Dienstag, 23. Dezember

Wir schreiben die vorletzte Stunde „Consumer Behavior“, der Kurs hat sich merklich geleert. Zumindest das deutschsprachige Personal ist reduziert, nur Michael und ich verbleiben. Bevor nächste Woche die endgültigen Vorträge gehalten werden, gibt es heute eine Art inhaltliche Vorbereitung. Jede Gruppe fasst in umfassenden Präsentationen die Ergebnisse ihrer Semesterrecherche zusammen, wobei von den Deutschen und Österreichern jeweils aufgezeichnete Videos gezeigt werden. Professor Danny zeigt sich verärgert, dass nach Vanessas Fauxpas letzter Woche nun schon wieder jemand nicht rechtzeitig erscheint. „I don‘ wan to remin too many time that you are a master students. Make sure this don‘ happen next wee.“

Drei Gruppen präsentieren. Zuerst geht es um Konzerte und die kapitalistische Vermarktung dahinter. Wie stellt sich die allgemeine Entwicklung dar, bzw. wie kann man den Konsumenten aus Sicht von Promis bzw. Firmen noch mehr Geld abverlangen, FOMO generieren und künstliche Knappheit generieren? Das „Real-World-Example“ wird passenderweise von einem Taylor-Swift-Garantien vorgestellt, sie kann ihr Lächeln bei keiner ihrer Folien zurückhalten. Im Anschluss fordert Danny auch mich auf, Fragen zu stellen, ganz nach dem Motto: Was machst du eigentlich hier? Eine andere Studentin treibt es aber auf die Spitze. Ziemlich aktiv hakt sie immer wieder nach, schließlich schimpft sie erbost: „You didn’t answer my question!“ Der arme Charly muss alleine alle Fragen abwehren und auch Danny findet die Präsentation nur „okay. I will talk with you later.“ In der Pause erfahren wir, dass es Streit gegeben hat, kaum zu übersehen.

Aufgezeichneter Vortrag mit Mini-Facecam

In der Pause bringen Rita, Jess und Tracy Michael und mir neue chinesische Wörter bei, alle drehen sie sich um das Thema Stuhlgang und Beleidigungen. Auf die Schnelle kann ich mir nicht alles merken, aber Michael dürfte gar kein so schlechtes Chinesisch können, wo er schon so viel Zeit mit den dreien verbracht hat.

Die zweite Gruppe hält einen Vortrag über smart watches. Himhim, der eigentlich Hohim heißt und von allen anderen auch so genannt wird, ist sichtlich nervös und zeigt auf seine eigene smart watch, „it can help to display my health data, for example I‘m nervous right now.“ Sidd ist total engagiert und zeigt uns indische Nachrichten, die die Geschichte eines Mannes erzählen, dessen Apple Watch ihn vor der Taucherkrankheit beim scuba diving gewarnt und so das Leben gerettet hat. Danny ist zufrieden und hat nur eine Frage: „How to sell to not health conscious people? Like me for example.“ Die dritte Gruppe redet über Luxusbrands und deren Marketingpotenzial. Sebastians Video ist leicht übersteuert und die taiwanesischen Gruppenmitglieder stocken stark im englischen Sprechen, aufgrund von Zeitdruck gibt es aber kaum kritische Nachfragen. Nur eine Ansage hat Danny noch: Nächste Woche nach den endgültigen Prüfungsleistungen will er uns alle einladen, „we all can eat pisa together“. Sidd geht anschließend zur Thesisverteidigung eines Freundes; Jess, Rita und Tracy haben ebenfalls Besprechungstermine und Michael muss arbeiten, deshalb gehe ich in die kleine Mensa und lasse mir das Mahl wie immer „for takeout“ mitgeben.

Euphorische Vorträge

In Archery steht die 16. von von insgesamt 18 Wochen an und zum ersten Mal stehen die Ziele 14 Meter von der Schusslinie entfernt. Das klingt vielleicht nicht nach viel, ist es aus Bogenperspektive aber schon. War es bisher nur manchmal so, so muss man jetzt fast immer erkennbar höher zielen, als der Pfeil einschlagen soll. Das führt zu viel mehr ungenauen Schüssen und bei einigen landen die Pfeile auch gerne mal neben der Zielpappe. Gespielt wird wieder eine Art Gruppenturnier. Warum der Coach, dessen richtiger Name anscheinend Louis Ho lautet, dasselbe Konzept eines achtarmigen Turnierbaums immer und immer wieder aufs Neue erklären muss, leuchtet mir nicht ein. Jedenfalls ändert sich sonst nichts, für Schüsse jenseits der roten Linie gibt es hämisches Gegluckse und ab einer gewissen Fehlerquote meines Teams fragt der Lehrer lachend: „You want to change team?“ Nein danke, passt schon, in dem Fall lege ich größeren Wert auf das soziale Verhalten meiner Mates. Tatsächlich ist nach vielen Wochen der Abwesenheit endlich wieder der Junge da, der mich damals auf die Wandertour eingeladen hat, die angeblich morgen startet und über die ich Informationen besitze, deren Menge gegen null konvergiert. Da ich mir den Namen des netten Taiwanesen mit den unfassbar dicken Brillengläser nur von Instagram hergeleitet habe, muss ich ihn endlich mal nach der englischen Variante fragen. „You can call me Gibson“, sagt er. Am Mittwoch gehe es ja los, teilt er mir mit. Morgen ist das, teile ich ihm zurück mit. „Oh! Yeah.“ Auf jeden Fall werde er mir später eine Liste schicken mit Equipment, das ich benötige. Und alles Fehlende sowie Essen für unterwegs können wir später gemeinsam einkaufen. Das nenne ich mal Planung, die kurz vor knapp passiert. Zum Glück habe ich morgen keine Kurse und später immerhin ein kurzes Zeitfenster, bevor Chinesisch beginnt. Was wäre denn, wenn nicht? Letzten Freitag wurde ich auf Nachfrage gnadenlos darauf verwiesen, die Planungen abzuwarten, aber Gibson ist das erste Lebenszeichen an mich. Ansonsten gab es in den letzten Tagen hunderte chinesische Gruppennachrichten, ohne jegliche Information an mich, wann und wo ich auftauchen soll, was ich überhaupt noch kaufen oder ausleihen muss oder wie ich mich sonst vorbereiten könnte. Klar bin ich der Außenseiter, aber wenigstens ein Minimalmaß an Benachrichtigung hätte mich doch sehr gefreut.

Nach der Stunde nehme ich Gibson mit ins Dorm, damit er selbst einen kurzen Blick auf meine Ausstattung werfen kann, schließlich schien mir die Gruppe am Freitag nicht recht zu vertrauen, dass ich ausreichendes Einschätzungsvermögen für eigenes Equipment besitze. Mit dabei ist ein anderer Typ aus unserem Kurs, der scheinbar auch Teil der Wandergruppe ist. Über den Grillanfacher mit aufgedruckten Politikern der grünen Partei, der an meiner Wand hängt, lachen die beiden sich tot, dann sichten wir mein doch recht umfangreiches Equipment. Sie sind beeindruckt, dass ich Zelt, Isomatten, Rucksack, Regenjacke, Wanderschuhe, Schlafsack, Thermowäsche und Kleinkrams wie Taschenlampen und Vitaminsupplements bereits besitze, einige Sachen werde ich aber von ihrem Wanderclub ausleihen müssen. Mein Schlafsack ist nämlich zu kalt, genauso fehlt mir eine wärmende Jacke, eine Regenhose und für Zeltausrüstung sei bereits gesorgt. Meinen Rucksack befinden sie für ausreichend, ich solle aber trotz Regencape sämtliches Material dadrin verstauen, safety first. Wenn’s passt, kann ich gerne Bluetoothbox, Regenschirm und Flipflops mitnehmen, für den Komfort. Dazu empfehlen sie mir, einen Beutel mit Wechselsachen für den letzten Tag mitzunehmen, damit ich wenigstens auf der Rückreise nicht stinken muss. Unterwäsche wechseln ist in den hohen Bergen nämlich nicht vorgesehen, das war mit Hasan ja auch nicht anders. Dass ich noch den Gaskocher sowie einen unverbrauchten Aufsatz besitze, begeistert sie regelrecht, unbedingt solle ich das mitbringen.

Prinzipiell werden wir Essen und Trinken von convenience stores am Anfang der Reise besorgen, allerdings fragen sie mich trotzdem, was für eine Art von Mahlzeit ich in den Bergen zu mir nehmen möchte. Kaviar? Oder vielleicht doch lieber Hotpot? Letzteres scheinen sie ernst zu nehmen, „we can do.“ Da bin ich aber gespannt. Losgehen soll es tatsächlich „tomorrow at 11pm, I will pick you up at your dorm“, verspricht Gibson. Schlafen könne ich dann im Auto, bevor wir am 25. früh morgens den Gewaltmarsch starten. Das nenne ich mal eine Weihnachtsaktion. Die Basisnahrung wollen wir vorher noch zusammen besorgen, da ist jeder für sich selber zuständig. Leider können wir das nicht heute tun, denn die Jungs haben keinen zweiten Helm für mich dabei und wir verschieben es auf morgen Mittag.

Zum Schluss muss aber nochmal betont werden: „This is not a beginner hike.“ Wäre mir fast nicht aufgefallen, bei den laschen Startzeiten und Ausrüstungsvorschlägen. Aber im Ernst, den Hinweis kann ich jetzt viel besser akzeptieren, da ich mit jemandem direkt rede und nicht auf Chinesisch belächelt werde, weil mein Rucksack zu klein sei. „Have you ever experienced altitude sickness?“ Guter Punkt, habe ich tatsächlich noch nie. Allerdings war ich vermutlich auch nich nie auf dieser Höhe wandern, immerhin zeigt Google Maps für einen der beiden Gipfel 3594 Höhenmeter an. „Drug allergies or G6PD deficiency“ sind mir auch nicht bekannt, aber Tabletten gegen Höhenkrankheit nehmen sie netterweise mit.

Chinesisch muss ich heute ohne Sebastian bestreiten, es lässt sich aber aushalten. Peiti verteilt zu Beginn einen Test, der schnell ausgefüllt ist, es geht ja nur um die Vokabeln, die wir seit Wochen rauf- und runterpauken. Im Grunde muss man nur Schriftzeichen ihren englischen Bedeutungen oder der Pinyin-Schreibweise zuordnen. Da sie sogleich alle eingesammelten Multiple-Choice-Fragebögen korrigiert, kann man viel Zeit am Handy verbringen, bevor es weitergeht. Die Indergruppe hinten schwitzt erwartungsgemäß angesichts dieser Herausforderung und greift zu erweiterten Mitteln, deshalb muss die Lehrerin sie zischend ermahnen, nicht mit den Nachbarn zu sprechen.

Testergebnis: 100

Der restliche Unterricht folgt dem bekannten Muster. Zum tausendsten Mal sollen wir fragen, ob der Chinakohl nun schmeckt oder nicht. Vivek, Mohan und Pryanshu liefern verlässlich ab, indem sie nicht nur jedes Wort vorgesagt bekommen müssen, sondern dazu auch erklärt. „有 yǒu, is mean have“ und „你 nǐ is mean, you“ erklärt Peiti mehr oder weniger geduldig. 白菜好吃嗎?„báicài hǎochī ma?“, der Chinakohl, nach dessen Deliziösität gefragt wird, ist mittlerweile zum zweiten 兩個包子 „liǎng ge bāozi“ geworden, so oft fällt der Begriff. Immerhin gibt es heute ganze zwei neue Wörter. 貴 „guì“ bedeutet teuer und 賣 „mài“ ist das Verb für verkaufen, so können wir uns noch ein bisschen besser auf den Märkten zurechtfinden. Ansonsten sollen wir mit den viel geübten Bausteinen in Zweiergruppen Sätze bilden, mit einer schüchternen Inderin rede ich über deutschem Früchtetee und erfahre, dass sie das Gemüse hier für billig hält. Außerdem trinkt sie keinen Kaffee, sondern nur Tee. Der Erzfeind vom chinesischen Kaiserthron lässt grüßen. Es fällt übrigens kein Wort zur Klausur in zwei Wochen, Sebastian hat nichts verpasst und kann an der Ostküste weiterhin entspannen.

Nach der Stunde mache ich mich auf, Hasan ein letztes Mal zu treffen. Ich bin fast überrascht, dass er darauf noch Lust hat, irgendwie hatte ich trotz allem Spaß das Gefühl, ihm ab und zu auf den Leim gegangen zu sein. Ich treffe ihn vor seiner Wohnung, die in einem ruhigen Viertel zwischen der Metrostation „Metropolitan Park“ und dem Nanzih Campus liegt. Das Volk steht auf der Straße und wartet auf die Müllabfuhr, ein Prozess, mit dem ich bisher kaum in Kontakt geraten bin. In Taiwan gibt es nicht nur kaum öffentliche Mülleimer, den Hausmüll muss man persönlich am gelben Müllauto entsorgen. Das ist auch der Grund, weshalb es die so markanten Melodien abspielt, wann immer die Stunde des Abfalls schlägt. In Kaohsiung und generell im Süden des Landes wird eine einheitliche Melodie gespielt, die meines Wissens einer niederländische Feder entstammt, während Taipei für die „Für Elise“-Melodie berühmt ist.

Das Bürgertum wartet auf den garbage truck in der Ferne

Die Straßen sind so ruhig, dass man gewissenlos in der Mitte laufen kann, heranschnellende Motorräder müssten früh genug anhand vom Benzinverbrennprozess zu hören sein. Hasan wartet rauchend an einer Ecke, wirkt wie jemand, der mit seiner Zeit in Taiwan im Reinen ist. Wir laufen einen Bogen um den Nanzih Campus, auf dem der Junge trotz unmittelbarer Nachbarschaft noch nie gewesen ist und landen in der food street, weil andernorts schon längst geschlossen wird (es ist 21 Uhr). Obwohl Hasan es sich noch nie getraut hat, wählen wir eines der Restaurants, bei denen man sich die rohen Zutaten selbst in eine Schüssel füllt, bevor sie zubereitet werden und anhand deren Menge bezahlt. Was ist dies, was ist jenes, fragt er mich. „Komischer Salat, komische Pilze“. Ich weiß teilweise selbst nicht, wie das Gemüse heißt, Hauptsache kein Fleisch. Drachenfrucht-Slushi holen wir von nebenan und ich kann mit meinen Chinesisch-Kenntnissen protzen. 兩個 龍果. 半糖, 小冰. „Liǎng ge lóngguǒ. Bàn táng, xiǎo bīng.“ Im Endeffekt mag Hasan die meisten Zutaten, sein Essverhalten erinnert mich stark an Fabian. Beide haben scheinbar Angst vor unbekanntem Essen, freuen sich dann aber tierisch, wenn es auf einmal schmeckt. Sogar „der Räuchertofu schmeckt richtig gut!“ Dabei stand vorhin noch fest, dass Tofu ohne Suppe gar nicht schmecken könne.

Abschiedsessen

Für Hasan ist es die letzte Woche, und wir lassen ein paar Dinge revue passieren. Da er seine Analogkamera hat entwickeln lassen, bestaunen wir seine Naturbilder von der Ostküste und ich lasse mir gerne weitere Tipps für die Fahrradtour geben. Dass Hasan neidisch darauf ist, dass ich noch einige Zeit in Taiwan habe, versteckt er nicht, aber es scheint es mir auch von vollem Herzen zu gönnen. Auf ihn selbst warten Ulm, der Winter und ein paar lange Monate bis zum nächsten Semester. Er will sich einen Lötkolben kaufen, um kaputte Playstations zu reparieren, im Rahmen eines Minijobs arbeiten gehen (bei Werkstudent würde er aus der Familienversicherung fliegen) und im Endeffekt viel zocken. Seine Freunde sind alle weggezogen oder in Prüfungsphasen, allzu viel wird also nicht übrigbleiben. Welche Games er spielen könnte, fallen ihm schnell ein, mehr als er Zeit haben wird.

Auf dem Weg zurück laufen wir einfach der Nase nach, es ist einer dieser tollen Nachtspaziergänge, die man in Berlin gut haben kann. Reden bis zum Gehtnichtmehr, die warmen Temperaturen genießen. Ich erfahre von einem Kumpel aus Hasans Grundschule, der sich fünf Jahre lang erfolglos auf Ausbildungsplätze beworben hat, bis er einen in der Branche seiner Träume bekommen hat, der Lagerlogistik. Dort sei er nach nichtmal einer Woche wegen eines mutmaßlich sehr kritischen Spruchs rausgeflogen und bezieht seitdem Bürgergeld. Bei der Mutter wohnend, schicke er Hasan regelmäßig unlustige Facebook-Memes auf Humorbasis eines 60-jährigen, auf die Hasan schon gar nicht mehr antwortet. Es störe ihn besonders, dass sein ehemaliger Freund auch nicht auf ihn höre. So habe er gute Tipps bezüglich Handy-Flatrate oder bei Steuererklärungen ignoriert und entsprechend mehr Geld verloren als nötig. „Ich mag dumme Leute nicht. Weißt du, er hört nichtmal auf meine Tipps.“ So jemand (Faules) verdiene in sein Augen kein Bürgergeld der arbeitenden Bevölkerung, den Blickwinkel kann ich gut nachvollziehen. Mich interessiert aber, was schief laufen muss, damit man so endet. Auch Hasan sei überrascht gewesen, denn der Typ war mal beliebt. Er identifiziert einen Moment, wo dieser mal als 11-jähriger im Freibad von einem anderen Jungen gehauen wurde, an dessen Freundin der Kollege sich angeblich rangemacht hatte. Erstens ganz schön früh für Liebesstreitereien, und zweitens kann ich kaum glauben, dass das ein Auslöser für Faulheit war, zumal er zusammengeschlagen wurde. In der Familie liege es aber nicht, meint Hasan. Nur für die Mutter sei es aktuell sehr schwer, ihren Sohn zuhause zu haben und zu sehen, dass er sich nicht um seine Zukunft kümmert. Auch ich habe ein paar Horrorstorys aus meinem Jahrgang parat und wir gelangen zur Erkenntnis, dass wir sehr glücklich sein dürfen, zu sein, wer wir sind, und an welchem Punkt im Leben wir sind.

Vor den YouBikes reden wir noch eine ganze Weile weiter. Die Lotteriescheine der convenience stores versprechen orbitant hohe Gewinne, und es gibt wohl Seiten, die tranken, welchem Kaffee in welcher Stadt an welchem Datum der Hauptgewinn zusteht. Auch wird öffentlich an vergangene Losungen erinnert, denn aus verschiedenen Gründen werden die Scheine nicht immer eingelöst. Allein, wie viele ich im September weggeschmissen habe, bevor mir klar war, was sich damit gewinnen lässt… „Ich hoffe, ein Verkäufer vom Night Market bekommt den. Nicht so ein Typ hier im 30. Stock. Obwohl, ich würds ihm auch gönnen.“ überlegt Hasan. Wenn wir posthum (also in Deutschland) gewinnen sollten, würden wir auf jeden Fall beide sofort wieder Flüge buchen, um herzukommen. Dann kommen wir noch auf den Anschlag in Taipei zu sprechen, immerhin war Hasan schon öfter dort, wo die Tat passiert ist. Ob Sterbehilfe für so depressive und kranke Menschen richtig wäre? Hasan ist nur bedingt dafür, denn wer nicht weiter mit sich kämpft, ist seiner Meinung nach zu schwach. Er kenne einen Syrer in Ulm, der Traumata wegen Folter in seinem Heimatland erleiden musste und der es irgendwie schafft, damit klarzukommen. „Aber nicht jeder ist so stark“, entgegne ich. Dann überlegen wir, wie man sich in so einer Anschlagssituation am besten verhalten würde. Hasan meint, er wäre dumm genug, den Täter anzugreifen, weil er eventuell nicht damit leben könnte, sich Fragen zu müssen, ob er nicht doch ein Leben hätte retten können. Aus dem Grund lautet meine Strategie, etwas zu werden und dann wegzurennen oder sich zu verstecken. Mit Handys in der Hand simulieren wir Messerkämpfe und mit welchen Bewegungen man am besten einen Frontalangriff abwehrt respektive präventiv begegnet. So oder so, im entscheidenden Moment reagiert man wahrscheinlich impulsiv. Hasan und ich haben definitiv beide als Kinder viel Zeit darauf verwendet, sich für möglichst unrealistische Situationen zu wappnen. Was würde ich tun, wenn genau hier ein Flugzeug abstürzt? Wenn ich von der Brücke springen müsste, welche Stelle wäre die beste? Nur zur Sicherheit, so damals die Gedanken.

Zeit für ein Abschiedsfoto, ich frage eine parkende Motorradfahrerin, die sich gerne als Fotografin in den Dienst stellt und die tolle MRT-Stationskulisse festhält. Dann blickt Hasan noch einmal zurück. „Ich habe ein bisschen zu viel zuhause gechillt, das bereue ich. Aber andererseits auch viel gesehen, ach keine Ahnung.“ Ab und zu müsse man sich ja auch „indonesische Tage“ machen. Eine tolle Wortschöpfung, die möglicherweise auf meine Storys über das Dorm zurückgeht. Hier klingt Hasan fast wie Henry, der sehr oft angemerkt hat, wie neidisch er sei und dass ich die Zeit unbedingt genießen solle. Es stimmt ja auch. „Schau dir die Häuser genau an, die Straßen, die Motorräder. Wenn du in Deutschland bist, siehst du das auf Bildern, aber nicht in echt vor dir.“ Wie recht er damit hat! Besonders die (mittlerweile) normalen Dinge sind die, die den größten Unterschied machen. Das Leben sieht in Europa einfach anders aus. Und es klingt anders.

Eine ehrliche taiwanesische Kulisse zum Abschied

Wir vereinbaren, uns in Deutschland wiederzusehen. „Wenn ich mal nach Berlin komme…“ „…dann machen wir eine reunion mit Ihsan! Und sollte ich mal nach Ulm kommen…“ Da lachen wir beide. „Wenn dein Vater nochmal ein Abitreffen in Blaubeuren hat, oder du nach Stuttgart kommst, können wir uns treffen.“ So sei es.

Es ist zwar spät, aber ich habe noch ein bisschen Programm. Zuerst ein längeres Telefonat mit einem alten Berliner Freund, der sich ebenfalls begeistert über meinen Radtour-Plan zeigt, und anschließend ein vorgezogenes Weihnachtstelefonat mit der Familie. Ich freue mich sehr, all die Gesichter wiederzusehen und genieße das Telefonat. Dabei laufe ich meine Runden über den stillen First Campus, ebenfalls tolle Spazierrouten. Natürlich ist Darren auch um halb drei noch am zocken, als ich nach vielen Stunden Gerede müde ins Bett falle. Er ist aber vorsichtig ist schaltet seine Rauchmaschine aka. Laptop aus.

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