Freitag, 19. Dezember

Disclaimer: Ab sofort steht für alle später eingestiegenen oder unregelmäßigen Leser ein Charakterverzeichnis im Menü der Website zur Verfügung. Dort sind ohne Anspruch auf Vollständigkeit die meisten erwähnten Personen mit Namen und Nationalität aufgelistet.

Darren scheint durch unsere Ansage vor ein paar Tagen eingeschüchtert zu sein, was den abendlichen voice chat angeht, jedenfalls war die Stimmlage zuletzt etwas ruhiger. Dafür fällt seine morgendliche Störseite umso mehr auf, denn wer lange wach bleibt, schläft in der Regel auch lang. Nur dass er seinen Wecker trotzdem jedes Mal auf spätestens acht Uhr stellt und nicht nur Ewigkeiten laufen lässt, sondern fast jeden Morgen über eine Stunde hinweg immer wieder snoozt. Selbst im Halbschlaf, klopfe ich laut gegen den Schreibtisch, woraufhin ich ein paar Minuten Ruhe habe, bis es wieder losgeht. Hat der Junge eigentlich auch keine Kurse? Wie er um zehn Uhr immer noch ratzend zwischen den Deckenschichten liegen kann, ist mir ein Rätsel, schließlich studiert er hier wie die anderen Indonesier dauerhaft. Meine subtile Genervtheit wird auch nicht dadurch getrübt, wie Darren isst. Zwar schmatzen alle gleichermaßen nervtötend, aber wir teilen uns nunmal einen Schreibtisch. Ohne dass ich es will, brennen meine Spiegelneuronen zuletzt immer öfter durch und ich schmatze einfach so lange mit, bis mein Laptop Internet hat und mir gute Musik auf die Ohren legen kann. Dazu zähle ich vor allem das bereits vorgestern erwähnte Synthwaveset, das mich wieder friedlich stimmt. Die ersten beiden Tracks hängen mir seitdem in den Ohren.

Dann kümmere ich mich endlich um mein Fahrrad für die Januar-Tour, nachdem ich am Dienstag durch einen Website-Hänger aus Versehen zwei Exemplare bestellt hatte. Wäre ja blöd, wenn ich entweder zwei Zweiräder oder keines bekommen würde, nachdem ich quasi allen Menschen davon erzählt habe. Dazu suche ich den Giant-Store in Nanzih auf, die mir freundlicherweise helfen, die unzähligen chinesischen Emails zu sichten. Die Online-Zahlung mit Kreditkarte wird abgelehnt, aber die freundliche Mitarbeiter rät mir davon ab, alleine einen ATM zum Einzahlen aufzusuchen und gibt stattdessen ihre eigene Karte auf meinem Handy ein. Und dabei weiß sie noch nicht einmal von meiner schwierigen ATM-Vergangenheit! Jedenfalls geht dann alles sehr unkompliziert, die Bestätigungsemails ihres privaten Kontos landen allesamt in meinem Postfach und ich drücke ihr ein paar Tausenderscheine in die Hand. 7700$TD, genau genommen 208,21€ werde ich los, damit ich das „FastRoad SLR 2-L“ am 9. Januar im Taipeier „Nanjing Store“ abholen und exakt drei Wochen später dort wieder abgeben darf. Inklusive einiger Gadjets, die ich aber lieber erst vorstelle, wenn es soweit ist.

Die kleine Mensa hat in den letzten Tagen schon damit geworben, dass es heute kostenlose Fischsuppe gibt und neben meiner üblichen Bestellung werde ich direkt an den Pop-Up-Tresen mit Suppe verwiesen. Zwar hat die mit Fisch irgendwie nichts zu tun, aber süße Tarobällchen in warmem Ingwersaft sind sowieso besser. Durch ein Missverständnis snacke ich mir gleich zwei, in typisch überheblicher Ausländermanier. Bei Dylan klingeln die Alarmglocken, als ich „for free“ in den Mund nehme, allerdings traut er sich trotz enormen Appetits nicht, eine weitere mitzunehmen. Außerdem gönne ich mir wieder den extravagantesten Goldener-Apfel-Milchtee, solange ich noch von den billigen Mensapreisen (auch für taiwanesische Verhältnisse) profitiere.

Mittagessen, mein YouTube-Feed und die Gratis-Suppe zum Semester-/ oder Jahresende

Ab nächster Woche Donnerstag geht es für mich ja auf dreitägige Wandertour mit einer taiwanesischen Gruppe, in die ich über einen Mitstudenten aus archery gekommen bin. Im Line-Chat wird alles auf Chinesisch geschrieben, weshalb ich mich ein paar Tage vorher mal melde und über meinen Ausrüstungsstand informiere. Vielleicht kann der neue Gaskocher ja gebraucht werden und dazu wurde ich letzte Woche auf Nachfrage informiert, dass mein Schlafsack aus Alishan nicht warm genug sei und ich einen aus dem „club“ der Gruppe ausleihen soll. Damit nicht alles auf den letzten Drücker geschieht (die Hinfahrt beginnt schließlich schon am Mittwoch), stelle ich meine Fragen produktiv und versuche, konkrete Antworten zu bekommen. Der Organisator hat vor ein paar Tagen geschrieben, dass er wegen eines entzündeten Fußes raus ist, schreibt aber weiterhin fleißig mit den anderen. Ein Bild von meinem Wanderrucksack wird aber, so wie ich es interpretiere, als ordentlich klein belächelt. Chinesische Schriftzeichen mit Lach-Emojis fragen scheinbar ironisch, ob ich denn meine „uniform“ in den Händen tragen will. So als ob ich nicht übersetzen könnte, was die da schreiben. Finde ich schon leicht unangenehm und es besteht auch die geringe Chance, dass ich alles ganz falsch verstehe, aber mein Eindruck ist, dass sich dort manche für die größten Profis halten. Bestimmt sind sie das auch, aber statt über mich zu lachen, könnten sie auch sagen, woran es scheitert. Schließlich hat mein grüner Osprey schon eine Fünftageswanderung logistisch überstanden und auch Zelt & Schlafsack in Alishan waren kein Problem…

Mein Abendprogramm ist deutsch angehaucht. Zumindest wird im German Department eine Show veranstaltet, zu der sowohl Sascha als auch Julia mich eingeladen haben und mit denen ich danach feiern gehen will. Sascha bittet mich in das „College of Foreign Affairs“, wo es im Keller einen sehr großen Theatersaal gibt. André findet mich am Eingang und organisiert mir ein (kostenloses) VIP-Ticket neben den Lehrern ganz vorne. Ich muss aber noch auf einer Gesichtswand unterschreiben und eine Lunchbox mit „Brot“ entgegennehmen, schließlich sind wir auf einer deutschen Veranstaltung.

Jeder darf einmal signieren
„Brot“, Sticker und ein Programmheft – alles in der VIP-Geschenkbox

Sascha und Thomas sind bereits da, sowie weiteres Unterrichtspersonal in Form von Jens (ein taiwanesischer Deutschlehrer, den ich im September schon einmal kennengelernt hatte), eine angeblich empfindliche Sekretärin und ältere Lehrerinnen, die sich aufgrund ihres schlechten Englisch schämen, mit Sidd zu reden. Nunja, jedem ist etwas anderes peinlich, Sascha bspw. sieht seine unrasierten Nackenhaare als Fauxpas. Was sollen bloß die Hintersitzer denken, wenn sie nicht gerade mit seinem Parfüm beschäftigt sind? Thomas, dessen Persönlichkeit ich absolut noch nicht einschätzen kann, erzählt davon, wie wenig er sich aktuell emotional auf andere Menschen einlassen kann und witzelt über Julia, die sich im Januar angeblich die Haare pink färben will. „Sie ist ja eine Feministin“. Ich erfahre über die „Louisa girls“, die entsprechend ihrem Spitznamen viel Zeit im Uni-Café verbringen und mit denen der 31-jährige Thomas wohl „verheiratet“ ist. In deren Instagram-Storys sind die beiden Deutschen zu sehen, wie sie für lustige Fotos eingespannt werden und die Studentinnen, wie sie mit Bananen posieren. Kein Scherz, genau so. Die Sitzordnung im Theater ist ein ganz besonderes Schmankerl. Ich weiß bereits von gewissen Diskrepanzen unter den Lehreinheiten im German Department, Sascha erklärt mir zumindest, dass es verschiedene Teams gibt. Und so taucht natürlich wieder die äußerst weirde Lehrerin auf, die Sidd und mich im Gym belästigt hat und die auch Samstag nachts auf dem Campus nicht von mir lockerlassen wollte. Gott sei Dank erscheint rechtzeitig eine Schülerin, die die Leute im Saal zu ihren Plätzen geleitet und weist die verwirrte Frau an, sich einige Plätze weiter weg zu setzen. Tatsächlich sind die Plätze neben mir bereits besetzt, aber die Frau wird deutlich weiter weggesetzt, sodass sie alleine und mit einer großen Lücke zu uns platziert ist. Was für ein Front… Die Schülerin lacht verlegen, als ich mich bei ihr bedanke, was ich aber vielmehr aus Reflex denn aus Häme tue. „Die Schüler kennen die Lehrerbeziehungen besser als die selbst und haben allgemein eine sehr hohe emotionale Intelligenz“, befindet Thomas. Er setzt sich zu Sidd und führt laute Gespräche, die in noch lauterem Giggeln resümieren. Irgendwie erinnert seine Lache mich an alte deutsche Filme, in denen Familienväter sich über Flachwitze amüsieren und aus tiefstem Bauch hervorstoßen.

Dann füllt sich auch der Saal immer mehr (größtenteils mit taiwanesischen Deutschstudenten) und um gut 19 Uhr kann die Show beginnen. Zwei Studentinnen in Kostüm sagen sowohl auf Deutsch als auch auf Chinesisch an, worum es gleich gehen wird und dass wir alle hoffentlich nicht nur Spaß haben, sondern auch etwas lernen. „Es war keinmal“ vermischt so ziemlich jedes deutsche Grimm-Märchen, hat glücklicherweise kaum mit Weihnachten zu tun, soll dafür aber die Botschaft senden, dass man sich so akzeptieren soll, wie man ist. Oder so ähnlich. Leider verstehe ich nicht immer alles. Gleich zu Beginn startet die Aufführung zwischen den Rängen, Scheinwerfer leuchten auf die diskutierenden Charaktere und erst nach ein paar Sekunden checke ich, dass sie auf Deutsch reden. Der Abschlussjahrgang (4. Jahr) gibt natürlich sein Bestes, aber mehr als das geht natürlich nicht. Erst als die Szenerie fünf junge Prinzessinnen zeigt, deren Prinzen sie verlassen haben, kann ich die Handlung immer besser fassen. Eine von ihnen wird von einem Jungen in gelbem Kleid gespielt, mit Abstand die beste Leistung des Abends. Nicht nur ist sein Deutsch klar verständlich, er scheint auch außerordentlichen Spaß an der Rolle als Prinzessin zu haben. Jede der Frauen ist in einem Punkt recht eitel (ob schöne Haare oder Schönheitsschlaf) und zusammen überlegen sie, wie sie ihre Männer wiederfinden können.

Der arme Wolf wird aufgemuntert

Dazu ziehen sie los und erleben auf ihrer Reise einige kleine Abenteuer mit abgespeckten Märchenfiguren. Dazu zählen eine böse Hexe und ihr Liebhaber, der böse Wolf, Rotkäppchen und ihre Großmutter, Pinocchio und schließlich ein Spiegel im Wald. Dieser soll den Suchenden Antwort geben, neben „Wer ist am schönsten“ wird auch nach den Prinzen gefragt. Schließlich: „Eure heutigen Fragen sind aufgebraucht“, eine schöne ChatGPT-Referenz.

Frau Spiegel im Wald

In der Pause lerne ich Dennis kennen, ein weiterer Deutscher, den ich noch nie gesehen habe und der wohl irgendwo irgendwas unterrichtet. Wenig Haare auf dem Kopf, große schwarze Brille, er könnte fast Architekt sein. Seine Stimme ist weich wie Samt und die generelle Art etwas unterwürfig, er erzählt mir von seiner Heimat Beeskow-Buckow und dass er dort in der queeren Community aktiv ist. Ein ganzes Jahr verbringt er in Taiwan und obwohl er noch bis nächsten August oder September Zeit hat, lohnt es sich in seinen Augen quasi gar nicht mehr, mit Chinesisch lernen anzufangen. Stimmt, besonders mit der Einstellung. Allerdings muss ich zugeben, dass meine Motivation ebenfalls langsam nachgelassen hat, wenn auch anders bedingt: der Kurs ist bald vorbei und jedwedes Interesse an schwierigeren Inhalten meinerseits wurde konsequent abgeblockt – immerhin habe ich es versucht. Von meinem Fahrradplan ist Dennis aber begeistert, lässt sich von mir einen Guide schicken und kündigt an, mich dazu noch Sachen fragen zu wollen. Na gut, schauen wir mal was wird. Mario ist auch hier, und an der Unterschriftenwand müssen Sascha und ich dafür sorgen, dass Sidd seinen Avatar nicht in Klein-Hitler verwandelt, denn „die Inder haben da ein ganz anderes Verständnis“. Tatsächlich bekomme ich von Sidd häufiger Reels, die wahlweise Nazipokémons, versehentliche Grüße im 120-Grad-Winkel oder „Auf der Heide“-Mashups behandeln. Damit ist Sidd aber nicht allein, ich habe schon ganz andere Dinge gehört. „Wären Dilan und seine Leute hier, gäbe es schon längst zwei weitere Hitlergesichter“, meint Sascha.

Die zweite Hälfte des Theaters ist etwas kürzer, die Prinzessinnen finden nämlich ihren Weg zu den Prinzen und alles geht gut aus. Auch Rotkäppchen und ihre Großmutter versöhnen sich, trotz Helikopterverhalten seitens der Oma. War ich am Anfang noch unschlüssig, überzeugt mich das Theater immer mehr. Dass die Studis es angeblich selbst geschrieben haben, ist aufgrund der vielen jugendlichen Anspielungen zwar logisch, beeindruckt mich aber trotzdem. Jens, der neben mir sitzt, ist anscheinend der Lehrer der Theatergruppe und kichert bei jeder Gelegenheit, findet großen Gefallen daran. Letztendlich kommt es auf die schauspielerische Leistung an, ob man Gefallen daran findet. Sogar Sidd kann über alles lachen, denn er übersetzt konstant die chinesischen Untertitel auf der Leinwand und versteht so das meiste. Besonders lustig findet er, dass „the boy in the yellow dress acts more like a woman than the girls do“. Dazu fällt ihm passenderweise ein, dass er ein Transgendermädchen im Dorm gesehen hat, welche letztes Semester noch in unserem Gebäude war. „I thought like: What the fuck does a girl do in the boys dorm? But maybe it was a transition phase or so“, dazu lacht er laut. Schließlich heiratet die Hexe ihren Freund, weil sie sich selbst akzeptieren kann und das Publikum klatscht.

Comedy-Gold von Pinocchio

Während sich alle riesig über die gelungene Aufführung freuen und ich bemerke, dass die weirde Lehrerin schon zur Pause abgehauen ist, lässt Sascha mich noch einmal etwas tiefer ins deutsche Department blicken. Es ist nicht nur zwischen der Verwirrten und dem Rest gespalten, auch eine andere Frau zählt wohl nicht zum engeren Kreis. Als die Theatergruppe sich verbeugt (es sind wohl an die 30-35 Leute), kommentiert Sascha trocken: „Da ist die Regisseurin, die habe ich in der mündlichen Prüfung fast durchfallen lassen. Das hier macht sie aber gut.“ Obwohl man sehr einfach bestehen kann, hat es einige Durchfälle gegeben, denn beim Verpassen des Prüfungstermins hört es endgültig auf. Ansonsten lobt er Heizo, der im Vergleich zu den midterms (wo er zu Recht gnadenlos durchgefallen war) richtig zugelegt hat. Als absolut Einziger habe er bei der formalen Begrüßung erwidert: „Und wie geht es Ihnen?“ Sascha überlegt: „Sagt das jetzt was über Heizo aus oder über die anderen?“ Ich denke, aufgrund dessen, was wir über Heizo wissen, definitiv letzteres.

Nach den Verbeugungen springt Jens auf die Bühne und reflektiert kurz den Entstehungsprozess des Stückes, bevor das wirklich deutsche Lehrpersonal auf die Bühne gebeten wird. André darf eine Rede halten, in der er besonders Thomas und Sascha dankt (die im Schlussspurt geholfen haben) und die Leistung der Schülerinnen und Schüler würdigt. Er selbst hat laut Sascha, meiner heutigen Informationsquelle, kaum beigetragen, aber das ist sekundär.

Andrés Dankesrede
Ein Dank an das helfende Kollegium

Dann werden jede Menge Fotos gemacht, von der Theatergruppe, vom Publikum mit hochgestreckten Daumen, von Einzelkonstellationen und schließlich Schüler mit ihren Lehrern. Das finde ich echt süß, besonders weil man den Abschlussstudis Stolz und riesige Freude ins Gesicht geschrieben sieht. So eine Beziehung von Lehrpersonal zu den Unterrichteten ist wirklich besonders und funktioniert vielleicht nur, wenn die eine Partie in den Augen der anderen exotisch aussieht und von weit her kommt. Bei der abschließenden Ansage fängt sogar die sprechende Studentin an zu weinen und fällt ihren Freunden in die Arme.

Thomas und André heben artig beide Daumen
Die Theatergruppe mit unterstützenden Lehrern
Auch ich bekomme ein Fanfoto mit André

Es ist schon halbwegs spät, aber der Abend dennoch jung. Auf dem Plan stehen noch ein sehr deutsch besetztes Abendessen sowie ein Besuch im „Oto Basho“, endlich feiern mit Julia. Seit unserem Kennenlernen im September bestand unsere halbe Kommunikation daraus, über Ravetraditionen, gute Clubs in Berlin und schließlich die bestmöglichen Pendants in Taiwan zu reden. Insofern wollen wir langsam los und Thomas ist plötzlich unglaublich genervt, dass Julia es sich erdreistet, weiterhin Fotos mit ihren Schülern zu machen. Wirklich, das geht nun gar nicht, aber ich rate Thomas einfach, mit mir vorzugehen, gerade wenn er eh noch eine rauchen will. Stattdessen hat er aber Spaß am Sticheln aus dem Off und geht sogar nochmal runter, um seinen Senf dazuzugeben.

Beachtlich großer Theatersaal am First Campus

Schließlich gehen wir alle gemeinsam. Es fällt der erste (leichte) Regen seit bestimmt anderthalb Monaten, eine angenehme Abwechslung. Thomas‘ Anspielungen, die in etwa wie folgt klingen, bewirken bei mir leichten Fremdscham und auch Julia wirkt etwas vor den Kopf gestoßen: „Es ist ja auch wunderschön hier, da macht es auf jeden Fall Sinn, diesen Ort auszukosten“. Allerdings geht das Gespräch danach sehr normal weiter, vielleicht ist das Ganze auch normal. So gut kenne ich beide ja nicht. Mit Sidd bringe ich die „Brotboxen“ ins Dorm, denn irgendwie haben die sauerteigliebenden Deutschen kein gesondertes Interesse an hochglasiertem Weißbrot mit melonigen Rosinen. Als wir uns dann vor dem Haupteingang des Campus treffen, ist Sascha bereits weg, obwohl genau er mich ursprünglich ins Restaurant eingeladen hatte. Auf einem Date, wie ich höre, also ist seine indische Beziehung geöffnet, vermute ich.

Mit Julia, Xandro (ihrem Freund), Thomas, Sidd und Bao (eine vietnamesische Praktikantin im German Department, mit der man sich hervorragend auf Deutsch unterhalten kann) jagen wir auf YouBikes durch Nanzih, wobei uns fehlgeleitete Koordination als Geisterfahrer auf die falsche Straßenseite bringt. „Die Julia und der Xandro, die würden gut nach Berlin passen mit ihrem Fahrstil“, entscheidet Thomas, der seinen Ärger immer noch nicht verdaut zu haben scheint.

Das Restaurant der Wahl serviert japanisch und Julia kennt die Kellnerin, die uns einen Tisch zuweist. Das Lokal ist nicht groß, aber schön eingerichtet. An den Wänden hängen Mashups von der großen Welle, der Mona Lisa und weiteren bekannten Motiven. Dazu kommt Musik und eine großzügige Speisekarte mit vielen japanischen Snacks, die Julia (sie ist zum Teil Taiwanesin) für die gesamte Gruppe bestellt. Es passt also perfekt, dass Thomas jetzt gerne über die zu strikten deutschen Maßnahmen in der Covid-Pandemie reden möchte. Xandro hat keine Wahl, als ihm respektvoll zuzuhören, auch wenn ich ihn von der Seite anfeixe. Möglicherweise bin aber ich es, der den Vibe falsch einschätzt, jedenfalls gibt der Wiener eine aufmerksame Antwort und verteidigt die Unwissenheit über die Krankheit damals. Immerhin weiß Thomas von verlorenen Freundschaften aus der Zeit und es sei ihm wichtig, ins Miteinander zurückzufinden. Weiterhin geht es ihm um die positive Diskriminierung (auch das Wort Rassismus fällt), die er tagtäglich in Taiwan erlebt, auf jeden Fall wird er öfter angestarrt, als ihm lieb ist. Den Punkt gette ich immer noch nicht, denn damit kann und muss man rechnen, wenn die Entscheidung fällt, in ein Land zu gehen, in dem man wahlweise wie ein europäisches Alien oder halt ein vieltrinkender Gallier mit britischem Akzent gesehen wird.

Erster Gang, japanisches Restaurant

Julia und Xandro fragen mich, wann ich denn zurückmuss und sind einerseits überrascht, dass ich das Ausland so weit über das Semesterende hinaus auskosten werde und andererseits verwundert, warum ich nicht noch länger bleibe. Da treffen sie einen guten Punkt, denn für mich ist schon länger klar, dass ich gerne länger bleiben würde, wenn ich nur könnte. Zu Anfang habe ich allen Taiwanesen natürlich gesagt, dass ich das Land wegen so vieler Dinge liebe (allem voran der Kultur, der Natur und dem Essen). Aber je länger ich hier lebe und je länger meine Gedanken sich damit befassen, desto mehr wünsche ich mir, noch ein Semester dranzuhängen. Da haben die Jungs in der Central-Park-WG eine sehr richtige Entscheidung getroffen. Was übrigens ein sehr gutes Zeichen ist, denn es bedeutet, dass ich mit diesem Semester ebenfalls eine sehr gute Entscheidung getroffen habe. Den größten Vorteil von mehr Zeit hier würde ich mir von besserem Chinesisch versprechen, für das ich einerseits mehr Zeit und anderseits noch mehr Motivation aufbringen könnte. Julia erzähle ich dann, wie wenig Ahnung ich für die Zeit nach dem Bachelor habe und wie sehr ich mit meiner Berufswahl zweifle, allerdings habe ich hier schon ganz gut in mich reinhorchen können. Mein literarisches Pensum sowie mein weiterhin stetes Interesse an Politik und Kultur weisen mir einen alternativen Weg, sollte ich künftig wirklich einen Plan B oder C brauchen. Thomas schlägt vor, dass ich mich auf seine Stelle (Deutschlehrer an der High School) bewerben könnte, mit 39.000€ verdiene man dort nicht nur für taiwanesische Verhältnisse akzeptabel. Das klingt sehr verlockend, auch weil ich noch gar nicht in diese Richtung gedacht habe, allerdings hätte ich ein ganz schlechtes Gefühl dabei, meine Bachelorarbeit noch weiter zu verschieben. Schon jetzt habe ich länger an keinen Entwürfen gearbeitet, ein schwieriger Umstand. Achso, einen Abschluss brauche ich für seine Stelle sowieso, fällt Thomas dann ein. Die komische Lehrerin aus dem deutschen Fachbereich wird übrigens einstimmig als so betrachtet, genauso wie der Fakt, dass sie in ihrem Büro wohnt. Julia merkt an: „Sie ist zwar super weird, aber kein böser Mensch.“

Ohne dass ich eine finanzielle Transaktion beobachten kann (das geht wahrscheinlich auf Julias Kappe), gehen wir um ca. null Uhr, der Kassenmann verteilt Kaubonbons mit breitem Grinsen. Sidd und Bao machen sich wie selbstverständlich auf den Heimweg, die restliche Vierer-Truppe wartet auf den Uber.

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