Shei-Pa Nationalpark (Samstag, 27. Dezember)

Wie von Christa angekündigt bimmeln um 4:30 Uhr zwei Wecker, dazu mein eigener. Schnell werden sie ausgestellt und weil sich niemand bewegt, snooze ich auch meinen. Eine ganze Weile steht niemand auf, aber wach bin ich. Irgendwann fängt Zhang, der direkt neben mir liegt, zu stöhnen und leicht zu schreien an. Kein besonderes Geräusch, da es stark nach Angst und tiefgreifender Furcht klingt. Bruder muss los ist alles, was ich mir dazu denke und drehe auf die andere Seite. Das hat auch die restlichen Schläfer geweckt und erst um zehn nach fünf richtet sich die Allgemeinheit auf, um das Frühstück herzurichten.

Morgendliches Ambiente

Routiniert wird gegessen und gepackt, dabei brauche ich mein ursprünglich halbes Kilo Müsli fast gänzlich auf. Shang, das Arbeitstier nimmt mir eine Hüttenjacke und das nicht verkleinerbare Kopfkissen ab. Der TSMC-Mensch neben mir wünscht einen schönen Tag und lichtet uns vor der Hütte ab, bevor er sich selbst zu einem Nicht-ins-Tal-gehen-Tag vorbereitet. Aus praktischer Sicht ist es vielleicht sogar gut, später loszugehen, denn so können wir zwar immer noch im Nebel, aber dafür mit Tageslicht starten. So lassen wir 油婆蘭營地 „Yóupólán yíngdì“, den Youpolan Campground hinter uns und beginnen den Abstieg. Es tut mir sehr weh, keinen der beiden ursprünglich angepeilten Gipfel nennen zu können, vermutlich werde ich auch nicht nochmal wiederkehren. Aber so ist das nun mal.

Samstag, 6 Uhr
Ein letzter Blick auf die Hütte
Gruppenfoto v.l.n.r.: Christa, Zhang, Shang, Ich, Ryan, Ricky, Gibson

Durch die Schneelandschaft zu stiefeln, lässt mich ein wenig wie jemand jenseits der großen Mauer im nördlichen Westeros fühlen. Würde mich nicht wundern, wenn gleich links und rechts weiße Wanderer auftauchen und angreifen. Zu Anfang geht es noch etwas bergauf, bevor wir die höchste lokale Stelle erreichen, wo kein Schild mehr lesbar ist, weil es komplett mit horizontal gefrorenen Eiszapfen bedeckt wurde. In dem Moment wird mir nochmal klar, wie unfassbar wichtig meine Regenhose ist, die glücklicherweise auch Schnee bestens abhält, ganz zu schweigen vom eisigen Hochgebirgswind.

Winter is coming

Shang geht voraus, als Bergführer weiß er bestimmt am besten, worauf zu achten ist. An einigen Stellen wischt er mit seiner lustigen Spitzhacke Schnee von den Steinflächen, um rutschigen Gefahren vorzubeugen. Wer kann, breitet seinen Regenschirm aus, denn die Schneekügelchen wehen gerne mal in Kapuzen und Gesichter rein. Außerdem haben Handschirme im Winterwetter besonders viel Stil, wie ich finde. Gegen kalte Hände hilft nur, die Finger einzuziehen, sich einen eigenen Fäustling zu basteln. Erst als wir an die engen Stellen der Bambustunnel und mehrheitlich den Weg versperrenden Sträucher gelangen, werden sie nutzlos. Trotz aller Vorsicht rutscht Shang immer wieder aus und legt sich auf den Rucksack, ab und zu auch auf den Allerwertesten. Natürlich hat er den Nachteil des ersten Schrittes, aber er rutscht auch auf ziemlich vorhersehbaren Steinchen und Steigungen aus, was mich wieder zu seiner interessanten Ausrüstung bringt. War ich vorgestern noch über die Umknickgefahr seiner Regenstiefel besorgt, so entpuppt sich hier ein weiterer Nachteil, nämlich der des anscheinend mangelhaften Profils. Böse Zungen würden sagen, das Schuhwerk rächt sich. Da hilft auch die Spitzhacke nichts, genauso wie die Sonnenbrille. Immerhin die Cap sorgt für schneefreien Blick und einen richtigen Wanderstock hat er auch, aber grundsätzlich beschleicht mich das Gefühl, sein Outfit sei eher für die Kamera gemacht. Shang trägt keine Handschuhe und keine wasserabweisende Hose, aber ich wage es aus Respekt nicht, mich vorzudrängeln. Vermutlich bin ich als jemand, der durchaus ein paarmal Schnee erlebt hat, im Vorteil, was sicheren Tritt anbelangt, auch ohne eigene Wanderstöcke.

Welcher Weg eigentlich?
Der Blick zurück

Das langsame Tempo stört mich aber nicht, denn die Landschaft ist wirklich unbegreiflich schön. Auf dem Hinweg konnte man hier ab und zu ins Tal blicken, jetzt ist die Gegend transformiert und der etwas windstillere Hang lässt den Schneefall viel atmosphärischer und ruhiger wirken. Die Bambustunnel werden so zu richtigen Abenteuern, hinter jeder Biegung versteckt sich ein neuer Blick auf gefrorene Bäume und genauso kalte Wolken.

Der Kampf durchs Gestrüpp
Eine (Schnee-)Perle der Natur

Ab und zu bleiben wir stehen, warten aufeinander und werfen ein paar Bälle Pulverschnee hin- und her. Bei Ausweichmöglichkeiten gleich null ziemlich unfair, sie lernen dazu. Schließlich weiten sich die Büsche und trockenerer Waldboden ebnet den Weg.

Entspannterer Waldweg

Ricky hat vorher geschätzt, dass die Schneegrenze bei etwa 3000 Meter liegt, was gut sein kann, allerdings sehr schwer zu beobachten ist. Obwohl ich mich darauf konzentriere, fangen die Bäume irgendwann die meisten Flocken ab und der Übergang in grünes, matschiges Regengebiet geht unheimlich subtil vonstatten. Spätestens am Mt. Tuīlùn aber nehmen die Pfützen endgültig Überhand. Die Schneeflocken sind noch etwas dicker, verwandeln sich aber rasend schnell in flüssiges Material. Schön, wie anders sich die Landschaft darstellt, obwohl wir sie bereits aus anderer Richtung wahrgenommen haben.

Irgendwo da hinten wird die Schneegrenze liegen…
Mt. Tuīlùn bei Schneeregen
Werfen wir nochmal einen Blick auf das allgemeine Schuhwerk…
Niemals käme ich auf die Idee, einen Energy Drink bewerben zu wollen
Packesel der Gruppe

Ich fürchte mich leicht vor Ablehnung, ringe mich aber durch, Gibson nach einem seiner Wanderstöcke zu fragen. Im Schnee waren wir langsam genug, sodass es kein Problem war, aber seitdem spüre ich wieder die Belastung in meinen Knien. Ich glaube auch nicht, dass meine Knie besonders empfindlich sind, im Gegenteil, die haben schon so einiges ausgehalten. Aber knapp 2000 Meter abwärts entsprechen einfach nicht der alltäglichen physiognomischen Leistungsempfehlung für menschliche Anatomie, behaupte ich einfach mal. Jedenfalls leiht Gibson mir gerne einen Stock und bietet sogar den zweiten an, das kann ich aber nicht annehmen. „I‘m pretty sure you will need it for yourself later on.“ Die Aufteilung passt gut, denn jeder von uns will zudem durch einen Regenschirm geschützt werden und dritte Hände sind auch noch keinem gewachsen. Gibson und ich ziehen die nassen Jacken aus, er läuft sogar im Tshirt weiter. Christa weiß übrigens auch nicht, warum niemand schon um 4:30 Uhr aufgestanden ist, kann sich für ihr Snoozverhalten nicht entschuldigen (immerhin bin ich genau deshalb früher aufgewacht). „Was there even an alarm?“ „Mine!“ sagt Ricky. „But your boyfriend seems to be the best alarm.“ Zhang lacht, lässt sich aber mit „childhood nightmares“ erklären. Im folgenden Matschgebiet schlägt die Stunde der Regenstiefel, jedenfalls zieht Shang mal wieder vorneweg und ist nur an Pausenspots einholbar. Seine schwersten Touren seien angeblich Neuerkundungen durch wilde Bambuswälder gewesen, teilt Gibson mir mit, alle Achtung. Die Brandschneise hier gleicht da eher einer Waldautobahn: Jeder weiß, wo lang es geht und läuft für sich.

Dieses Bild hat einfach eine Stimmung

Schon deutlich näher am Tal frage ich Ricky, warum er einen Helm hinten aufgeschnallt hat. „It’s for climbing at the rocky spots.“ Ich habe schon ganz vergessen, dass er alleine unterwegs wäre, wenn er uns vorgestern nicht gefunden hätte. Tatsächlich hätte er sich den Gipfel vor allem deshalb zugetraut, weil es überall an der Wanderroute Handysignal gibt, was für Taiwan nicht selbstverständlich sei. Andere Wanderwege hätte er folgerichtig natürlich niemals allein bestritten, logisch. Würde ich Wandern in Taiwan anderen Deutschen empfehlen? Keine Frage, auf jeden Fall! Zugegeben, besonders abwechslungsreich ist die Natur hier nicht, aber dafür bietet sie pures, unberührtes und für Europäer im Winter sehr besonderes Grün und dazu beeindruckende Ausblicke, gerade wenn ich an Alishan zurückdenke. Das freut ihn offensichtlich sehr. An einigen Stellen sehen wir heute sogar gefallene, gelblich und rötlich verfärbte Blätter. So sieht „German autumn“ aus, sage ich, die anderen staunen.

Ricky hat seinen englischen Namen übrigens in der elementary school bekommen, sein Lehrer hat das letzte Schriftzeichen seines chinesischen Namens zugrunde gelegt, das wie „ray“ ausgesprochen werde. Normalerweise werde der englische Name schon in der primary school vergeben, was mich sehr wundert, denn ich habe schon einige Taiwanesen getroffen, die keinen zu haben schienen. Mit Ricky kann man sich gut unterhalten, er hat ein offensichtliches Interesse an fremden Kulturen und auch daran, seine Sprachkenntnisse durch Praxis zu vertiefen. Andere Taiwanesen hätten leider sehr mangelhafte Englischkenntnisse, bekomme ich mal wieder bestätigt. In der Schule ginge es ausschließlich um Schreiben und Lesen, dazu sei das Volk so perfektionistisch und wolle keine Fehler machen, dass sie am liebsten gar nicht sprechen. Ist mir durchaus aufgefallen. „But that’s not how languages work.“ „Exactly. It’s about trying.“ Ricky selbst lernt mit Podcasts und Videos, versucht, das Gehörte zu imitieren. Erfolgreich, würde ich sagen.

„I heard that europeans have like a month of holidays. Is that true?“ Er habe in Malaysia mal Briten und Franzosen getroffen, die sich einen Monat Zeit für ihre Asienreise genommen haben, aus seiner Sicht eine Utopie. „I think we have similar. Like, around 30 days a year, I hope I‘m not wrong.“ Tatsächlich hat Ricky ganze sieben Urlaubstage pro Jahr, als angehender Doktor, kein Spaß. „I can only hope I was born in a western country“, fällt ihm dazu ein. Und ich fühle mich leicht schlecht, auch wenn ich keinen Einfluss darauf habe. Natürlich machen viele Leute Überstunden und gerade in Positionen mit Verantwortung muss man nicht nur erreichbar bleiben, sondern oft für kranke Mitarbeiter aufkommen und kann durchaus mal seine Urlaubstage unterperformen. Aber sieben Tage klingt wirklich unterirdisch. Meinte nicht der Taipeier, den Ihsan und ich in Taitung getroffen habe, dass viele taiwanesische Gesetze aus deutschem Recht übernommen wurden? Das Arbeitsrecht scheint jedenfalls nicht dazuzugehören. Was für eine verrückte Welt. „And today, is one of your seven days?“ „It is.“ Außerdem scheint das der Grund dafür zu sein, warum viele Taiwanesen ihren Urlaub bei jedem Wind und bei jedem Wetter durchziehen, siehe die wagemutige Wandergruppe von gestern Abend. Klar, die Urlaube werden weit im Voraus gebucht und tun natürlich besonders weh, wenn sie gecancelt werden müssen.

Ricky hat aber trotz seines Knechtjobs große Ambitionen, was Welterkundung angeht. Aktuell lerne er Spanisch mit Duolingo, weil er unbedingt Südamerika bereisen will. Lange hatte er auch überlegt, es mit Französisch zu versuchen, nach einem Semester an der Uni hat er es aber aufgegeben. Den Kurs hatte er vor allem gewählt, weil der Prof immer A+ vergeben habe. Beweis genug ist der Wortschatz, den er mir an Vokabeln vorsprechen kann: „Je daime“ soll „I love you heißen“, und die Zahlen von eins bis fünf klingen bei ihm so: „Un, du, trois, quarte, cienq“. Weil er Arzt ist, funktioniert ein remote job eher weniger, aber trotzdem sieht Ricky eine Chance, dem ewigen Hamsterrad zu entfliehen: zwischen Dezember 26 und Juli 27 befindet sich die Pause zwischen zweitem Praxisjahr und offizieller Arzternennung, wenn ich das richtig verstehe. Da möchte er nach Südamerika, außerdem nach Europa, wenn es geht. Ich rate stark dazu, Europa hintendranzuhängen, weil den farblosen, mit Skelettbäumen durchzogenen Winter will er sich bestimmt nicht antun. Weil er außerdem sparen will, sollte er statt der Schweiz Österreich wählen und ein besonderes Augenmerk auf Südosteuropa legen, wo er von unberührterer Natur als sonstwo und von der Mittelmeernähe profitieren kann. Bisher wollte er vor allem in die Dolomiten, weil Freunde von ihm dort die schönsten Ausblicke ihres Lebens hatten. Ricky bedankt sich artig über jeden Tipp und verspricht sogleich: „Okay, then I will do it like this.“ Das ist mir etwas viel Verantwortung und ich schiebe noch hinterher, dass er sich am besten einfach ein paar Videos oder Guides über die Gebiete seiner Reise reinziehen sollte. Seine Sorgen vor Kriminalität in Paris und anderen großen Städten dämpfe ich. Wenn er nach Südamerika geht, bekommt er es bestimmt mit ganz anderen Kalibern zu tun. Auch in Paris kann man nachts auf den Straßen laufen, ohne ausgeraubt zu werden. Als Asiate sollte man aber gut vor Taschendieben aufpassen.

Berge scheinen sowieso sein Ding zu sein und er schwärmt davon, irgendwann mal Snowboard fahren zu wollen. Seine Kollegen hatten in Japan aber Unfälle und mussten ohne gute Versicherung teure Operationen weitgehend selbst bezahlen, das schreckt ihn ab. „In Taiwan there is a saying: Skiing and Snowboarding always leads to the doctor.“ Ah, da haben wir ihn wieder, den taiwanesischen Aberglauben. Natürlich braucht man eine Versicherung und fährt bestenfalls auch keine schwarzen Pisten am ersten Tag, aber zum Snowboarden kann ich nur raten. Im Gegensatz zum Skateboarden oder Surfen ist das m.E. nämlich das einfachste Board. Um Antrieb und sicheren Stand braucht man sich keine Gedanken zu machen, schließlich regeln das der Berg und die Schnallen. „Balance and squatting power are everything.“

Die unterste Wolkendecke ist durchquert

Im immer matschigeren Untergrund ist der Wanderstock wirklich Gold wert, nicht nur für meine Knie. Mehrfach bewahrt er mich vor einem Schlammbad und ich bin heilfroh, als wir ‚nur noch‘ durch waagerechte Bächlein waten. Es sind aber noch acht Kilometer, die gegangen werden wollen.

Ein vergessenes Gefährt
Der reißende Bergfluss unter der Brücke

Nach Austritt aus dem Nationalpark queren wir wieder den abgerutschten Erdhang, diesmal bei Tageslicht. Unter anderem deshalb warten die Autos deutlich weiter hinten, die Erdbeben verlängern also Wanderrouten. Ab jetzt muss Ricky der Regierung ‚Bescheid‘ sagen, dass er den Park sicher verlassen hat, für mich übernimmt das hoffentlich die Gruppe. Die Häuser am Hang gegenüber, auf die wir die ganze Zeit geschaut haben, sollen übrigens zu den „tribes“ gehören. Sie hätte Ricky im Notfall bei einer alleinigen Wanderung angerufen, „and they could call 911 or go up and help me.“ Na, die scheinen ja freundlich zu sein.

In der Luft hängende Wasserleitungen

Dann sehen wir endlich den Parkplatz und die Tour ist vorbei. Am Auto steht Gibson und jubelt uns entgegen. Eine riesige Flasche mit taiwanesischer Cola wird rumgereicht. Wer will, darf sich an den im Auto gelagerten Wechselsachen bedienen, aber ich fühle mich so schmutzig, dass ich mir die sauberen Klamotten für Kaohsiung aufsparen will. Erst als Shang sich seine ultra baggy, graue, kurze Hose mit tausend Tauschen anzieht, fällt mir auf, dass ich ihn ja aus der archery class kenne. Na klar! Seine eckige Brille hatte er jetzt fast gar nicht auf und die stark unterschiedlich pigmentierte Haut sieht man unter den Thermoklamotten auch nicht. Also nicht, dass ich vorher mal ein Wort mit ihm gewechselt hätte (wie denn auch?), aber ich fühle mich schon ziemlich dämlich, dass mir das erst jetzt auffällt. Von vereisten Straßen kann auf 1400 Höhenmetern übrigens keine Rede sein und deshalb mussten wir auch nicht weiter laufen, aber das ist mir sehr recht.

Tagesziel um kurz vor 12 Uhr erreicht
Sehr zu empfehlen!

Ricky verabschiedet sich in sein eigenes Auto, nachdem er alle verfügbaren Instaprofile eingesammelt hat und fährt davon. Entgegen der Hinfahrt heißt unser jetziger Fahrer nicht Huan und auch der Van ist ein anderer, warum auch immer. Die Fahrt dauert jedenfalls genauso lange, kurvige Bergstraßen verhindern flotte Geschwindigkeiten und rufen Übelkeit hervor. In 梨山 „Líshān“, einem touristisch angehauchten Bergdorf mit beeindruckender Aussicht machen wir kurz halt. Ryan teilt mir mit: „I haven‘t pooped in five days, it was just too cold up there.“ Da kann er sich mit Hasan battlen.

Teehänge in Líshān

Gibson stinkt das Auto mit seinen Nuggets zu und schmatzt dabei schwer erträglich. Naja, es sei ihm gegönnt, mit der Tour ist er sichtlich zufrieden. Ich ebenfalls, aber sie endet für mich erst an der Dusche. Bis dahin stehe ich meine getränkten Füße aus und schlafe nach Möglichkeit. An einem der unattraktivsten Orte überhaupt, im Nirgendwo vor Puli, halten wir für einen berühmten Teeladen, an dem ich mal Ziegenmilch ausprobiere, keine schlechte Wahl. Der Van hat sogar an jeder Nackenlehne eingebaute Stoffhalterungen, in die man seinen Bubble Tea mal eben stecken kann.

Berühmter Teeladen vor Puli

Nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir Kaohsiung. Gibson bringt mich netterweise mit dem Motorrad zum Dorm, damit ich eine Dusche nehmen kann, bevor wir uns später alle zum Diner treffen. Ich bin zwar richtig fertig, kann einem gemeinsamen Abschlussessen aber unmöglich absagen. Erst als ich den Standort sehe, muss ich rebellieren. Ein Hotpot-Restaurant tief in der Stadt ist für mich nicht in unter anderthalb Stunden zu erreichen und so bitte ich Gibson, mich erneut mitzunehmen. Auf keinen Fall tue ich mir heute noch drei Stunden Metro an. Ob er das gerne tut, lässt sich nicht sagen, die Taiwanesen sind ja sowieso zu nett zum Neinsagen. Heute ist mir das aber egal.

Auch wenn Kaohsiung vergleichsweise warm ist, komme ich nicht umhin, auf dem Rollerrücksitz mit kurzer Hose und Pulli zu frieren. Besonders die hohen Geschwindigkeiten lassen den Wind peitschen. Ich hatte ganz vergessen, wie schnell Gibson fährt. Bis zu 92 km/h registriere ich auf seiner Anzeige – wohlgemerkt, wir befinden uns im Stadtverkehr, auch wenn wahrscheinlich alle die Regeln brechen. Er erzählt mir, dass er zweimal die Woche nach Tainan fahren muss, weil er bei ASML als Praktikant arbeitet. Ja, das niederländische ASML, das die Produktionsmaschinen für TSMC herstellt. Dort muss der Gute regelmäßig Maschinen reparieren und wird darin geschult. Ziemlich cool, auch wenn das in meinen Augen keine Ausrede sein sollte, halsbrecherisch schnell zu fahren.

Der wahre Irrsinn ist aber erst, dass wir kurz vor dem Ziel über die Line-Gruppe benachrichtigt werden, dass Shang aufgrund eines Motorradunfalls nicht zum Essen kommen kann. Es sei bereits sein dritter Unfall diesen Monat, sagt Gibson, und er glaubt, dass man Shang die Lizenz entziehen werde. „I think he drives too dangerous. The government will take his liscense I think.“ Ich will nicht sagen, dass es zu Shang am ehesten passt, aber eigentlich doch, genau das will ich sagen.

Vor dem Restauranteingang warten Ryan und Ninebro, der legendäre Routenplaner mit der entzündeten Ferse. Er sieht aus wie ein typischer Taiwanese, mir fallen keine besonderen Details auf. Runde Brille, leichter Topfschnitt, glatte schwarze Haare, leicht rundliches Gesicht, mehr oder weniger sportliche Statur. „Nice to meet you“, begrüßt er mich und rein geht’s. Diese Stätte legt im Vergleich mit anderen Hotpot-Restaurants nochmal einen drauf, das Büffet ist riesig und die Kochplatten an den Tischen teilt man sich i.d.R. zu zweit, zu dritt oder zu viert. Dafür wird ein gigantischer Topf mit Metallelementen unterteilt und jeder bekommt seine eigene Basissoße. Dazu bestellt man ein recht teures Menü, das neben purem Fleisch tatsächlich nur puren Fisch enthält. Eine Art Steakhouse im Hotpot-Stil.

Ob das wohl unsere hungrigen Mägen stillen kann?

Mein Menü kostet am Ende knapp 600$TD (16€) und ist für taiwanesische Verhältnisse ziemlich teuer. Ich werde aber auch satt und der gelieferte Seafood-Teller schmeckt wirklich ziemlich hochwertig. Die riesige Gemüseauswahl und unbegrenzte Getränke und Eis machen außerdem genauso satt. Lustig sind die Roboter, die durch das Lokal fahren und aufgegebene Bestellungen an die Tische liefern. Bei der Lieferung einer „birthday cake“ bestehend nur aus Schinken spielt das Gefährt sogar einen Geburtstagssong ab. Sowas gibt’s auch nur in Asien.

Shang stößt schließlich auch noch hinzu und gibt sich gelassen. Nachdem er offensichtlich seine Sicht der Dinge geschildert hat, frage ich, was passiert ist, woraufhin er schweigt. Ninebro fordert ihn auf: „Say in English!“ Das will er nicht, also halte ihm mein imaginäres Mikrofon vor und sage: „Defend yourself. So… it was all your fault?“ In bester Anwaltsverhörmanier lächele ich ihm nickend zu, und er nickt ebenfalls. Alle lachen und ich denke mir nur, wie kann man sich selbst so in die Falle manövrieren. Ansonsten halte ich mich aber zurück, die Gespräche finden auf Chinesisch statt und mir fehlt ein Ricky, um mehr als zwei Sätze auf angemessenem Sprachniveau reden zu können.

Bei der Verabschiedung tut wieder niemand so, als würde man mich zum letzten Mal sehen, aber das ist okay. Gibson bringt mich unter Maximalauslastung seines zweirädrigen Verbrenners nach Hause, ausgeliehene Sachen und Geld solle ich ihm erst nächste Woche geben. Kurz bevor er mich absetzt, rauscht Shang vorbei. Er wohne in der Nähe, erklärt Gibson. Bin ich der einzige, der sich wundert, dass der Junge immer noch auf einem Motorrad sitzt?

Hinterlasse einen Kommentar