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Der Uber bringt Julia, Xandro, Thomas und mich ziemlich schnell nach Kaohsiung-Ost, direkt vor den Eingang vom „Oto Basho“. Der Club ist nicht nur der einzig reine Technoclub in ganz Kaohsiung, er ist mehr oder weniger unauffindbar, solange man nichts von ihm weiß. Eine Seitenstraße, die genauso gut Obdachlosenterritorium sein könnte, starrt uns an, als wir aussteigen. Etwa zehn Leute mit Kapuzen, Zigaretten und taiwanesischer Streetwear hockt vor dem Eingang, der diesen Namen eigentlich nicht verdient. Denn zwischen lauter runtergelassenen Garagenrollos gibt es nur eine unscheinbare Tür und ein unbeleuchtetes Namensschild, das auf Musik hindeutet. Letztere hört man hier nicht und der DJ, auf den Julia gespannt ist, hockt auch hier draußen. Zumindest meint sie, sein Gesicht zu erkennen, wir haben uns vorhin kurz seinen Instagramauftrutt angesehen. Direkt aufgefallen ist, dass sowohl er als auch der Club damit werben, dass er schonmal in Berlin aufgelegt hat, ein Ritterschlag für asiatische DJs. Ich weiß natürlich, dass das nicht viel heißen muss und wir gehen rein. Die Location liegt im Keller, weshalb nichts nach außen getönt ist, allerdings ist es auch nicht besonders laut. Obwohl ich keinen Ausweis dabei habe (ich hätte nur den Reisepass), komme ich mit der nichtsaussagenden Studentenkarte rein. Schließlich kassieren sie mit 800$TD echte Berliner Clubpreise ab, über 20€ sind das. Aggressiv bekomme ich einen Stempel auf die Handrückseite gepresst. Und dann handelt es sich beim Oto Basho auch noch um einen einzigen Raum in Wohnzimmergröße. Das sei Bier sei aber billig, meint Xandro und gibt erstmal eins aus (150$TD, also an die 4€ pro Dose).
Der Dancefloor ist zwar klein, aber dafür eben eine freie Fläche ohne Schnickschnack. Die Bar liegt hinten im Raum gegenüber vom DJ und eine Garderobe braucht es nicht, wir sind ja in Taiwan. Julia legt ihre Jacke einfach auf einen Tisch im Flur und Thomas stellt seinen Beutel auf der Tanzfläche an den Rand, also tue ich es ihm nach. Insgesamt sind vielleicht 25-30 Leute vor Ort, am Tanzen sind aber immer nur so an die 10-15. Tatsächlich wäre es mit allen Gästen auf einmal auch sehr voll, aber es geht klar. Mit der Musik komme ich prinzipiell klar, nur zwei Sachen verwirren mich. Einerseits dauern die Tracks nicht so lange, bzw. switcht der DJ viel zu schnell, und zweitens bestehen die Übergänge aus viel zu langen und speziellen Samples, die entweder bekannte Melodien aus den Mario-Spielen oder scheinbar bekannte Memes sind. So oder so kommt man aus dem Rhythmus und muss aufhören zu tanzen. Besser als im „COCCO&CO.“, wo ich damals mit Tiger war, ist es aber ohne Frage. Auch die Leute, die tanzen, sind viel mehr bei der Sache, da fühle ich mich direkt wohl. Ein Typ fragt mich, ob ich das erste Mal hier bin und reckt freudig den Daumen nach oben, ganz nach dem Motto: „Willkommen!“ Der Männeranteil ist vermutlich trotzdem bei 70-80%, Techno ist hier aber auch etwas total Nischiges. Das Einzige, was mich richtig stört, sind zwei Junge, die die ganze Zeit mit einer großen Kamera über die Tanzfläche laufen und ohne Pause filmen. Vermutlich machen sie es für den Internetauftritt des Clubs oder ein anderes Projekt, aber schamlos halten sie das Objektiv auf diejenigen, die gerade in der Musik aufgehen und nichts mitbekommen. Auch Julia und Xandro sind verwirrt, beim bisher einzigen anderen Mal, das sie hier waren, gab es das nicht. Weil es mich irgendwann nervt, stelle ich mich tanzend direkt vor die Kamera und später drehe ich den Spieß um, filme den Typen selbst. Anders als in prestigeträchtigen Berliner Clubs hat man hier von Kameraverboten noch nicht gehört, im Gegenteil. Jede Promo ist willkommen, kein Stress diesbezüglich. Taschenkontrollen gibt es übrigens auch keine, Julia trinkt zwischendurch entspannt ihr Wasser.

Der zweite DJ, also derjenige, der schonmal in Berlin aufgelegt haben soll, führt den bouncigen Musikstil seines Vormusikers fort, mit etwas besseren Übergängen, wenn auch immer noch äußerst kurzen Trackabschnitten. Außerdem fühlt er seine Aufgabe sehr und geht hinter dem Pult ziemlich ab. Unter den Tanzenden werden Fächer mit Clublogo rumgereicht und ich bekomme abwechselnd von Thomas und von Xandro Bier in die Hand gedrückt. Über den Abend summiert sich die Zahl auf vier, keine Ahnung warum.
Nach einer Weile, es dürfte schon zwei, halb drei sein, müssen wir alle mal verschnaufen und stellen uns in den Nieselregen an die Straße. Der Hauptact-DJ sitzt verschwitzt auf der Bordstein-Anhöhe und ist sichtlich zufrieden mit seiner Leistung. Julia spricht ihn an und informiert darüber, dass sie aus Wien und ich aus Berlin komme. Das und das indirekt damit verbundene Lob wecken seine Aufmerksamkeit, er gesellt sich zu uns. Er trägt eine blaue Retrojacke, hat blond gefärbte Haare und grinst über die volle Wangenbreite. Dass er tatsächlich auch in Berlin lebt, überrascht daher umso weniger. Miki heißt er, und zwar ist Taiwan seine Heimat, zum Masterstudium an der FU (irgendeine Geisteswissenschaft) lebt er aber seit einiger Zeit in Friedrichshain, Warschauer Straße. Wo auch sonst, Südberlin kann man sich als hippe Person ja auch nicht antun. Aktuell ist der Kollege für drei Wochen in Taiwan, wird an Silvester aber wieder irgendwo in Berlin auflegen. Auch hier ist er eigentlich nur deswegen, morgen geht es nach Taichung, dann Taipei und wohin seine Aufträge ihn noch so führen. Dass ich in Neukölln wohne, beeindruckt ihn schwer und er schlägt direkt vor, nächsten Juni eine „reunion“ zu machen. Julia und Xandro werden da nämlich einen Monat lang in Berlin wohnen und haben sich auf meine Empfehlung hin bereits eine Wohnung am Innsbrucker Platz angemietet. Allerdings tritt er auch in Wien auf (wo eigentlich nicht?), also sollen wir alle am besten nach Wien kommen. Miki könne uns übrigens überall bis auf im Berghain „guestlist“ besorgen. Mit seinen Fingern macht er eine Wischbewegung und lächelt, „wish, wish“. Bro, wenn du schon so angeben musst, dann mach doch ohne Einschränkungen. Ich frage noch, ob er auch auf Raves auflegt, und tatsächlich sei das seine beste Methode, Reichweite zu generieren. Eine Rave-Story von ihm hat mal 600 neue Follower generiert, darauf scheint er mächtig stolz. Des Weiteren zeigt er, welchen Berliner Slang er draufhat: „Flasche!“ und „Digga“ müssten mich zutiefst beeindrucken, ich habe da wohl echt einen krassen Typ vor mir.
Dann gehen wir wieder rein, denn auch die letzte DJane der Nacht will gehört werden. Zuerst unterhalte ich mich aber noch ein wenig mit Miki, wir tauschen unser Instagram aus, man weiß ja nie. In Teipei gebe es nur drei richtige Technoclubs, sagt er, und natürlich legt er selbst nächste Woche in einem davon auf. Ob er in Berlin anders auflegt als in Taiwan, will ich wissen. Kritisieren wollte ich ihn in dem Zustand vielleicht besser nicht, insofern bin ich stolz auf meine Frage. Tatsächlich ja, sagt er. „Ah, is it about the length of the tracks? Because they were a littlebit short“, grätsche ich rein. Das gibt er dann zu und hat auch gleich eine Begründung parat: „You know, here all the people don’t take so much drugs, so they can’t handle long tracks.“ Interessant, aber vielleicht können Taiwanesen tatsächlich nur dann ihre Aufmerksamkeitsspanne aufrecht erhalten, wenn sie ordentlich drauf sind. Ich erfahre außerdem, dass in Berlin „hard techno and trance are basically dead. There was this famous DJ and he played hard tec and nobody danced to it. I also didn’t believe first, but it’s true.“ Tatsächlich habe ich da meine Zweifel, alleine schon, weil ich selbst diesen Sommer einiges an hard techno gehört habe. Außerdem stößt mir auf, dass mir ein Berlin-Fanboy erklären will, wie die Stadt funktioniert. Aber was weiß ich schon. Eine Freundin von Miki wird mir noch kurz vorgestellt, Keo heißt sie, dann verabschiede ich mich auf die Tanzfläche.
Die DJane hat aufgrund der späten Uhrzeit etwas weniger Publikum, macht aber nicht weniger gute Musik. Ich persönlich feiere den schnelleren Beat und die nicht vorhandenen Experimente mit schrägen Einspielern. Miki tanzt sich in die DJ-Booth, legt kurz einen Arm um sie, fast so als ob er zeigen will, dass er es kann, dann geht er wieder. Ich hab verstanden, der Junge hat’s drauf. Neben uns Deutschsprachigen tanzt vor allem eine Gruppe, die alle Rucksäcke in Pokémon-Form aufhaben, ein sehr cooles Gadjet. Thomas fühlt die Musik auch und bewegt alle Extremitäten im Takt und dazwischen. „Das ballert, was?“ höre ich durch den Lärm der Boxen und kann nur nicken, nach so vielen Bier logisch. Durch den kleinen Raum ist die Beschallung auf einem nicht zu unterschätzenden Level, Julia hat schon seit Anfang irgendwelche Stecker im Ohr. Die Kameraleute sind nicht mehr da (bei unter zehn Leuten lässt sich die Tanzfläche vielleicht auch nicht mehr so gut vermarkten), dafür steht jetzt eine dauerhafte Kamera am DJ-Pult.
Ich werte es als gutes Zeichen, dass ich auch um vier Uhr noch keinmal von selbst auf die Uhr geschaut habe, es macht wirklich Spaß, nach so langer Zeit mal wieder zu tanzen. Den anderen geht es genauso und wir befürchten das Schlimmste, als der breite Türsteher in die DJ-Booth spaziert und der Musikerin eine Ansage macht. Vermutlich will sie den Track noch zuende spielen, aber nach zwei Minuten wird ihr einfach der Strom abgedreht und aus ist der Spaß. Die Degradierung schmerzt sie bestimmt und sie hebt entschuldigend die Hände, aber alle Verbleibenden klatschen und ein auf die Tanzfläche spazierender Hund nimmt alle Aufmerksamkeit auf sich. Wir werden rausgescheucht und bestellen uns ein Rückweg-Uber.
Julia erzählt auf der Fahrt, dass Miki später zu ihr gekommen ist und gesagt hat, dass er in Berlin/Wien ganz anders auflegt als hier, mit weniger Trackwechseln. Da hat wohl jemand Schiss bekommen, irgendwie freut mich das ein bisschen. Julias Theorie ist jedenfalls, dass er Berlin einfach nur toll findet und den Leuten von dort gefallen will. Außerdem werde man bei einem gewissen Level an Fame auch arrogant, das stimmt wohl. Wie bekannt der Junge jetzt wirklich ist, kann ich kaum sagen, wenn ich mal seine 3.500 Instagramfollower außen vor lasse. Jedenfalls glaubt Julia auch, dass er heute irgendwas genommen hat, wogegen ich zwar widerspreche. Beim Schreiben dieses Textes fällt mir aber auf, dass er durchaus einige Koksermerkmale aufweist. Das Ich-Fokussierte und die schamlose Energie allem voran. Grundsätzlich schätze ich die Clubgänger im Oto Basho aber auf keine Drogen ein. Ich würde sogar eine 0%-Quote für nicht ausgeschlossen halten, den DJ ausgenommen.
Das Taxi hovert uns durch das nächtliche und ruhige Kaohsiung, nur der große Bildschirm neben dem Lenkrad stört. Tatsächlich hat es heute Abend einen Anschlag in Taipei gegeben, mit drei Getöten und einigen Verletzten. Mit leicht nachdrängenden Ohren und definitiv nicht nüchternem Kopf lässt sich das schwer ertragen, Thomas schaltet sofort um und fortan lauschen wir taiwanesischem Pop, „Jay Chou“ trällert uns nach Hause. Julia, Xandro und Thomas wollen übrigens weder Geld für das durchaus teure Essen noch für den Uber haben. „Bei uns gleicht sich das immer aus, heute bin ich dran“ meint Thomas und macht gleichzeitig klar, dass ich bestimmt nicht drankommen werde. Nachdem die beiden Wiener raus sind, fragt Thomas mich, wie alt ich die beiden schätzen würde. „Schwierig. Tendenziell Anfang bis Mitte 30, aber so wie du es fragst, eher an die 40.“ Da ich wohl gut, anscheinend geht es sogar in Richtung meines doppelten Alters, „so genau zu sein, wäre ja unhöflich, das sagt man nicht.“ Verrückt, denn sowohl Julia als auch Xandro könnten auf den ersten Blick auch Ende 20 sein, ganz ehrlich.
Ich hatte schon überlegt, direkt in der Stadt zu bleiben, aber allein um frischer Klamotten willen lege ich mich gerne ins Dorm. Nach gut dreieinhalb Stunden Schlaf quäle ich mich um halb zehn raus, denn ich weiß, dass hinter Müdigkeitsüberwindungen oft tolle Erlebnisse erwarten. Außerdem habe ich heute das letzte Mal die Chance, Fabian zu sehen, bevor er morgen den Abflug macht. Er hatte mich vor einigen Tagen gefragt, ob ich heute mit ihm einen viel gehypten Boxkampf sehen möchte, da konnte ich nicht nein sagen. Es regnet immer noch ganz leicht, quasi meine Gesichtsdusche, während mich die YouBike-Fahrt wieder wachrüttelt. Mit einem 7/11-Kaffee und einem Onigiri klingele ich Fabian runter, der ganz anders aussieht, seit er vor ein paar Tagen beim Friseur war und sich für 3000$TD (über 80€) eine Dauerwelle hat machen lassen. Er freut sich, dass ich trotz der Strapazen gekommen bin und zunächst schauen wir einen der vielen Vor-Fights an. Zwei vermutlich recht bekannte Boxerinnen liefern sich einen wenig spektakulären Fight, während Fabian mir die wichtigsten Regeln erklärt. Die Boxschläge von Frauen sind häufig zu schwach, um ihre Gegnerinnen K.O. zu schlagen, weshalb deutlich mehr Fokus auf den Kampfrunden und Punktzahlen liegt, die sich entsprechend in die Länge ziehen. Gekämpft werden normalerweise acht Runden à drei Minuten, und solange niemand K.O. geht (was entweder bedeutet, dass eine Partie zehn Sekunden lang nicht wieder aufstehen kann oder dass sie mehr als dreimal niedergeschlagen wird), bekommt am Rundenende eine Person zehn und die andere neun Punkte, je nach Dominanz. Am Ende gewinnt logischerweise, wer mehr Punkte auf dem Konto hat. Auch hier umkreisen sich die beiden Boxerinnen und bis auf ein blaues Auge kommt niemand wirklich zu Schaden. Der amerikanische Kommentator erwähnt trocken, dass sich der boyfriend der einen Boxerin umgebracht hat und nach acht Runden gewinnt ihre Gegnerin.

Dann stößt auch Himhim dazu, während Fabi sich unbedingt den Kaffee holen muss, den ich dabeihabe und den er noch nie gesehen hat. Der Hongkonger hat ebenfalls noch nie aktiv Boxkämpfe geschaut und stellt fast die gleichen Fragen wie ich. In seiner ganz eigenen Art fragt er, ob wir danach auch boxen wollen und dass ich ihn bitte nicht schlagen soll, weil er so schwach sei.
Nun aber zum richtigen Kampf. Jake Paul, dessen YouTube-Kanal über 20 Mio. Abonnenten zählt und der vor etwa fünf Jahren seinem älteren Bruder Logan Paul aus dem Lifestyle-Content in Richtung Boxkarriere gefolgt ist, trifft auf den zweifachen Weltmeister im Schwergewicht, Anthony Joshua. Eigentlich eine glasklare Angelegenheit, wie Fabian erklärt. Jake Paul hat seine Kampfstatistik mit Siegen gegen pensionierte Weltgrößen aufgehübscht, aber der britische Gegner sei einfach viel zu stark für ihn. Statt findet das Event wohl hauptsächlich wegen der Aufmerksamkeit und der damit für beide Kämpfer verbundenen Einnahmen (90 Mio. $US hat allein der kleine Amerikaner damit verdient, kommt später raus). Erste Runde K.O., tippt Fabian, die Quoten auf Anthony Joshua werden im ganz niedrigen Nullerbereich hinter dem eins Komma liegen. Jake Paul glaubt aber an seinen Sieg, hat viel meditiert und sich sehr lange auf den Kampf vorbereitet. Siegesgewiss tanzt er in die Arena und rappt mit einem bekannten Sänger seinen Auftritt, während der wahre Profi ruhig und fokussiert bleibt.
Die Rollen sind also klar verteilt und es geht vor allem darum, wie lange der blonde Kampfzwerg aushalten kann, bevor er niedergestreckt wird. Man fühlt sich fast wie das römische Bürgertum, das den Gladiatoren zuschaut und tippt, wie lange ihr Lebensatem sie vor den übermächtigen Bestien beschützen wird. Alles andere als ein frühes Knockout wäre für Anthony Joshua eine peinliche Blamage, so wirkt es auf mich. Und tatsächlich zeigt er von Beginn an eine enorme Dominanz. Nicht nur aufgrund dessen, dass er mindestens einen Kopf größer ist und im niedrigen zweistelligen Bereich mehr wiegt. Er jagt den vollbärtigen Blondling durch den Boxring, der angeblich größer ist als normal, extra für das „Jake vs. Anthony“-Event.
Allerdings macht Jake Paul sich gar nicht so schlecht, weicht in den richtigen Momenten aus, klammert sich im richtigen Moment an seinen Gegner, sodass der Schiedsrichter die beiden trennt (trotz heftiger Schläge von Joshua) und kann sogar wenige Treffer auf den Profi landen, wenige Male sogar ins Gesicht. So kann man den Eintritt in die folgenden Runden zumindest anfangs nicht nur als Rettung beschreiben, sondern auch als Fortsetzung des Kampfes. Ab Runde vier oder fünf allerdings muss er anfangen, einzustecken und liegt einige Male auf dem Boden. Auch wenn er bei der angezeigten Zahl acht immer wieder aufsteht, sieht man ihm die Anstrengung und Unterlegenheit an. Schließlich kann er sich immer schlechter wehren, die Zeitlupen zeigen, wie der Schweiß vom Aufprall der Kinnhaken umherspritzt. In Runde sechs ist es dann endgültig vorbei, beim zweiten oder dritten Knockdown schafft Jake Paul es gerade so nicht mehr, zu Sekunde zehn aufzustehen. Zuvor hat er blutige Schläge auf den Kiefer bekommen und reißt erstaunt die Augen auf. In den anschließenden Interviews im Ring erwähnt er beiläufig, dass sein Kiefer gebrochen sein dürfte und gibt an, dass der Kampf vor allem an seiner Cardio gescheitert sei. Anthony Joshua zollt ihm jedenfalls Respekt für sein Versuchen und weicht den unangenehmen Fragen aus, warum er seinen Gegner nicht schon viel früher bezwungen hat. „You know, man, it’s fighting, you‘re gonna get hit, it happens“, verteidigt er auch sein Einstecken.
Eigentlich hatte ich vor, den Rest des Tages auf der Couch zu schlafen, während Fabian seinen Koffer packt, aber das Koffein hat mich in einen normalen Tagesablauf katapultiert und irgendwie landen wir drei am Küchentisch bei ein paar Runden „Uno Flex“. Eine Variante, die die Jungs hier in einer Mall gekauft haben und bei der es mal wieder ein paar neue Spielregeln gibt. Aktionskarten, viele Gegner-ziehen-lassen-Karten ohne Stackoption und mit neuen Möglichkeiten, Farben zu legen. Wie die meisten minder komplizierten Kartenspiele macht es Spaß, nur wollen meine Decks nicht so ganz. Nach ein paar Runden kündige ich an, jetzt mal gewinnen zu wollen. Fabian und Himhim schlagen vor, dass wenn ich in den nächsten fünf Spielen nicht gewinnen sollte, eine Challenge absolvieren muss. Nach vier letzten Plätzen flehe ich sie an, nicht gegen mich zu spielen, auch wenn das Spiel fast komplett auf Kartenglück beruht. Natürlich verliere und baue eine bemerkenswerte Streak auf. Nach ziemlich genau viereinhalb Stunden kann ich dann einen ersten Sieg verzeichnen, draußen ist es inzwischen dunkel und der abendliche Weihnachtsmarkt tönt herauf. Mit der Performance werde ich wohl lange verbunden bleiben, die Häme lasse ich aber abperlen, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich das Ganze lustig finde oder einfach nur frustriert bin. Der Wermutstropfen: Ich darf die Musik machen, denn eine Art Musik-Party ist mit den YouTube-Music-Abos der beiden nicht möglich. Fabian ist die erste Person, die ich kenne, die sich YouTube-Premium gekauft hat. Das sagt irgendwas über ihn aus, ich kann es nur noch nicht ganz beschreiben.


Himhim und Fabi wollen, dass ich im Park auf die Bühne des heutigen Konzerts gehe und bitte, ein deutsches Weihnachtslied singen zu dürfen. Himhim hatte zuerst vorgeschlagen, dass ich für ihn asiatische Mädchen ansprechen soll, quasi als Wingman, aber Fabian findet das zu einfach. Glücklicherweise sieht es kaum so aus, als könnte ich einfach auf die Bühne gehen, denn unten drängen sich die Massen und fiebern dem anscheinend prominenten Gast entgegen. „Gummy B“ ist ein junger taiwanesischer Künstler und singt eine Menge Popsongs, bei denen manche Fans sogar kreischen. Himhim lehnt meine Verkupplungsangebote ab, betont aber, dass er nicht gay sei. Alternativ muss ich versuchen, glitschige Steine eines Teiches zu überqueren, allerdings stellt das die geringste Herausforderung dar. Die Atmosphäre ist toll, auf dem Hauptplatz fliegen wieder gasige Seifenblasen umher, die sich bei Berührung in Rauch auflösen. Weihnachtliche Klänge ertönen, Familien sitzen auf einer Anhöhe, lassen ihre Kinder in Säcken den Hügel abrutschen und schauen auf den großen Bildschirm, der das Konzert vervielfältigt. Die Songs gefallen mir auch, einige shazame ich.


Auch weil es diese Konstellation so schnell nicht nochmal geben wird, lassen wir drei ein paar Fotos von uns machen und treffen dann auf Thursten, der sein mutmaßliches Date, einen Taiwanesen, mitgebracht hat.



In der neuen Fünferkonstellation suchen wir alle Stände nach Essen ab, nur um uns nach (in meinem Fall) mit Zucker glasierten Süßkartoffeln doch auf den nahegelegenen Night Market zu begeben. Vorher gibt Fabi aber noch ein Bild bei einem Straßenzeichner in Auftrag. Es ist einer von diesen beeindruckenden Künstlern, die freihand perfekte Gemälde zeichnen können, wie einige ausgestellte Beispiele beweisen. Bezahlt wird direkt (mit 1000$TD, also 27€ ist Fabian noch sehr billig dabei), abholen soll er es eine Stunde später. Zwischendurch begegnen wir einer weiteren Event-Wiese, auf der ich einen schwarzen Straßenkünstler wiedererkenne, den ich garantiert im September am Hafen gesehen habe. Auch seine Werkzeuge sind die gleichen und das Publikum besteht erneut aus vielen, vielen Kindern. Auf dem Nachtmarkt entdeckt Fabian den Geschmack von Yakult für sich, nachdem er bei mir einmal den Tee probieren durfte. Er sei jemand, der sonst nur isst und trinkt, was er kennt, das überrascht mich zu 0%. Ich hatte mich eh schon gefragt, wie man nach einem halben Jahr in Taiwan immer noch nicht wissen kann, was Hotpot ist (ganz zu schweigen davon, wie man das Nationalgericht noch nie probiert haben kann).

An vielen Ecken stehen Sicherheitsleute und über der großen Kreuzung nebenan fliegt eine geostationäre Drohne. Beides geht vermutlich auf den gestrigen Anschlag in Taipei zurück, denn angeblich wurde im ganzen Land eine erhöhte Sicherheitsstufe ausgerufen und ich erinnere mich nicht, diese Maßnahmen letzte Woche bemerkt zu haben. Dass es sich um einen Verrückten gehandelt hat, der sich nach der Tat selbst getötet hat, scheint dabei nebensächlich. Fabians zusätzliches Weihnachtsgeschenk für seine Freundin ist mittlerweile fertig, der Zeichner hat das vorgegebene Bild wirklich gut getroffen.

Mit Thursten und seinem Date, der Junge heißt übrigens Justin bzw. Wang, machen wir natürlich auch noch Fotos, dann wird es langsam spät und es geht in Richtung Feierabend.


Wang kommt sogar noch mit hoch, zu viert spielen wir zwei Runden Uno (wo ich endlich besser abschneide) und dürfen Fabian im Haushalt helfen. Im Keller gibt es eine Müllfressmaschine, vor der Himhim sich komplett nass macht beim Versuch, Teebecher einzuwerfen. Fabian verabschiedet ihn schließlich mit den Worten „See you next semester“. Die beiden scheinen mittlerweile echt gute Freunde zu sein, ein kleines bisschen neidisch werde ich da schon. Bzw. beneide ich Fabian um seine Entscheidung, ein ganzes Jahr hier zu verbringen, gerade mit Leuten wie Himhim kann ich mir das nämlich auch besser vorstellen. Der hat übrigens am 26. Dezember Geburtstag und fragt mich ironisch, ob wir ein da date night mit der neuen Staffel von Stranger Things machen wollen, aber ich bin sowieso nicht da. Eventuell kann man sich aber nochmal treffen, bevor er dann selbst eine Weile zurück nach Hongkong geht.
Von Fabian bekomme ich einen der Wohnungsschlüssel, denn sowohl ich auch als Sebastian und Anna (der Mietvertrag irgendwann Ende Januar ausläuft) dürfen während unserer Radtouren netterweise Gepäck in der WG verstauen. Mir wird sogar erlaubt, bei Bedarf hier zu pennen, wenn der Nachhauseweg mal zu weit ist. Richtige Ehrenmänner sind das. Dann sage auch ich Fabian Tschüss. Ultra schade, dass die Taiwanzeit für uns jetzt schon vorbei ist, aber wir wollen uns im Februar auf den Philippinen sehen und ganz eventuell ergibt sich dann doch noch der ein oder andere Tag in Kaohsiung, wer weiß. Außerdem halten wir fest, dass man sich auch in Berlin oder Innsbruck besuchen kann, das klingt sehr schön in meinen Ohren. In Österreich trifft Fabian womöglich auch Philipp, der angeblich an die 50 mal pro Saison Skifahren geht. Nicht schlecht, vor allem eine krasse Abwechslung zu Taiwan.
Und so fahre ich mit Wang respektive Justin durch die Stadt. Er erzählt mir, dass er an der NKNU, der „National Kaohsiung Normal University“ studiert, der Hochschuleinrichtung mit dem sicher spektakulärsten Namen überhaupt. In der vollen Metro werden wieder Weihnachtsglückwünsche durchgesagt und bevor ich schlafengehe, kaufe ich mir schonmal Frühstück auf Vorrat.
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