Mittwoch, 17. Dezember

Ein bisschen zu verschlafen verrechne ich mich beim Rückgeld in der Cafeteria, denke, dass ich zu wenig bekommen habe und schnappe mir dafür einen teureren Tee aus dem Kühlschrank, nur um danach festzustellen, dass ich nicht einmal den billigen bezahlt habe. Pardon, liebes Personal, ich lerne aber daraus, denn der teurere Milchtee schmeckt viel schlechter als mein OG-schwarzer-Oolong-Tea.

Fabian bekommt seinen letzten Pfannkuchen des Semesters und kurz vor Unterrichtsbeginn erfahre ich, dass heute die Klausur ansteht. Mit einer Anwesenheitsquote von vielleicht 50% fühle ich mich nicht unbedingt bereit dafür, aber darum geht es auch nicht. Kune-muh Tsai kommt noch später als sonst, das gibt allen eine halbe Stunde Zeit, um zu entspannen, das open book aka. den Laptop optimal vorzubereiten und zu frühstücken. Muskan fragt mich nach dem Alishantrip, aber auf mein „It was beautiful“ hat sie nur ein „The best time for Alishan is in spring“ parat. Sehr rücksichtsvoll. Naja, sie selbst hatte dafür „The best time of my life“ in Taipei, wie mir durch diverse Instagram-Storys schon klar war. Anscheinend ist sie das erste Mal solo gereist, „and I made so many beautiful friends“, sie kommt gar nicht mehr aus dem Schwärmen raus. Ob ich ihr sagen sollte, dass man die besten Freunde in Berlin kennenlernen kann? Luca muss derweil wieder betonen, dass sie nicht glauben kann, dass ich mich freiwillig mit in eine Klausur setze. „Das glaub ich dir“, frontet Sebastian. Auf Kaans Bitte hin fotografiere ich die Klausur nach dem Austeilen ab und verteile sie via AirDrop an den halben Kurs, damit nicht ganz so offensichtlich wird, wie alle ChatGPT benutzen. Dass ich der nicht eingeschriebene Student bin und eigentlich gar keine Ahnung vom Fach habe, fällt dem Prof erst nach einer halben Stunde lachend auf, als er an mir vorbeiläuft und sieht, dass ich auf meinem Handy am Blog schreibe. Tatsächlich bin ich in den IBM-Kursen sehr produktiv, auch ein Grund, warum ich mich immer reinsetze.

Sperrmülltransport oder neue Möbellieferung für das Dorm?

Nach der Prüfung darf man gehen. Ich setze mich kurz zu Fabian an einen Cafétisch und wir besprechen den letzten Pickleballplan für Samstag, denn Sonntag fliegt er bereits. Auch Sebastian kann ich frohe Weihnachten wünschen, er und Anna fahren heute nach Taipei und reisen von dort mit seinen Eltern an die Ostküste. Wenig habe ich heute noch geplant, so verbringe ich den restlichen Tag damit, Blogeinträge vom Wochenende nachzuholen. Dabei entdecke ich ein sehr entspanntes Synthwave-Set auf YouTube, das ich mir eigentlich nur auf die Ohren gesetzt habe, um Darrens Schmatzen und Skys Schnarchen zu übertönen.

Unterbrochen werde ich nur wenige Male von Sky, der gefühlt sein ganzes Leben überdenkt, während er eigentlich für zwei Klausuren lernen muss, die er morgen schreibt. Er fühlt sich von manchen indonesischen Freunden ausgenutzt, weil er große Teile in der Gruppenarbeit einer Präsentation übernimmt und so nett ist, seine Kochutensilien auszuleihen, wann immer sie erfragt werden. Jeremy kommt tatsächlich täglich rein und bekommt den Zuschlag für Skys Kochtopf sogar vor ihm, denn „he has a lot of work to do later“. Mit einseitig funktionierenden Gruppenarbeiten kenne ich mich gut aus und empfinde aufrichtiges Mitgefühl, gerade weil Sky sehr freundlich ist und es ihm vermutlich schwer fällt, nein zu sagen. Immerhin realisiert er die Situation und fragt mich, „should I stay friends with them or should I get distance?“ So als könnte ich das für ihn entscheiden. Ich sage ihm nur, dass das zwei sehr radikale Optionen sind und er vielleicht damit anfangen kann, ab und zu nein zu sagen, wenn er z.B. sein Geschirr selbst braucht. Was ihn auch besorgt, ist eine Unterhaltung mit Dylan vor ein paar Tagen, als ich in Alishan war. Ich weiß bereits, dass Sky aus Nordsumatra stammt und daher leichte sprachliche Unterschiede zu den anderen Indonesiern aus Java herrschen. Aber anscheinend gibt es einen Konflikt zwischen den Inseln und Dylan habe diesen gedanklich durchgespielt. Sollte es zur Auseinandersetzung kommen, könne er auf keinen Fall mehr mit Sky befreundet sein. Das finde ich schon ziemlich krass, denn die beiden wirken auf mich meistens wie sehr gute Freunde.

Später erzählt Sky mir von einer weiteren schwierigen Entscheidung. Seine Tante hat ihm für die Ferien einen Job in einer „factory“ organisiert, wo er etwas Geld verdienen kann, um Flüge zu finanzieren. „Factory?“ Vermutlich wird er Sachen sortieren oder Notizen machen müssen. „If you were me. Would you, first, visit a mysthical country, second, visit my father, or third, visit my mother?“ Natürlich kann ich ihm diese Entscheidung auch nicht abnehmen (was er mit einem enttäuschten „Shiiiit“ quittiert), aber er klärt mich über die Hintergründe auf. Seinen Vater (ich erinnere mich: die Eltern sind getrennt, u.a. seit dieser für seine Spielsucht ein Familienhaus verkauft hatte) hat Sky nicht mehr gesehen, seit er 12 ist, also seit etwas mehr als sechs Jahren. Dieser lebt schon länger in Australien, allerdings mit einem seit Ewigkeiten abgelaufenen Visum, weshalb er nicht ausreisen könne, wenn er keine Strafe riskieren will. Gleichzeitig will Sky auch seine Mutter besuchen, weil sie ihn großgezogen hat und daran erinnert. Eines Tages könnten sie sich wiedersehen und eine „happy family“ sein, damit meint sie aber nur Sky und seine kleinen Geschwister. Beide Eltern vermissen ihn und er zerbricht sich vor den offenen WhatsApp-Chats beider den Kopf darüber. Dass er seiner Familie mit 18 Jahren schon goodbye für unbestimmte Zeit gesagt hat, finde ich sowieso ziemlich krass und ich empfehle ihm erstmal, das Grübeln auf nach den Klausuren zu verschieben. Vielleicht kann er eine Münze werfen und beim Wurf merken, auf welche Entscheidung er insgeheim hofft. Oder er probiert sich an den buddhistischen Halbmonden, das fällt mir spontan ein. Nur wenn beide Fragen mit ja beantwortet werden, kommt er nicht weiter. Aber weil Sky an Karma glaubt, kommt das infrage. Als kleines Kind habe er die Holzorakel am Grab seines Großvaters so oft geworfen, wie er nur konnte, „to wish myself that I could have a happy life and that I could play on the iPad for many many hours. And everytime it was yes so I was very lucky“, er kippt vor Lachen fast vom Stuhl. Einen letzten Tipp gebe ich ihm noch: Wenn er seine Entscheidung sitzt, sollte er vielleicht nicht gerade vor einem offenen WhatsApp-Chat sitzen, sondern irgendwo „me-time“ verbringen, wie er es selbst so gerne benennt. Damit kann er wohl leben, den restlichen Abend sowie bis spät in die Nacht schaut er in seine Programmier-Bücher und auf den Python-Code seines Laptops.

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