Routen werden dann interessant, wenn man sie ab und zu leicht verändert. Deshalb bestelle ich heute früh mal drei Pfannkuchen, das Personal staunt nicht schlecht. Vielleicht wissen sie wirklich nicht, dass ich alle weiteren nur für Freunde hole, denn sie gucken ziemlich ungläubig. Nein, aber im Ernst, Himhim hat sich letzte Woche als Neukunde angemeldet, und sein betrunkener Zustand am Freitag hat mein Mitleid erregt, deshalb bekommt er als Abschiedsgeschenk auch mal eine Ei-Teigware. Ab drei Pfannkuchen wird die Bestellung in einer Plastiktüte ausgehändigt, finde ich außerdem heraus. Luca und Michael misstrauen meinem guten Willen und verdächtigen mich, den Pfannkuchenmarkt mit Dumpingpreisen zu fluten (0$TD pro Lieferung…), nur um irgendwann die Reißleine zu ziehen und Fabian ausbeuten zu können. „Jaja, dass der Berliner sich mit Dealen auskennt, war ja klar“, meint Luca. „Irgendwas mit Techno war da doch.“ Warum man jetzt die Technoszene mit in den Dreck ziehen muss, verstehe ich nicht, aber die Marketing-/Ausbeutungsstrategie ist gar nicht mal so unklug. Lustig, dass diese Denkweise von einer angehenden Führungskraft kommt.
Es ist zwar noch nicht die letzte Stunde in „Consumer Behavior“, aber weil die Deutschsprachigen sich herausgenommen haben, an Weihnachten nach Hause zu fliegen und die Uni den exchange students quasi alles verzeiht, halten manche Gruppen bereits ihre Endpräsentationen. Luca, Kaan und zwei schüchterne sowie leise Side-Character-Kursteilnehmerinnen halten ihren Vortrag, dessen außerordentliche Länge vor allem auf Lucas Redeanteil zurückgeht, über ihre ausgedachte Werbekampagne für den „Global Health and Wellness Market“. Sie werten Kampagnen aus der realen Welt aus und machen eigene Vorschläge, wie man Sportgetränke oder Fitnessuhren besser bewerben kann. Am Ende stellt Vanessa sich noch dazu, sie scheint auch Teil der Gruppe zu sein, hat ihren Anteil durch zu spätes Erscheinen aber abgeben müssen. Natürlich hat am Ende niemand Fragen, denn wer will schon den Vortragenden ihren Auftritt versauen? Außerdem hätte man dafür ja zuhören müssen. Jedenfalls richtet sich Lehrer Danny mit einem Appell an die nächsten Gruppen: „You don’t come here to reading! Please don’t read from your smartphone or laptop. I will give you 96, Luca will get 99.“ Was Vanessa bekommt oder noch machen muss, erfahren wir nicht. Luca ist aber zu Recht sauer, denn sie entschuldigt sich danach nicht einmal. Dann wird wieder in den Gruppen diskutiert, normales Prozedere. Wir werten Studien zu „gym memberships“ und „brand preferences“ aus, dazwischen viel Gelaber und Gequatsche. Rita und Tracy erklären Michael, was 東西 „dōngxi“ bedeutet; wesentlich besser als Frau Peiti, wie Sebastian treffend bemerkt.
Beim Bogenschießen erscheinen mal wieder wenig Leute, die meisten werden mit Prüfungsvorbereitungen beschäftigt sein. So auch Chén (mit dem ich nächste Woche auf Wandertour gehe), den ich seit mittlerweile drei bis vier Wochen nicht mehr gesehen habe. Der Tutor kommt heute auf mich zu und traut sich nach langer Zeit, meine Herkunft zu erfragen. Er schüttelt mir ausgiebig die Hand und weist mich an, ich solle dem teacher 老師好帥 „lǎoshì hǎo shuài“ sagen. Alle lachen und auch ich weiß, was es bedeutet. Vielleicht denkt er das über sich, aber mit diesem Kompliment halte ich mich lieber zurück. Nach langem Warmschießen spielen wir wieder irgendwelche Turniere, in die der Sonnenbrillenkobold sich nach Belieben einmischt. Während ich ziele, tönt seine „Hahahahaha“-Lache aus dem Hintergrund, garniert mit „Not good!“, 不好 „Bù hǎo“. Manchmal geht es mir echt auf die Nerven, aber allzu oft findet der Kurs ja auch nicht mehr statt. Außerdem sind die Jungs an meinem Schießstand echt cool, es macht Spaß, mich mit ihnen auszutauschen und am Bogen zu messen. Ab nächster Woche stehen die Ziele zwei Meter weiter hinten und es wird so etwas wie Abschlussturniere geben.

Im Chinesischkurs bekommen wir ein Arbeitsblatt, auf dem tabellarisch dargelegt ist, an welchen Stellen man das Wort für eins wie betont, das Zeichen 一 „yī“. In Kombination mit anderen Wörtern wird es normalerweise nach unten, also mit dem vierten Ton gesprochen, „yì“, nur wenn danach selbst ein vierter Ton folgt, spricht man es nach oben hin aus, „yí“. Ein Info, die ich mir mittlerweile selbst antrainiert habe. Sinnvoll wäre das vor etwa zwei bis drei Monaten gewesen, als sie uns Punktabzug für falsches Anwenden dessen gegeben und einige Beispiele mit einer „das ist so“-Mentalität erklärt hat. Immerhin lernen wir die Regel, die wirklich nicht so schwer ist, wenn man sie kennt, überhaupt. Dazu kommen auch ein paar neue Vokabeln für speziellere Gemüsesorten und wir fragen uns gegenseitig, wie bestimmtes Essen schmeckt. Ansonsten lässt Frau Peiti heute die Pause aus und lässt uns Wort für Wort die Töne von total einfachen Wörtern durchgehen. Sebastian guckt mich mehrfach ungläubig an, als die simpelsten Fragen gestellt und falsch beantwortet werden. Vivek soll die Schriftzeichen 這個是 („zhège shì“) vorlesen, bekommt aber nur „duōshǎo…“ raus, die eine andere Abfolge, die er auswendig gelernt hat. Immerhin spricht er jede Phrase laut mit und seine heisere Stimme klingt so lustig und trifft kaum richtige Aussprachen, sodass man wirklich nur schmunzeln kann. Später fragt Peiti manche Schüler Fragen, die wir noch nicht behandelt haben. Prinzipiell nicht schlimm, aber dabei neue Grammatik einzuführen sprich Wörter auszulassen, wo die Taiwanesen faul sind, verwirrt nur und entspricht auch nicht dem sonstigen Niveau des Kurses. Da kann ich auch nicht anders, als „we have to know“ über die nicht erklärte Regel zu urteilen. Sie guckt überrascht. Sebastian lobt die neuen Inhalte, ich selbst bin mit der Art und Weise des Kurses immer noch nicht einverstanden.
Zum Abendbrot gehen wir wieder rüber in die Food Street, wo Koby dazustößt, der mit mir mal ein Bier trinken wollte. Im Reisrestaurant meiner Wahl schlagen wir uns erst die Bäuche voll und reden über Kobys Lebensmitteltechnologie-Studium, bevor die Suche nach einem geeigneten Bier beginnt. Die einzige „Beer“-Werbetafel gehört zu einem Laden, dessen Besitzer und wieder wegschickt, so landen wir vor dem 7/11 an der Ecke. Klingt räudig, aber es gibt eine gute Auswahl, man zahlt nicht so viel wie in Bars und kann sogar draußen sitzen. Die meisten Leute dort sind alleine und rauchen, trinken und chillen am Handy. Drei freie Stühle finden sich aber, dort zischen wir jeder zwei Bier weg. Buggi hat „notebook lm“, einen kostenlosen Google-KI-Dienst, aus Langeweile ein Video über einen meiner Blog-Einträge erstellen lassen, das schauen wir uns gemeinsam an. In knapp sieben Minuten wird mein letzter Mittwoch visuell und auditiv aufbereitet, wobei die KI vieles überdramatisiert und cringe klingen lässt. Vielleicht schreibe ich ja auch cringe, aber in Textform kann ich das besser ab.
Ein Streetfood-Mobil hält an der Kreuzung und ein älterer Herr verkauft dort seine aufgewärmten Erdnüsse. Koby lässt sich nicht lumpen und besorgt gleich mal eine riesige Tüte für 130$TD (3,50€), die wir uns teilen. Erdnüsse sind eigentlich gar nicht mein Ding, aber erwärmt schmecken sie so anders, es lässt sich aushalten. Irgendwann muss Sebastian los, denn er und Anna fahren morgen nach Teipei, wo sie am Wochenende seine Eltern abholen und mit ihnen die Ostküste erkunden. Auch Koby ist busy: Am Freitag fliegt er zurück nach Berlin, wo Weihnachten mit der Familie, sein Geburtstag, sein Fünfjähriges mit der Freundin und Silvester auf ihn warten, bevor er danach wiederkehrt, denn bis März muss er seinen Forschungsbericht fertig schreiben. Mit dem Berliner bleibe ich aber noch ein wenig und er legt ein weiteres Bier aus. Wir reden über psychedelische Trips, seine Cannabisabstinenz, dass er schnell Abhängigkeiten aufbaut, Geschichten aus der Jugend und wie sehr oder wenig wir Deutschland vermissen.

Zum Schluss verabschieden wir uns mit einer Umarmung, schließlich gibt es sich einiges zu wünschen, allem voran frohe Weihnachten und guten Rutsch. Merkwürdig, bei milden Tempersturen und fern von allem christlich Angehauchten.
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