Alishan (Samstag, 13. Dezember)

Um sechs Uhr wache ich auf, denn die sechs Sofaflöhe, die gestern auf die letzte MRT verzichtet haben, wollen aus irgendeinem Grund pünktlich die erste des heutigen Tages bekommen. Immerhin kann ich dadurch vom Sitzen ins Liegen wechseln und während der Stadthorizont im bodentiefen Wohnzimmerfenster rötlich aufglimmt, hole ich aus dem gemütlichen Leder alles raus, was mein Körper an Melatonin noch verwenden kann.

Das morgendliche Kaohsiung glimmt im Fenster auf

Mit ziemlichen Kopfschmerzen wache ich wenig später vom glücklicherweise effektiven Wecker auf, denn den Kater sehe ich nicht nur kommen, er ist längst da. Sehr mühsam krieche ich ins Bad und versuche, mich für das Nötigste fertigzumachen. Ich trinke locker einen Liter Wasser (was ich besser vor dem Einschlafen getan hätte), muss aber trotzdem nicht aufs Klo. Dummerweise habe ich meinen Steckdosenadapter im Dorm gelassen, weshalb ich für mein fast leeres Handy die wertvolle Powerbank anzapfen muss. Wenn ich das mal nicht bereuen werde am Wochenende. Weder habe ich etwas zu essen noch bin ich auf Appetit gestimmt, weshalb ich die verbleibende Zeit gerne darauf verwenden, klarzukommen. Geschätzt könnte ich noch weitere sechs bis acht Stunden ratzen, aber das habe ich mir selbst eingebrockt und muss da jetzt durch. Die Jungs schlafen vermutlich tief und fest, deshalb verlasse ich die Wohnung um kurz nach neun, den fetten Rucksack hinten aufgeschnallt. In den Straßen der Innenstadt brutzelt es schon ordentlich, Gott sei Dank habe ich noch die kurzen Sachen von gestern an.

In Zuoying läuft Hasan mit fast in den Rücken, kurz vor knapp bekommen wir dann unseren Zug. Es ist ein Tze-Chiang-Express und durch die Obline-Tickets stehen uns Sitzplätze zu, allerdings ist es auf dem Flur so voll, dass keine Chance besteht, sie den zwei Rentnern abzunehmen, die sich dort breitgemacht haben. In Tainan steigen einige aus und auf Hasans Empfehlung schnappe ich mir direkt einen Platz, nur um ihn keine fünf Sekunden später an eine Reservierende zu verlieren. „Auraverlust“ kommentiert er das. Immerhin hat die Gepäckablage freien Raum, sodass wir mit unseren Isomatten und dem Zelt keine Leute mehr umboxen, außerdem leert sich das Abteil später soweit, dass wir noch kurz sitzen und die Augen schließen können. Meinen Kater belächelt Hasan mit hochgezogenen Augenbrauen, er hat meine Situation schon oft erlebt, außerdem hat er selbst nur kurz geschlafen, sein Paper hat ihm ebenfalls wenig Erholung gelassen.

In Chiayi geht es endlich raus, der Zugteil ist geschafft. In der halben Stunde bis zu Busabfahrt bekomme ich einen minimalen Eindruck von einer der wenigen größeren Städte in Taiwan, die mir noch fehlen (neben Taoyuan, Hsinchu und Hualien). Besonders gut ist der aber nicht: Das Bahnhofsgebäude ist bei näherer Betrachtung in die Jahre gekommen und der Anblick auf den Hauptplatz vor dem Bahnhof ist eine einzige Frechheit. Aus der Beton- und Teerhölle des Tiefbaus ragen wenige Bäume empor, die es wiederum kaum schaffen, Kontrast in die Horrorbauten ringsum zu sähen. Feuchteschäden, schlimme Fensterformate, fragwürdige Grundrissgeometrien, Werbeflächen ohne Sinn für Ästhetik, trostlose Fassadenfarben und Brandwände in die Fresse eines jeden Beobachters. Immerhin ist dies der erste Eindruck für die meisten Besucher, da ist meine Kritik hoffentlich kein Architekturgeplänkel. Ich denke, das Bild beschreibt die Situation ebenso gut.

Hauptbahnhof Chiayi
Der dreiste Anblick auf die Chiayi’er Skyline

Im 7/11, der an der Seite des Platzes liegt, besorgen wir unser Frühstück, denn so langsam dürften die Mägen etwas vertragen. Langsam gehen meine Kopfschmerzen auch zurück und ich bin positiver gestimmt, was die kommenden Wanderungen angeht. Der Essbereich liegt wie in den meisten größeren convenience stores auf einem separaten Stockwerk weiter oben, aber statt dass man durch die Fenster ins Stadtzentrum gucken kann, sind an der Stelle cartoonisierte Textilien runtergelassen, ein tageslichtfreier Raum im ersten Stock also. Die Ladenbesitzer scheinen meine Gedanken zum Stadtbild zu teilen. Vor dem Bahnhof sitzt ein Musiker, der zu offensichtlichem Playback chinesischer Klassik mitsummt.

Obwohl Chiayi luftinig nah an Alishan liegt, brauchen die Bergbusse lange, um die kurvenreichen Straßen zu passieren. Schlafen oder aufs Handy schauen funktioniert quasi nicht, wenn man nicht gerade übelkeitsresistent gebaut ist. Wie fast überall sonst bemerkt man die Bergausläufer sehr schnell, die bewachsenen Hügel werden immer größer und Schluchten tun sich auf. Im Gegensatz zu den südlichen und nördlichen Bergen bemerke ich aber schnell, warum diese Region für den Nebel bekannt ist. Wolken ziehen sich mit hoher Geschwindigkeit durch die Landschaft, mal ist es klar, mal ist es diesig. 奮起湖老街 „Fènqǐ hú lǎo jiē“, also die „Fenqihu Old Street“, lautet unsere erste Station. Mit etwa 500$TD (13,50€) war die Busfahrt außerordentlich teuer, das schmerzt unsere Bezahlkarten. Die Genehmigung für das Gebiet der eigentlichen Attraktion haben wir für Montag gebucht, deshalb klappern wir vorher andere sehenswerte Sachen ab und erkunden nach Möglichkeit. Fenqihu ist für seine Old Street und den anliegenden Bahnhof bekannt, daher bin ich gespannt, ob es mit Jiufen mithalten kann, wo ich vor zwei Wochen mit Sidd war.

Auf dem Weg zur Fenqihu Old Street

Tatsächlich steht die berühmte Straße ihrem Attribut in nichts nach, allerdings fand ich das nördliche Äquivalent doch etwas beeindruckender. Im kleinen Ort gibt es einen 7/11, dahinter erstreckt sich die enge Gasse auf vielleicht 100-150 Metern. An Donut-Ständen, Schmuckläden, Früchteverkäufern und angeblich renommierten Eisdielen drängelt sich das Volk, mit unserem schweren Gepäck stoßen wir fast überall Leute an. Ich mag das Verwinkelte, wenn die Gasse um Ecken geht, kleine Stufen oder bemalte Wände beinhaltet und verschiedene Gerüche zusammenkommen. Vor der dunstigen Bergkulisse wird der mittelalterliche Eindruck nur bestärkt. Dazu kommt der Bahnhof, der fast eins zu eins aus dem Computerspiel „Hogwarts Legacy“ stammen könnte und mich sehr an Harry Potter erinnert. Obwohl ab und zu Züge fahren („Alishan Express“), laufen alle auf den Schienen und schießen Fotos wahlweise vor den Bergen, vor den Fluchtlinien der Gleise oder vor den ausgemusterten Lokomotiven in einem offenen Schuppen daneben. Eine große Mehrheit der Touris sind Asiaten, was sowohl Hasan als auch mir behagt. Dann fühlt man sich wenigstens nicht ganz falsch, drückt Hasan unser Befinden aus.

Eine Gasse in Fenqihu
奮起湖老街 „Fènqǐ hú lǎo jiē“: mit Isomatten durchs Getümmel
Fenqihu Station, rechts liegt die Altstadt
Ausgemusterte Lokomotiven
Blick aus dem Bergdorf

Lange wollen wir nicht bleiben, denn der Sonnenuntergang liegt in nicht mehr allzu weiter Ferne, aber prinzipiell wollen wir noch unsere Handys laden. Meine Powerbank ist wie gesagt schon angebrochen und auch Hasan hat schlecht geplant, deshalb bleiben wir auf zwei Milchtees in Plastikverpackungen sitzen und hungern ein paar Prozenten nach. Schließlich besorgen wir weitere Ausstattung im 7/11 (Nudeln für Hasan, Spaßgetränke zur Belohnung später, jede Menge Wasser, billige Zigaretten für Hasan, Brötchen und Onigiri für mich und Pflaster für den Notfall), dann spurten wir uns. Rausgesucht haben wir im Vorhinein auf meinen Vorschlag hin nur eine Wanderroute, 大凍山登山步道 „Dàdòngshān dēngshān bùdào“, den „Dadongshan Trail“. Den Rest haben wir geplant zu improvisieren.

Milchtee in Fenqihu

Die Rucksäcke richten wir mit Zelt, Isomatten und Schlafsäcken optimal ein, kommen um eine Tüte mit dem ganzen Wasser aber nicht herum. Um an die Wanderroute zu gelangen, müssen wir allerdings noch eine knappe Stunde Stunde auf der Bergstraße laufen. immerhin führt uns der Anfang noch durch eine Waldtreppe, die über die Zugstrecke hinwegführt.

Für uns geht’s nach Nordosten
Obdachloser Wanderer? Heute schon
Hier lassen wir den Alishan Express vorerst hinter uns
Wandern durch den Bambus

Aufgrund der knappen Zeit ziehen wir zwar durch, es bleibt aber genug Raum, um die leere Straße und die uns umgebende Natur zu genießen. Der Kontrast aus dunkelbraunem Holz und dem Dunkelgrün der Vegetation ist einfach wunderschön, besonders unter Hervorhebung des Sonnenlichts. Ein Waldstück besteht aus Bambus und Hasan wertschätzt, dass er vor Taiwan noch nie echten Bambus gesehen hat. Durch das Internet kommen einem die Dinge so vertraut vor, die man in Wahrheit eigentlich gar nicht kennt. Wir reden über Klamotten, insbesondere über eine Adidas-Jacke, die es nur in Asien zu kaufen gibt und die Hasan sich trotz des hohen Preises noch holen will, denn Individualität steht für ihn über fast allem. Früher habe er noch viel mehr gejudgt, aber er kann es immer noch nicht verstehen, wenn Menschen Trends folgen wie die Schafe. In seinen Augen verliert man dann Coolness bzw. wird schnell zum Opfer. Ich denke, dass jeder machen soll, was er will, aber seine Meinung scheint da gefestigt. „Du musst bedenken, dass du Kleidung nicht nur für dich trägst, sondern auch andere sehen, was du anhast.“ Ich erwähne, dass viele auch gar nicht auffallen wollen, aber das ist wohl nicht sein Punkt. Er erzählt, wie seine Mutter früher morgens H&M-Pakete bestellt hat, weil es da Sonderrabatte gab. Nach reichlich Ausprobieren wurde viel zurückgeschickt, mehr konnte die Familie sich nicht leisten. Später hat er selber Geld verdient und konnte sich mehr mit Marken und Stilen beschäftigen. Auch sonst kennt er sich gut aus mit Computern, Spielen, Essen usw. Das geht nicht an mir vorbei, denn seine Expertise erwähnt er durchaus bei Gelegenheit. Zu seinen Jobs erfahre ich, dass er unter anderem als Putzkraft gearbeitet hat, ein wahrer Scheißjob, so hört es sich bei ihm an. Am ekligsten seien entgegen meiner Erwartung tatsächlich die Damentoiletten gewesen, aufgrund der stinkenden Binden. Außerdem war es Hasan sehr peinlich, diese zu putzen. „Achtung, männliche Putzkraft!“ musste er immer rufen und die Blicke in den Umkleiden scheuen. Es klingt nicht unbedingt, als hätte mir genau der Umstand Probleme bereitet, aber Hasan hat eine sehr feste Meinung zu vielen Themen, unter anderem auch dazu, was einem Mann peinlich ist und was nicht. Als Beschwerde will ich seine Geschichte aber trotzdem nicht verstehen, er erzählt es vielmehr als Bericht, auf den er fast schon belustigt zurückschauen kann.

Die Sonne steht schon sehr tief, da stoßen wir endlich auf einen Camping-Parkplatz am Rand einer Kurve und den tatsächlichen Beginn des Dadongshan-Trails. Toiletten bieten eine letzte Gelegnheit für fließendes Wasser und einen Toilettengang. Mehr als Urinieren kommt für Hasan aber nicht infrage, laut eigener Aussage ist er „der größte Heimscheißer“ überhaupt. Lieber zündet er sich eine weitere Zigarette an und wir stellen uns ganz kurz neben die taiwanesischen Camper auf ihren Hängestühlen, die an einem kleinen Abgrund sitzen und die sinkende Sonne betrachten. Wenn wir nicht noch (hoffentlich) Tolleres vorhätten, würde ich am liebsten bleiben.

Das ist ein Leben…

Auf den Treppenstufen begegnen wir kaum noch jemandem, und wenn, dann nur Absteigenden. Der Anstieg ist anstrengend, es geht durchgehend steil bergauf, dadurch machen wir gut Höhenmeter wett und konkurrieren mit der aufziehenden Dunkelheit um den Wettlauf nach oben. Waren wir am Campingplatz noch auf Wolkenhöhe, so gelangen wir schnell über sie hinaus und es bietet sich ein wahnsinnig schönes Schauspiel, das für die restliche Tageszeit andauern soll. Einzelne Bergkuppen, die hoch genug sind, ragen einsam empor und erinnern mehr als nur wage an fliegende Inseln. Die Referenz darf sich jeder selbst aussuchen, bei mir ist es nach kurzer Überlegung nicht das Bohnenmärchen oder Avatar I, sondern Minecraft Skyblock. Auch Hasan ist schwer beeindruckt und kommentiert das in seinen Worten:

Wettlauf mit der Sonne, die farbiges Licht und scharfe Schatten spendet
„Digga, das ist krass“

Die Essenstüte passen wir uns alle paar Minuten zu und Hasan fragt sich, wie viel einfacher er ohne das Rauchen wandern könnte. Tatsächlich kann er gut mit mir mithalten, Ausdauer sei seine Stärke. Sorgen mache ich mir eher um den Schlafplatz, denn am Hang, besonders bei dieser Schräge, ist Schlafen geschweige denn ein Zelt aufbauen unmöglich. Selbst wenn wir auf dem Weg schlafen wollen würden, was nicht das Ziel ist, wären meist Wurzeln und Pflanzen im Weg. Ob das eine Schnapsidee war? Ich bin aber zuversichtlich, dass die Not uns erfinderisch machen wird und danke meiner Reisepartnerwahl, dass ich mit jemandem unterwegs bin, der eine ähnliche Spontaneität besitzt wie ich. Je größer die Schatten werden, desto mehr fragt auch er sich, wie das wohl funktionieren soll, aber noch powern wir durch. Im optimalen Fall kommen wir so weit nach oben, dass es flacher wird und man eventuell sogar einen Blick in die Ferne hat. Die letzte Person für heute begegnet uns an zwei verlassenen Hütten im Schatten des märchenhaften Waldes. Der Typ kann kein Englisch, bedeutet uns aber, zum Schlafen, 睡覺 „shuìjiào“, nach unten zu wandern. Wir zeigen aber nach oben und er gibt sich damit einverstanden, byebye. Auf dieser Fläche könnten wir notfalls unser Zelt aufschlagen, das gibt mir Ruhe.

Im winterlichen Dschungel auf der Suche nach einem Schlafplatz
Notfalls schlafen wir neben dem stinkenden Scheißhaus
Märchenhafter Wald in alle Richtungen

Ob einen das Gefühl trügt, lässt sich oft schlecht sagen, aber wenn im Wirrwarr der Bäume kaum noch Steigung zu erkennen ist, glaubt man schnell, dem Ziel nah zu sein. Trotz der gewaltigen Höhe kann ich noch entspannt in kurzen Sachen wandern, das Tageslicht sowie mein Schweiß halten mich warm. Auf dem letzten Wegstück bleiben wir nur einmal stehen, um zu verschnaufen und eine unglaubliche Sicht auf die Wolkendecke mit eingefärbtem Himmel zu genießen. Danach rennen wir fast schon, denn der Kipppunkt ist eingetreten, ab dem es rasant schnell dunkel wird.

Glücksgefühle pur

Kurz vor knapp erreichen wir dann tatsächlich den Gipfel, der auf Google mit „Dadongshan Lookout“ bezeichnet wird. Eine kurze Treppe führt auf die namensgebende Holzplattform, die neben einem technischen Mast steht und neben einigen Bänken auch einen überdachten Tisch aufweist. Wir sind voll ins Risiko gegangen und es hat sich komplett ausgezahlt. Hier oben lässt sich sogar in fast alle Richtungen schauen, und das nachfolgende Video beweist, dass wir den benannten Wettlauf gegen das Tageslicht gewonnen haben. Bestimmt sollten wir uns um das Zelt kümmern, solange es noch hell ist, aber wofür sind wir denn raufgewandert, wenn wir die Aussicht nicht voll und ganz aufsaugen können?

大凍山觀景平台 „Dàdòngshān guān jǐng píngtái“, Dadongshan Lookout
Der Wanderer über dem Nebelmeer

Nach dieser Schwitzpartie bemerkt mein Körper die dünnere Luft. Mehrmals muss ich mit den Ohren klacken und auch wenn es noch der Kater von heute früh sein könnte, ist mir leicht schwummrig. Immerhin sind wir auf knapp zwei Kilometern Höhe, da kann das schonmal passieren. Das Zelt war das Billigste im Decathlon, aber für unsere Zwecke reicht es. Mit den ebenfalls neuen Taschenlampen schauen wir uns kurz die Anleitung an, nur um dann zu beschließen, dass es schneller geht, nach Gefühl zu bauen. So schwer ist es nun wirklich nicht: Ein Unterzelt, ein Oberzelt und zwei Stangen, die Heringe können wir uns bei dem Untergrund sparen, auch wenn wir irgendwie glauben, dass Sebastian uns dafür auslachen würde. Aus Vorsicht vor Kleinvieh schmeißen wir schonmal alles Hab und Gut hinein und kümmern uns um Nahrung. Der Tisch ist die perfekte Kochfläche, der Gaskocher erfüllt alle unsere Wünsche. Eine Gaskartusche soll für eine Stunde reichen, also stellen wir die Flamme am teuren Aufsatz so ein, dass sie die Metalltasse mit Wasser nur von unten wärmt und keine blaue Hitze zur Seite entweicht. Windstill, wie es hier ist, erwärmt sich das Wasser blitzschnell und nach wenigen Minuten schlürfen wir beide unsere Instant-Nudeln. Dazu gibt es Chili-Thunfisch aus der Dose, der noch viel schneller erhitzt und wirklich bombastisch schmeckt. Mein Besteckset teilen wir uns brüderlich, genauso wie jedes bisschen Nahrung, das der andere eigentlich für sich gekauft hatte. Eine Motte landet in meinem Essen, aber das muss ich aushalten.

Camper, Crackjunkie oder geheimnisvoller Magier?

Bei Onigiri und Zigaretten wird es schnell kühl, richtig kalt sogar. Schnellstens ziehe ich meine Thermoklamotten an, aber selbst dann benötige ich Handschuhe. Nach dem Essen gibt es kaum einen Grund, weiter draußen zu bleiben, so legen wir uns früh ins Zelt, um etwa acht Uhr. Mir ist das nur recht, Schlaf ist aktuell Mangelware. Beim Einkauf hatten wir gespart und nur eine Isomatte gekauft, die Hasan mit einem Küchenmesser in zwei Kleinere geschnitten hat. So kann jeder von uns Kopf und Gesäß weich lagern, ein Minimalkomfort. Tatsächlich ging es uns vielmehr darum, nicht verschwenderisch sein zu wollen, denn was soll nach der Tour schon mit den Matten passieren? Nachdem wir aufgeräumt haben, schauen wir uns noch einmal ausgiebig den Sternenhimmel an. Ich meine, die Milchstraße erkennen zu können, auf jeden Fall sieht man mehr als an den meisten anderen Orten. Sogar zwei Sternschnuppen sind dabei, die Wünsche eine obligatorische Pflicht. Aus dem Tal ertönt ein andauerndes, wenn auch leises Geräusch, das eigentlich nur eine Polizeisirene sein kann.

Erleuchteter Kochplatz unter Sternenhimmel

Vor dem Schlafen sortiere ich eine Weile lang Fotos und bitte Hasan, in seiner Raucherpause unsere Mülltüte weiter wegzustellen. Schließlich zieht Müll Wildtiere an, da ist „vor dem Zelt“ der denkbar ungünstigste Platz. Auch wenn der Thunfischgestank durch unzählige Zigaretten getrübt sein dürfte. Ich bin aber auch bei 20 Meter Entfernung noch skeptisch und mir fällt ein, dass wir uns kein bisschen über die Tiere in der Region informiert haben. Tatsächlich wird das Zelt immer wieder leicht gestreift, auch wenn es sich dabei um kein großes Tier handeln kann. Hasan vertraut zu 100% darauf, keine warnenden Schilder gesehen zu haben, was zwar beruhigt, mir allerdings nichts bringt, wenn dann doch etwas passiert. Wikipedia sagt nämlich, dass die in Taiwan beheimatete Schwarzbärart vor allem in den Hochgebirgswäldern um den 玉山 „Yùshān“ herum lebt, welcher wiederum keine 25 Kilometer weiter westlich liegt. Daneben gibt es hier eine durchaus aggressiv auftretenden Affenart, deren sehr lustiger Name, Felsenmakak, über die Ernsthafigkeit einer Begegnung hinwegtäuschen dürfte. Dass Hasan die Situation belächelt, ist mir aber egal, ich steige nochmal in die Kälte und hänge die Tüte weit oben an einen Nagel, so wie das Internet es empfiehlt. Natürlich schützt das vor keinem Bärenangriff, aber ich will auch nicht dumm sterben.

Im Schlafsack wird mir schnell warm, auch die Körperwärme im Zelt macht viel aus. Für zwei große Menschen ist es zwar etwas eng, aber für die experience leide ich gerne ein bisschen. Leicht gruselig werden dann nur noch singende Nachtwanderer, die wir in der Ferne hören, allerdings kommen sie nicht auf unseren Gipfel.

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