Nach einer Nacht ohne äußere Störungen wachen wir um etwa sechs Uhr auf. Der Sonnenaufgang ist allerdings eine Enttäuschung, hinter großen Wolken, Bäumen und Bergen sieht man kaum etwas davon. Immerhin ist der Wolkenteppich noch da, auf unserer fliegenden Insel beginnen wir mit Aufräumen und Frühstück. Gerade, als ich aus dem Zelt krieche, erscheint auch schon der erste Wanderer und stellt sich nach vorne, um Fotos von der Aussicht zu machen. Hasan konnte aufgrund meiner lauten Atmung kaum schlafen, verkraftet es aber irgendwie. Es ist noch sehr kalt, weshalb man sich komplett eindecken muss, auch wenn das Zelt glücklicherweise gewärmt hat.


Es kommen noch mehr Wanderer an, die ich alle artig mit 早啊 „zǎo a“ begrüße. Irgendwie tun sie mir leid, denn sie müssen wirklich sehr früh aufgestanden sein, nur um einen wolkenverhangenen kühlen Himmel zu betrachten. Aber die Taiwanesen lieben das Wandern bekanntlich, insofern ist es bestimmt nicht so schlimm. Hasan und ich breiten die Zeltplanen aus, sobald die ersten Sonnenstrahlen durchfallen, denn sie bringen eine Menge Energie mit sich, wie man auf der Haut spürt. Vlies und Jacke werden nach wenigen Minuten wieder obsolet. Da der Tisch mittlerweile voll ist, kochen wir unser Frühstück auf den Bänken am Rand. Das erhitzte Wasser benutzen wir für Haferflocken, die wir wiederum mit getrockneten Guaven und Cranberrys mit Kern sowie mit einer Milchcreme versüßen. Hasan packt zwei Kaffee-Tüten aus, die er auf seinem letzten Alishan-Trip von einheimischen Wanderern geschenkt bekommen hat. Wegen Mangel an Alternativen trinken wir ihn schwarz, aber er schmeckt wirklich gut, laut Hasan sogar besser als der „Louisa Coffee“, die billige Starbucks-Alternative für Studenten.

Ein paar Wanderer begutachten unser Zelt und diskutieren etwas, wobei mir ein Rätsel bleibt, worum es geht. Schließlich baut man es in mehr oder weniger zwei Handgriffen auf, so viel können wir eigentlich nicht falsch gemacht haben. Einer von ihnen traut sich, uns nach unserer Herkunft zu fragen. Erfreut erzählt er, dieses Jahr schon in Hannover und Düsseldorf gewesen zu sein. Dort gab es Messen zum Thema Garten und Biologie, mit seiner Firma hat er nach Potenzialen für KI-Anwendungen Ausschau gehalten. „You Germans are born to build cars!“, sagt er noch, bevor er sich wieder seinen Leuten zuwendet. Hasan ist es peinlich, kein Chinesisch antworten zu können, nachdem ich die Leute alle in Mandarin begrüße und sie daraufhin weiterreden. Außerdem überlegt er fieberhaft, wo er sich die Thermohose ausziehen kann, denn solange Frauen in der Nähe sind, kann er das aus Respekt vor ihnen nicht machen. Dabei meditieren einige von ihnen und bekommen sowieso nichts mit. Unterwäsche wechseln geht aber wirklich nicht, und so habe ich jetzt schon viel zu viele Wechselsachen dabei. Aus dem Tal hört man wieder die Polizeisirenen bzw. das ähnlich klingende Geräusch von gestern Abend, verdeckt durch die Wolkendecke. Außerdem klingen aus der Ferne des bewaldeten Berges Schreie, die ich mittlerweile gut Affen zuordnen kann. Die einzigen sichtbaren Tiere sind allerdings Eichhörnchen, die kurz über die Holzterrasse huschen. Der aufgehängte Müll wurde übrigens nicht angetastet, trotzdem bin ich froh, vorsichtig gewesen zu sein.
Irgendwann machen auch wir uns auf den Weg, mit getrocknetem Zelt und gefüllten Mägen im Schlepptau. Geschwindigkeitsmäßig sind wir bestimmt so schnell wie gestern, einfach weil es bergab geht. An den zwei Hütten treffen wir weitere Wanderer, es ist schon erstaunlich, wie beliebt diese Route zu sein scheint und wie leer es gleichzeitig gestern Abend war. Einer fragt, wie weit es noch nach oben ist. Wir antworten, dass es nicht nur kurz, sondern auch wunderschön ist, er antwortet „No air pollution!“ und lacht laut los. Zwei Herren explodieren vor Freude, als sie hören, dass wir aus Kaohsiung kommen. Sie kennen sich selbst aus Studienzeiten und waren, wenn ich es richtig verstehe, ebenfalls auf der 高科大 „Gāokēdà“, wie die Abkürzung für unsere Hochschule lautet und so ähnlich auch auf meinem Leichtathletik-Merch verdruckt ist. „Gāo“ für Kaohsiung, „kē“ für Technik und „dà“ für Universität. Hasan bereut, den Begriff erst jetzt zu lernen, denn „NKUST“ sagt in Taiwan wirklich niemandem etwas, wie ich schon früh gelernt habe.

Bei all den Leuten, die nur einen Wanderstock mit sich tragen, macht Hasan immer wieder Witze darüber, dass ich mir gleich zwei kaufen wollte. Tatsächlich komme ich bisher gut ohne klar, behalte mir aber vor, bei Knieproblemen entsprechende Maßnahmen zu ergreifen (bspw. längere Pausen; wenn möglich, das Kaufen von richtigen Wanderstöcken oder das Aufsammeln eines geeignetes Asts). Hasan schnappt sich einen Ast, hängt die nervige Mülltüte daran und legt ihn sich über die Schulter. Damit wechseln wir uns ab und sehen aus wie richtige Tagelöhner, die zwischen den ersten Autos des Tages den bergigen highway abwandern. Eine Bemerkung meinerseits, dass ich Teslas rein äußerlich gesehen für die schönsten modernen Autos halte, provoziert Hasan. Er ist nicht nur anderer Meinung, sondern stellt diese als absoluten Fakt dar. „Das stimmt einfach nicht. Niemand sagt das. Hast du dir mal das Interior angeschaut?“ Erstens scheint da jemand nicht genau hingehört zu haben, denn ich habe damit weder das Auto als Ganzes noch einen Innenraum bewertet, aber das ist wohl egal. „Quasi niemand findet Teslas schön, mindestens 50% finden die hässlich. Ich kenne niemand der die schön findet“, sagt er. „Na, jetzt kennst du einen“, sage ich, außerdem: „Das kannst du gar nicht wissen.“ „Natürlich weiß ich das, ich kenne ganz viele Autofans und niemand, der sich ein bisschen damit beschäftigt, findet Teslas geil. Die schönsten Autos sind japanische Wagen oder deutsche.“ Dass er sich da möglicherweise in einer (Reallife-)Bubble befindet, lässt er mir nicht durchgehen. „Naja, im Internet sagen das auch alle, und da vernetzt man sich ja gut, bekommt was von anderen Leuten mit.“ Das lasse ich mal so stehen, sage aber noch, dass man „nicht einfach alles so pauschalisieren kann. Gerade wenn du keine Statistiken kennst, außerdem fahren die Elektromodelle ja nicht umsonst auf den Straßen rum.“ Hasan präzisiert: „Okay, alte Leute vielleicht, die mögen Tesla. So ein 50-jähriger Wolfgang, der fährt da richtig drauf ab.“ Irgendwie wechselt das Thema dann leicht. Für Hasan ist es eine red flag, wenn Frauen vor Autos posen, auch wenn er eine kennt, die das macht und „ultra korrekt ist. Ich soll ja nicht alles pauschalisieren“, grinst er mich an. Damit habe ich viel weniger ein Problem, er hebt ja hervor, dass es seine persönliche Meinung ist. Dann spricht er von Elektroautos generell und dass seine Familie sich gegen einen Hybrid von Hyundai entschieden hat, weil man damit vor einigen Jahren noch keine nennenswerten Langstrecken zurücklegen konnte. Geld hat seine Familie bekanntlich nicht im Überfluss und musste es sich genau überlegen. Generell sieht er darin aber die Zukunft und wir stimmen überein, dass man es in Deutschland trotz aller Probleme immer noch gut hat, auch wenn viele Leute eine Untergangsstimmung herbeireden, Stichwort „Deutschland geht den Bach runter.“ Mir ist sehr sympathisch, dass Hasan die positiven Seiten unseres Lebens wertschätzen kann, auch wenn er dafür vielleicht weniger Grund hätte als so mancher Schnösel aus meinem Freundeskreis, der sich in Berlin über jede Baustelle als Symbol deutschen Versagens beschwert. Hasan erzählt weiterhin über sein Aktiendepot und dass er leider viele falsche Entscheidungen getroffen hat. Einiges hat er auf dem höchsten Kursstand gekauft, sodass das meiste gerade im Minus steht. Ahnung hat er natürlich trotzdem, denn schon früh hat er in verschiedene Kryptowährungen investiert, mit denen er Gewinn gemacht hat. Einmal hat er sogar erfolgreich gehebelt, was zum Glück aber das einzige Mal geblieben ist. In letzter Zeit hat er viel Geld für seine Trips ausgegeben und er überlegt, Aktien trotz Minus zu verkaufen, denn seinen Eltern kann er kaum noch verkaufen, in einem so billigen Land in Geldnot zu geraten. Wenn es irgendwie geht, würde ich an seiner Stelle die Aktien halten, rate ich ihm.
Angestrengt finden wir schließlich zur Bushaltestelle, die eine viel spätere Abfahrtszeit anzeigt als die Website der Buslinie. Auf die Nähe von drei deutsch sprechenden Mädels hat Hasan keinen Bock, deshalb statten wir dem 7/11 noch einen Besuch ab und chargen unsere EasyCards. Fenqihu ist sehr neblig, aber weil Sonntag ist, hält es keine Touristen davon ab, die Old Street mit der nötigen Kaufkraft zu beleben. Die Steckdosensuche gestaltet sich schwierig und auch einen größeren Stuhlgang muss ich auf Alishan verschieben. Um 11:30 Uhr nimmt uns der „Alishan Express Bus“ endlich mit, leider nur in die falsche Richtung, denn der Linienname bedeuten nicht gleichzeitig die Destination. Gerade so steigen wir an einem Knotenpunkt aus, von dem wenig später eine alternative Linie nach Alishan aufbricht. Leider ist es brechend voll und die knappe Stunde Fahrzeit verbringen wir stehend mit vollem Gepäck und versuchen, uns von den haarscharfen Bergkurven nicht wegdrücken zu lassen. Es fühlt sich eigentlich an wie in einem Skibus: Rappelvoll, sodass man steht, viel Stuff dabei, kurvige Bergstraßen und garantiert stinken wir mittlerweile. Trotz Blicks nach vorne wird mir mulmig, die Straße ist wirklich nicht ohne. Neben schwindelerregenden Abgründen tauchen Wolken ohne Vorwarnung auf, sodass man manchmal nicht sieht, ob eine falsche Lenkbewegung nur einen leichten Unfall oder den Tod bedeuten würde.
Entsprechend dankbar bin ich, in Alishan endlich aussteigen zu können. Sogar über die Toilette freue ich mich, obwohl mein Vorgänger offensichtlich nicht zwischen Schüssel und Brille unterscheiden konnte. Direkt an der Station befindet sich eine Aussichtsplattform, an der sich das Volk tummelt und Fotos in Richtung Tal schießt. Dahinter befindet sich eine Bergkulisse, an deren Rand man bei wenig Wolken sogar die Schienengalerien unserer Wanderroute für später sehen kann. Auf der Orientierungstafel für die umliegenden Gipfel sind ebenfalls Wolken zu sehen, so sehr ist die Region damit connectet. Wir gucken uns eine Frau aus, die aussieht, als könne sie vernünftige Bilder machen und bekommen sowohl digital als auch auf Hasans mitgebrachter Kamera auswertbares Material. Ein paar Fotos auf dem Film hat er noch offen und beabsichtigt, diese während des Trips zu verbrauchen.

Bei der Aussicht muss Hasan natürlich noch eine rauchen. Ich erfahre, wie er dazu kam. Vor ein paar Jahren musste er für irgendwas eine längere Strecke mit dem Motorrad zurücklegen und hat sich in einer Pause an der Autobahntankstelle eine Packung Kippen gekauft, für das Lifestyle-Gefühl. Die Zigaretten waren eklig und so hat er sie wenig später einer Gruppe von Indern angeboten, mit denen er essen war. Ab da hat er vorerst nur in Prüfungsphasen geraucht, in Taiwan hat er aber von Beginn an geraucht. In meinen Ohren klingt das nach einem rasanten Anstieg, gerade jetzt, wo er wirklich wirklich viel raucht. Immerhin will er in Deutschland wieder aufhören, wenn er gegen Ende des Jahres zurückkehrt, trotz Befürchtungen, dass es ihm nicht auf einen Schlag gelingen könnte.
Alishan, genauer 阿里山 „Ālǐshān“ ist ein eher ungewöhnlicherer Name, weil er mit einem Vokal anfängt, ein selten benutzter Sonderlaut. Laut Wikipedia ist die Namensherkunft unklar, könnte aber auf das indigene Tsou-Volk zurückzuführen sein, wie eine kurze Recherche ergibt. 山 „shān“ bedeutet Berg, was naheliegt, allerdings sind sowohl die Region als auch der Berg als auch das vor uns liegende Dorf danach benannt, was etwas verwirrend ist. Die Ortschaft zieht sich ziemlich in die Länge und um zum Wanderweg zu gelangen, laufen wir Parkplätze, Bushaltestellen, Bahnstationen und eine Maut ab, denn um das Gebiet zu betreten (es geht nicht um eine spezielle Erlaubnis), werden pauschal 150$TD (4€) fällig. Der einzige 7/11, der übrigens der höchste in ganz Taiwan ist mit seinen gut 2200 Metern, ist nicht nur gut besucht, das wäre eine Untertreibung. Das Gepäck lassen wir draußen, dann wird eingekauft. Für 750$TD (20€) versorgen wir uns mit Wasser, Spaßgetränken, Sandwiches, Instant-Nudeln, Zigaretten, Onigiris, Brötchen, Schokolade und zwei Maiskolben aus den Selbstbedienungstöpfen, die ich i.d.R. Nicht antaste. Die Teeeier, sich drehenden Würstchen und letztlich auch die gedämpften Maiskolben sehen nie wirklich appetitlich aus, letztere schmecken aber wirklich gut. Nur der Preis ist mit 55$TD (1,50€) über dem Gewohnten. Vor dem convenience store stehen Bänke wie auf Skihütten, eine vorbeifahrende Müllabfuhr spielt zwar dieselbe Melodie wie ihr Äquivalent in Kaohsiung, allerdings mit anderen Instrumenten. Kaum jemand hat Wandersachen an, viele sind nur für Fotos gekommen, wie man auch an den Outfits wie bspw. einer der teuren Adidas-Jacken sieht, die Hasan sich noch kaufen will.


Eine kurze Kalkulation ergibt, dass wir es uns fast nicht leisten können, ohne geladene Smartphones loszuziehen, wenn wir nicht auf Fotos und Wecker verzichten wollen. Weil Hasan bereits einmal hier war und abgesehen von der Erlaubnis erfordernden Strecke das meiste schon kennt, schickt er mich auf eine schnelle Rundtour durch die nahegelegene „Alishan National Forest Recreation Area“, während er seine Powerbank von freundlichen Baristas laden lässt.
Eine knappe Stunde habe ich Zeit, den Dorfpark mit vollgestopften Attraktionen abzulaufen, bevor wir uns wirklich aufmachen müssen, um bei Tageslicht einen guten Zeltspot zu finden. Eine Woche vor dem kürzesten Tag des Jahres ist nunmal nicht die günstigste Zeit für ein Hobby, das so sehr auf die natürlichen Bedingungen der Umwelt angewiesen ist. Jedenfalls lohnt sich die Runde trotzdem. Erst hier checke ich, wie wenig populär unsere spätere Tour im Vergleich zum Spaziergang im Park ist. Auf vielleicht drei Kilometern gibt es jede Menge zu sehen. Zuerst lande ich in einem Garten, der von süßen freilaufenden Äffchen bevölkert ist und denen man wahlweise bei der Paarung oder beim Futtern von Grashalmen zuschauen kann. Kleine taiwanesische Kinder haben einen Heidenspaß, nur der Nebel schafft eine merkwürdig düstere Atmosphäre. Nebenan wächst ein Kirschblütenbaum, der zu dieser Jahreszeit aber nicht viel hergibt.
Ordentlich bepflanzte Holzstege führen durch hochgewachsene Bäume und im Schnelldurchlauf sehe ich Dinge, an denen man zumindest ein bisschen länger stehen bleiben könnte. Allerdings umgeben mich so viele Schaulustige und ihre Lautstärke, sodass es nicht ganz so schade ist. Ein Tempel und eine außengelegene Food-Mall dürfen allein aus ökonomischen nicht fehlen, dahinter geht es aber in den märchenhaften Wald.




Ein angeblicher Magnoliengarten besteht aus wenig mehr als einer kreisförmigen Lache, die Blütezeit findet wohl erst nächstes Jahr wieder statt. Auf den hölzernen und dazu sehr steilen Treppen staut sich die Bewegung, kleine Kinder warten auf ihre Eltern und umgekehrt. Weil ich mein Gepäck bei Hasan gelassen habe, kann ich zwei Stufen auf einmal nehmen und sehe mit meinen Thermoklamotten unter T-Shirt und kurzer Hose bestimmt wie ein Jogger aus.

Das Beste sind zwei kleine Seen, von denen mir Sky schon am Montag erzählt hatte. Die „Sister Ponds“, deren Namen auf einer tragischen Sage von in Liebeskummer verstorbenen Schwestern basieren, sind gänzlich in Nebel gehüllt und werden ihrem Ruf gerecht.


Weil die Spazierrunde echt groß ist, muss ich zurückrennen, um rechtzeitig zu sein. Nur ganz leicht komme ich mir dabei wie ein Opfer vor, das für ein Foto kurz stehenbleibt und sofort weitersprintet. Eine Europäerin begrüßt mich mit „nǐ hǎo“, ihre Gruppe lacht sich tot. Hasan tippt nur vielsagend auf seine Uhr, schlimm ist meine Verspätung aber nicht. Während er seine Powerbank abholt und ich währenddessen selbst im Bahnhof laden kann, schaue ich mir Alishan-Stempelpostkarten an, deren Vorrat aber schon aufgebraucht ist.

Hasan raucht noch eine, dann geht’s endlich richtig los. In Richtung der Sister Ponds zweigt ein Weg ab, der uns nach kurzem Anstieg, garniert mit Holzfällerstatuen, an den Rand einer Zugstrecke bringt. Wir klettern über das niedrige Holzgeländer und sind jetzt offiziell auf der 眠月線 „Miányuè xiàn“, der „Mianyue Line“, was soviel wie schlafende Zugstrecke bedeutet. Passend, denn in Betrieb ist sie schon länger nicht mehr. Errichtet zu Zeiten der japanischen Besatzung, wurde sie vor allem für Holzfällerarbeiten in den Tiefen der taiwanesischen Gebirge verwendet. Die einzelne Schiene schließt tatsächlich ohne Unterbrechung (wenn auch in einiger Entfernung) an den Bahnhof des „Alishan Express“ an, den Lokomotivführern wird also vertraut, nicht in die falsche Richtung zu fahren.



Es ist mittlerweile knapp 15 Uhr und wir sehen immer noch Touristen, es sind allerdings deutlich weniger als noch im Park weiter unten. Außerdem kommen sie allesamt zurück, als einzige gehen wir den Weg in Richtung wilde Natur. Hasan wettet, dass wir mindestens ein anderes Zelt sehen, ich wette dagegen. Schon der Anfang der Route ist auf eigene Art spektakulär, immer wieder schlägt das Gleis Kurven ein und schlängelt sich asymmetrisch durch den Wald. Zwei Weichen führen laut Schildern nicht weit, also bleiben wir auf dem Hauptweg. Ich fotografiere kleine Holzbrücken am Wegesrand, die ich später allerdings schnell aussortiere, hier gibt es deutlich Beeindruckenderes.

Wie es beim Wandern so ist, kommt man auf die unterschiedlichsten Themen zu sprechen und kann sich so aus der schnelllebigen digitalen Welt ein Stück weit zurückziehen. Wir reden über Hasans Heimat und dass in Geislingen (an der Steige) sehr viele Menschen ohne deutschen Pass leben. Auch er wartet seit Längerem auf sein Papier, obwohl er in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Die AfD und vor allem ihre Unterstützer sind für Hasan dumme Menschen, schließlich würden sie sich selber nicht in andere Länder integrieren, wenn sie dort wären. Außerdem helfen viele Flüchtlinge, Deutschland am Laufen zu halten, was man z.B. gerade im Gesundheitssystem wirklich nicht verneinen kann. Allerdings seien politische Flüchtlinge aus der Türkei in seinen Augen „alles Arschlöcher“. Ich spüre meinen Herzschlag schon hochschnellen, eigentlich will ich gar nicht über Erdogan diskutieren, da präzisiert Hasan immerhin, dass er das auf Flüchtlinge aus dem Jahr 2016 bezieht. Ich kenne mich leider (oder zum Glück) zu wenig mit der Gülen-Bewegung aus, aber Hasan erklärt gerne, worum es ging. Grob erinnere ich, dass Teile des türkischen Militärs geputscht haben, letztlich aber gescheitert sind. Hasan hat das Ganze als Kind im Fernsehen beobachtet, die Helikopter über Istanbul und der Hauptstadt, Sorge um Familienmitglieder und das Chaos haben einen tiefen Eindruck hinterlassen. Ein Onkel von ihm war sogar Teil der „Sekte“, wie er die Bewegung nennt. Der wusste also, was passieren würde und hatte seine engere Familie außer Landes gebracht, wurde im Anschluss aber von vielen ausgeschlossen. Hasans Eltern reden mittlerweile wieder mit ihm, vermeiden das Thema aber nach Möglichkeit. Wenn ihm Leute also erzählen, dass sie 2016 aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, ist für ihn sofort klar, was für eine Art Mensch er vor sich hat. Seine Mutter war tatsächlich auch mal Mitglied, das ist aber schon Ewigkeiten her und sie ist lange vor dem Putschversuch ausgetreten. Abgesehen davon seien Kurden eine Schwierigkeit. „Die wollen ihre Unabhängigkeit, das ist das Problem“, sagt Hasan und ohne dass ich die geschichtlichen Hintergründe kenne, klingt für mich allein die Formulierung schon sehr kritisch. Schlimm sei vor allem, dass sie einer bestimmten Stadt ihren eigenen Namen geben, „das geht gar nicht.“ Grundsätzlich, das will er klarstellen, mag er alle Menschen, außer… „Kurden, klar. Israelis…“ Er redet von Zionisten und Untermenschen, da will ich mich aufgrund Konfliktpotenzials eigentlich nicht zu sehr einmischen, kann das aber nicht exakt so stehenlassen und sage, dass es bestimmt auch gute Israelis gibt. Stichwort, nicht alles pauschalisieren. Hasan gibt mir Recht und rechtfertigt sich: „Ich sage extra Israelis, weil ich kenne viele sehr korrekte Juden.“ Und in Bezug auf die Israelis korrigiert er sich, einen Israeli würde er erst nach seiner politischen Gesinnung fragen, bevor er ihn verurteilt. Außerdem war er in Taiwan schon mit einem proisraelischen Ami unterwegs, andere politische Ansichten hält er also anscheinend aus. Die Hamas darf man kritisieren, er prangert aber vor allem die beschossenen Krankenhäuser im Gazastreifen an, denn er glaubt nach den Präzisionsschlägen auf iranische Offiziere nicht, dass das israelische Militär so ungenau zielt. Der politische Rundumschlag, der bestimmt nicht als solcher gemeint ist, trifft auch die Inder, die ihm von allen Völkern am meisten leidtun. Wegen ihrem Akzent und weil sie überall „lutschen“ müssen (damit sind wohl wirtschaftliche Abhängigkeiten gemeint). Grundsätzlich scheint Hasan seine Gedankenwelt in Nationen einzuteilen, da gibt es Polaken und auch Rumänen, deren Kassen beim Anblick der metallischen Schienen bestimmt klingeln würden. Bei diesen ganzen Einteilungen kann ich irgendwann nicht anders, als zu schmunzeln, und Hasan erinnert sich auch grinsend: „Jaja, ich soll nicht alles pauschalisieren.“ Ich muss ihm lassen, trotz des meinungsstarken Charakters lässt es sich mit ihm diskutieren.
Nach dem längeren Waldstück gelangen wir endlich an die erste berühmte Stelle der Route und die Themen der Welt da draußen geraten in den Hintergrund. Eine Art Bergtunnel am Hang, die vorhin erwähnte Schienengalerie, prangt an einer Felswand und durch den Arkadengang blickt man links immer wieder in den endlosen Nebel. Als wir ankommen, scheint allerdings noch die Sonne und späte Tageswanderer schießen gerade eine Menge Fotos. Ich stehe scheinbar recht ungeduldig am Rand, denn Hasan weist mich daraufhin, dass das unhöflich sei. Zu Recht, denn bald darauf verschwinden sie und es ist kaum noch jemand zu sehen. In Ruhe machen wir unsere Fotos, Hasan dient zwar bereitwillig als Fotograf, darf sich im Gegenzug aber auch über meinen Catwalk auf den Schienen lustig machen.


Allerdings ist der überdachte Hangabschnitt zweigeteilt. Vor einigen Jahren, glücklicherweise nach Stilllegung der Strecke vor 20-30 Jahren, gab es einen Erdrutsch, der den mittleren Tunnelteil zum Einsturz gebracht hat, jetzt muss man an der Stelle nicht ganz ungefährlich klettern. Auf den Metalltritten herrscht aber guter Grip und auch Seile helfen bei der sicheren Bewältigung der Passage. Spätestens hier dürfte es technisch unmöglich sein, Züge weiter in den Wald zu bringen.

Auf der anderen Seite treffen wir die letzten Wanderer des Tages, die für den Rückweg schon recht spät dran sind. Ein Zelt sehen wir weder hier noch im nächsten Hangtunnel, der nur wenige 100 Meter weiter auf uns wartet. Auf der groben Gesteinsschüttung oder dem feineren Kies zu schlafen, wäre beides ziemlich unangenehm, außerdem versprechen die Wolken aktuell keinen Sonnenuntergang, deshalb gehen wir vorerst weiter, zurückkommen kann man jederzeit. Der erste Tunnel erwartet uns, zudem führt dieser Weg von Berghang.
Kurz bekommen wir noch einmal Tageslicht, der zweite Tunnel allerdings erstreckt sich auf beträchtliche Länge, sodass unsere Taschenlampen zum Einsatz kommen. Lange geht es geradeaus, wir laufen erst einmal der Nase nach, bis wir an eine eingestürzte Stelle gelangen, die wohl vom selben Erdrutsch herrührt wie der zerstörte Abschnitt am Hang. Es ist möglich, das Geröll hinaufzuklettern, dann kann man sich durch den engen Spalt unter der Tunneldecke quetschen und die entstandene Minihöhle bis zum Wiedereinstieg einige Meter weiter hinten durchklettern. Von dort aus geht es nochmal einige 100 Meter geradeaus, immerhin ist ein Licht am Ende des Tunnels sichtbar. Es ist unfassbar still und ich weiß, dass wir jetzt vollkommen von der Zivilisation abgeschnitten sind. Sollte man sich hier ein Bein brechen, wüsste ich ehrlich gesagt nicht, wie man sich Hilfe besorgt.



Immerhin hat das kleine Tal, in das der Tunnel schließlich mündet, eine mehr oder weniger funktionierende Internetverbindung. Am Ausgang wartet direkt eine langgezogene Station, deren Bahnsteig aus Holzplanken besteht und ringsum von wuchernden Pflanzen und Bäumen umgeben ist. Erst weiter hinten weicht die Schiene zur Seite ab und führt durch dichtes Gebüsch in tiefere Ferne. Da es mittlerweile mehr als dämmert, beschließen wir, unser Lager hier aufzuschlagen. Bis hierhin und nicht weiter war Hasan bei seinem letzten Besuch gelangt, damals hatten andere Camper ihre Zelte ebenfalls auf dem Bahnsteig aufgeschlagen. Auf diesem liegt ein umgestürzter Baum, außerdem hat das Plankholz jede Menge Löcher, wer weiß, was und wer sich darunter befindet…

Hasan ist zu müde, aber ich will noch zurücklaufen, solange die Chance auf einen Sonnenuntergang bestehen bleibt. Nur mit Taschenlampe und Handy gehts zurück in den Tunnel, wo ich im Gegensatz zu vorhin Fledermäuse vernehme. Prinzipiell kein Problem, aber je weiter ich gehe, desto mehr werden es. Vermutlich habe ich genau die Aufwachzeit der nachtaktiven Flieger erwischt, denn was gleich umherflattert, ist wirklich nicht mehr normal. Im Schein meiner Lampe entdecke ich Dutzende Gestalten an der Decke, schließlich fliegt mir sogar eine gegen den Arm. Da ich die enge Kletterstelle noch nicht passiert habe, schminke ich mir den Plan ab und jogge zurück. Auf Covid25 kann ich verzichten, außerdem tropft es in diesem Tunnelabschnitt von der Decke. Zuerst lacht Hasan, gibt aber zu, dass er ähnlich gehandelt hätte. Dabei hatte er es noch „irgendwie unmännlich“ genannt, dass Ihsan Angst vor einigen Tieren hat.

Im hinteren Bahnhofsbereich befindet sich sogar ein Plumpsklo, dessen Lampe angeht, sobald man sich nähert. Nach kurzer Pause bauen wir unser Zelt auf, diesmal rechtzeitig, und packen alle Sachen rein. Gerade als wir mit dem Kochen beginnen wollen, entdecken wir auf den hinteren Schienen ein Tier, das deutlich größer als ein Eichhörnchen ist. „Ein Marder?“ frage ich, aber wir sind in den Tropen, das kann alles mögliche sein. Jedenfalls ist der neue Nachbar nicht sehr scheu, langsam nähert er sich, bevor er im Gebüsch verschwindet. Wenig später taucht ein zweiter auf, beide halten sich in Respektabstand zu uns auf, zeigen aber offensichtliches Interesse an unseren Kochkünsten, zumindest dem Verpackungsmüll. Na toll, „diese Nacht wird noch unruhiger“, stellt Hasan fest. Aber in den Zelten von neulich waren auch Frauen – „Wenn die das geschafft haben, dürfen wir uns nicht einscheißen.“ Wenigstens kann Hasan sich jetzt im Freien umziehen. „Es sind ja keine Frauen da“, feixe ich. „Natürlich, sonst müsste ich ihre Anwesenheit ja respektieren.“ Die flauschigen Interessenten verschwinden unter dem Holz der Plattform, was insofern unangenehm ist, als dass diese Löcher überall zu finden sind, auch direkt vor dem Zelt. Wir haben es so aufgestellt, dass es knapp eine lochfreie Stelle abdeckt und genügend Abstand zum Unterholz hat. Die Tiere werden schon nicht gefährlich sein, auf ein angefressenes Zelt kann ich aber trotzdem verzichten. Solange man noch die Hand vor Augen sieht, ziehen wir das Kochprozedere durch, hungrig werden die weichen, aber gut gewürzten Nudeln verschlungen.
Weil ringsum steile Hänge emporragen, wird es entsprechend schnell dunkel. Es ist spürbar kälter als gestern, auch wegen der zusätzlichen Höhe. Nach dem Essen laufen wir noch ein wenig umher, Hasan spielt eine türkische Playlist ab, von der ich fast jeden Song superschön finde. Heiter überlegt Hasan seine „Top 5 Nationen, die ich nicht daten würde“: Als erstes, klar, Kurdinnen. Dann: Israelis, auch das für mich keine Überraschung. Wenn hier Israelis campen würden, würde er übrigens sofort abhauen, sofern sie nicht seine Meinung zum Nahostkonflikt teilen würden. Mit AfDlern hätte er aber kein Problem, denn „eine politische Meinung ist ja was anderes, als Kinder zu töten“. Zurück zu Frauen und Red Flags: Indonesier und Philippinen hält er für „zu laut und frech“, deshalb fallen die genauso raus wie Frauen, die auf OnlyFans sind und die er nicht absehbar auf seine Seite ziehen könne, also dazu bringen könnte, zum Islam zu bekehren. Von Datingplattformen hält er grundsätzlich nicht viel, für die Position habe ich aber viel Verständnis. Deutsche will er eigentlich auch nicht daten, aber er sieht selbst, wie man sich ändert, denn seine erste Liebe war eine Deutsche. Er erkennt, wie diskriminierend seine Aussagen klingen und bezieht sich wieder auf mich: „Man kann nicht alles pauschalisieren.“ Allerdings traut er sich zu, schwule Taiwanesen sofort zu erkennen. Abschließend müsse seine Freundin, um die Ernsthaftigkeit der vorherigen Aussagen zu lockern, nur eines sein: bereit, ihm die Arschhaare abzurasieren.
Insgesamt hat der Junge m.E. ein ziemlich fragwürdiges Weltbild, gleichzeitig ist er in zentralen Fragen aber auch sehr offen, hat ordentlich Humor, stimmt mir in vielen Sachen zu und verurteilt bspw. Leute, die keine anderen Kulturen akzeptieren oder unfreundlich sind. Das fasziniert mich irgendwie. Ich weiß nicht, wie wir darauf kommen, aber der Döner ist für ihn ein rein türkisches Essen, er lässt keinen Interpretationsspielraum erkennen. Ich bin mir eigentlich sehr sicher, dass der Döner in Deutschland erfunden wurde und natürlich türkisch inspiriert ist, deshalb interveniere ich und sage, dass der bestimmt eine Erfindung der türkischen Gastarbeiter ist, aber das kann ja gar nicht sein. „Das geht nicht, entweder deutsch oder türkisch.“
Immer wieder hören wir animalische Schreie aus dem Wald, mal weiter weg, mal ganz nah. Das kann eigentlich nur der laut KI aggressive Felsenmakak sein. Bei dem Wort müssen wir jedes Mal lachen, umso mehr, je öfter wir es nennen. „Was, wenn jetzt aus dem Tunnel ein Mensch auftaucht?“ Es ist jetzt stockdunkel, entsprechend beängstigend ist dieses Szenario. Da ist uns doch jedes Tier lieber, und bisher wurden wir ja auch nicht angegriffen.
Schon um 19 Uhr sehe ich die ersten Sternschnuppen, Hasan sieht sogar seine erste überhaupt. Jetzt darf er sich was wünschen, und er sagt sogleich, dass er sich gewünscht hat, mit mir zu kuscheln, denn so geht es nicht in Erfüllung. Spaßvogel. Den Müll bringe ich heute schlauerweise zum Plumpsklo, da wird jeder noch so üble Gestank übertönt.
Hasan kommentiert meine flüchtigen Blognotizen nur mit „Du schreibst ja einen Roman“, dann pennt er ein und nach kurzer Zeit stupst irgendwas das Zelt an, genau am Kopfende. Er wacht auf und sagt im Halbschlaf noch „outside, outside“, worüber er danach heftig lachen muss. Danach bleibt es aber vergleichsweise ruhig, nur die Affen hört man ab und zu noch. Ihsan, den wir ursprünglich mit eingeladen hatten und der nur deshalb nicht dabei ist, weil er früher nach Deutschland zurückgekehrt ist, hätte sich wahrscheinlich durch und durch gegruselt.
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