschaft vor vier Jahren, als es in der letzten Runde einen Crash gab und er wider Erwarten Hamilton schlagen konnte. Vielleicht gibt es ja wieder einen Crash? Tsunoda scheidet zu nächster Saison zwar aus der Formel 1, seine Karriere will er sich mit sehr unsportlichem Verhalten aber bestimmt auch nicht zerstören, insofern bleibt es dabei. Wäre das Rennen mitten in der Saison gelaufen, hätte man es wohl als ziemlich langweilig abgestempelt, aber so rettet es Norris den Titel mit nur zwei Punkten Vorsprung, nachdem Verstappen zwischendurch mehr als 100 Punkte Rückstand auf Piastri gehabt hatte.

Ein Sieger steht fest

Im Siegerinterview weint der Engländer, dessen Verdienst McLarens erster Titel seit 2008 ist. Die Mädels am Tresen stehen beieinander und schmelzen förmlich dahin, wannimmer in das Gesicht des Schönlings gezoomt wird. Auf lustige Weise traurig ist es, die Siegerehrung zu sehen, die zwischen den Feierlichkeiten der Gesamtsaison stattfindet. Verstappen, der mit über 12 Sekunden Vorsprung vor dem Zweitplatzierten Piastri ins Ziel gefahren ist, macht auf der höchsten Stufe des Podiums ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Wann ist das endlich vorbei, braucht er gar nicht auszusprechen. Verständlich, aber das Ergebnis ist die wohl beste Art, zu verlieren.

Dann leert sich die Bar schnell, aber Fabi und ich bestellen noch ein drittes Bier, nachdem Thursten uns schon einen Shot ausgegeben hat und wir gerade erst Nachos mit Artischockensoße verdrückt haben. Der arme Vietnamese ist am Ende seiner Sieben-Stunden-Schicht voll im Eimer, muss unter den Augen des niederländischen Barbesitzers (der bestimmt auch gut angefressen ist) aber performen. Über Frisuren (er will lockige Seiten ausprobieren) kommen Fabi und ich auf Instagram zu sprechen, wo ihm sehr viele Unbekannte folgen. Alles durch Selfies und ehrliches Posen, sagt er. Warum ich das denn noch nicht so gemacht habe? Über das Kompliment freue ich mich. Naja, ein hundertprozentiger Selbstdarsteller war ich noch nie, aber das kann ja noch werden. Gute Fotos aus Taiwan habe ich bereits, darin bestätigt er mich. Dass der Kollege selbst gut aussieht, braucht man ihm nicht klarzumachen. Eine fremde Taiwanesin kommt an den Tisch, lobt sein Äußeres ausgiebig und legt sich dann in seine Arme, um ein Selfie machen zu können.

Ein Selfie gibt’s auch mit Thursten am lang ersehnten Schichtende

Thursten warnt glücklicherweise vor der frühen letzten Bahn und zu dritt fahren wir an die MRT, wobei der Müll Vorhergefahrener massenhaft krachend aus den Fahrradkörben fällt, als der Fußgängerweg im typischen Taiwan-Stil mehrere knallharte Kanten aufweist, ohne dass eine Straße passiert wird. Barrierefreie kann man das geradeso nicht mehr nennen.

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