Mittwoch, 10. Dezember

„Supply Chain Managment“ lasse ich zugunsten von Urlaubsvorbereitungen ausfallen, da Hasan und ich uns endlich mal um Equipment für die Wanderung kümmern müssen. Eine Stunde lang fahren wir zur „Dream Mall“ im Kaohsiunger Süden. Um zehn Uhr steht die Sonne bereits hoch, wir bereuen beide, etwas langärmliges angezogen zu haben. Die berühmte Mall fehlt noch als eines von wenigen Zielen auf meiner Kaohsiunger Bucket List, jetzt sehe ich sie und ihr Riesenrad endlich in echt. Der Gebäudekomplex sieht komplex zusammengewürfelt aus, eine fast nicht beschreibbare Kombination aus polygonalen Ockernatursteinen und organischen Glasfassaden, prinzipiell wenig ansprechend. Neben vereinsamten Feldern sind heute zudem breite Straßen drumherum abgesperrt, das lässt das Areal noch einsamer wirken. Der große Decathlon liegt gegenüber, dorthin müssen wir zuerst.

Die „Dream Mall“. Ein landendes Flugzeug versteckt sich in der Aufnahme.

Der billige Sportladen hat alles zu bieten, was sich gut trifft, denn die Liste ist lang. Die verfügbaren Zelte messen wir genau aus und entscheiden uns letztlich für das kleinste, auch wenn es nur wenig billiger ist (etwa 45€), schließlich will es auch getragen werden. Zwei Wanderstöcke für insgesamt 30€ lege ich nach reichlich Überlegung wieder zurück, zumindest demnächst werde ich kaum Höhenmeter absteigen. Bei den Schlafsäcken ziehe ich meine taiwanesische Wandergruppe für die Weihnachtstage zurate, die erklärt, ich müssen für ihre Wanderung mindestens einen mit null Grad oder kälter auswählen. Allerdings kann ich mir dort einen leihen, sodass ich für die Tour mit Hasan den gleichen wie er hole, einen Acht-Grad-Schlafsack für etwa 20€. Die Isomatten sind entweder viel zu teuer oder viel zu groß, sodass wir spontan beschließen, die eine große später in der Mitte durchzuschneiden, schließlich würde sie sowieso kaum in das kleine Zelt passen. Das erzähle ich Sebastian zwar nicht, aber allein mein Ersuchen um Ratschlag lässt mich telepathisch erkennen, wie wir (Amateure) belächelt werden. Na gut, ganz leicht hatten wir uns auch über Annas und Buggis teures Zelt lustig gemacht, aber wir sind halt blutige Anfänger ohne Ahnung. Außerdem kaufe ich ein fleeciges Oberteil, Handschuhe, Gaskocher mit Kartuschen und ein Kissen für Hasan. Ich selbst decke mich in der Fahrradabteilung mit einer guten Radhose, einem billigen Helm (13€) und zwei Spielereien für das Rad ein: ein buntes Windrad und eine Hupe, denn Klingeln werden bei den GIANT-Bikes wohl nicht mit vermietet. Taschenlampe, Metalltasse und Verpflegung wollen wir wannanders besorgen, denn Hasan hat am Nachmittag ein wichtiges Meeting und will vorher noch sein Frühstück nachholen. Zwei Stunden Decathlon laugen übrigens ziemlich aus, auch wenn’s Spaß macht. Immerhin überdenkt man jede Kaufentscheidung dreimal, wenn nicht klar ist, über welchen Zeitraum hinaus man die Produkte überhaupt nutzen oder verkaufen kann.

An der Kasse probiere ich mir selbst erstmal Geld überweisen, denn acht Euro Guthaben reichen wohl kaum für diesen monströsen Einkauf. Insgesamt zahlen wir 6395$TD (184€) und müssen die Ware sogar aufteilen, um sie weggeschafft zu bekommen. Natürlich ist das ein schwerer Happen, aber ganz ehrlich, in Deutschland hätte das bestimmt doppelt so viel gekostet. Darauf muss Hasan erstmal eine rauchen. Der Zigarettenvorrat fürs Wochenende beträgt übrigens zwei Schachteln, ich hätte Schlimmeres erwartet. Ja

Mein Anteil des Einkaufs

In der Dream Mall zeigt Hasan mir sein Lieblingsrestaurant, das japanische Currygerichte serviert. Im riesigen Foodcourt fallen unsere massiven Taschen gar nicht auf und zwischen vereinzelten taiwanesischen Kleinfamilien lässt es sich gut essen. Für den Brokkoli und besonders die hier so seltenen Tomaten bin ich sehr dankbar. Hasan genießt es genauso und spurtet sich dann los. Da ich bei Thermounterwäsche noch nicht fündig wurde, schaue ich im Uniqlo (den man laut Hasan übrigens amerikanisch aussprechen muss, damit es nicht so räudig an Unitoiletten erinnert) nach den viel beworbenen „heat-tech“-Klamotten. Eine Hose für knapp 20€ finde ich, aber sämtliche Longsleeves haben neben dem ebenfalls teuren Preis viel zu kurze Ärmel. Dann hole ich den stuff eventuell doch woanders, Hauptsache billig. Beim Rumlaufen und Rolltreppenfahren durch die Stockwerke fällt mir erneut auf, wie gut Shopping-Malls in Taiwan funktionieren, während die Deutschen Ableger konsequent aussterben. In der Türkei sind Malls laut Hasan weiterhin beliebt, also handelt es sich vielleicht um ein besonders westliches Problem. Am Online-Shopping kann es kaum liegen, mit „Shopee“ sind die meisten hier gut dabei.

Leicht trostloser ‚Weihnachts‘-Eingang
Japanisches Gemüsecurry
Food Court in der „Dream Mall Kaohsiung“

Abends bin ich mit den deutschsprachigen Jungs wieder zum picklen verabredet, deshalb bringe ich meine Sachen schonmal rüber zum Ablegen. Hasan übernimmt Zelt, Schlafsäcke und Isomatte, ich den ganzen Kleinkrams. Zwei Reisdreiecke von 7/11 sowie ein Wintermelonentee sind mein Nachmittagssnack, den ich in Fabians Gesellschaft auf dem Balkon genieße. Bei Tag konnte ich diesen wirklich grandiosen Ausblick noch gar nicht genießen, es geht kaum besser. Aus dem 28. Stock breitet sich der „Central Park“ vor uns aus und woher der Name stammt, wird unausgesprochen mehr als deutlich. Abseits des orthogonal erscheinenden Rasters (tatsächlich schneidet die Red Line ein perfektes Quadrat bedingungslos ab) ragen Hochhäuser auf, wenn auch in gemäßigterem Stil. Der Sky Tower und ein anderer Büroturm sind die unspektakulären Protagonisten, drumherum ein Gewusel aus Wohnmaschinen zwischen beige und grau. Rechts im Westen (wenn man sich weit zur Seite umschaut) erscheint das „Kaohsiung Music Center“ mit seiner Bienenwabenfassade und der dahinterliegende Hafen. Wie lange es dauert, bis man sich an diesen Blick gewöhnt? Zwei bis drei Wochen, meint Fabian, mittlerweile sei es nichts besonderes mehr. Meine erste Reaktion ist natürlich entrüstet, aber eigentlich weiß ich, dass es mir und anderen nicht so viel anders gehen würde, obwohl ich eine besondere Wertschätzung für tolle Ausblicke habe. Auch Sascha geht bei sich nie aufs Dach und ich wette, dass Anna und Buggi sich ebenfalls an die luxuriöse Aussicht gewöhnt haben. Der blaue Nachmittagshimmel lässt die starke Sonnenstrahlung passieren, sodass es sich erst bei einem tieferen Stand gut aushalten lässt. Fabian hat am Morgen ausnahmsweise Kaffee getrunken, weshalb er seit Stunden total hibbelig ist und sich in bester ADHS-Manier benimmt. Jeder Gegenstand in seinen Händen wird zum Flug- oder Drehobjekt, außerdem redet er ununterbrochen, was sowohl Philipp als auch Kaan in ihren Zimmern hören. Auf dem Kunstrasen üben wir Bottle Flips, denn so ein Energielevel spricht mich an. Die „Pocari Sweet“-Plastikflaschen aus den convenience stores eignen sich aufgrund der breiten Aufsatzfläche sehr gut, um in den Trend reinzukommen, der bald zehn Jahre alt wird. Flips auf dem Boden sind zu einfach, sodass wir die Flasche auf einem Plastikhocker landen lassen, wobei Fabian mit 13 Mal hintereinander klar gewinnt.

„Central Park Kaohsiung“

Trotz seiner Energie ist er bei Pickleball heute raus, immerhin liegt das Feld vor der Haustür und er geht sowieso mehrmals die Woche für einige Stunden spielen. Philipp und auch Kaan sind diesmal aber dabei, beim 7/11 vor der Haustür versorgen wir uns noch mit „Pocari Sweet“ und kleinen Snacks für Zwischendurch. Die Schokoladenriegel sind zwar nicht viel billiger als in Deutschland, dafür haben sie eine sehr dichte Konsistenz und schmecken hervorragend. Das Zuckerwasser wird seinem Namen gar nicht mal so gerecht, die milchige Farbe steht in erster Linie für Isotonie, solche Getränke wurden auch bei den vergangenen Wettkämpfen verteilt. Sportlich. Auf der Kreuzung vor dem Pickleballfeld gibt es keine Fußwege, weshalb dort dauerhaft sehr schmale Straßenbarrieren aufgestellt sind, ein unangenehm eng passierbarer Weg. Genau dort hat sich ein Obdachloser breit gemacht, an dem man zwar vorbeikommt, man sich aber nah vorbeischiebt. Angeblich liegt er seit zwei Tagen in der Gegend, wobei er gestern einen ruhigeren Platz auf dem Fußweg weiter hinten hatte. Sein jetziger Standort ist tatsächlich so ziemlich der unangenehmste, den man sich vorstellen kann, der Arme. Wir klettern dann über den niedrigen Zaun und betreten den Platz.

Kaan und Philipp beim Pickleball

Voll ist es heute. Eine dauerlächelnde Frau in pink weist Kaan an, ihr zu folgen, er holt für sie die hölzerne Warteschlange aus dem Schuppen, in die man seinen Schläger steckt, um die Reihenfolge der Platzbesetzung zu klären. Andere Spieler weisen das aber ab und Kaan fängt an, sich tierisch über die Frau in pink aufzuregen. „Ständig macht sie irgendwelche Ansagen, denkt, sie weiß, wie es hier läuft“, außerdem „We don’t speak Chinese!“ Tatsächlich redet sie sehr viel auf uns ein, kann aber nur „I don’t speak English“ verständlich rüberbringen. Besonders sympathisch finde ich sie auch nicht, aber Kaan lässt sie nicht los. Alle paar Minuten gibt es einen neuen Front, wir Deutschen schmunzeln. Mit Philipp und Kaan wärme ich mich auf, das heißt auf einem halben Feld. Auch Dehnen nehme ich als Pflicht mir selbst gegenüber wahr, besonders nachdem meine Fußoberseite nach letztem Sonntag wieder gezogen hat. Die Belastung dieses Spiels ist für meinen Körper einfach noch sehr ungewohnt. Ein erstes Game bestreite ich mit Philipp gegen Kaan und die verhasste Frau in pink. Wir gewinnen haushoch, Kaan muss daraufhin klarstellen: „Nur an drei Punktverlusten war ich schuld, ich habe extra mitgezählt.“ Dann kommt auch Sebastian hinzu und in verschiedenen Konstellationen mit anderen Randoms spielen wir uns heiß. In älterer Taiwanese stört sich an meiner Vorhand und nachdem er es kaum selbst erklären kann, darf ich mir auf seinem Handy ein zehnminütiges YouTube-Video anschauen, in dem sowohl gezeigt wird, wie man es falsch als auch wie man es richtig macht, inklusive Zeitlupen. Tatsächlich macht das sehr viel Sinn, denn statt eine versetzte Fußstellung zu haben, stehe ich meistens parallel da und kann so kaum mit Schwung zurückschlagen. Außerdem fühlt Kaan sich als mein persönlicher Mentor verpflichtet, mir das Spiel zu erklären. Ich spüre Sebastians Blicke, gebannt auf meine Reaktionen, aber ich nehme die Situation an, wie sie ist. Ich weiß, dass ich von den Laufwegen, Schlägerhaltungen und Taktiken des Spiels keine Ahnung habe, deshalb kann ich im besten Fall wirklich etwas lernen. Dafür akzeptiere ich, dass Kaan alles besser weiß und bekomme Lob oder Verbesserungsvorschläge, wenn ich den Ball mal wieder ins Netz haue. Das passiert heute erstaunlich oft und nachdem meine Lernkurve die ersten zwei Male ohne große Anstrengung nach oben geschnellt ist, ist es heute schon härter. Aus meiner Sicht haben alle Leute ein mehr oder weniger großes Talent, in neue Rhythmen und Bewegungen einzusteigen, bevor sie anschließend investieren müssen, um besser zu werden. So weit scheint es bei mir jetzt zu sein, denn die anderen, besonders Sebastian, abusen meine schlechten Stellungen sehr gut. Durch Kaan traue ich mich öfter nach vorne, um besser direkt zurückschlagen zu können und auch meine Vorhandausholbewegung wird etwas besser. Wenn ich die Vorhand mal treffe, kommen die Bälle knapp über das Netz, meine offensichtlich größte Stärke. Kaans Lob pusht mich auch, ich funktioniere unter positiver Konditionierung halt einfach am besten. Sowieso ist das eine der größten Ähnlichkeiten zum Spikeball, für die Teammoral sollte man sich m.E. nach jedem Spielzug obligatorisch abklatschen.

Zwischendurch müssen wir immer mal länger warten, Bottle Flips regeln aber die Langeweile. Wenn alles in seinem Leben schiefläuft, sagt Kaan, dann kauft er sich hier oben eine Butze und geht jeden Tag Pickleball spielen. „Das klingt eigentlich super!“, lacht Buggi. Stimmt, ich kann mir auch schlechteres vorstellen, als sich eine 4-Zimmer-Wohnung am Central Park leisten zu können. Wie teuer ist so etwas eigentlich? Philipp recherchiert, dass eine ähnliche Wohnung wie die ihrige knapp 300.000€ kosten würde, ein absolutes Schnäppchen für europäische Verhältnisse. Ansonsten erzählt Kaan von seinen verletzten Knien und dass er früher so starke Wachstumsschübe hatte, sodass seine Fußball-Sportschule wegen der Verletzungen keine Zukunft für ihn sah. Fußballprofi wäre er aber nicht geworden, gibt er zu.

Später leeren sich die drei Plätze zunehmend. Einer davon ist meistens von einer Gruppe besetzt, die auf höherem Niveau spielt und andere meistens ablehnen, wie Kaan erzählt. Wenig motiviert hätten sie mal ein Spiel mit ihm gespielt, das muss man sich ja nicht nochmal geben. Tatsächlich sind die Leute dort meistens für sich, haben auch ein eigenes Stuhllager auf ihrer Platzseite errichtet. Was die Besetzung der ‚normalen‘ Plätze angeht, sind die Jungs aus der WG meistens forsch und nehmen sich, was nicht direkt besetzt wird. Sebastian findet das unnötig, weil man anderen auch mal selbstlos den Vortritt lassen kann, aber ich bin da eher auf der Für-sein-Recht-einstehen-Seite. Vom Stab bin ich gewohnt, dass man nur mit Reindrängeln oder Anmelden überlebt. Da jetzt aber eh weniger Leute spielen, können wir zu viert einige Runden hintereinander absolvieren. Kaan und Sebastian sind besser dabei, als ich dachte, nachdem ich zwischen den Zeilen rausgehört hatte, dass sie sich eher unterhalb Philipp und Fabian befinden. Das stimmt zwar auch, aber mit Sebastian schaffe ich es sogar einmal, gegen die beiden anderen zu gewinnen. Ein Zeichen dafür, dass ich Spaß habe, sind außerdem Emitionen, die ich nicht immer verstecken kann. Laute „Neeein!“s und „Mann!“s nach verlorenen Spielzügen spucke ich sonst vor allem beim Tischkicker spielen aus, wo ich immer voll im Tunnelblick bin.

Der Obdachlose liegt auch Stunden später an der Ampel, Kaan will ihn morgen mal etwas zu essen vom 7/11 kaufen. Gibt es eigentlich ein Land ohne Obdachlose (und damit meine ich nicht, dass diejenigen einfach aus den Innenstädten rausgekarrt werden)? Taiwan hat in meiner Wahrnehmung ja durchaus gute Auffangsysteme durch seine massiven Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, aber einige wenige scheint es dann doch zu treffen.

Sebastian haut rein, ich gehe mit den Jungs noch hoch und bestelle Essen. Fabians Koffeinschock ist abgeklungen, er sitzt doomscrollend auf dem Sofa. Während alle auf ihr Essen warten, diskutieren wir über die Instagram-Werbung von KI-Profilen über junge Frauen, von Indern verschickte Reels über das Dritte Reich, den Niche-Baby-Trend in Philipps Feed, Formel-1-Memes und indisch gesungene Weihnachtslieder in meinem Feed. Was der Brainrot unserer Zeit nun mal so hergibt. Außerdem kommen wir auf Training und Supplements zu sprechen. Kaan und Philipp haben früher mit anderem Körpergewicht extrem anders ausgesehen und auch bei mir wundert Fabian sich, wie man mit 1,86m mal 69 Kilo wiegen konnte. Aktuell bin ich wegen unregelmäßiger Ernährung und weniger Sport als in Berlin auf 74 Kilo gedroppt, mit den 81 aus dem März diesen Jahres habe ich mich tatsächlich viel wohler gefühlt. Dabei wähle ich mein Essen in den convenience stores schon nach den höchsten Kalorienzahlen aus, aber ich kann so viel Mist essen, wie ich will, am Ende hilft nur ein striktes Ess- und Trainingsprogramm. In Deutschland wird wieder richtig durchgezogen, das habe ich mir sowieso schon länger vorgenommen.

Die Jungs bieten mir, auf ihrem Sofa zu schlafen, aber ich habe morgen einiges am Laptop vor, sodass ich wirklich zuhause sein sollte. Eventuell am Freitag, da gehen wir nämlich abends trinken und Samstag früh breche ich dann ja mit Hasan auf. Die drei fliegen allesamt nächste Woche in die Heimat, sodass ich kaum noch Gelegenheit habe, sie zu sehen. Da sie ein ganzes Jahr bleiben, kommen sie schon noch zurück, aber Fabian ist bspw. erst im Februar wieder da und ich selbst habe genauso Pläne, die mich verhindern könnten. Was die Radtour anbelangt, erklärt Philipp, es wäre prinzipiell möglich, ein einem Tag von Norden nach Süden zu fahren, genauer von Taipei nach Kaohsiung. Laut Maps sind das knapp 400 Kilometer und Kaan verspricht, die gesamte Ausrüstung zu bezahlen, falls der grinsende Ösi das schaffen sollte. Tatsächlich hat Philipp noch nie mehr als 60 Kilometer am Stück zurückgelegt und vermutet, dass er eventuell fünf Stunden mehr brauchen würde (angenommen, man gäbe ihm von null Uhr bis null Uhr Zeit), aber ich bezweifle auch das. Was soll’s, zu dem Versuch wird es eh nicht kommen, aber vielleicht kann ich die Chance abschätzen, wenn ich auf der Strecke unterwegs bin. Die Art, wie Philipp Dinge in den Raum stellt oder Witze macht, haben eine ganz eigene Würze, ich würde es mit verschmitzter Bescheidenheit bezeichnen. Fabian denkt laut über die Herausforderungen beim Alleinereisen nach und wir agreen, dass es in Europa vermutlich schwerer wird. In Taiwan wird man als Weißer, besonders als blonder Weißer, oft angesprochen, kaum jemand nimmt einem etwas übel und sowieso sieht man die meisten Menschen nie wieder. Vielleicht sollten auch deshalb Gewohnheiten in Taiwan bleiben. Kaan erklärt, nach diesem Jahr wahrscheinlich kein Pickleball mehr zu spielen, denn Paddle macht den Jungs mehr Spaß und ist gleichzeitig die Aktivität, die sie in Innsbruck zusammengeschweißt hat. Vielleicht finde ich auf meiner Radtour Pickleballplätze; das wäre doch cool, sowas in jeder Stadt mitzunehmen. Auch wenn ich noch ein paar Monate vor mir habe, entstehen schon Abschiedgefühle, die ich am ehesten mit meinem Meteorologiestudium vergleichen kann. Damals hat im zweiten Semester eine Person nach der anderen abgebrochen, ohne dass ich es wirklich habe kommen sehen.

Angestrengt trete ich den langen Nachhauseweg an, lausche der „Merry Christmas!“-MRT-Ansage und komme erst um kurz vor ein Uhr ins Dorm. Sky fragt mal wieder „Where Are you from?“ Dylan telefoniert mal wieder, Darren zockt, bis zwei Uhr nachts herrscht ein hoher Geräuschpegel.

Derweil hat Frau Peiti aus Mandarin I Moralpredigten in der Line-Gruppe gehalten, Betrugsversuche würden unserer Würde nicht gerecht. Bei dem kleinen Test gestern Abend und/oder bei dem TOCFL-Test des freiwilligen Freitagskurses habe sie „cheating“ beobachtet, jedoch: „I simply didn’t report it.“ Weiterhin: „But think about it: if you want others to respect you, you must respect yourself first.“ Dann droht sie: wen sie erneut erwischt, wird an die Schulleitung gemeldet. Mein persönlicher Tipp an sie wäre: Weniger heulen, mehr durchsetzen. Wenn es ihr wirklich wichtig ist, dass niemand betrügt, muss sie die Drohungen glaubhaft machen, dieses ins schlechte Gewissen reinreden kennt doch jeder von all den nicht durchsetzungsfähigen Lehrern aus der Schule. Abgesehen davon glaube ich kaum, dass Erwachsene wie wir uns davon beeindrucken lassen. Sie muss sich schon trauen, Konsequenzen zu ziehen, aber bei dem Unterrichtsniveau sowie den hohen Bestehungsquoten im taiwanesischen Bildungssystem glaube ich das erst, wenn ich es sehe. Nicht, dass ich selbst geschummelt hätte, wie denn auch, wenn mich der einzige zu lernende Satz seit Wochen sogar schon in Träumen heimsucht. Aber bei der Kindergartenbehandlung muss ich einfach rauslassen, was ich dazu denke. Ich finde es übrigens auch nicht verwerflich, zu schummeln. Es geht darum, sich auf das spätere Leben vorzubereiten und wer gut im Unterricht schummeln kann, kann sich genauso gut durch spätere Aufgaben schummeln. Wenn Lehrende das nicht konsequent bestrafen, sind sie meiner Meinung nach diejenigen, die die Misere zu verantworten haben. Warum sollten unmotivierte Schüler es denn auch nicht versuchen, wenn es so offensichtlich möglich ist? In vielen Fällen würde ich persönlich es trotzdem nicht tun, was aber an meiner Neugier für den Inhalt und wie Frau Peiti ja richtig gesagt hat, in meinem ureigenen Interesse liegt. Dass sie das sagt, wird aber kaum die Lerneinstellung eines Vivek oder Pryanshu verändern, die jetzt eher gewarnt sein dürften, ihre Tricks besser zu verstecken.

Ansonsten habe ich auch von Henry wieder etwas mitbekommen. Er ist mittlerweile zurück in Deutschland, leitet mir peinliche Video-Edits seiner neuen vietnamesischen Partnerin weiter und hat beschlossen, sie Ende Januar/Anfang Februar erneut zu besuchen. In der Zwischenzeit soll sie das deutsche B2-Zertifikat absolvieren, sodass sie langfristig zu ihm nach Mannheim ziehen kann. Alles in allem scheint er damit sehr glücklich zu sein, er spricht von einem ziemlichen „Glücksgriff“.

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