Als mittlerweile fast Einziger laufe ich noch in kurzen Sachen über den Campus. T-Shirts sieht man ab und zu, aber so sommerlich wie ich zieht sich kaum jemand mehr an. Dabei hat Kaohsiung doch nur eine Jahreszeit, oder?

In der Mensa berichtet Sebastian, dessen Schnauzer im frisch frisierten Drumherum raussticht, von seiner und Annas Fahrradtour am Wochenende. Sie sind ins Landesinnere gefahren, in die Nähe von dort, wo ich vor einiger Zeit mal mit Sky war und haben auf unterschiedlichen Campingplätzen genächtigt. Pünktlich zur Schmetterlingssaison habe ein Campingplatzbesitzer seinen einzigen Gästen die Arten vorgeführt, indem er die kleinen Faltflieger an den Beinen gepackt hat, dann stellen sie sich nämlich tot. Außerdem wurden sie bekocht sowie unerwartet Teil einer religiösen Runde, da die Hausherren ihre mormonischen Freunde eingeladen hatten. Das klingt schonmal sehr spannend und vor allem relevant, denn wie auslaugend gewisse Steigungen sind, betrifft mich ja genauso, wenn ich meine Tour dann mache.
Am Nachmittag setze ich mich wieder bei „Financial English“ rein, dessen Lehrerin selbst einen vernünftigen Kurs des Fachgebiets nicht bestehen würde, wie wir übereinstimmen. Nach anfänglichem Punktesammeln für richtige Multiple-Choice-Antworten und (leider) einigen verlorenen Runden Clash Royale gegen Fabian geht es heute um Essen. Ja genau, Essen. Der inhaltliche Bezug zum Business wird bestimmt kurz erläutert, aber im Prinzip stellt Tracy (die Lehrerin) erstmal ihr persönliches Lieblingsessen und -restaurant vor. Die Pekingente wird in ihrem Mund aber zur „pecking duck“ und sie wiederholt das Wort so unfassbar oft, das es für ein Trinkspiel schon viel zu viel wäre. Es wird immer lustiger, je öfter der Begriff fällt, sodass sie irgendwann fragt: „Why you so happy?“ Immerhin scheint sie es nicht böse zu verstehen. Des Weiteren wird der Vorteil zum abenteuerlichen „adventage“ und das Frühstück verwandelt sich in „breakfirst“. Logisch, ist ja auch die erste Mahlzeit am Tag. Außerdem werden alle kulinarischen Highlights mit „yummy“ kommentiert. „I don’t know this, but all my friends say it’s yummy. It’s so yummy.“ Als würde sie die Stunde damit totschlagen wollen, soll im Anschluss jeder ein typisches Essen aus seiner Heimat inklusive Adresse eines guten Lokals vorstellen, damit sie noch öfter wiederholen kann, dass: „I have never been there but look soo yummy. I think is very yummy“. Kaan stellt ein bekanntes Münchener Restaurant vor, aber dass Fabian sich einen Wiener Döner aussucht, geht gar nicht klar. Nur nur, dass er damit Berlins Ehre als Dönerhauptstadt verletzt, auch die bekanntesten und beliebtesten österreichischen Gerichte werden damit ignoriert. Erst ist er resistent gegen die Argumente und spricht vom besten Döner der Welt mit Sitz in Wien, aber ein paar lobende YouTube-Videos reichen weder für diesen Titel noch dafür, dass Wien international auf einmal für etwas anderes als Schnitzel bekannt sei. Sebastian, der die meiste Zeit Geoguessr mit Philipp gespielt hat, fragt zu Recht, warum wir eigentlich nur über Essen reden. „We talk about business, right?“ gibt Tracy unabhängig davon von sich. Natürlich, da können wir nur lachen.
Brian nimmt Buggi und mich mit in die Stadt. Vom Training brauche ich heute mal eine Pause und sowieso will ich nach Postkarten und nützlichen Spielereien für die kommenden Touren sehen. Auf dem Weg bittet er uns, das „Christmas Event“ von Ashley und ihm an die anderen exchange students weiterzugeben, allerdings werden die allesamt in Europa oder anderweitig verreist sein. Ich selbst werde zwar in Kaohsiung sein, bin nach der Mormonen-Werbefalle letztes Mal aber skeptisch. Dass Sascha wohl zugesagt hat, stimmt mich etwas optimistischer, vielleicht tauche ich ja doch auf. Ich meine, auf lustige Storys bin eigentlich immer aus, von daher könnte es sich lohnen. Brian selbst ist übrigens kein Mormone, wie Buggi auf Nachfrage erfährt. Er hat früher an Geister und Spiritualität geglaubt, jetzt aber auch das nicht mehr. Warum? „I need a break.“ Auch ein interessanter Grund, von Glauben abzurücken, aber wer bin ich, ihn dafür zu verurteilen?
Sebastian wird in Jiangong abgeliefert und mich bringt der nette Taiwanese weiter in Richtung meines Ziels, einer Shopping Mall im 三多商圈 „Sān duō shāng quān“, dem „Sanduo Shopping District“. Direkt auf dem Weg liegt sein Zuhause, sodass wir dort von Auto auf Motorrad umsteigen, und ich darf mir die Bude kurz ansehen. So zentral gelegen wie wenig anderes, befindet sich die Eingangstür in einer ruhigen Seitenstraße und führt direkt ins Wohnzimmer. Neben der Küche, einem winzigen Bad und zwei Treppenräumen ist es das einzige Wohnvolumen des Erdgeschosses, was auch das Bett der 93-jährigen Oma erklärt, die so wenigstens zum Mittagschlaf unten bleiben kann. Brians Großeltern hätten das Haus gebaut, als im weiteren Umkreis nur eingeschossige Gebäude standen, das muss lange her sein. Kaum noch vorstellbar bei all den aufragenden Wohn- und Bürofabriken, ganz zu schweigen vom Sky Tower, dem höchsten Glied der Stadt. Das Haus selbst ist natürlich grottenhässlich mit einem wilden Mix aus Fliesen, Planen und auf dem Silbertablett präsentierten Klimaanlagenkästen versehen, aber aufgrund des Alters und der vermutlich nicht allzuvollen Baukasse damals kann ich es respektieren.

Brian rennt kurz in sein Zimmer weiter oben, von dem aus ein Fenster zum Wohnzimmer mit der sehr hohen Decke abgeht, dann geht es weiter. Ich habe zwar nicht danach gefragt, aber eine gemeinsame Tour kann ich nach der Taxi-Gefälligkeit kaum ablehnen. Solange ich noch Zeit zum Erkunden habe, kein Problem. Sein Lieblings-Bubble-Tea-Laden hat geschlossen, aber er kennt einen anderen guten, „A Nice Holiday“. Auf dem Weg begegnen uns seine Mutter und eine Freundin von ihr, den anschließenden Milchtee gibt er mir aus. Widerspruch ist keine Option. Dann setzt er mich vor der 高雄大遠百 „FE21’ Mega Far Eastern Department Store Kaohsiung Branch“ ab. „When you Are finished, just write me a message and we can have dinner.“ Eigentlich wollte ich mich Anna und Buggi essen, aber jetzt bin ich in dieser Situation. Etwas kleines vielleicht. Ich fahre einfach mal die Stockwerke ab, viele Läden bieten interessanten Kleinkrams an. Die sicherste Auswahl werde ich aber trotzdem bei Decathlon oder Uniqlo haben, wie ich schnell merke. Ein Kino im 16. Stock merke ich mir aber trotzdem, das sieht recht entspannt aus und steht sowieso noch auf meiner optionalen Liste für Aktivitäten in Taiwan.
Also sage ich Brian Bescheid und innerhalb weniger Minuten sammelt er mich wieder auf. Der 光華觀光夜市 „Guanghua Night Market“ ist einer derjenigen, die an beiden Rändern einer stark befahrenen Straße aufgebaut sind. Es ist Sinn und Zweck, dass vorbeifahrende Motorräder an den Theken halten und ihr Abendbrot in Einwegplastiktüten abschleppen. Eine Verkäuferin ohne Kunden lächelt mir zu und auf dem Boden sitzende Männer nicken, als wir passieren. Das Motorrad stellen wir um die Ecke vor seinem Haus ab, wo sein Onkel schon von der Arbeit gekommen ist und mich interessiert fragt, woher ich komme und was ich mache.
Auf dem Night Market fragt Brian mich, wie viele dishes ich essen will. Eher wenig, aber in seinen Ohren werden das dann doch zwei bis drei. Zuerst gibt es Aal, der leicht bitter, aber insgesamt richtig gut schmeckt, zusammen mit einer Suppe, in der angeblich traditionelle chinesische Heilmedizin enthalten ist. Tatsächlich schmeckt sie sowohl herzhaft als auch minimal süßlich, ein ganz individueller, nicht unbedingt schlechter Geschmack. Wieder bezahlt Brian, ich könne dafür aber das zahlen, wenn ich will. Weiter geht’s in ein Restaurant, das berühmt sein soll, allerdings sehr normal aussieht. Wie schon zuvor studiere ich die Speisekarte ausführlich und lasse mir erklären, wie einige Schriftzeichen in Kombination miteinander nicht nur anders ausgesprochen werden, sondern mitunter auch komplett andere Bedeutungen gewinnen. Ziemlich verwirrend, wenn man mich fragt. Gemeinsam bestellen wir Muschelsuppe, deren Saft sehr aromatisch ist, und frittierte Fischaugen mit einer Menge Knoblauchzehen, ingesamt aber eindeutig zu salzig. Froschbeine mag Brian nicht, sonst wäre das eventuell auch auf dem Teller gelandet. Ich erfahre, dass seine Freundin in Taoyuan wohnt und er seit über einem Jahr eine Fernbeziehung führt, die beiden sich auf einer chinesischen Datingapp kennengelernt haben. Eigentlich bin ich jetzt dran mit Bezahlen, aber das kommt doch nicht mehr infrage: „This is more expensive than the last one, so we can split the bill.“ „Nah man, it’s totally okay for me.“ „No, please, let’s split, it’s okay.“ Na gut, wenn er es unbedingt so haben will… Freundlichkeit im Übermaß.

Bei ihm zuhause will ich dann eigentlich nur meine Tasche abholen, aber mittlerweile ist die halbe Familie da und ich denke es mir von der ersten Sekunde an, so schnell komme ich da nicht raus. Mutter, Vater, Oma und Onkel reden auf Mandarin auf mich ein, nachdem ich zwei Sätze von mir geben konnte. Herkunft, Studium, Familie, hatten wir alles schon. Ob ich verheiratet bin, überrascht mich dann aber doch. Eine Banane muss ich mitnehmen, dann lassen sich mich langsam gehen.
Mit den beiden Süddeutschen treffe ich mich nicht mehr, aber ich bin auch schon müde. Als Sky von meinem Alishantrip nächstes Wochenende erfährt, hat er einige Infos mit mir zu teilen. Mit seiner Tante war neulich in der Gegend und zeigt tolle Fotos, die über der Wolkendecke geschossen wurden. Es gebe dort einen „pond“, dessen Entstehungsgeschichte in einer taiwanesischen Sage nacherzählt wird. Zwei Schwestern waren in einen jungen Mann verliebt, aber weil er nur die ältere der beiden liebte, lief die jüngere in den Wald, fiel in Matsch und nachdem ein Sturm darüber gewütet hatte, entstand der kleine See. Ein weiterer entstand, nachdem die ältere Schwester nach ihr gesucht und dasselbe Schicksal erfahren hatte. Weiterhin könne ich in Alishan Zypressenbäume sehen, die unter den Japanern massenhaft eingeführt und im Anschluss ebenso massereich abgeholzt wurden (das Holz eignet sich nämlich hervorragend für Tempel und sonstige Formen des Bauens), sodass das Fällen erst seit geraumer Zeit wieder erlaubt ist.
Sky leidet unter Mitternachtshunger und so erfahre ich zusätzlich über leckere indonesische Gerichte. Auf den großen Blättern von Bananenpflanzen legen sie seafood und Gemüse zum Trocknen aus, anschließend wird es weiter verarbeitet, das Gericht nennt sich dann „Indonesian Seafood Boil“. Sky mag die wässrige Variante der Mahlzeit lieber: „The dry one I don’t know, but I like the watery one. When the vegetables are so watery.“ Verstehe, klingt sehr lecker.
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