Zum ersten Mal wissen die Mensaleute heute schon vor meinem Handzeichen, dass ich zwei Pfannkuchen bestelle. Jetzt bin ich also der NPC, dessen Algorithmus durchschaut wurde. Ich durchbreche ihn aber durch mein Überpünktlichleit in „Consumer Behavior“, wie Luca etwas spöttisch anmerkt.
Bevor wir starten, teilt Danny den Test von vor zwei Wochen aus, den ich spaßeshalber mitgeschrieben hatte. 32 von 40 Punkten können sich sehen lassen, das gibt zwei Extrapunkte in der Endnote, die ich nicht bekommen werde. Dann geht mal wieder um das Kaufverhalten von Konsumenten, diesmal mit Fokus auf Kultur und ob Menschen sich von individuellen oder kollektiven Entscheidungen leiten lassen. Wir diskutieren, warum globale Marken so viel erfolgreicher sind als lokale und schauen McDonalds-Werbespots aus unterschiedlichen Ländern, um die Adaption an verschiedene Kulturen zu analysieren. Danach sollen wir Gruppen nach Nationen bilden und überlegen, wie unsere Hochzeitstraditionen funktionieren, mit Blick auf Kauf- und Konsumverhalten. So werden vietnamesische, taiwanesische, thailändische, indische und deutschsprachige Hochzeiten dargestellt, wobei unsere Gruppe über das Verlobungsdatum, die Einwilligung des Brautvaters und standesamtliche Zeremonien diskutiert. In Thailand wird i.d.R. eine ungerade Zahl an buddhistischen Mönchen eingeladen, das und die Dekoration finde ich irgendwie cool. Mit indischen Hochzeiten kann sowieso nichts mithalten, Sidd stellt mithilfe von Vanessa Events vor, die sich grob in „Pre-Wedding“, „Main-Wedding“ und „Post-Wedding“ einteilen lassen. Angeblich dauert eine durchschnittliche Trauung etwa vier bis fünf Tage, unfassbar. Der Preis? Umgerechnet vielleicht 14.000€… Deshalb war Sascha letztens fast die ganze Woche weg.
In der Mensa setzt sich auch Thomas mit an den Tisch. Sidds Anwesenheit respektierend, holt er seinen feinsten britischen Akzent raus, leicht unangenehm. Er scheint aber wirklich Brite zu sein, zumindest nennt er sich so. Immerhin hat er als Kind vier Jahre dort gelebt und seine Eltern stammen zum Teil von dort. Ich habe ihn ja noch nicht oft getroffen, aber dass er zu vielen Themen eine Meinung hat und diese auch hochhält, wird schnell klar. Während André mal wieder über die Übernahme der Menschheit durch KI schwafelt (zuletzt hatte er immer häufiger Zeitungsartikel mit Bezug darauf in die deutsche Gruppe geschickt), sinniert Thomas über seine Weltbewandertheit, schließlich reise er viel und alleine (sofern ein Unitrip da mit reinzählt), in Zügen in Taiwan und weltoffener, wie man kaum sein kann. Allerdings wären die Taiwanesen rassistisch, ständig würde er schief angeguckt, und bestimmt seien sie alle gegen ihn. Ich habe da andere Erfahrungen gemacht, und ich war auch schon alleine unterwegs, aber nicht jeder sieht aus wie ein pöbelnder Fußballfan, insofern ist das vielleicht der Unterschied. Mich regt eigentlich nur auf, dass er kein konkretes Beispiel von Diskriminierung nennen kann. Sascha erzählt derweil von den Anstrengungen Heizos, seinen Kurs zu bestehen (tatsächlich nutzt der junge Japanee jede Gelegenheit im Flur, mit mir zu üben), allerdings gibt er zu, voraussichtlich die meisten bestehen zu lassen. Das liegt auch am fehlerhaften System, das viele Bestehende belohnt. Das Angebot nach Deutschkursen wächst oder schrumpft und kann entsprechenden Unmut der sowieso teils schwer kooperativen Kollegen auf sich ziehen. Die nervige Deutschlehrerin aus dem Gym, die mir Samstag Nacht auf dem Campus begegnet ist und nicht loslassen wollte, ist wohl auch im Kollegium als Verrückte bekannt. Abgesehen von ihrem schwer verständlichen Deutsch wohnt sie angeblich im Büro, hat in Saschas Augen tatsächlich eine psychische Krankheit und unterrichtet ohne Mehrwert für die Studenten. Das kann ich mir nur zu gut vorstellen, ihr Rauswurf scheitert bisher vor allem am guten juristischen Schutz für Professoren.
Wie mittlerweile gewohnt, lässt mich der Coach im Bogenschießen zu Anfang nach vorne tanzen und drei Pfeile gegen ihn schießen. Genauso gewohnt ist meine Niederlage zugunsten des goblinhaft lachenden Piesackers, deshalb zielt er nicht auf die Mitte, sondern möglichst nah an meine eigenen Durchschnittsschüsse. Der Koboldvergleich passt eigentlich sehr gut, wenn ich so darüber nachdenke. Er ist klein, trägt knallgrüne Akzente und die Lache erklärt sich von selbst. Mehr als das kann er mir aber nicht, schließlich müssen meine Augen seinen T-Rex-Laufstil zweimal pro Woche im Nanzih-Stadion ertragen. Im dieswöchigen Turnierbaum qualifiziere ich mich wieder für das upper bracket und gewinne sogar die erste Stufe. Mit der Leistungssteigerung kann ich leben.
Im Chinesischkurs, die letzten Wochen kann man bereits an einer Hand abzählen, sollen wir erstmal einen Test schreiben. Dazu dürfen wir zehn Minuten auf die Leinwand starren, auf die genau der Text (in Schriftzeichen) projiziert wird, den wir seit zwei Monaten behandeln. Junger Mann, was essen Sie? Zwei Teigtaschen, eine Tasse Tee; wieviel kostet das? Alles zusammen, 48 Dollar. Danke. Nach wirklich mehr als ausreichend Bedenk- und theoretisch auch Recherchezeit sollen wir die 手機‘s wegpacken sowie alle 書‘s. Auf einem kleinen Zettel, den jeder bekommt, steht genau dasselbe und wir haben fünf Minuten, die vier kurzen Sätze in Pinyin zu übersetzen. Anschließend korrigiert jeder einen anderen Text. Was Sebastian und ich für Texte bekommen, ist wirklich bodenlos. Klar fällt den anderen die Aussprache schwer, aber hier sind kaum Worte übersetzt und wenn, dann auch noch falsch geschrieben. Daran ist alles falsch, wo kann ich die 6- notieren?

Nachdem jeder einzeln zur mündlichen Bestätigung nach vorne gerufen wird, bekommt man den Test zurück, jetzt auch von Frau Peiti korrigiert. Im Prinzip spricht man ihr den Text einmal vor, das war’s. Sebastians Tandempartner Pryanshu aber verweigert die Aussage, er traut es sich nicht zu. Bei Sebastian hat Peiti vier kleine Fehler nicht entdeckt und bei mir dafür drei Sachen angezählt, die aber alle richtig sind, wie sie auf Nachfrage erstaunt zugibt. Wer ist hier eigentlich Chinesischlehrer? So langsam fühle ich mich wie in einer Klapse, ständig bestellt der Kurs genau zwei Teigtaschen, fragt, ob der Chinakohl gut schmeckt und was das Gegenüber isst. In welcher Situation (genau so beschreibt sie es nämlich) werde ich in den 7/11 gehen, fremde Leute ansprechen und fragen, was sie kaufen wollen? Ich bin doch kein Verkäufer, viel lieber würde ich endlich alle Sätze rund um den Bestellvorgang an der Kasse lernen. Nach Plastiktüten fragen, diese ablehnen, Mikrowellengerichte, spezielle Produkte und vielleicht mal eine Alternative zu den sonstigen Standardphrasen.

Vor dem Campustor wartet Anna und fängt unsere Fassungslosigkeit etwas auf. Ihr können wir den Irrsinn der Dienstagabende beichten, irgendwie ist es ja auch lustig. Aber man muss sich nur vorstellen, den Kurs ein zweites Mal zu belegen, da stehen mir die Haare schon zu Berge. Zu dritt besuchen wir die von mir so getaufte Food-Street und setzen uns in das Lokal, bei dem man zuerst die Zutaten mit einer Zange zusammenpickt und dann vom Personal kleinhacken und kochen lässt. „Very spicy“ hat hier eine sehr angenehme Würze und im Gegensatz zu Deutschland stört es hier niemanden, wenn wir Tee von nebenan dazuholen. Irgendwie nehmen wir den Galgenhumor aus Chinesisch mit, tauschen uns genüsslich über die Erfahrungen der letzten Tage aus und reflektieren das Verhalten unserer Mitmenschen.

Meine (erneut) neue Kreditkarte ist mittlerweile angekommen, fürs Protokoll. Ausprobieren werde ich sie vermutlich erst morgen, dafür habe ich extra eine neue PIN vergeben. Außerdem wollte ich mein Fahrrad für Januar buchen, merke aber im Bestellprozess, dass ich zu wenig Ahnung von meinem eigenen Tourplan habe. Auch Hasan, mit dem ich morgen einen Großeinkauf bei Decathlon geplant habe, rät mir stark davon ab, einfach drauflos zu buchen.
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