Sonntag, 21. Dezember

Ich schlafe, solange ich es mir erlauben kann, aber irgendwann muss sich jeder in die Senkrechte quälen. Glücklicherweise steht noch genug „Brot“ von der deutschen Theater-Veranstaltung parat und so kann ich gut gezuckert in den warmen Tag starten. Um eins holt Sidd mich ab und bereut direkt, einen Pullover angezogen zu haben. Unglaubliche 27 Grad zeigen die Apps an, Kaohsiung hat wirklich nur eine Jahreszeit.

Wir treffen Bao auf der Schwelle des girls dorm, wo sie mich vor dem ATM warnt, der ihre Karte nicht akzeptiert. Meine eigene wurde gestern schon einmal ohne Begründung angelehnt, weshalb ich ganz vorsichtig sein will, aber auch im 7/11 vor den Campustoren spuckt die Geldmaschine sie mir wieder in die Hände, „translation error“. Was auch immer das heißen soll. Egal, darum kümmere ich mich später. Jetzt stößt nämlich auch Thomas hinzu, der in einem der hohen Investorenbauten vor dem Campus wohnt und sich gerne mit mir unterhält, während wir langsam mit den gelben Sharing-Dienst-Fahrrädern loszuckeln. „Noch müde?“ fragt er mich, bei ihm zeigt sich die Post-Feier-Schlappheit nämlich erst jetzt.

Dann fängt Thomas an, zu plaudern. Gestern früh habe er Unterricht vorbereitet, und danach, klassische Mittagsaktivität, habe er sich die Epstein Files angesehen. Seine Sprache klingt oft so gestelzt, dass ich nicht anders kann, als nachzuhaken, ob er sich wirklich die Primärquellen oder einfach nur Berichterstattung gegeben hat. Er druckst ein wenig herum und gibt dann zu, dass „jemand“ das vorgestellt hat, er sich also „einen Blog“ angesehen hat. Er philosophiert aber weiter: „Ich finde, die Pädophilie ist fast nur der sekundäre Skandal, bei all der Macht, die offensichtlich auf einer Person vereint ist.“ M. E. kein ganz abwegiger Gedanke. „Auch bei den Saudis und den Qataris hatte er ja seine Griffel im Spiel. Die haben generell sehr viel Macht, auch Trump hängt da ja voll drin.“ Die beiden Länder haben nach Thomas‘ Ansicht im nahen Osten am meisten Macht, „über die läuft ja quasi alles, was in der Region geschieht.“ Die Israelis hätten entgegen der öffentlichen Meinung nur wenig Macht, da sie vollkommen von Trump und den USA abhängig sind. Da will ich zumindest mal erwähnen, dass der Gaza-Geisel-Deal in Ägypten abgewickelt wurde, also auch andere Länder eine Rolle spielen, das ist Thomas aber neu. Naja, jedenfalls hätten auch die Demokraten gerade eine ganz ausgefeilte Strategie, was auch immer das heißen soll. Ansonsten war Thomas gestern mit den anderen auf Cijin Island und sie sind in Golfwägen rumgefahren. Das sei zwar keine körperliche Aktivität, trotzdem war es für ihn sehr anstrengend. Interessant, was man alles so erfährt, wenn man Monologen lauscht.

Nahe des Metropolitan Park treffen wir auf Julia und Xandro, Sascha und einen mir bisher unbekannten Taiwanesen. Sidd klärt mich auf, dass dieser Saschas „New Love“ ist, mutmaßlich ist seine „Indian relationship“ over. Dessen Namen vergesse ich leider, aber er wirkt freundlich, wie die meisten Taiwanesen. Im nächsten ATM geht meine Karte immer noch nicht und Julia warnt mich, sie durch zu häufiges Probieren zu verlieren, ihr sei das nämlich (auch) schon passiert. Das Problem kommt mir irgendwie bekannt vor, ab sofort lasse ich definitiv meine Finger davon. Sie leiht mir von sich aus 3000$TD und verschiebt mein Überweisungsangebot überrascht auf später, Geldprobleme scheinen ihr fremd.

Im vietnamesischen Restaurant Julias Wahl (seit sie es entdeckt haben, soll es das vorherige Stammrestaurant abgelöst haben) quetschen wir uns zu acht an den größten Tisch, denn der Laden ist vielmehr ein Imbiss an einer Straßenecke. Ich bestelle Seafood-Pho, die anderen essen alle etwas mit Hühnchen oder Bánh Mi, nur Sidd hat ein 7/11-Sandwich dabei und trinkt einen Tetrapack-Smoothie. Nett, dass die Ladenbesitzerin ihn nicht rausschmeißt. Julia schwärmt vom Restaurant, das meiner Meinung zwar voll klargeht, im Grunde aber ein Restaurant wie viele andere ist. „Die haben so ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis“, was stimmt (mein Pho kostet 120$TD, also 3,24€), aber halt auch normal für Taiwan ist. Xandro erklärt, das „Österreich die höchste Supermarktdichte Europas“ hat und deshalb auch höhere Preise mit sich bringt, besonders bei Drogerieprodukten. Eigentlich kaum erwähnenswert, aber das Pärchen hört sich so witzig an, wenn sie mit ihrem Wiener Schmäh über billige Produkte reden, da muss ich jedes Mal an den reichen Münchner von Phil Laude denken. Klar ist das kein Wiener und der Dialekt klingt schon anders, aber nicht anders genug, um meine Assoziation verschwinden zu lassen.

V.l.n.r.: Sidd, Bao, Sascha, sein Date, Thomas, Julia, Xandro und vorne Ich

Sidd schaut die meiste Zeit still auf sein Handy, und auch Saschas Date redet nur ab und zu mit Julia, der Deutschanteil überwiegt halt. Das Gespräch dominieren vor allem Julia und Thomas, der früher oder später natürlich einwerfen muss: „Habt ihr euch schon die Epstein Files angeschaut?“ Er spricht darüber, als würde es um eine Fernsehserie mit neuer Staffel gehen. „Ich glaube ja, das Ganze hat großes Potenzial, Politik und Gesellschaft zu sprengen.“ Nicht nur die künstlichen Pausen zwischen einzelnen Wörtern lassen ihn so klingen, als würde er wie ein Experte wahrgenommen werden wollen, der gerade interviewt wird. Immerhin hat er mit dieser außerordentlichen Erkenntnis nicht Unrecht. Julia sagt, sie schaut keine Serien, erfährt, dass es um Epstein geht und sagt: „Okaaaay, nächstes Thema.“ Bao darf über vietnamesisches Essen und die Zubereitung erzählen, unter anderem gibt es wohl zwei verschiedene Varianten von Bánh Mi, dem bröseligen Baguette-Sandwich und Sascha erzählt von einem Kirchenbesuch mit irgendwelchen Indern.

Das bringt uns auf das total unheikle Thema Religion, was soll da schon schiefgehen? Dem atheistischen Sascha war die Weihnachtsmesse (oder wo auch immer er war) schon ein bisschen zu viel und er ist nur halb begeistert, dass er wohl einem Mormonen-Event zugesagt hat. Ob ich auch zu benanntem Treffen von Ashley und Brian kommen kann, hängt stark von der Uhrzeit ab, denn gleichzeitig findet morgen mein letztes Training statt. So schlimm wird es aber schon nicht werden, beruhige ich Sascha. Ich finde sogar noch Bilder vom letzten Mormonenevent, alle Anwesenden beugen sich interessiert rüber. Auch weil Ashley und Brian manchen der Lehrer bekannt sind, kommen Fragen. „Ist das so wie bei Dennis‘ Sekte?“ wirft irgendjemand ein. „Welche Sekte?“ frage ich. Niemand weiß es so genau, aber scheinbar ist der Lehrer, den ich am Freitag beim deutschen Theaterstück kennengelernt habe, auch in irgendeiner Art Religionsgemeinschaft. Allerdings kennen die anderen ihn auch nicht besonders gut. Über die Mormonen meint Thomas zuerst, dass es die nur in Amerika, in Utah gebe. Ich kann das sicher widerlegen, denn bekanntlich habe ich mit denen ja schon meine Erfahrungen gemacht, da waren sowohl Amis dabei also auch Taiwanesen (Ashley). Ob ich Mormonen schonmal in Deutschland gesehen habe? Nein, aber das heißt ja nicht, dass es die dort nicht auch gibt. „Ah, du hast ja eine besondere Art der Argumentation, gefällt mir“, sagt Thomas. Naja, jedenfalls weiß ich, dass man mit logischer Induktion nicht auf dem richtigen Pfad der Wahrheitstheorien wandelt, um es mal auf dem Sprachniveau meines Gegenübers auszudrücken. Auf jeden Fall steht Thomas für die Mormonen ein, verteidigt ihr grundsätzliches Approaching-Verhalten. Meistens würden sie einfach nur in der Uni chillen und ab und zu vorsichtig das Gespräch suchen. Sie seien deutlich freundlicher und zurückhaltender als andere Glaubensgruppen oder Sekten. Das stimmt zwar, auch wenn ich nicht weiß, ob das der Maßstab sein sollte. Der Name der Zeugen Jehovas fällt, aber auch die sieht Thomas nicht allzu kritisch. „Wenn man sie ablehnt, gehen sie auch wieder.“ Sascha und ich widersprechen, müssen aber eingestehen, dass die Aussage genau genommen stimmt. Natürlich aber haben die Zeugen Jehovas ihre Tricks, um das Gespräch bei der Stange zu halten und ein Unbehagen ihrer Gegenüber konsequent zu ignorieren, wie ich mich an so manches Treffen in deutschen Fußgängerzonen und Bahnhöfen erinnere. Empathie ist etwas anderes.

Weiter geht’s mit gesellschaftlichen Themen: Thomas ist für mehr Selbst- und weniger Fremdbestimmung durch höhere Mächte (wie bspw. beim Thema Corona), und argumentiert deswegen gegen das Rauchverbot. Wie ernst ich ihn da nehmen kann, weiß ich wirklich nicht, jedenfalls greift er meine Anschnallpflicht-Provokation auf und sagt, dass er lieber sterben würde, als von einem brennenden Gurt nach einem Unfall verbrannt zu werden. Witzig. Zumindest habe er diese Argumentation tatsächlich mal von jemandem gehört, der sich allerdings ebenfalls gegen das Trinkverbot am Steuer ausgesprochen habe. Generell erzählt Thomas gerne Anekdoten, „man könnte sagen, ich bin ein richtiger Anekdotist.“ Die letzte Anekdote für heute bekommen wir im feinsten britischen Akzent serviert: „I don’t hear modern music. I only listen to classical music.“ Diese Information hat in meinem Sammelheft gerade noch gefehlt.

Die Zahlung will Thomas in Gönnermanier auch für sich beanspruchen, wegen irgendeines Taxis, das er zuletzt bezahlt habe. Am Ende gibt jeder ein bisschen und es kommt deutlich mehr zustande als die ca. 800$TD (21,50€), die wir zu siebt erzeugt haben. Nach diesem lehrreichen Mittagessen machen Sidd und ich uns auf in Richtung Hafen, denn wir wollen noch einmal gemeinsam zu den Sea Caves auf der Westseite des Shoushan Parks.

Mit diesen Maschinen werden übrigens im ganzen Land To-Go-Getränke verpackt

Nach einer längeren Runde YouBike und einer der sehr seltenen Fahrkartenkontrollen bekommen wir glücklicherweise den Bus, der uns so früh ans Meer fährt, dass wir vor Ort ausreichend Zeit haben, um in die Ferne zu starren. Lauter Spanier steigen an den Campus der NSYSU aus, nur wenige fahren bis zur Endhaltestelle.

Tief knallende Sonne um kurz vor 16 Uhr

Doch nicht nur das, sondern weil ich diesen Ort vielleicht nie wieder besuche, will ich alles auskosten. Die namensgebenden Höhlen sind weder richtige Höhlen, noch kann man in sie hinabsteigen. Auf Nachfrage verneint die Teehausbetreiberin eine Möglichkeit dazu, auch wenn Google Maps hervorragende Bilder von dort unten liefert.

Eine Art Felstunnel wird überall mit „Sea Caves“ beworben und kann nicht einmal betreten werden

Dafür kennt Sidd einen anderen sehr guten Spot. Abseits vom Hauptfelsen (neben dem Parkplatz), der in der Regel für die meisten Instagrampics genutzt wird, gibt es weiter nördlich einen tollen Aussichtspunkt. Den kenne ich zwar, Sidd weiß aber, dass ein Seil am dortigen Hang besseres bietet. Wir steigen die Erdwand ab und kommen in ein unverhofftes tropisches Paradies. Vermutlich viel besser als die Seehöhlen, denn an diesem Strand können wir ein gutes Stück laufen, oder eher klettern. Denn die hiesigen Felsen und Steine sind verteilt, als wären sie gewürfelt worden. Aus der Brandung ragen einige große Exemplare auf, am Ufer werden sie kleiner und schließlich zu Sand, den man in Kaohsiung nur selten sieht. Ein paar Meter hangaufwärts thront ein verfallenes Häuschen zwischen Palmen und sonstigem Gestrüpp, der perfekte lost place. Die angeschwemmte Mischung aus Plastik (Styroporbojen, PET-Flaschen und sonstiger Recyclingmüll) und getrockneten Holzästen gibt mir richtige Karibikvibes bzw. Assoziationen an die zweite Staffel von 7vsWild, deren Strände in Panama ähnliche Funde aufwiesen. Am Häuschen sind noch Überwachungskameras installiert, ich bezweifle aber ihre Funktionstüchtigkeit. Trotzdem klettere ich lieber auf die umliegenden Felsen, denn einen sandigen Aufstieg erspare ich meinen neuen Schuhen gerne. Beide machen wir Videos, dann stecke ich das Handy aber auch mal bewusst weg und starre lang in die sinkende Sonne.

Tropische Strandbegehung
Strandklettern ist eine tolle Aktivität

Nach sehr gut tuendem Schweigen fliegt ein Linienflieger über uns. „Are these the Chinese?“ bringt Sidd seinen nie alt werdenden Witz. Tatsächlich glaubt er fest daran, dass auch Indien in Zukunft einen militärischen Konflikt mit China wird austragen müssen. Schließlich benötigt das Reich der Mitte einen Zugang zum indischen Ozean und dafür lohnt es sich bestimmt, das nordöstliche Zipfel Indiens von seinem Stammgebiet abzutrennen. Dass China vorher oder währenddessen eine ganze Handvoll anderer Konflikte zu lösen hat (allen voran Taiwan, aber auch die Territorialstreite im südchinesischen Meer mit mehr Staaten, als man so eben aufzählen kann), erkennt Sidd auf jeden Fall, es geht wohl eher um die Ferne Zukunft. Immerhin hat Indien eine stabile natürliche Grenze mit dem Himalaya sage ich, weshalb ein Krieg laut Sidd nur mit Luftstreitkräften ausgetragen werden könne. Auch die dürften es in der Höhe aber beachtlich schwer haben, vermute ich aufgrund des Laienwissens, das ich über die Fliegerei besitze. Dann kommt Sidd auf Bangladesch zu sprechen. Dass es dort letztes Jahr angeblich einen Putsch durch das Militär gab, habe ich alter Westling nicht mitbekommen, dafür liegt der Fokus deutscher Medien zu stark auf anderen Themen. Anscheinend wurde vor kurzer Zeit ein Hindu ge-„moblynched“, weil die Religionsfeindlichkeit seitdem steigt. Entsprechend entsetzt ist Sidd darüber, was ich gut verstehen kann, sollte die Geschichte wahr sein.

Am Horizont zieht ein großes, aber auch sehr schnelles Kreuzfahrtschiff vorüber und Sidd weist mich daraufhin, dass sich ein „cargo ship“ überhaupt nicht bewegt. Irgendwie scheinen diese kleinen Tanker immer stillzustehen, ein merkwürdiges Phänomen.

So genießt man die Wintersonnenwende:
Nämlich in poetischer Denkerpose

Dann verzieht sich der Stern unseres Sonnensystems hinter diesigen Wolken am Horizont. Kann man mal machen, am kürzesten Tag des Jahres. Die Flut kommt, geradeso schaffen wir es unbenässt nach oben und gucken neben anderen Touristen und gierigen Affen (vor denen man hier sehr vorsichtig sein muss) noch eine Weile aufs Wasser. Der Rückweg dauert entsprechend lange, mehr als anderthalb Stunden später und bei inzwischen vollkommener Dunkelheit erreichen wir das Dorm.

Später schickt Sidd mir noch das Reel eines Meinungsbloggers, der sich darüber echauffiert, dass der in Bangladesch gelynchte Hindu zu wenig Aufmerksamkeit erfährt, besonders im Vergleich zu dem grausamen Anschlag in Australien, der natürlich nicht weniger Aufmerksamkeit verdiene. Weil dem Video aber weder Quellen noch weitere Verweise beigefügt sind, wage ich, dieses im Konjunktiv zu verurteilen. Sidd solle es mir nicht übel nehmen, aber bei Meinungsreels ohne Quellen hört bei mir den gute Glauben auf, gerade weil ich von dem Vorfall noch nichts gehört habe. Entsprechend angesäuert entgegnet er, „The news is all over media channels.“ Die Sache habe sogar zu Protesten in Nepal geführt, und dass das Land Bangladeschis deportieren werde, wenn Hindus in Bangladesch nicht mehr sicher sind. Also muss ich selber recherchieren, und neben fast ausschließlich indischen Quellen finde ich dann tatsächlich einen kurzen CNN-Artikel, der den Vorfall beschreibt.

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