Donnerstag, 18. Dezember

Heute bin ich faul und prokrastiniere. Obwohl ich mich längst um Bewerbungen kümmern könnte, sortiere ich immerhin meine Postfächer und arbeite am Blog. Nachdem Hasan am Montag scherzhaft gefragt hatte, ob der Blog auch weg ist, wenn mein Handy den Felsen runterrutscht, habe ich ein wenig Angst bekommen und richte ihn sicherheitshalber auch auf dem Laptop ein. Ein Freund aus Deutschland hatte mich außerdem darauf hingewiesen, dass es schwierig ist, in die „character lore“ einzusteigen, wenn man nicht alles verfolgt hat. Also steht ab sofort eine Art Personenverzeichnis zur Verfügung, in dem die meisten erwähnten Personen kurz mit Herkunft und Namen aufgeführt werden:

Charakterverzeichnis

Nachmittags wage ich mich aus dem Haus, um endlich die erneut neue Kreditkarte auszuprobieren. Und tatsächlich, ich überwinde das Trauma der letzten Monate, endlich kann ich wieder selbstständig Geld abheben. Danach überwinde ich mich, zum Training zu fahren, denn einerseits spüre ich immer wieder meinen Fuß ziehen (auch wenn es nur leicht ist) und andererseits weiß ich genau, welche sprachliche Situation dort auf mich wartet.

Es weihnachtet in Nanzih

Allerdings bekomme ich eine gänzlich andere Perspektive darauf, als Edward auf mich zukommt und erzählt, dass wir nächsten Montag ein Abschlusstraining mit „exam“ haben. Stimmt, offiziell ist das ja ein Team der Uni. Die wichtigere Information ist aber, dass die Zeit der Trainings bald vorbei ist. Auch wenn ich im Januar auf Radtour gehen will und sowieso kaum noch da wäre, hätte ich damit gar nicht gerechnet. Auf einmal finde ich es ziemlich schade, dass es bald vorbei ist, irgendwie ist das ganze Chinesisch um mich herum doch sehr besonders. Aber ja, die meisten Studis wollen wahrscheinlich in ihre Heimat zurück (ich erinnere mich, dass einige hier aus Taoyuan oder Hsinchu kommen), da würden nur wenige erscheinen. Selbst heute sind nicht allzu viele da. Ray, der eigentlich der Motivierteste von allen ist, fehlt. So laufe ich mich mit Róng warm, der mich begeistert nach Alishan fragt, er hat meine Instagram-Storys gesehen. Jetzt habe ich mal einen Taiwanesen etwas voraus und gebe ihm Tipps, bspw. dass es sich lohnt zu zelten, wenn man die Natur alleine genießen will. Ich wusste es eigentlich, aber hier wird mir nochmal klar, dass der Junge gar nicht so schlechtes Englisch spricht, bzw. ist ihm (im Gegensatz zu den meisten anderen) kein Sprechfehler peinlich und er versucht immer, seine Sätze zuende zu bringen. Er und Edward staunen über meinen Fahrradplan, letzterer fragt: „you have accompany?“ Ich verneine. „Kill!“ Er winkt pustend ab.

Wir ziehen das übliche Aufwärmprogramm durch, dann geht’s aber auf die Styropormatten. „Today is yoga day“, sagt Yìzhì. Stimmt, warum kurz vor Ende noch sprinten? Mir passt das, dem Fuß passt das. Mit Terrabändern lässt Edward uns viele kreative Einzel- und Partnerübungen durchführen, schnell kommen wir ins Schwitzen. Byron ist mittlerweile auch erschienen, aber er legt sich nur auf den Boden und macht keine Anstalten, mit Trainieren zu beginnen. Während seinen YouTube-Sets macht der größere Gruppenteil Bizeps-, Trizeps-, Abs- und Oberschenkelsets. Momo macht Weingeräusche eines kleinen Babys nach. „Are you okay?“ „I… have to run… 800… meters. Buhuhuu…“ Klingt blöd. Ich würde gerne fragen, warum. Aber mein Chinesisch reicht nicht und ihr Englisch reicht nicht.

Auch ohne Ray geht die Truppe essen, wir treffen uns im Lieblings-Restaurant von Chén in der Food-Street, wo aber nur die Hälfte von uns reinpasst, die anderen ziehen woanders hin. Während wir auf die Nudeln warten, erzählt Byron Geschichten aus seiner Schulzeit, bei denen Daniel und der Kapitän ordentlich lachen müssen. Ich höre nur raus, dass die Kraftausdrücke 幹你娘 „gàn nǐ niáng“ und 哇耖 „wa chào“ öfter vorkommen.

Um halb zehn ist unser Raum A202 komplett leer, und Dylan weiß auch nicht, wo die beiden anderen sind. Darren nennt er übrigens nur „this guy“ und ich erfahre, dass unser stiller Zocker auch im Alltag sehr für sich ist. Nur mit Hansen hat Dylan ihn mal reden sehen, ansonsten bleibt er ganz bei sich und seinen Discord-Freunden, die übrigens nicht im Dorm sind. Was Dylan und Sky aus dem abendlichen Gekichere Darrens aber raushören, ist, dass er sich über seine Mitspieler lustig macht und darüber lacht, wie schlecht sie spielen.

Derweil gibt es auch im Nebenraum A203 Neuigkeiten. Mike schreibt uns, dass die seit unserem Umzug leer stehenden Betten wieder besetzt sind. Zwei Taiwanesen sind eingezogen und Mike fragt sich direkt, wie lange sie es wohl mit Heizo aushalten: „I wonder how long they can survive.“ Tatsächlich soll er sie aber mit dem schwierigen Halbjapaner reden gesehen haben. Vielleicht tut es dem auch einfach gut, Landsleute um sich zu haben, mit denen er wenigstens die Sprache teilt.

In der Zwischenzeit hat Hasan seinen Film entwickeln lassen und sendet mir drei nachträgliche Aufnahmen zu, eine ältere und zwei von Wochenende:

Ihsans Abschied im Central Park v.l.n.r.: Hasan, Ich, Kaan, Ihsan
Zeltbrüder
Wanderglück

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