Alishan (Montag, 15. Dezember)

Die Nacht war wesentlich kälter und nasser als die vorherige, weshalb wir vor dem sowieso früh gestellten Wecker aufwachen. Ich höre Fiepsen und Tippelschritte rund um das Zelt herum, sind das etwa die marderähnlichen Tiere von gestern? Ein Blick nach außen zeigt aber, dass es sich um viele kleine Vögel mit blauen Federn, goldenen Schwänzen und weißen Streifen an der Augenpartie handelt. Sie sind zwischen ein und zwei Fäusten groß und haben keine Scheu. Mindestens fünf von ihnen hüpfen aufgeregt hin und her, fliegen erst weg, wenn man sich ihnen auf Armlänge nähert. Anscheinend habe ich im Schlaf wieder geschnauft, Hasan berichtet außerdem von englischem Gebrabbel meinerseits. „wenn du eine Chaya hast, die blind ist, hat sie volles Programm.“ Naja, das Schnaufen lag wohl nur daran, dass meine Nase zu war, aber ja, in einem so kleinen Zweimannzelt passiert das wohl. Außerdem hat der Junge selbst seine Knie ausgestreckt und sein Territorium überstrapaziert. Was soll’s, es war die letzte Zeltnacht und wir freuen uns beide, bald wieder auf vollständigen Isomatten zu schlafen. Ob es sich gelohnt, die eine in zwei Stücke zu schneiden, frage ich ich mich immer noch.

Die Sonne braucht lange, um den Bahnsteig zu erreichen
Frühstückstheater

Obwohl ich in Thermounterwäsche geschlafen habe, ist mir sehr kalt und solange der Schatten über uns liegt, bleibt das auch so. Die Füße sind am Erfrieren, auch in den Wanderschuhen. Wie soll das erst auf deutlich über 3000 Höhenmetern werden? Am ehesten hilft mir das billige Porridge, dazu Milchtee und „Cereal Coffee“, den Sky mir geschenkt hat. Die süßen blauen Vögel haben bestimmt Lust auf meine Haferflocken, so deute ich ihr Verhalten. Weil mir etwas daneben geht, dürfen sie später Reste verspeisen. Die Sonne wagt sich hervor, allerdings dauert es sehr lange, bis sie über die Bergkuppen hinüberscheint. Zähneputzen und Kontaktlinsen einsetzen sind eisige Angelegenheiten, auch der Tau am Unterzelt erzählt von den über Nacht gefallenen Temperaturen. Meine morgendliche Musik toleriert Hasan oder findet sie sogar gut, wer weiß. Packen tun wir direkt für später, ich bekomme die gesamte Ausrüstung, denn Hasan kann sie in seinen verbleibenden zwei Wochen kaum gebrauchen. Die ersten Photonen erreichen das Scheißhaus auf direktem Wege, wo wir uns wie Gazellen auf die Treppe stellen und bescheinen lassen. Die warmen Sachen kann man praktisch direkt wieder ausziehen. In Alishan sind es offiziell 15 Grad, aber Aussagekraft hat das nicht, alles steht und fällt mit dem Erscheinen gelben Himmelskugel. Um ziemlich genau 9 Uhr sind wir immer noch alleine, was uns echt wundert, schließlich sind heute 300 Leute im erlaubnispflichtigen Gebiet registriert. Diesen unverhofften Vorteil lassen wir aber nicht verstreichen und ziehen los. Das kondensierende Zelt lassen wir zum Trocknen an Ort und Stelle, klauen wird es niemand, wir sind ja in Taiwan.

Einer ist gleich bereit…
… der andere wartet schon.

Erst einmal geht es durch dichten Wald und Schatten, die Schiene schmiegt sich wie vom Vortag gewohnt in kurviger Ausführung an das Terrain an. Recht bald kommt der erste Tunnel, von denen es heute viele kurze und mittellange geben wird. Dann kommt auch schon die erste Brücke, für die dieser Streckenabschnitt so berühmt ist. Unzählige Täler und Senkungen werden mit ein und demselben Konstruktionsprinzip überführt. Vermooste Natursteinstützen, die wie leicht ausgeklappte Zirkel aufgestellt sind, tragen einen eisernen Unterbau, die nicht minder bewachsenen Holzschwellen darauf werden vom alt anmutenden Laufsteg zusammengehalten. Ein Geländer gibt es natürlich nicht, schließlich ist das kein Bällebad. Umso schöner fühlt sich die Freiheit an, über die mal mehr, mal weniger angsteinflößenden Tiefen zu balancieren, wobei kaum Gefahr besteht, wirklich das Gleichgewicht zu verlieren.

Das Schild weist darauf hin: Hier verläuft die 眠月線 „Miányuè xiàn“ Mianyue Line
Kurvige Abenteuer

Nach einer kurzen Weile gelangen wir an den Briefkasten der Regierung, in den man seine permission zum Betreten einwerfen soll. Bei Missachtung drohen hohe Strafen, aber es sieht kaum aus, als würde hier jemals jemand kontrollieren. Hasan wendet den „Zigeunertrick“ an, fischt das zuletzt eingeworfene Dokument raus und vergleicht, ob wir alles richtig ausgefüllt haben. Eine Kopie der kostenlosen Erlaubnis behalten wir, dann geht es weiter. In das Schutzgebiet werden übrigens nur deshalb maximal 300 Leute pro Tag gelassen, um eine seltene Blüte zu schützen, die hier angesiedelt ist, leider aber nur im Frühjahr blüht.

Schön brav die Erlaubnis einschmeißen

Trotzdem wird auch die Kulisse schöner, je weiter wir vordringen. Die Vormittagsschatten kontrastieren beleuchtete Blätter, Felsen und den blau strahlenden Himmel, hier wird alles gestrige in den sprichwörtlichen Schatten gestellt. Nebel haben wir keinen, nur vereinzelte Wölkchen in der Ferne und absolute Stille. Wenige Male überquert ein Helikopter unsere Köpfe und auch zwei in Formation fliegende Kampfjets zeigen sich am Horizont, davon abgesehen bleibt es aber so. Ich binde mir die große Taschenlampe (die auch einem Lokomotivführer gehören könnte, so massiv ist sie) an den Rucksackgurt, denn alle paar Minuten findet sie in Tunneln Verwendung.

Geht eigentlich noch mehr Entspannung?

„Ich kenne keine Chaya, die so verrückt nach Bildern ist wie du“, sagt Hasan, der aber auch ohne meine Anweisung Fotos von mir macht. „Du bist fast auf Taiwanesen-Level“. Stimmt, aber auch erst, seit ich den Blog schreibe und in Taiwan bin. Hallo, die Gelegenheit darf man einfach nicht verstreichen lassen.

Krumme Brücken…
… gerade Brücken…
… Brückenpause

Nach vielleicht 25 Minuten Laufzeit verlassen wir das Schutzgebiet auch schon wieder. Die Brücken hören noch nicht direkt auf, aber das Populärste haben wir wohl hinter uns. In einem Areal aus Bahnruinen treffen wir einen NPC, der uns gut gelaunt zu sich ruft und reden möchte. Er ist großgewachsen, trägt wie ich Thermoklamotten und ist gerade dabei, sich das Gesicht an einem Fass voll Wasser zu waschen. Sein Gepäck liegt verstreut umher, es wirkt, als hätte er es einfach hingeschmissen. In moderatem Englisch fragt er uns nach der weiteren Wanderroute und freut sich, dass wir ihm gute Ausblicke beschreiben. Er kommt aus westlicher Richtung (während wir aus dem Süden gekommen sind) und ist bereits am vierten Tag seiner Wanderung. Bis gestern war er noch mit Freunden unterwegs, diese haben sich gestern aber zu einem Gewaltmarsch bis nach Alishan entschieden und ihn in Übereinstimmung hiergelassen. Geschlafen hat er an der Endhaltestelle der Holzfällerbahn, die angeblich kaum eine Viertelstunde weiter liegt. Giggelnd zeigt der Taiwanese Fotos in seiner unsortierten Handygalerie, unter anderem war er an einem einsamen See, der von toten oder zumindest blattlosen Bäumen umgeben ist, eine sehr beeindruckende Kulisse. Wir bereiten ihn darauf vor, an unserem Spot, den er sofort als „Tashan Station“ identifiziert, ein alleinstehendes Zelt vorzufinden. Außerdem scheint er die Vogelart zu kennen, entgegen seiner Meinung handelt es sich laut ChatGPT aber nicht um die Taiwan-Elster, sondern um den Weißbartdrosselhäher. Wie auch immer.

Landschaftswechsel
Ruinen alter Bahngebäude

Weiter geht’s, und ständig sieht man neue Umgebungen. Da sind Wälder, deren Baumkronen unnormal dicht beieinander und massiv sind, hohe Gräser und morastige Täler, die zu anderen Jahreszeiten bestimmt Rinnsale oder mehr sind.

Neues Biom entdeckt?
Raucherpause

Schließlich erreichen wir besagte Endstation. Eine mickrige Plattform mit zwei Bänken wirkt sehr enttäuschend, aber zum Glück wagen wir uns hinter die Büsche, denn dort befinden sich weitere Gebäude, die auf den ersten Blick fast noch bewohnt sein könnten. Allerdings zeigt sich schnell, dass der Erdrutsch auch hier gewütet hat. Am Hang weggebrochene Betonplatten, eine große Lücke vor dem Toiletteneingang und ein Haus, das mit einem Seil an der Schiene befestigt ist, weil es sonst eine Abfahrt am Hang machen würde.

Jump‘n‘Run zu den WCs?
Welches Teil wohl als Nächstes den Abgang macht?

Doch auch hier ist noch nicht Schluss. Die Gleise vollziehen eine Kurve ins tiefste Dschungelgestrüpp und offensichtlich wird sich ab hier nicht mehr um die Sauberkeit der Strecke gekümmert, aber mit Explorationswillen geht es weiter. Teilweise ist die Strecke komplett zugewachsen, aber immer wieder tauchen die zwei Leitlinien aus Stahl auf und weisen den Weg. Laut Hasans Informationen ist der Wanderweg offiziell vorbei, aber und interessiert, wie weit und vor allem wohin es noch gehen mag. Der Wegesrand ist mit Plastik und stinkenden Planen verseucht, später tauchen sogar noch Schilder auf. Für offene Lagerfeuer zahlt man unfassbar hohe Summen (bis zu 23.000€), vermutlich zu Recht. Die jetzt kommenden Täler haben der Strecke weniger gutgetan, teilweise hängen die Schienen lose in der Luft oder sind sogar durchbrochen. Auch sonst sind sie unter klobigen Felsen vergraben worden und am Wegesrand finden sich alte Maschinen, die ich mal als Dresinen identifizieren würde. An vielen Bäumen hängen Plastikstreifen, deren Aufschrift laut Übersetzer wohl mit Wandervereinen zu tun hat. Ich bin mir sicher, dass es elegantere Wege für Markierungen gibt, als nicht kreislauffähiges Material in der Natur zu verteilen…

Ich sehe etwas nicht, was du auch nicht siehst: Schienen
Wie lange, bis die Natur sich alles zurückgeholt hat?
Vermutlich nicht besonders lange. Mittig rechts hängt übrigens so ein hässlicher Plastikstreifen.
Hier wurden Tunnel schon angesprengt, aber nie fertiggestellt

An einem unüberwindbar scheinenden Graben, der aber noch nicht das Ende bedeutet, müssen wir schließlich umkehren, unter Verweis auf die Zeit. „Im nächsten Leben“ will Hasan (vielleicht eines Tages mit seinen Kindern) den hier beginnenden Hangweg weiterwandern und das Ende der Strecke finden.

Das vorläufige Ende der Strecke
Relikte der Vergangenheit

Auf dem Rückweg muss meine Abenteuerlust ohne Zweifel eine Treppe am Hang mitnehmen, die Sonnenlicht verspricht, allerdings in dichtem Schilf verläuft. Mitten drin steht ein alter Mülleimer und das Durchkämpfen lohnt sich, denn auf einem kleinen Hügel rechts davon bietet sich der besonderste Ausblick des Tages, wenn nicht gar des ganzen Trips, wenn nicht gar meiner ganzen bisherigen Taiwan-Zeit. An den letzten Bäumen stellen wir das lästige Gepäck ab und begeben uns vorsichtig auf den großen schrägen Felsen, der aus einem Meer aus Bäumen hervorsticht und einen nahezu vollkommenen Blick in ein Gebirgstal bietet. Zwei Bussarde kreisen über den Baumwipfeln, die Sonne existiert zuverlässig und am besondersten, im entfernten Talausläufer, unter unserer Höhe, breitet sich ein endloses Wolkenmeer aus. Die Schräge des Riesenobjekts ist gefährlich, aber wir sind vorsichtig genug. Auf dem Steinsattel schmeckt der Reissnack gleich doppelt so gut und ich bin sicher, dass das für Hasans Zigarette genauso gilt. Ich habe die Ehre, auf dem letzten Bild seines Films zu landen, den er demnächst entwickeln lassen will. Ich sauge den Blick so gut auf, wie es geht, bis irgendwann die Zeit ruft. „Ein guter Ort, um deep zu werden“, findet Hasan, für ihn aber eher Grund zu gehen. Es ist bestimmt durchgeklungen, aber für mich toppt die Aussicht hier alles Bisherige. Schön, wenn das Beste am Schluss des Trips kommt.

Ein vollkommener Anblick
Eine nachdenkliche Zigarette
Genießerhappen

Just im Moment des Abstiegs hören wir die ersten menschlichen Stimmen, wir wurden also eingeholt. Uns laufen jede Menge Rentner und generell laute Asiaten entgegen, jetzt kommt die Zahl von 300 Besuchern auf einmal hin. Die wild durcheinander redenden Stimmen hört man schon aus weiter Ferne, dazu wird an den Brücken gedrängelt und man soll mit der Querung möglichst warten, bis alle ihr tausendstes schräges Foto geschossen haben. Weil wir den Bus um kurz nach drei bekommen wollen und nur noch an die zweieinhalb Stunden haben, müssen wir aber schleunigst durch, was auch gelingt. Wie so oft zahlt sich Dreistigkeit aus, einfach zuerst auf die Brücke gehen und im Notfall anbieten, an den Rand auszuweichen. Besonders viele Fotos werden an dem Tunneleingang mit dem Namensschild der Linie gemacht, was ich dummerweise überheblich kommentiere: „Warum machen die alle hier Fotos? Wir haben weiter hinten viel Krasseres gesehen…“ Eine Asiatin erklärt mir daraufhin in bestem Deutsch, dass dieser Eingang besondere Berühmtheit genießt. Leicht schäme ich mich, bei meiner grundsätzlichen Kritik bleibe ich aber. Wenn man schon überall Fotos macht, verstehe ich nicht, wie schräg oder überbelichtet man die Kamera halten kann. Aber es stimmt natürlich, dass mich das prinzipiell nichts angeht. „Für die, für deine Mutter vielleicht, ist es einfach nur eine Erinnerung und das reicht doch“ meint Hasan. True. Ich judge einfach nur gerne, wenn mir langweilig ist. Ihm fällt dafür auf, wie oft die Taiwanesen 那個 „nàge“ sagen und spricht den gefährlichen Begriff gefährlich laut aus, auch ein bisschen kritisch.

Unser Zelt steht noch an Ort und Stelle und ist perfekt getrocknet. Beim Abbau werden wir von vielen Seiten komisch angestarrt, schließlich könnte jeder kommen und es nach Lust und Laune mitnehmen. Im langen Tunnel geraten wir in Stau und auch die Kletterstelle am letzten Stück der Felswand ist voll mit Rentnern besetzt, für deren Sicherheit ich nur beten kann. Mir fällt auf, wieviele richtige Entscheidungen wir letztendlich getroffen haben, angefangen mit den Übernachtungen in der Wildnis, wodurch wir alles ungestört und alleine sehen konnten.

Mount Everest oder was?

Die letzten Kilometer quält man sich nur noch voran, die Strecke ist ja bereits bekannt und den Füßen tut das Gleisbett auch nicht unbedingt gut. Hasan fühlt sich schlecht, weil er eine Begrüßung von zwei Europäerinnen nicht erwidert hat. Er kann doch nichts für das Nuscheln Fremder, sage ich, aber das kümmert ihn nicht, „Trotzdem unhöflich!“

Am Bahnhof in Alishan können wir die Handys noch einen Moment laden und Snacks für die Heimfahrt besorgen. Ich hole mir ein Spaßgetränk, das wohl taiwanesischer Medizin nachempfunden ist und stark nach Hustensaft schmeckt. Ob ich die Lidl-Energy-Drinks von früher kenne? Nein, wieso? „Wäre krass, wenn doch.“ Hasans Vater hat die früher immer getrunken und er habe die Plastikflaschen gerne mal als Autotoilette verwendet, das ist seine Erinnerung daran. Netto verkaufe sie heute unter anderem Namen, er kann es aber nicht beweisen. Mit Energy Drinks kennt der Junge sich aus, jeden, den ich kenne, bewertet er sofort auf einer persönlichen Skala von „schmeckt scheiße“ bis „echt stark“.

Taiwanesischer Hustensaft
Byebye, Alishan! Ich werde deine zwei Wolkenschichten vermissen.

Gott sei Dank bekommen wir im Bus einen Sitzplatz, ich bin totmüde und schlafe die knapp drei Stunden bis Chiayi. Die Hässlichkeit der Stadt erstaunt mich immer noch, ich solle ihr aber dankbar sein, meint Hasan. Denn ohne sie wäre ich nicht nach Alishan gekommen. Das stimmt, aber meine Denkweise funktioniert anders. Immerhin sitzt der lächelnde Playbackmusiker von vorgestern noch an der exakt selben Stelle, Hasan steckt ihm einen Hunderterschein zu. Nach weiteren zwei Stunden Fahrt verlassen wir hungrig die Nanzih Station und schlagen im McDonalds auf. Ein riesiges Menü kostet trotzdem nur etwa 7€, Hauptsache Essen. „Schwöre“, wie Hasan gerne sagt. Als Kind ist er mit seinen Freunden immer zu McDonalds gegangen, um für 1€ Apfeltaschen und damit verbunden Lose der internen Lotterie zu ziehen. Generell sind nur zwei seiner Freunde ebenfalls Türken, sagt er, als ob er einem schlechten Eindruck vorbeugen wollen würde. Ein alter Nachbar von ihm ist Georgier und hat Probleme im Datingleben. Es scheitere nicht an seinem Aussehen, sondern am Charakter, wie Hasan erbarmungslos urteilt. Auf Datingapps werde der irgendwie nur von Männern angeschrieben, warum auch immer. Aktuell aber sei er in einer toxischen Beziehung gefangen und sein Perfektionismus sowie seine Ergebung vor der Freundin täten ihm nicht gut. Sie ist 11 Jahre älter und sei nach einer kurzzeitigen Trennung mit einem Porschebesitzer drei Tage in Paris durchgebrannt, nur um sich die Beziehung dann zurückzuholen. Okay, jetzt tut der Georgier mir auch leid. Die nächste Story ist nicht weniger wild: Ob ich den „Rainforest-Alliance“-Frosch kenne? Eine Art internationales Gütesiegel für Wald- und Landwirtschaft. Die Schwägerin von Hasans Cousin glaubt, dass Bill Gates die verbleibenden Corona-Impfstoffe in genau diese Produkte steckt, weshalb sie sie beim Einkaufen vermeidet. Hasan selbst, der ja „medical science“ studiert und sich später auf Prothesen spezialisieren will, hält das natürlich für Quatsch. Er ist zum Glück ohne Probleme durch die Pandemie gekommen, hatte aber ordentlich Sorge um seine skeptische Mutter, denn bei seiner Arbeit im Krankenhaus hat er damals die schweren Krankheitsverläufe von Ungeimpften mitbekommen.

Zum Ende appelliert mein Reisegefährte nochmal, möglichst die ganze Ausstattung loszuwerden, sodass wir wenigstens ein bisschen Geld zurückbekommen. Wenn Sebastian unseren Gaskocher nicht will, „komme ich mit nem Pömpel und stülpe ihm den auf seine Glatze“, wiederholt er die Albernheit aus der Vorwoche und lacht. „Ich hätte gerne ein Burgis!“ Sein letzter Friseurbesuch hat ihm zwar selbst fast einen Maschinenschnitt beschert, aber die Metapher zählt. Der Vollständigkeit muss ich erwähnen, dass auch Muskan ihr Fett wegbekommen hat, die ja zur Erzfeindin von Sanjena herangereift war, Hasans Laborpartnerin. Zugegeben lustige Imitationen ihres Akzents waren zuletzt Alltag, auch wenn Ihsan das erstens noch besser und zweitens in Muskans Anwesenheit hingekriegt hat. „Das kannst du jetzt in deinen Blog schreiben“, habe ich auch oft vernommen. Ernst nimmt Hasan das alles wohl nicht, es soll mir recht sein, denn so kann ich guten Gewissens über jede gequirlte Bescheidenheit schreiben, die aus seinem Mund kommt.

Beim Verabschiedungshandschlag muss einfach nochmal gesagt werden, wie geil die Tour war. Daran wird man sich noch lange erinnern. Hasan reicht dafür neben seinen Bilder auch sein Gedächtnis, denn „wie oft schaue ich mir Urlaubsbilder im Nachhinein an? Wenig.“ Das ist sehr ehrlich und ehrlich gesagt, ganz so oft mache ich das auch nicht. Allerdings hilft mir der Blog stark, die Erinnerung zu vertiefen und wer weiß, vielleicht interessiert man sich in 20, 30 Jahren ja doch noch dafür. Hasan bereut ein wenig, an vielen Tagen zuhause geblieben zu sein oder nur im Louisa gechillt zu haben, was ihm eine ordentliche Kaffeeresistenz eingebracht hat. Ansonsten ist es mir seiner Zeit aber sehr zufrieden und ich bewundere, wieviele Aktionen er auch komplett alleine durchgezogen hat. Vermutlich sehe ich ihn nicht noch einmal, die letzten Tage wird er mit seinem Praktikumsbericht beschäftigt sein und ich habe auch noch einiges vor. Auch, wenn er ein besonderer Charakter ist, habe ich es sehr genossen. Besonders seine Einstellung zum Leben und die Themen, die er locker sieht, machen ihn zu einem doch sehr positiven Menschen.

Im Dorm werde ich freundlich begrüßt, Sky hat laut eigener Aussage fast nicht mehr an meine Rückkehr geglaubt. Dylan fragt auch, wie es war und erzählt, bald in den Taroko-Nationalpark fahren zu wollen. Es sei nämlich das Einzige, was ihn bislang auf der Taiwan-Liste fehlt. Aha, war er denn auch schon in Hualien? Nee, die Stadt interessiert ihn nicht. Na dann hat er wohl schon alles gesehen. Dass der Taroko-Nationalpark aber seit mehr als einem Jahr aufgrund von Erdbeben gesperrt bleibt, ist ihm neu.

Darren zockt wie gewöhnlich den ganzen Abend an seinem Laptop, ich kann durchs Rüberschielen einen Discord-Livestream seiner Freunde erkennen, irgendjemand spielt dort Geometry Dash, meine persönliche Königsdisziplin. Darren benennt die Level auf jeden Fall falsch, „Geometrical Dominator“ ist nämlich bestimmt nicht „Electroman Adventures“. Richtig schmerzhaft wird es aber erst, als der Junge mal wieder kein Ende kennt. Zum ersten Mal bemerke ich auch die genervten Blicke von Sky und Dylan, bei denen ich mich schon öfter gefragt habe, wie sie das nicht stören kann. „So, should we Tell him?“ „Maybe you can help us“ sagt Sky, der sich offensichtlich nicht traut zu rebellieren. Bis spät in die Nacht geht das so. Und weil meine letzten beiden Nächte auch schon schwierig waren, muss ich heute eingreifen. Ob er denn bitte etwas leiser sein kann, frage ich. „Ok“ kommt leise zurück, so wie immer. Es dauert aber keine zehn Minuten, bis sein Gekicher und seine indonesischen Kommentare wieder Überhand gewinnen. Bei gesprochener Sprache, selbst der unverständlichen, kann man einfach viel schlechter weghören als bei einem nervigen Geräusch wie bspw. einem Deckenventilator. Das einzige, was ich verstehe, ist neben „luuuu“ ein „Daa-bel-youuu“, was vermutlich entweder die Taste oder das Slangwort „W“ meint. Meine zweite Ansage bekommt die gleiche Reaktion wie die erste und als ich um ca. 1 Uhr nachts zur dritten ansetze, springt Sky mir endlich bei. „Darren“, sagt er, gefolgt von wenigen Wörtern auf Indonesisch. Ich ergänze: „It’s late in the night, after 1am, we want to sleep, so please be quiet.“ Das zeigt Wirkung, relativ bald haben wir unsere Ruhe. Der Junge hat wirklich zwei Persönlichkeiten: eine maximal stille und unauffällige tagsüber, und dann eine Zockerpersönlichkeit, die heiser kichert und durchgehend redet…

Es ist nicht extrem laut, aber dafür viele Stunden am Stück und dazu zwei Meter neben meinem Kopfkissen…

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