Mittwoch, 24. Dezember

Mittwochmorgen, 26 Grad, die normalen Hamsterradstudenten haben Unterricht, in letzter Minute greife ich meinen Frühstückspfannkuchen mit gesüßtem Oolongtee ab. Ein Tag wie viele andere. Okay, so viel Angeberei muss sein. Klar ist heute Heiligabend, aber tatsächlich macht das hier nicht so viel aus. Die Deutschen feiern zwar alle, aber ich bin selbst verplant, denn heute Abend geht es los in mein nächstes Abenteuer mit der taiwanesischen Wandergruppe, von denen ich eigentlich nur einen einzigen Teilnehmer kenne. Mit genau ihm, Gibson, treffe ich mich mittags am PX Mart in Nanzih (billiger indonesischer Discounter), um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Müsliriegel und sonstig gute Kraftnahrung ist rar und teuer, deshalb landen auch Oreos, Bonbons und Mentos im Einkaufskorb, dazu gibt es natürlich Instant-Nudeln, Haferflocken und passende 1,5-Liter-Wasserflaschen. Mich wundert nur, dass Gibson so wenig für sich selbst einsteckt, eine Packung Oreos kann doch nicht für drei Tage reichen? Mein Anteil jedenfalls landet bei knapp über 20€, hauptsächlich auf die einzigen Müsliriegel und die Haferflocken zurückzuführen. Dann klären wir noch kurz ab, was die Gruppe mir heute Abend ausleihen wird und ich fahre wieder zum Campus.

Ich höre, dass in Berlin ebenfalls blauer Himmel zu sehen ist

Den restlichen Tag verbringe ich im Dorm und wasche die nötige Wäsche, lade alle Geräte auf und versuche, meinen Rucksack so effizient wie möglich zu packen. Eine Handvoll Weihnachtsgrüße trudeln auf meinem Handy ein, ansonsten ist alles wie sonst. Die paar christlichen Indonesier wie Hansen feiern wohl erst morgen, deshalb ist auch die Cafeteria normal gefüllt und nichts ist geschmückt. Dylan guckt Harald-Glööckler-Memes, anscheinend ist der schräge Modedesigner in Indonesien zu unverhoffter Berühmtheit gekommen. „So, German People hate him?“ fragt Dylan. „No, I don’t think so. Why should they?“ „But he is gay, right? Wait, is he a man?“ „I think yes“, muss ich lachen. Mit einem guten Freund telefoniere ich nachmittags, bis auf einmal alles anfängt zu beben. Mein erster Gedanke ist, dass Darren den Schrank zwischen uns schubst und überlege, ob ich zu laut telefoniere, aber Sky guckt erschrocken und dann spüre ich auch den Boden unter mir wackeln. Auch Dylan hat es mitbekommen: „It’s an earthquake!“ Ich stehe auf, um vom Schrank wegzukommen, denn auch wenn man eigentlich Schutz unter Tischen suchen soll, vertraue ich dem Dormequipment nicht gerade blind. Es wackelt noch ein weiteres Mal, dann ist es bis auf ein ganz sachtes Nachbeben vorbei. Vielleicht eine halbe Minute hat es gedauert, aber es kam total plötzlich und ich habe richtig gemerkt, wie wenig man in dem Moment selbst tun kann. „I think Taiwan buildings are strong“, Dylan hat keine Sorge. Sky ist total begeistert und ruft, dass ihm jetzt nur noch ein richtiger Taifun fehlt, für ihn war es ebenfalls das erste Erdbeben.

In der Wandergruppe wird eine Wettervorhersage reingeschickt, die drei Tage Regenwetter vermuten lässt, woraufhin ich Gibson nochmal frage, ob „rainpants really unneccesary“ sind. Er revidiert seinen Tipp von gestern, „Yeah… it’s a big problem“. Wenigstens hat der Decathlon noch offen und so düse ich an Heiligabend um 19 Uhr in die Shopping Mall, die durchaus gefüllt ist. Zwar wird Weihnachtsmusik abgespielt, ansonsten kümmert es aber auch hier niemanden so richtig. Glücklicherweise finde ich schnell eine passende Hose für nur 500$TD (13,50€) und alles geht gut. Vorausschauende Planung seitens meiner so ‚professionellen‘ Gruppe sieht aber anders aus.

Spontanster Einkauf jemals – immerhin sitzt alles
Plus minus einige Gegenstände (die JBL bleibt bspw. hier) sieht so meine Packliste Mittwoch bis Sonntag aus. Wenig Kleidung – viel Essen.

Am Nachmittag ist außerdem das Weihnachtspaket meiner Eltern angekommen, angesichts der frühen Absendezeit vom 1. Dezember eine erstaunliche Punktlandung. Und es kommt noch besser: Mein eigenes Päckchen, das ich still, heimlich und ohne im Blog darüber zu informieren vor knapp zwei Wochen losgesendet habe, ist ebenfalls heute in Berlin eingetroffen. Gerade weil ich auf den Expressversand verzichtet habe, eine umso größere Überraschung.

Das pünktlichste Paket überhaupt

Gerade rechtzeitig komme ich noch auf den Trichter, dass ich dem Geschenk mehr als nur die Auspackzeit widmen sollte, und kann mir die kurzen Briefe durchlesen, die die Familie an mich geschrieben hat. Sehr liebe Worte, es ist einer der Momente, in denen ich mich dann doch etwas nach Hause sehne. Auch sonst sind schöne Sachen dabei: Origami, die ich auch ohne Signatur meiner Schwester zuordnen kann, endlich gute deutsche Gummibärchen, niederländische Lakritze, kleine Weihnachtsspielereien und schließlich ein entwickelter Film einer Einwegkamera, die ich vor anderthalb Jahren angefangen habe, mit lustigen Bildern meiner Berliner Freunde. Dazu stelle ich Multo auf Dauerschleife an, der philippinische Megahit geht mir zuletzt einfach nicht mehr aus dem Kopf.

So viel Weihnachten muss sein ❤

Sky schaut gespannt meinem Weihnachtsunboxing zu und unterbricht dafür sogar sein Doomscrolling. Als Dylan nach Hause kommt, fragt er in seiner ihm typischen unverfrorenen Neugier nach, was ich da habe. „What is this?“, „Oh!“, „You get this from Germany??“, „These pictures are in Germany?“ Kurze, präzise Phrasen mit starker Betonung. Dann, die Energie der Neugierde ist raus, ein langgezogenes „Wooww.“ und einige Sekunde Denkerpose, man kann ihm beim Denken zusehen. Und wieder: „You know what?“ „No.“ „I also am a photographer.“ Dylan holt aufgeregt seinen Laptop raus und zeigt mir Fotos seiner Freunde in Indonesien, die er selbst geschossen hat. „We have to do a picture together. Because… we probably never see again, haha.“ Irgendwie erfrischend, wie ehrlich er es ausspricht und gleichzeitig traurig, weil ich weiß, dass es sehr wahrscheinlich stimmt. „You never know, but yes, let’s do a picture.“ Und zwar nicht nur für den Blog. Ob ich schon am Lotus Pond war, fragt Dylan. Meint er das ernst? Ich bin seit Ende August hier. Aber ich vergesse, der Junge hat ja das Endlevel von Faulheit erreicht. „Guys! Let me cook“ grätscht Sky dazwischen, er verweist darauf, dass er unsere Bergtour vor gut zwei Monaten organisiert hat (also auf Google Maps rumgescrollt, bis er etwas Schönes gesehen hat) und außerdem kenne er ein paar gute Strandspots, zu denen er maximal sparsam in 30-Minuten-Schichten mit gelben YouBikes gefahren ist. „Do you know something else? Because it is so fucking far away!“ beschwert Dylan sich. Mir ist es im Endeffekt egal, Hauptsache wir machen etwas zu dritt, Sonntag legen wir fest.

Schließlich lasse ich mich von Gibson um 22:30 Uhr einsammeln und hoffe einfach, nichts Wichtiges vergessen zu haben. Er sieht schon sehr lustig aus, mit dem Wanderrucksack auf dem Motorrad. „How Are you?“ „Not good“, antwortet er. „Tired.“ „Are you excited?“ „A little, haha.“ Er lobt mein Phrasenchinesisch und entschuldigt sich mal wieder für sein Englisch. Tatsächlich ist seine Aussprache sehr gut verständlich, aber ja, inhaltlich hakt es manchmal und er muss auf die Technik zurückgreifen. In seinem Fall ist das aber nicht der klassische Übersetzer, sondern immer ChatGPT, welches mehrere Versionen liefert und ich kann mir dann eine von zwei oder drei Formulierungen der KI aussuchen. Witzig. In Höchstgeschwindigkeit rasen wir durch Nanzih, und ich meine wirklich Höchstgeschwindigkeit, die des Motorrads. Knapp 90 km/h auf den gängigen Straßen hat noch nicht mal Ray erreicht, obwohl ich seinen Fahrstil schon kritisch fand. Etwas langsamer wird Gibson bei Rechts-vor-Links-Kreuzungen und dazu lehnt er sich stark in die Kurven, aber hey, er hat den Führerschein, nicht ich. Nach gut sieben Minuten werde ich an einer Kreuzung abgesetzt, während er den Roller parkt.

Frohe Weihnachten und so!

Wir warten auf den größeren Van. Ganz leicht muss ich aufs Klo, aber mein vorsichtig spaßiger Fingerzeig auf einen Baum abseits der Straße findet keine Bestätigung: „I think, haha, this not good idea.“ Na gut, also in Berlin wäre das ja kein Problem. Aber ich verstehe, und halte es auch aus. Jetzt sitzen wir hier mit den schweren Rucksäcken, 11 Uhr abends, 22 Grad.

Irgendwann hupt ein Van und gefühlt unter Zeitdruck hilft ein älterer Mann, den ich „uncle Huan“ nennen soll, das Gepäck im Kofferraum mit Spanngurten festzumachen. Weiter vorne sitzen vier jüngere Leute, darunter ein Mädchen. Sie wirken freundlich und einem Jungen gefällt mein Tshirt: 高科大, 高科大! „Gāokēdà, Gāokēdà!“ liest er die Aufschrift, die chinesische Abkürzung meiner Hochschule. Gibson und ich kommen auf die Rückbank, dann geht es los, wir düsen über die Autobahn. Der Junge vor mir reicht eine Tablette an und spricht Chinesisch. „Drugs?“ frage ich. „We to the club now? I didn’t know.“ Allgemeine Erheiterung. Tatsächlich handelt es sich schon um die Pille gegen Höhenkrankheit, die eine Hälfte soll ich jetzt nehmen, die andere zwölf Stunden später, also morgen. Die andere verneinen ein eigenes Bedürfnis danach, sie machen solche Wanderungen häufiger. Stimmt, fast wäre mir das entgangen. Allerdings braucht der Junge, der die Pille ausgeteilt hat, eine andere gegen „car sickness“. Tja, diese Fahrt ist halt kein „beginner ride.“

Christmas Nightride

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