Montag, 22. Dezember

Mit etwas Eierflattern wage ich mich in eine „HSBC“-Filiale, denn meine Kreditkarte hat möglicherweise schon wieder nur noch einen Versuch. Man sollte mich besser nicht fragen, warum, ich habe keine Ahnung. Aus Vorsicht habe ich die PIN heute früh extra neu vergeben, aber ich gehe trotzdem lieber zum ATM-Besitzer, damit sie mir helfen können, die Karte vor einem erneuten „Recyclen“ zu retten. Der nette Mitarbeiter scheint sich aber selbst nicht auszukennen, erst könne ich maximal 2.000$TD abheben, dann auf einmal doch eher mindestens 20.000$TD. Nach viel Hin und Her sagt mir eine Frau am Tresen, dass meine Abhebesumme den Kontobetrag um wenige Euro übersteigt. Selten habe ich mich für meine Dummheit so geschämt, aber immerhin ist die Karte nicht verschwunden.

Außerdem bin ich sowieso in der Stadt und gehe zum dritten Mal in den Friseursalon meines Vertrauens. Der Hongkonger Spezialist von letztem Mal ist leider nicht da, aber eine Frau mit blondgefärbter, ich nenne es mal Bob-Zopf-Frisur, bietet mir direkt eine Behandlung an. Ich finde es sehr interessant, wie fachlich unterschiedlich ich bei allen drei Malen behandelt werde und wurde. Beim letzten Mal hat der Friseur bestimmt 10-15 Minuten lang meinen Kopf und die Haare vermessen, bevor er angefangen hat, die Spezialität der Frau heute liegt wohl in der Kopfhautmassage, die ich beim Haarewaschen bekomme. So kann nicht nur das Shampoo gut einziehen, ich kann generell gut entspannen. Der Haarschnitt ist trotzdem gut, sie stellt sich immer wieder hinter mich und kneift ein Auge zu, um die Symmetrie zu perfektionieren. Sie freut sich über mein Lob und verlangt dann nur 600$TD (16,20€), etwas weniger als zuletzt.

Eine der größten YouBike-Stationen in town – Aozihdi
Auch sonst ist Aozihdi ganz hübsch…
…und hat hohe, schmale Gebäude

Nach einem entspannten FamilyMart-Mittagessen geht es für mich zum letzten Training der Saison auf den Nanzih Campus. Mit dabei ist heute der andere Trainer aus unserer Line-Gruppe, den ich bereits vom Hochsprungwettkampf als Mr. Son kenne. Ich weiß, dass er mir heute das Faszienmesser verkaufen wird, nach dem ich seit einigen Wochen gefragt habe. Das Einlaufen erfolgt mal wieder stillschweigend, und ich frage mich fast, warum ich letzte Woche kurz wehmütig geworden bin, dass das jetzt bald vorbei ist. Diese Situationen werde ich sicher nicht vermissen. Nach dem üblichen Dehnprogramm spaltet die Gruppe sich. Einige holen Gewichte und Matten aus dem Treppenlager und machen unter Coach Edward einen Kraftzirkel. Die andere Hälfte macht mit Lauf-ABC weiter, ich schließe mich an.

Blick von der Tribüne in das Nanzih-Stadion

Nach der ersten Übung aber, A-Skip, hat Herr Son oder auch Louis, so scheint man ihn auch zu nennen, ein Anliegen. Während wir alle in unseren Reihen stehen und bereit für die nächste Übung sind, spricht er mich auf Englisch an und bittet mich nach vorne. „What is your thing? Sprinting?“ „I am a Pole Vaulter“, sage ich. „Ah, Pole Vault, you need to sprint for that, so you are also a sprinter.“ Nicht falsch. Auf jeden Fall zeigt er dann auf meine Knie und Füße, bittet mich, die Übung in Slo-Mo nachzumachen. Dann packt er meinen Fuß und zeigt, dass meine Zehenspitzen zu weit runterhängen, ich außerdem den Knöchel beim Knieheben zu weit vorne habe und meine Arme ebenfalls falsch halte. „It is the most important part of sprint. Without, you can’t sprint. You are not able to sprint like this“, er macht meine Bewegungen nach. Die Gruppe schaut still zu, man muss kein Englisch verstehen, um die Ansage zu checken. Also nochmal dasselbe, für alle. Scheint besser zu sein, aber auch B-Skip müssen alle wiederholen, nachdem Louis meine Form erneut bemängelt. Es sind keine schlechten Tipps, vermutlich sogar sehr wichtige, schließlich hat seit vielen Jahren niemand mehr auf meine Ausführungen geschaut (in Berlin ist mein Trainer seit 2018 nur ein Maskottchen und überlässt uns fast alles komplett selbst). Aber dass dieser Louis jetzt auf einmal auftaucht und mich vor allen so ankreidet, fühlt sich mehr als nur komisch an. Kurz darauf sagt er: „I don’t know how often we will see each other.“ „I also don’t know.“ „So I try to teach you some things.“ Also frage ich ihn bei nächster Gelegenheit: „Where have you been the whole semester, man?“ Er hat mit Senioren oder so trainiert, weshalb er nie da war.

Bei der Gelegenheit muss er gleich etwas loswerden. Er sei 53 Jahre alt, aber ist dieses Jahr bereits 400 Meter auf 55 Sekunden gelaufen. Wow, beeindruckend. Das will er hören. Dann erzählt er, dass er einige Deutsche von irgendeiner Meisterschaft kennt. „In my opinion, Germans have good space for athletes, good training.“ Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er mich damit nicht meint. „But you have a good stature. Your posture needs to be more straight.“ Natürlich gibt es ein Manko. Auch bei den nächsten Übungen werde ich nicht verschont. „You need to reless. Reless, when running sideways.“ Relax meint er. Na gut, er hat irgendwie Recht, und diesmal richtet er sich wenigstens auch an die anderen. Mir zu erklären, was genau ich besser machen muss, ist das eine, aber dann erklärt er mir auch noch die nächsten Übungen im Prinzip, obwohl ich sie bereits das ganze Semester mit der Gruppe mache, mal abgesehen davon, dass ich viele davon sowieso seit Jahren kenne.

Für den Hauptteil werden Hürden aufgebaut und Spikes angezogen. Trainer Louis macht ein paar Warmup-Übungen vor, die wir nachmachen sollen. Inhaltlich hört es sich durchaus sinnvoll an, viel besser jedenfalls, als einfach mit Hürdenlauf selbst zu starten. Aber als ich schon beim ersten Durchlauf ein sehr unverstecktes „No, no, no, no, no…“ von der Seite höre, ahne ich, was gleich kommt. Natürlich ist ein Trainer zum Korrigieren da, aber der Typ macht es wirklich nicht sehr motivierend. Was mich besonders wundert, ist, dass vielleicht bis auf Ray die anderen es keinen Deut besser machen als ich und dafür trotzdem verschont bleiben, oder es nur bei kleinen Bemerkungen bleibt. Ich aber werde nach jedem Durchlauf laut auf Englisch belehrt, ganz toll. Ich gucke ihm schon gar nicht mehr ins Gesicht, Hauptsache der Kollege lässt mich langsam mal in Ruhe. Was für eine Menschenkenntnis braucht man, um einzig und allein beim letzten Training aufzutauchen und jemand bodenlos viel zu korrigieren, der danach sowieso für immer weg ist? Ich bin ja ein großer Fan von ernsthaftem Unterricht und mir ist klar, dass ich mich in der Vergangenheit auch über das lasche Training beschwert habe, aber es macht ja nur Sinn, wenn man es über einen gewissen Zeitraum konsequent durchzieht. Hier habe ich eher das Gefühl, dass der wie aus dem Nichts aufgetauchte Coach riesige Erwartungen hat, die natürlich enttäuscht werden. Das ist ja fast so, als wenn Frau Peiti auf den letzten Metern bombastische Chinesisch-Tipps raushauen oder zumindest mal Berge an Hausaufgaben geben würde. Im Prinzip wäre es sinnvoll, würde mich aber aufgrund der unnötigen Verspätung auch mächtig ärgern. Hm.

Und zweitens hat Louis auch einfach nicht raus, wie man richtig motiviert, trotz aller Fachkenntnis. „If you don’t know how to do it, try this.“ Ich weiß schon ganz gut, wie ich es machen soll, aber er lässt kaum Zeit zum Probieren und scheint nicht zu verstehen, dass ich auch deshalb schlechte Versuche habe, weil ich erst einen guten Sprungpunkt vor der Hürde finden muss. Als es auch dann nicht sofort klappt, haut er mir tausend Beispiele um die Ohren, wie ich mir das Ganze vorstellen soll. Als würde ich eine Wand durchbrechen wollen, als würde ich durch einen Zirkusring springen wollen, als ob ich Kampfsport machen würde. Als ob ich zum ersten Mal in meinem Leben über eine Hürde gehen würde, sieht meine Performance wirklich so grottig schlecht aus? Lustig, dass er mich jedes Mal fragt, ob ich seine chinesischen Anweisungen verstanden habe (die Gestiken haben mehr als ausgereicht), nur um es dann trotzdem nochmal für mich zu erklären. „Not good. If you’re tired, you can stop, it will be dangerous.“ „All good, I‘m not tired.“ Bin ich tatsächlich kein bisschen, allerdings lasse ich mir Zeit, um mich besser konzentrieren zu können. Ein paar Versuche später: „It’s better. Not good, but better.“ Danke für gar nichts. Ich bin wirklich kurz davor, zu fragen, ob er ein Problem hat. Dann bauen wir die Hürden aber ab und machen einen letzten 100-Meter-Sprint. Ohne Steigerung oder eine Startübung vorher, ich bin mal ganz vorsichtig. Meine Beine machen mit, allerdings gebe ich gerade auf der Zielgeraden keine 100%. Ganz sicher werde ich mich nicht im letzten Training noch verletzen. Wenn jetzt noch so ein Kommentar kommt, sage ich aber etwas. Vielleicht sind die Tipps alle nett gemeint, aber es macht einfach keinen Sinn. Weder werde ich hier jemals wieder trainieren, noch liegt mein nächstes Training in naher Zukunft, noch habe ich danach gefragt, vor allen geroastet zu werden.

Tatsächlich ist es dann aber endgültig vorbei, und Edward erinnert, dass ich das Faszienmesser bestellt habe. Louis bringt es her und sagt von sich aus, „you will get a special price. One hundret fivehundret“ ist sein Versuch, 1500$TD (40,50€) zu beziffern. Ich muss ihm lassen, dass er trotz schwach ausgeprägter emotionaler Intelligenz und ebenfalls schwächelnden Englischkenntnissen die ganze Zeit versucht hat, alles zu übersetzen. Damit ist er der erste im Verein, crazy. Meinen Groll lasse ich übrigens schnell fallen, schließlich bekomme ich bestätigt, dass der Originalpreis des Messers bei gut 3000$TD (81€) liegt. Bei der Ersparnis bin ich doch froh, nicht gemeckert zu haben, auch wenn der Typ es m.E. nicht verdient hat. Alle Vereinsmitglieder bekommen einen 50%-Rabatt, denn die produzierende Firma wurde von Louis gegründet. „tASA“ sei die taiwanesische NASA, witzelt er. Wieviele Satelliten er denn schon im All hat? Keine. Aber neben Faszienspielzeugen chinesischer Heilkunde beschäftigt die Firma sich vor allem mit Touchscreens, interessant. Ich bedanke mich für das gute Angebot, er freut sich: „Nice to meet you“. Naja, ist schon okay. „Do you know how to use it?“ „I think so“, gebe ich zurück, denn ich habe schon andere dabei gesehen und kenne die grundsätzlichen Regeln zum Massieren. Er sagt es mir aber gerne nochmal an: Im Normalzustand soll ich achtmal auf der selben Stelle in einem Radius von 1-2cm schaben, dann leicht die Position wechseln. Mit eingeölter Haut kann ich das Messer auch deutlich weiter ziehen, dieses Prozedere habe ich schon auf gewissen Nachtmärkten beobachtet. Es wird sich auf jeden Fall lohnen, denn nicht nur benutze ich generell viel Massagetools, ich sehe es auch als Teil meiner persönlichen Massagesammlung.

Währenddessen fragt Sascha mich, „was für ein Mensch“ ich denn sei und dass ich ihn „einfach in diese weirde Hölle dieses Englischclubs rennen“ lasse. Tatsächlich wäre ich gerne zur „Weihnachtsfeier“ von Ashley und Brian erschienen, allerdings war diese genau zur Zeit des Trainings und auch wenn dieses nicht ganz optimal lief, hätte ich es bereut, nicht da gewesen zu sein. Jedenfalls die Veranstaltung reine Mormonenpropaganda gewesen, meint Sascha und postet das auch gleich in seine WhatsApp-Story. Anscheinend wurden in bester Unterrichtsmanier Werbevideos der Mormonen selbst gezeigt (von denen vier Leute anwesend waren), in denen die Jesusgeschichte erzählt wird. Das konnte der atheistische Sascha nicht aushalten und musste mittendrin gehen. Er sei zutiefst traurig über das taiwanesische Bildungssystem und dass diese Propaganda im Rahmen einer Univeranstaltung zugelassen wird. Mich hätte noch mehr interessiert, welche Details das bedeutet, aber ehrlich gesagt kann ich seine Gefühle gut verstehen. Selbst mich als Schüler, der abgesehen von einem Event nichts damit zu tun hat, hat das dermaßen erschreckt, dass Unigelder für Veranstaltungen einer sektenhaften Religionsgemeinschaft zur Verfügung gestellt werden. Für den Blog hätte es bestimmt eine gute Story gegeben, jetzt bin ich aber beim Training in Nanzih, hier fühle ich mich trotz allem wohler als in einem dubiosen Klassenzimmer.

Zu guter Letzt bekomme ich endlich die Trainingsjacke, die ich schon vor knapp zwei Monaten bezahlt habe und deren Sponsor natürlich ebenfalls „tASA“ ist. Leider ist mir der Rumpfpart etwas kurz, während die Ärmel perfekt passen, ein merkwürdiger Schnitt. Leise und still verabschieden sich Athleten, die ich vermutlich nie wieder sehen werde. Auch Edward ruft erst „Byebye“, als er sich schon 20 Meter entfernt hat. Leute wie Byron, Alex, Daniel sind heute gar nicht erst erschienen, irgendwie schade. Immerhin geht die Gruppe etwas essen und nimmt mich wieder mit. Nach kurzer Diskussion verschwindet Momo im Dorm, ebenfalls ohne sich zu verabschieden. Chén, Róng und Yìhzì wollen wir mir irgendetwas erklären, das mit den Indianern von Taiwan (also einem bestimmten indigenen Volk in den Bergen), Wildschweinen und „for free“ zu tun hat, aber selbst mit Übersetzung verstehe ich kein bisschen, wovon sie reden.

Faszienmesser und Trainingsjacke aus Kaohsiung

Ray nimmt mich auf dem Rücksitz mit und wir fahren zu einem mir bisher unbekannten Restaurant in Nanzih-West, wo Hotpot-artige Speisen serviert werden. Die beiden Tresenfrauen sind des Englischen mächtig und helfen mir, eine pescetarische Variante zu finden. Róng freut sich wieder über jedes 讚 „zàn“, das mir rausrutscht und empfiehlt mir stark, 胡椒 „hújiāo“ zu verwenden. Das Essen ist richtig gut und bekommt eine Markierung auf Google Maps.

Leckeres Abschiedsessen, v.l.n.r.: Yìzhì, Ray, Chén

Der Abschied ist komisch. Eigentlich ist es kein richtiger, denn dieser wäre vielleicht noch komischer geworden. In der Gruppe, aber generell in Taiwan, tauscht quasi niemand Handschläge aus, geschweige denn umarmt sich. Alle rufen sich nur zu oder gehen einfach, so habe ich es jedenfalls mitbekommen. Wir stehen letztlich zu fünft an den Motorrädern und versuchen, eine abgebrochene Nummernschildhalterung geradezubiegen, weil: „It looks so ugly. It’s not useful“, sagt Ray. Róng schafft es nach 15 Minuten gerade so, und wir sind fertig. Kommentarlos drückt Ray mir wieder seinen Zweithelm in die Hand. Ich war eigentlich schon bereit, alleine auf dem Fahrrad ins Dorm zu fahren und hatte nur gewartet, um keine richtige Verabschiedung zu verpassen. Immerhin hat das ganze Team die nächsten zwei Monate Pause. Aber so geht es zurück wie die anderen Wochen auch. Ein Hupen, wenn jemand abbiegt, das war’s. Vor dem Dorm bedanke ich mich nochmal. „Today was the last training, right?“ „Yes, but Thursday I will be in Nanzih again.“ „Ahh, unfortunately I will be on a hike by then.“ Danach ist exam week, da kann niemand. „It was nice to meet you“, setze ich an, aber Ray sagt nur „yes, see you“, dann ist er weg. Die ganze Leichtathletikgruppe wird mir ein Rätsel bleiben.

Zufälligerweise bemerkt Sky kurz nachdem ich reinkomme, „time runs so fast“. In etwa zwei Wochen müssen alle aus dem Dorm raus, und dann werden wir nicht nochmal zusammenleben. Das macht ihn scheinbar traurig, und mich ehrlich gesagt auch, aber ich muntere ihn auf: „I‘m sure you will be happy when the exams are over.“ Da stimmt er nickend zu. Es kommt auf die Perspektive an.

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