In der größten Pinkelpause werde ich von der Gruppe angewiesen, mir im nebenstehenden FamilyMart meine nächsten drei Frühstücke zusammenzustellen. Jeder von ihnen googelt fieberhaft, welches der vielen Zuckerbombenbrötchen nun am besten sei, holt sich einen Energy Drink nach dem anderen oder nutzt die Pause, um sich Weißbrotbagels reinzuschieben. Gibson, aber auch andere sind sehr müde und verstecken diesen Umstand auch nicht. Ich bekomme immer weniger Angst, dass ich es hier tatsächlich mit Profis zu tun habe. Nur Huan, der sich selbst als „group leader“ bezeichnet, natürlich viel älter als alle anderen ist und zudem stolz auf sein „german, old car“ ist, macht auf mich einen strammen Eindruck. „You Japanese?“ fragt er mich. „No, haha. Do I look like?“ „You look Japanese“, sagt er. Das kann wirklich nur die Dunkelheit oder meine schmutzige Brille sein.

Nach insgesamt vielleicht drei Stunden Fahrtzeit sehe ich auf Google Maps, dass wir weit im Norden sind (in der Nähe von Puli) und zumindest Luftlinie unser Ziel fast erreicht haben. Huan hat sein Handy in eine Halterung geklemmt und spielt einen chinesischen Banger nach dem anderen ab, wobei er auf YouTube seine Playlists durchskippt. Die andere reden mal, reden mal nicht. Wir befinden uns jetzt nicht mehr auf dem highway, sondern auf kurvigen Bergstraßen und obwohl ich kaum einen Höhenunterschied feststelle, wird es merklich kälter. Vielleicht hat es ja auch mit dem Landesinneren zu tun. Die Straßen sind übrigens so kurvig, dass ich kaum schlafen kann, jetzt verstehe ich, warum mein Vordermann Pillen eingeworfen hat. Gefühlte Ewigkeiten verbringen wir hier und auf der Karte kommen wir einfach nicht vom Fleck. Nur ein, zwei weitere Male machen wir Halt, um Toilettenpausen einzulegen. Der Van bleibt dabei in der Straßenmitte stehen, denn Platz zum Ausweichen findet sich kaum. Das Männerklo besteht nur aus einer Kabine mit Vorhang zur Straße, am Urinal zu stehen, lässt mich schon ordentlich frieren. Im Auto ziehe ich schleunigst meinen Flies drüber.
Schließlich bleibt die Karre um 4:40 Uhr stehen. Die Türen öffnen sich und auch Gibson, der in kurzer Hose und T-Shirt eingestiegen ist, zittert am ganzen Leibe, „Holy shit!“ Er hatte mir gestern noch gesagt, dass wir nach Ankunft je nach Bedarf vielleicht ein, zwei Stunden Ruhe haben können, bevor es dann richtig losgeht, aber das scheint nicht mehr zu gelten. Alle steigen aus und gehen an den Kofferraum. „So, what is the plan?“ frage ich, diese Information noch im Hinterkopf. „Hiking“, sagt irgendwer und schaut mich etwas schräg an. „Okay!“ gebe zurück und ärgere mich, denn als Neuer in der Gruppe will ich auf keinen Fall rüberkommen, als hätte ich Extrawürste nötig. Gerade, weil ich jetzt schon öfter auf den Schwierigkeitsgrad der Wanderung verwiesen und für meinen zu kleinen Rucksack kritisiert wurde.
In den nächsten Minuten soll ich mein Hintergepäck arrangieren und mich für den Tripstart bereit machen. Über die Thermohose und kurze Sporthose ziehe ich also die Wanderhose drüber, über den Thermosleeve mit Sportshirt und Flies kommt zusätzlich der Windbraker. Den Rucksack packe ich komplett aus, denn der Schlafsack, den der Wanderclub mir ausleiht, soll auf keinen Fall außen verstaut werden. Darüber kommen also meine Wechselsocken, der minimalistisch gefüllte Kulturbeutel und ganz viel Essen, durch den Frühstückseinkauf nochmal gewachsen. Mir wird außerdem ein Thermobehälter geliehen, den ich später zum Kochen verwenden kann. Die prall gefüllten Wasserflaschen an den Seiten verstärken die Last symmetrisch, komplettiert wird das Paket dann durch die Isomatte, die ich ebenfalls in die Hand gedrückt bekomme. „Better would be inside, but you don’t have enough space“, sagt das Mädchen. Die hätte nichtmal reingepasst, wenn der Rucksack ansonsten komplett leer gewesen wäre. Abgesehen davon hätte das Argument mir beim Verständnis der Gegenseite geholfen, als wir über die Größe diskutiert haben. Aber egal, genau dafür hat man doch ein Regencape. So weit, so gut, bekomme ich noch eine Stirnlampe in die Griffel gedrückt und ein Mitstreiter packt seine beidseitig filmende Handkamera aus. „Yeaaah“, „yeaaah“ und „yeaaah“ machen die anderen, zeigen peace und sagen ein wenig etwas auf Chinesisch.

Dann machen wir die Lampen an und es kann losgehen. Uncle Huan bleibt entgegen meiner Erwartung hier, was für ein Ehrenmann, uns trotzdem durch die finstere Nacht hergefahren zu haben. Außerdem sind wir mit sechs Leuten doch deutlich weniger, als ich bei der Gruppengröße von etwa 10 erwartet hatte. Vielleicht ist das aber auch besser, so kann ich mich besser auf die Leute einlassen bzw. sie in der kurzen Zeit überhaupt erst kennenlernen. Mit dem Mädel laufe ich erstmal vorneweg, meinem Eindruck nach kann sie mit das beste Englisch. Ihren Namen habe ich direkt nach der Vorstellung beim Einstiegen wieder vergessen, ich hake einfach später nochmal nach. „If you don’t feel good or have some problem, you have to tell us, and we take care.“ Sie fragt mich nach meinen bisherigen Wandertouren und darf natürlich erneut betonen, wie schwer diese Wanderung ist, während Gibson weit hinter uns mit lautstarkem Gähnen und Stöhnen auffällt. Die anderen lachen, im Prinzip sind alle müde. Zwei kleine Sipps am FamilyMart-Kaffee pushen mein Adrenalin temporär hoch, aber ich weiß auch, dass ich auf nicht mehr als zwei Stunden Schlaf zurückblicken kann, wenn überhaupt. Ich will mehr über Wanderung und Gruppe herauskriegen und frage deshalb obligatorisch, wieviel Erfahrung sie denn schon haben. Sie machen so etwas auf jeden Fall regelmäßig, auch wenn das letzte Mal bei den meisten schon einen Tick länger her ist. Allein Gibson ist erst vor drei Tagen vom einziger 3000er im Süden Taiwans zurückgekehrt, vielleicht ist er auch deshalb so müde. Allerdings ist der jetzige Trip für fast alle Teilnehmenden ein Allzeit-Superlativ, so etwas Schweres haben sie noch nie gemacht. Auch der 玉山 „Yùshān“, mit knapp 4000 Metern höchster Berg Taiwans, soll an die Schwierigkeit hier nicht rankommen, der Anstieg sei leichter und man fange erst auf 2600 Metern an. Wie hoch geht’s denn heute und morgen, frage ich das Mädchen. Also: Heute steigen wir erstmal auf zum Basecamp, von dort aus machen wir morgen und übermorgen jeweils Touren zu den zwei Gipfeln und steigen am letzten Tag auch wieder hinab. Soweit zum grundsätzlichen Plan, von dem ich bisher auch dachte, dass er ganz anders aussieht. Irgendwie war ich von einer durchgängigen Tour ausgegangen. „The camp is at 3300 meters, and we are at… 兩千四百?“ „一千四百“, wird sie korrigiert. Wir befinden uns tatsächlich auf nur 1400 Meter, Halleluja. Da muss ich dich gleich mal mein Komoot anschmeißen, so ein Rekordaufstieg will getrackt werden. Ich verstehe ein wenig besser, warum wir so lange vor Sonnenaufgang losgegangen sind und ich merke spürbar, wie mein Ego wächst, oder mir jedenfalls befiehlt, ja keine Schwäche zu zeigen. Natürlich bin ich nicht dumm und habe auch nicht vor, frühzeitig den Löffel abzugeben, aber kleine Wehwehchen anzumelden, kommt gar nicht infrage. Nicht dass ich mich besonders eingeschüchtert fühle, aber mich nervt es, als schwächstes Glied behandelt zu werden, als das ich mich definitiv nicht fühle. Wie eine richtige Wandermaschine ist hier nämlich niemand gebaut und auch die Ausrüstung lässt mich teils zweifeln, wer hier Amateur ist. Jedenfalls mit dabei sind ein Sneakerpaar und, fast noch wilder, ein Paar Regenstiefel, deren Schaft zwar täuschend hoch ist, sich aber nach Belieben zur Seite biegt, wenn die Waden es so wollen. Andere Wanderschuhe sind sehr flach und nur das Pärchen hat genau wie ich vernünftiges Schuhwerk. Außerdem fällt mir auf, dass ich der einzige Wanderer ohne Stöcke bin. Beim Ausrüstungscheck gestern mit Gibson ist der Begriff gar nicht gefallen, aber daran hätte ich genauso gut selber denken können, zumal ich wenige Stunden zuvor noch im Decathlon war. Für heute wird es wahrscheinlich kein Problem darstellen, allerhöchstens kann ich beim Anstieg nicht auf meine Armmuskeln zurückgreifen und muss umso mehr aus den Schenkeln powern. Aber für den Abstieg an Tag drei muss ich mir definitiv einen oder zwei Stöcke suchen. Gut kann ich mich an Tag fünf meiner Slowakeiwanderung dieses Jahr erinnern, wo mir nach knapp 1700 Metern Abstieg die Knie für mehrere Wochen den Tribut gezollt haben, im besten Fall wiederholt sich das nicht.


Eine ganze Weile handelt es sich nur um einen Waldwanderweg, wie er in jedem x-beliebigem deutschen Forst auftreten könnte. Bis sich um kurz vor sechs der Himmel etwas aufhellt, sind die Stirnlampen trotzdem bitter nötig, Wurzeln, kleine Steine und nicht zuletzt unliebsame Rinnsale im Morast wollen gemieden werden. An einer ersten interessanten Stelle ist der Berghang massiv abgerutscht und diverse Wasserkabel hängen mutterseelenallein in der kühlen Luft, während die Bergwand sich weit nach innen verschoben hat. Ich gehe voran, wir steigen über alle Kabel, die uns auch danach noch begleiten. An einigen Stellen haben diese Lecks, laut zischt und spritzt Wasser nach oben. Wie in einer Dystopie hängen die schwermütigen schwarzen Schläuche zwischen ihren Astaufhängungen und eskortieren die Wegmitte durch die Finsternis. Schließlich gelangen wir an ein Tor, dessen Seitenflügel offen steht. Scheinbar betritt man hier den Nationalpark, jetzt geht’s richtig los.
Abwechselnd unterhalte ich mich mit Gibson und dem Mädchen, die anderen drei Jungs haben es nicht ganz so mit Englisch. Allerdings kommt auch bald der erste Aufstieg und statt zu reden, keucht und schwitzt man besser. Vielleicht ist es der Kaffee, aber ich habe ganz gut Energie und werde von Gibson mehrfach dazu angehalten, langsamer zu machen. Sie weisen mich daraufhin, schließlich fallen mir auch die Wegweiser in Form von Plastikflyern an Bäumen auf, die ich bereits aus Alishan kenne und die mutmaßlich von Wanderclubs stammen. Zugegeben, im Dunkeln sind sie deutlich effektiver als die europäischen Baumbemalungen, aufgrund der starken Lichtreflexionen.

Dann geht’s wieder runter, ein Seil zum Festhalten inklusive und ein altes, verlassenes Haus lugt hinter dichtem Gestrüpp hervor. Der Boden wird immer nasser, bis wir an eine antik anmutende Brücke gelangen, die nicht nur weitgehend bewuchert ist, sondern auch zum Teil abgebrochen scheint. Eine typische Baumarktleiter soll aushelfen, auf der anderen Seite sicher hinabzufinden, aber auch die ist abgeknickt und wackelt bereits beim Gewicht einer einzigen Person. Unter uns bricht ein Bergbach an unzähligen Felsen, das Wasser ist bestimmt eiskalt. „Maybe you can take a bath on the last day“, kommentiert Gibson meinen Blick und lacht.

Hatte ich bisher in Taiwans Natur immer das Gefühl, beim Urinieren eine Straftat zu begehen, so nimmt die pure Notwendigkeit diesen Eindruck. Jeder, der muss, lässt die anderen passieren und schließt danach wieder auf. Am Wegesrand finden sich mal wieder stehengelassene Maschinen und Gegenstände, so mag ich meine aufstrebenden Entwicklungsländer. Ein Mix aus Motorrad, Bollerwagen und Open-Air-Kleinbus in knallroter Lackierung stellt sich wirklich als Landschafts-Plus dar. Als es anfängt zu regnen, packen alle ihre Regenschirme aus, Gott sei Dank habe ich auch einen kleinen dabei. Der lila Kompaktschirm von James hat schon öfter punktuell gute Dienste erwiesen und mich stylisch aufgewertet, hier könnte er sogar überlebenswichtig werden. Ich gehe weiterhin vorneweg, ohne Korrektur der anderen scheinen wir ein gutes Gruppentempo gefunden zu haben. Viel reden tun wir nicht mehr, aber auch das mag ich am Wandern: die Ruhe, in der Natur mit sich selbst unterwegs zu sein. Ich bemerke mal wieder ein Ziehen in der Oberseite meines rechten Fußes, allerdings nur auf geraden Wegstrecken, von denen wir bald nur noch träumen können.
Denn um viertel nach sieben macht der Weg eine 90-Grad-Kurve und wir legen die erste Pause ein. Vor uns liegt nicht nur ein steiler Hang, er türmt sich geradezu auf. Der Wanderweg lässt sich besonders gut anhand einer Schneise erkennen, die laut Gibson für den Brandschutz gezogen wurde. Smart, wenn auch im Winter unrelevant. In einem kleinen Kreis bleiben wir stehen und nehmen unser ‚Frühstück‘ ein. Kaffee sorgt bekanntlich nicht gerade für Appetit, ich muss mich fragen lassen, warum ich so zögerlich esse. Gibson & Co. sind strategisch schlau, sie schmeißen die Energy Drinks erst nach dem Essen ein. Die meisten ziehen ihre Jacken aus, mich eingerechnet. Längst hat es aufgehört zu regnen, die Feuchtigkeit auf der Haut kommt vermutlich vom Schweiß. Ich frage in die Runde, wer die Idee zur Tour hatte. Irgendein chinesischer Name, der mir nichts sagt, dann die englische Variante. „Ninebro“, sagt das Mädchen, „‚Come, grab a drink‘“ ergänzt Gibson und alle müssen lachen. Kurz nach meinem Gruppeneintritt vor zwei Monaten wollte ich mich einem Treffen anschließen, bei dem dann alle spontan abgesprungen waren. Auch danach hatte es nicht mehr geklappt, sich einmal kennenzulernen, das die Anspielung. Ninebro, tatsächlicher englischer Name, ist der Organisator und derjenige, der vor ein paar Tagen wegen seines entzündeten Fußgelenks abgesagt hatte. Das erklärt auch die vielen Nachrichten in unserer Line-Gruppe, denn irgendwie scheint er seine Schafe fernzusteuern, schreibt ständig neue Informationen, Wetterberichte und Kommentare rein. Neben mir ist auch Ryan neu dabei, der Medizinstudent ist und mir die Pille gegen „altitude sickness“ gegeben hatte.


Ab diesem Wegpunkt, scheinbar der „Trailhead“, begleiten uns fortan markante dunkelrote Wegweiser, die immer die Distanz zum 大劍山 „Dàjiàn shān“ und dem 登山口 „Dēng shān kǒu“ anzeigen, alle 100 Meter wiederkehrend. Auf Komoot sehe ich, dass wir streckenmäßig schon viel zurückgelegt haben, die wahre Anstrengung dürfte aber erst jetzt beginnen. Außerdem bemerkenswert: Nicht nur mein Handyakku zeigt bereits alarmierende 30% an, auch meine ursprüngliche voll aufgeladene Powerbank hat über Nacht mehr als die Hälfte ihrer gespeicherten Energie eingebüßt, vermutlich zurückzuführen auf die Kälte des Kofferraums. Dass ich erst in knapp drei Tagen wieder aufladen kann, versetzt mein dokumentatorisches Inneres in stille Aufregung.

Auf Nachfrage will niemand anderes nach vorne, also setze ich mich wieder an die Spitze. Der Anstieg beginnt genauso steil, wie er zuvor aussah und bleibt es für eine ganze Weile. Genau wie im Sprint erbringt man die besten Leistungen, wenn man seine Gegner hinter sich hat, weshalb ich voll durchpowern kann. Das martialisch, aber genau so muss ich denken, um Leistung zu erbringen. Natürlich verzichte ich auf ausgefahrene Ellenbogen, mit unlauteren Mitteln kämpfe ich nicht und sowieso werde ich mehrfach gebeten, kurz zu warten. Ich vermute mal stark, dass die anderen sich ihre Kräfte gut einteilen können und versuche, mich selbst zu bremsen, schließlich will ich bis zum Ende durchhalten. Allerdings ist es tatsächlich meine Laufgeschwindigkeit, die mich vorne hält, der Wettkampfgedanke verschwindet schnell. Langsam zu gehen, fühlt sich am anstrengendsten an, weil man so viel mehr Schritte gehen muss, für mich funktionieren große, kräftige Stapfen am besten. Mit ihnen habe ich das Gefühl, zu schweben und vor keiner noch so großen Stufe Halt machen zu müssen. Außerdem kann ich es mir so auch gut leisten, immer wieder den Blick zu wenden und auf die andere Seite des Tals zu blicken. Langsam erreichen wir die Höhe der alleinstehenden Hanghütten und ihre Schrägdächer werden ganz leicht erkennbar. In minütlichen Wechseln traut sich die Sonne hervor, wird aber immer wieder von durch die Täler rasenden Wolken verdrängt. Die Ähnlichkeit mit Alishan ist nicht von der Hand zu weisen, in gewisser Höhe scheint es eher charakteristisch für Taiwan zu sein.


Der Hang nimmt einfach kein Ende. Man befindet sich in einer dieser Situationen, wo man denkt, die Bergkuppe sei nah, nur um immer wieder davon überrascht zu werden, wie viel Hangfläche sich hinter dieser doch noch befindet. Der Weg verläuft im Zickzack, aber die Brandschneise hält sich hartnäckig linear. Der Junge mit den Regenstiefeln hat scheinbar genug Akku, um seine Handylautsprecher durchgehend mit chinesischer Musik aller Richtungen zu versorgen, die mal näher, mal ferner an mein Ohr tritt. Gibson ist tatsächlich leicht enttäuscht, dass ich meine Box nicht mitgenommen habe. Ich hatte aber nicht nur Bedenken beim Gewicht, sondern auch beim Volumen und der möglicherweise hart einprasselnden, in dem Fall sehr berechtigten Kritik an meiner Prioritätensetzung. Bei den meisten Songs jedenfalls singt der „music boy“ mit, „he has so much energy“ bewundern ihn die anderen. Von dieser benötigt man eine ganze Menge, und ich merke schnell, wie viel. Mein Maßstab: Je früher man an den Punkt kommt, sich zu wünschen, dass man woanders sei oder nie zugesagt habe, wenn überhaupt, desto anstrengender. Natürlich stechen diese Gedanken nur punktuell zu, in etwa wie muskuläre Schmerzen in einem Workout, aber sie sind ein guter Indikator für das Verhältnis von Schwierigkeit zu Stärke. Belohnung sind die Schweißperlen auf der Stirn, an ihnen lässt sich messen, wie ernst man es meint. Nach ungefähr einer Stunde und wer weiß wie vielen Höhenmetern gelangen wir in das Dickicht aus Wolken und werden wenig später mit einem flacheren Abschnitt belohnt. Hier kommen uns in zwei Schüben fünf, sechs Wandernde entgegen, davon abgesehen bleibt es aber komplett leer. Nicht zu vergessen, man benötigt eine offizielle Erlaubnis für das Gebiet.

Ich bin im Tag angekommen und fühle mich nicht, als hätte ich kaum geschlafen. Neben den ganzen Gedanken zum Sport und Durchhalten powert mein Gehirn auch in andere Richtungen. Vermutlich bin ich gerade so kreativ wie sonst selten und das kann ich nicht nur auf den kleinen Kaffee zurückführen, an dessen Koffeingehalt ich mich in Taiwan ja leider schon gewöhnt habe. Unter anderem fällt mir das typische Reiserätsel rund um den Kaiser von China ein, das ich im Lauf der Jahre wahrscheinlich schon mehr Leuten gestellt habe, als ich an allen Fingern der Reisegruppe abzählen könnte. Weil es auch auf Englisch bestens funktioniert, will ich es mir zurecht legen und frage Gibson, was man einen Kaiser auf Englisch nennt. Ich will nämlich Akku sparen, aber der Junge ist trotz gutem Willen irgendwo zwischen A2 und B1 angesiedelt. „Some countries have kings, but China had some other, right?“ Er versteht, aber letztlich muss ich doch Akku opfern, um das Wort „emperor“ herauszufinden. Gibson meint übrigens, dass es keinen inhaltlichen Unterschied zu Königen gebe, wer weiß. Das bringt ihn auf die Geschichte und er stellt sicher, dass ich die Grundzüge dieser bezogen auf Taiwan kenne. Der Name 蔣中正 „Jiǎng Zhōngzhēng“, den ich immer noch als Chiang Kai-Shek kenne, sorgt mal wieder für Verwirrung. Ich erzähle, dass ich Chinesischstämmige kenne, die Taiwan als Teil Chinas sehen, und bin mal wieder sehr erstaunt darüber, wie ruhig und gelassen Taiwanesen damit umgehen können. „China think that we are part, but we think that we are own country. We have own culture, own kind of language and own people.“ „So… are you not afraid that China will attack one day?“, muss ich einfach fragen. „We don’t want to, but we don’t know what China government thinks.“ Ich kann immer noch nicht so richtig sagen, ob mein Gegenüber Angst davor hat, es auszusprechen oder einfach so lebt, wie die Situation es gerade hergibt, wobei ich aber immer mehr zu Letzterem tendiere. Beeindrucken tut es mich immer wieder. Vor allem vor dem Hintergrund, dass meine chinesischstämmigen Freunde in Berlin (auch die, die sich nicht zu den Besitzverhältnissen Taiwans geäußert haben) fast durch die Bank weg erzählen, die Leute in Taiwan seien eins zu eins dieselben wie in China, die Kultur unterscheide sich kaum. Das hatte mich damals schon gewundert, und komplett beurteilen kann das nebenbei bemerkt trotz allem nicht vollständig, aber dass es Unterschiede gibt, fällt mir immer mehr auf. Schriftzeichen, taiwanesische Sprache, das, was ich über Freundlichkeit mitbekomme, und das sind nur die offensichtlichen Dinge.
Der Weg macht immer mehr Kurven, ab und zu geht es sogar kurz bergab, Gibson packt seine Kamera aus. Ich erinnere mich, sein Instagram besteht vor allem aus Naturfotografien, die definitiv aus etwas Höherwertigem als einer Handykamera stammen. Eine kleine Lache ist von besonders grünem Gras umgeben, als ob sie eine Aura hätte. Mein erster Gedanke ist, dass man hier windgeschützt ein Zelt aufbauen könnte, allerdings fällt mir dann ein, dass Tiere genau diese Vorteile zu schätzen wissen könnten. „I know animals will come here. Because in every video game they do“, witzel ich. Das Thema treffend, sehe ich kurz darauf ein Reh zwischen Bäumen durchhuschen. Die ziemlich abartigen Schreie hatte ich zuvor Affen zugeordnet, die anderen hatten mich aber korrigiert, „it’s a deer.“ Den taiwanesischen Schwarzbär gibt es hier übrigens nicht, versichert Gibson. Nur in noch entlegeneren Gegenden und eventuell im Süden.

Gibson ist übrigens 21 Jahre alt, hat eine vier Jahre jüngere Schwester und schwärmt von einem superbilligen Thailandtrip, der ihn inklusive Flüge und allem nur an die 30.000$TD (800€) gekostet hat. Dort hat er übrigens Hashbrownies ausprobiert und den ganzen Tag lachen müssen, für Taiwanesen eine nicht ganz selbstverständliche Erfahrung. Auch an Pilzen hat er Interesse, weshalb ich ihn mit den nötigen Hinweisen versorge. Des Weiteren tauschen wir ein paar Schimpfwörter aus, auch eine Art freundschaftliche Währung auf Auslandsreisen. Von mir lernt er nicht nur, sich vorzustellen, sondern auch, wie er seine Freunde als „Idiot“, „Wixer“, „Arschloch“, „Hurensohn“ oder „Kek“ bezeichnen und mit „Verdammt“ seine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen kann, wobei ihm Letzteres sprachlich am schwersten fällt. Gibson ist von meinem Mandarin-Wortschatz reichlich beeindruckt (ob aus Höflichkeit oder nicht, kann ich schwer sagen) und erweitert diesen um die Begriffe 靠腰 „kàoyāo“, 靠北 „kàoběi“ und 你是在靠 „nǐ shì zài kào“, die alle irgendwo zwischen ‚Verdammt‘ und ‚Du Idiot‘ liegen. Andere mir bereits bekannte Begriffe bekomme ich näher erläutert, bspw. kann man 屁眼 „pìyǎn“, was wörtlich ‚Arschloch‘ bedeutet, neckisch unter Freunden benutzen, während 智障 „zhìzhàng“, irgendwas zwischen ‚Idiot‘ und ‚Geistig Behinderter‘ so ernst und abwertend ist, dass es regulär eigentlich nur Grundschüler verwenden. Man lernt nie aus. Das Erdbeben gestern Abend hat Gibson übrigens auch gespürt, seiner Meinung nach war es das stärkste des Jahres.
Mittagspause machen wir auf selten gesehenem, flachen Terrain. An der Böschung stehen zwei riesige Kanister, dahinter eine Plane, die angeblich gerne von Jägern genutzt wird. Die Behälter haben funktionierende Wasserhähne, deren Ausfluss klar scheint. Für den Rückweg vielleicht. Alle sind dankbar für die kleine Auszeit, aber nach wenigen Minuten in der Hocke fängt man an, so stark zu frieren, dass Weiterlaufen auf einmal doch wieder eine Option ist. Der bisher sehr stille Freund des Mädchens reibt sich das Bein, hat auf Nachfrage aber kein ernsthaftes Problem. Dann erscheint ein Wanderer, der zu uns aufgeschlossen hat. Schnell macht sich Freude breit, denn Gibson scheint ihn zu kennen, „we have met at Yùshān!“ Der spricht gutes Englisch, stellt sich mir als „Ricky“ vor und hat exakt denselben Wanderplan wie wir. Heute rauf ins Basecamp, morgen Dàjiànshān, morgen Jiànshān und zurück ins Tal. Fortan sind wir also zu siebt unterwegs.


Mit dem Wetter ist das so eine Sache. Wenn die Sonne verschwindet, wird es schnell kalt, wenn sie auftaucht, will man am liebsten im T-Shirt laufen. Besser als zu frieren ist das Schwitzen aber allemal. Landschaftlich gibt es ehrlich gesagt nicht so große Abwechslungen wie ich es aus Europa gewohnt bin, man ist halt in den Tropen, bis zu einer gewissen Höhe ist alles, wirklich alles bewachsen. Das soll es aber nicht schmälern, schön finde ich die Gegend trotzdem.
Um kurz vor 12 Uhr erreichen wir unseren ersten Gipfel, den 推論山 „Tuīlùn shān“. „You walk so fast“, keucht Ricky, ich begründe das mit meiner „mental power“. Mit dem Gipfelschild, das mich eher an ein Autokennzeichen erinnert, kann man gut posieren und freundlich verweist es auf die bereits geleistete Höhe. Auf 2801 Metern können wir dankbar sein, nur noch knapp 500 dieser vor und zu haben. Erstmal gibt es aber Snacks: meine teuren Haferriegel sind es genauso wert wie die Kaubonbons und sauren Skittles von Gibson, oder die Trüffel-Maiswaffeln von Ricky, die er billig bei Cosco bekommen hat, der chinesischen Version von Metro. In Taiwan muss man nämlich kein Gewerbe haben, um massenweise einzukaufen. Ricky kommt ebenfalls aus 高雄, fühlt sich mit seinen 25 Jahren schon etwas alt und hat viele Fragen über Deutschland und Europa. „I don’t want to offend you, but I see online that the Deutsche Bahn is never on time. Is that true?“ Er darf ruhig alles fragen und ich liste ihm die Gründe auf. Er war einmal in Deutschland, als er in Frankfurt seinen Flieger gewechselt hat, um in Island wandern zu gehen. Er ist Mediziner scheint offensichtlich großer Wanderfan zu sein.


Ab hier teilt sich die Gruppe ein wenig auf. Ich bemerke es erst anhand der fehlenden Musik und frage, wo der „music guy“ ist. Das Mädchen lacht und scherzt, „probably already at the base camp.“ Da hat sich also einer zurückgehalten am Vormittag. Aber auch der Rest zersplittert sich, das Mädchen und ihr Freund fallen schnell zurück, genauso wie Ryan und Ricky. Als ich mich mit Gibson im Wald verlaufe, schließen die beiden auf und helfen uns aus der Misere. Es ist wirklich krass, wie schnell man vom Weg abkommen kann, wenn dieser aus kaum mehr als eingetretener Erde besteht und in unregelmäßigem Zickzack verläuft. Immerhin ist es so steil, dass wir kaum Strecke zurückgelegt haben und schnell zwischen Meeren aus Ästen und Sträuchern feststecken. „You sure we are still on the track?“ „Uhhm. No.“ Aber Ricky weist rufend den Weg und lässt uns anschließend wieder vor. So langsam dürften wir auf über 3000 Metern sein, denn die Vegetation verändert sich spürbar, weg von der Masse an Bäumen und hin zu durchwühlungswilligen Dickichten aus Bambusbüscheln.
Außerdem wird das Stiefeln schlagartig super anstrengend, was ich nach über sieben Stunden trotzdem nicht auf meine Ausdauer (getrunken habe ich auch viel), sondern auf die Höhe schieben will. Ich fühle mich nämlich nicht so erledigt wie nach einem harten Training, sondern habe Probleme, ausreichend Luft in mich reinzupumpen. Kurz zuvor habe ich zwar (leicht verspätet) meine zweite Pillenhälfte eingenommen, vermutlich darf ich mir davon aber keine Wunder erwarten. So lasse ich Gibson irgendwann vor, eine Weile lang sehe ich seinen Rucksack immer hinter den nächsten Büscheln verschwinden, aber dann muss ich mein eigenes Tempo finden. Die vielen nötigen Pausen nutze ich immerhin, um die bessere Aussicht zu genießen. Wenig Bäume gleich weiter Blick, zumindest, wenn die Wolken mitspielen. Wie schnell diese sich bewegen, sieht man übrigens hier:
Zahlentechnisch gesehen ist es nicht mehr weit, aber ich muss richtig beißen und ringe mich zu langsamerem Laufen durch. Ich muss locker einmal pro Minute eine Pause einlegen und lege in dieser mein volles Gewicht auf ein hochgestütztes Knie. Ganz leicht spüre ich meinen Kopf. Wenn die Strecke unsicher wäre, würde ich stoppen und warten, aber etwas Schlimmeres als Sitzenbleiben kann mir hier kaum passieren. Die Wegweiser haben starke Motivationskraft, denn ich weiß, dass ich dreieinhalb Kilometer vor dem Gipfel nach rechts abbiegen muss, nicht mehr weit. Lustigerweise gibt es daneben manchmal gelbe Hinweise, dass man Funkempfang hat. In die Line-Gruppe schicken alle Selfies, sie scheinen auch sehr angestrengt zu sein.

Schließlich holt Ricky mich ein und zusammen bestreiten wir den Rest. „Hearing music is very motivating“. Zwischen zwei kleinen Anhöhen gehen wir hindurch, laut Ricky gibt es hier das vorerst letzte Handysignal, dann sehen wir auch schon „the hut!“ im Dunst der lokalen Wolke. Dass wir in einer Hütte schlafen, war mir auch nicht klar, ist aber bestimmt viel besser als ein Zelt. Allerdings macht es jetzt wieder mehr Sinn, dass Gibson unbedingt Schlappen mitnehmen wollte. Egal, das Tagesziel ist erreicht, dafür ist es allerhöchste Zeit. Aber nur im übertragenden Sinne, denn wir haben gerade mal 14 Uhr. Wahnsinn. Für alle Interessierten ist hier übrigens die Komoot-Route, meine erste selbst aufgezeichnete.



Als wir die Tür aufschieben, jubeln Gibson und der „music man“, dessen englischer Name Shang lautet, und entgegen. Sie haben als Erstes ihre Gaskocher ausgepackt und sind gerade dabei, Wasser zu erhitzen. Der sparsam eingesetzte Bergtee wird freundschaftlich rumgereicht, während wir uns im windstillen, aber keineswegs isolierten Raum erst einmal setzen. Der besteht im Grunde aus dem ganzen Hüttenvolumen, wobei der Schuhbereich etwas herabgesetzt ist und auf knapp zwei Metern eine zweite Ebene aus Metallrost eingezogen ist. Eine Aluminiumleiter führt dort hinauf, und jede Schlafebene ist mit einer angenehmen Gummibeschichtung überzogen, sodass man dort auf Socken oder sogar barfuß laufen kann, ohne dass die Zehen anfrieren. Die Bettplätze sind an den Kopfenden nummeriert, was deshalb funktioniert, weil für den Nationalpark nur begrenzte Zugänge gewährt werden. Ricky und ich entscheiden uns für oben, in der Hoffnung auf aufsteigende Körperwärme der anderen. Dort konvergieren die Fenster gegen mathematisch eindimensionale Linien oder sind schlicht mit unveränderbaren Rolläden bedeckt. Ungenau vernagelte Decken- und Wandplatten lassen auf niedriges Budget schließen, aber ich bin dankbar für alles, was Windstille bietet. Mehrere unbewachte Rucksäcke und einiges an umherstehenden Material zeigen an, dass wir später Gesellschaft bekommen werden. Ein warum auch immer auf dem Boden vor der Hütte stehendes Solarpaneel bedient einen Sicherungskasten, der vermutlich für den Notfall eingerichtet ist und keine Möglichkeit für privat nutzbare Energie liefert.


Ich geselle mir zu den Jungs und öffne eine Packung Schlümpfe, die ich noch von meinem Hinflug im August übrig habe und die ich mir für einen besonderen Moment aufgehoben habe. Das „German Candy“ weckt Interesse, Shang fotografiert die einzelnen Gummibärchen und greift immer wieder zu. Er ist verdient mit dem Bergsteigen übrigens Geld, wenn ich Gibson richtig verstehe. Man kann ihn für unterschiedlichste Touren in Taiwan buchen und Gepäck tragen lassen, angeblich bis zu über 40 Kilo, unvorstellbar viel. Zum Vergleich, mein eigener Rucksack wiegt wiegt in vollem Zustand vielleicht 16 Kilo, verglichen mit dem von Ricky. Jetzt weiß ich auf jeden Fall, wie er so durchmarschieren konnte… Ryan stößt hinzu und eine knappe Stunde später macht das Pärchen uns vollzählig. Für morgen ist schlechtes Wetter angesagt und wir müssen wohl spontan entscheiden, was aus der Gipfelbesteigung wird, aber im Moment ist das zweitrangig. Lebenswichtig sind jetzt die vielen Gaskocher, auf denen jeder Instant-Nudeln kocht. „Let’s have lunch and then a little nap“, sagt Gibson. Grundgütiger, also ich habe nicht vor, heute nochmal aufzuwachen. Bei mir gibt es zu den Nudeln wieder scharfen Thunfisch, 鮪魚 „wěiyú“, aus der Dose, den Lifehack habe ich aus Alishan mitgenommen. Chips und getrocknete Früchte werden rumgereicht, zum Wachhalten reicht das aber nicht. Wenige Sekunden, nachdem er sich auf den Rücken legt, schläft Gibson ein, was Shang unbedingt als Naheaufnahme braucht, obwohl er dann selbst mit dem Kopf zwischen den Knien versinkt. Der einzige handlungsfähige scheint Ricky zu sein, der sich extra auf den Weg zum Funksignal macht und lange wegbleibt.

Nachdem ich meinen Schlafsack ausgebreitet habe, schaffe ich es sogar noch, am Regenauffangbehälter Zähne zu putzen, das benutzte Geschirr abzuwaschen und meine Kontaktlinsen vorsichtig rauszunehmen. Entsprechend taub sind meine Hände danach, aber die Mühe lohnt sich. Ricky kommt von einem erfolgreichen Telefonat zurück und auch die Rucksackbesitzer treffen ein, sie hatten heute ihre Gipfelbesteigung. „Ohhh, Déguó!“, ‚Deutschland’, freuen sie sich. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so unfassbar stolz auf sein unverständlich ausgesprochenes „Danke!“ ist; naja, jetzt schon. Derjenige mit dem Schlafplatz neben mir will unbedingt ein gemeinsames Foto (mit dem Exoten) haben, da kann ich nur zurückfordern.

Also eindeutig Letzter unserer Gruppe lege ich mich dann auch hin. Obwohl mein Schlafsack wahrscheinlich viel zu klein ist, kann ich schnell einschlafen. Kein Wunder, sowohl bei der Wanderung als auch bei den Verhältnissen letzte Nacht. Das hätte es für heute sein können, aber um etwa 19 Uhr wache ich nochmal auf. Zwei Leute reden und irgendjemand kocht, aber das ist nur nebensächlich, denn mein Kopf wummert und auch der Bauch meldet sich. Zum Glück ist Ryan, der Mediziner, auch oben und nimmt sich meiner an. „Do you feel dizzy?“, „Where do you feel the pain?“ und „How do you feel exactly?“ sind ein paar der Fragen, die mir alle Wachen stellen. Tatsächlich schwer zu beantworten, denn schlechtes Essen, zu wenig Wasser, Ermüdung, Erschöpfung, Kälte, unbequeme Lagen oder nicht zuletzt Höhenkrankheit könnten die Ursache sein. Sicherheitshalber bekomme ich eine ganze weitere Pille gegen Letzteres, wobei die Wirkungsdauer individuell sei, und Ryan begleitet mich vor das Plumpsklo. Dieses ist kaum mehr als eine extrudierte Zeichnung eines Tipis, mit einem langen Schlitz im Boden, der Squatten bedeutet. Allzu schlecht geht es mir auch nicht, ich laufe keine Gefahr, einfach umzukippen und hätte mir auch komplett selbst helfen können, aber man weiß natürlich nie. Trotzdem wollen die anderen, dass ich meinen Platz nach unten verlagere, reichen mir den deutlich angenehmeren Schlafsack von Shang, dazu ein ergonomisches Kopfkissen (vermutlich auch seins) und eine super dicke Wollmütze. Gibson kocht mir mehrfach neues Wasser warm, ich werde sehr lieb versorgt. Normalerweise würde ich mich bei so einer Behandlung unwohl fühlen, im Rückblick war es aber vielleicht genau richtig, denn in dem Moment habe ich keine solchen Gedanken. Dass ich mich leicht besser fühle, beruhigt die anderen. Insbesondere dem Mädchen ist aber wichtig, dass ich Bescheid sage und die Leute wecke, wenn ich mich wieder schlechter fühlen sollte. Dazu kommt es glücklicherweise nicht mehr. Bei allen möglichen Roasts muss ich sagen: In der Hinsicht sind sie allesamt Profis und zu auch noch sehr lieb.
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