Dienstag, 30. Dezember

In „Consumer Behavior“ steht die letzte Stunde des Semesters an und damit der abschließende Vortrag jeder Gruppe. Jeder Gruppe? Nein, ein kleiner Mietnomade leistet Widerstand. Okay, keinen Widerstand, aber ich darf mich mal wieder berieseln lassen und nach Belieben literarisch kritisieren, ohne mich selbst angreifbar zu machen. Bevor es losgeht, quatsche ich kurz mit Luca, die unaufgeregt genug scheint, um mich nach dem verschneiten Wochenende zu fragen und sich über Muskan aufzuregen, die ihrer Meinung nach zu viel und zu verzögert auf Insta postet. Zugegeben, Instagram ist die Fake- und Selbstdarstellungsplattform schlechthin, aber auch bin von Leuten genervt, die sich ihr gesamtes Fotomaterial über das Jahr aufsparen, damit sie den Eindruck erwecken können, ohne Jobbedarf nonstop im Urlaub zu sein. Immerhin schneide Luca ihre Storys und Reels direkt im Anschluss an den Urlaub im Flugzeug, sodass sie deutlich realer sei. Respekt. Auch Vanessa bekommt ihr Fett weg: „Wenigstens sind alle meine Gruppenmitglieder da. Mehr erwarte ich schon gar nicht mehr“, kommt der Seitenhieb. Allerdings verschwindet diese direkt nach der Präsentation wieder, um ihre Masterarbeit zu verteidigen, es sei ihr erlaubt.

Die Vorträge behandeln die endgültig ausgearbeitete Marketingkampagne jedes Teams inklusive Vorstellung der Branche, Auswertung von Benutzerumfragen, KI-generierte Werbeclips und -videos sowie weitere Werbestrategien bezogen auf Produktdesigns, Plattformen, Sonderdeals usw. Dabei ist jedes Produkt irgendwie auf das „Lunar New Year“ abgestimmt, was mir nie klar war, aber ich bin ja auch nur der Gastkritiker, dessen Kritik höchstens Sebastian erreicht. Die beworbenen Produkte drehen sich um Badekugeln in Form der Tierkreisprotagonisten, Einladungskarten für das rote Fest, scheinbar Erfolg symbolisierender Tee und Nüsse, bei denen Himhim sich wunderbare Versprecher leistet. Die Kampagne seiner Gruppe will Walnüsse mit dem Gehirn und Cashewnüsse mit Nieren assoziieren. Außerdem seien die „Pikachu nut“, wobei er auf die falschen Bilder zeigt, geeignet, um menschliches Lächeln nachzustellen. KI-generierte Produkte passen offensichtlich nicht in ihre gezeigten Verpackungen, viele der Vortragsfolien sind wahrscheinlich in Eile erstellt worden und die einzigen, die richtig enthusiastisch sprechen (und damit ein Produkt bewerben könnten), sind Luca, Charly und Sidd. Kaan, Fabian und Philipp, die allesamt aus dem nächtlichen Deutschland zugeschaltet sind, merkt man die Müdigkeit deutlich an und ich bin sicher, dass Philipp ab und zu gähnt. So wie ich eines der letzten Male durchs Klassenzimmer blicke, wird mir aber erneut klar, wie der Kurs funktioniert. Prof Danny sitzt alleine in der ersten Reihe und schreibt aufmerksam mit, so muss er wenigstens nicht sehen, wie fast alle anderen (mich eingeschlossen) auf ihre Laptops oder die Handys schauen. Wie ein Marketingkurs wirkt die Veranstaltung nicht, denn die meist fünf vorne stehenden Leute versammeln sich mehrheitlich hinter dem Vortragspult. Besser gesagt verstecken sie sich, überbieten sich darin, klein zu werden, wie Kinder, die sich die Hände vor die Augen halten, um nicht gesehen zu werden, so wirkt es jedenfalls. Na gut, nicht jeder IBM-Absolvent muss andauernd Vorträge halten, schließlich gibt es genug unbeliebte Bürojobs. Dazu gehen Leute wie Sidd ein und aus, die Tür quietscht. Am Ende gibt es quasi keine kritischen Rückfragen, Danny sagt sogar „I appreciate your effort. It is better than last week.“

Einsamer Danny und verängstigte Vortragskaninchen

Am Ende teilt Buggis Gruppe den beworbenen Tee aus und Charly bringt Pizza rein, auf die Danny den ganzen Kurs einlädt. „I tink it’s no enough but the budget is low.“ Er lacht verlegen. Bevor wir essen dürfen, will er noch unbedingt ein Kursfoto haben. Schnell ist ein „2026 Happy New Year“-Hintergrund eingerichtet und unglaublich laut schallt ABBAs „Happy New Year“ aus den Boxen des Zimmers. Ein verwirrter Kollege darf Fotos schießen und in einem Video sollen alle „Happy New Year“ rufen. Sebastian ist der cringe ins Gesicht geschrieben, aber das macht es nur noch lustiger. Ich finde, man sollte so einer Situation stets mit noch mehr cringe begegnen, denn nehmen lässt sich der Faktor sowieso nicht mehr.

„Consumer Behavior“ wünscht einen guten Rutsch
Uiuiui
Danny gönnt uns Abschlusspizzen

Sidd schnappt sich die obligatorisch kleine Vegetariana und für mich gibt es immerhin Fischnuggets, eine eher weniger attraktive „Seafood Hawaii“ und Kartoffelplättchen, die Rita ohne Wimpernzucken als „Hash Brown“ bezeichnet. Da war ja was. Erfolglos versuche ich dann noch, Rita, Jess und Michael zu überzeugen, mit mir auf den Yùshān zu gehen. Die Mädels haben grundsätzlich kein Interesse (obwohl sie auf meinen Wochenendschnee neidisch sind), Michael hingegen ist wohl fest im Griff seiner Freundin, die ihn für einige Wochen besuchen kommt und der der Berg nicht interessant genug sei. Er hätte prinzipiell Lust und reicht mir auch sofort die Hand. Wenn ich seine Freundin überzeugen könne, wäre er sofort dabei. Bei der Einstellung lasse ich den Versuch vielleicht lieber doch sein, klingt nach gefährlichem Terrain.

Vor dem Campuscafé „Louisa“ plant Sebastian mit Ashley und Brian seinen Campingtrip (in die Nähe eines Mormonencamps), allerdings bekomme ich meine Ausrüstung nicht verkauft. Auch traue ich mich nicht, nach ihrem Verhältnis zu Sascha zu fragen, der ja mehr als erbost über die Mormonengeschichte war.

Trotz anderen Angaben ist die heutige 17. Bogenschießstunde vor allem eine Generalprobe. Die Ziele stehen mittlerweile 15 Meter entfernt und der Lehrer erklärt wieder ausgiebig das super simple Turniersystem. Vermutlich geht es nur darum, dass er im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen kann, denn diese Ansage hat nun wirklich jeder tausendmal gehört. Der Tutor will wieder ganz dringend, dass ich ihn und den lǎoshì „handsome“ nenne. Auf wen von beiden das Attribut jetzt mehr zutrifft, das kann ich wohl erst nächste Woche bei der Endprüfung entscheiden. Was auch immer da geprüft werden soll, denn meines Wissens werden in den Sportkursen generell keine Noten vergeben.

Lehrer Louis Ho im Fokus der Aufmerksamkeit

Ein schlaksiger Typ aus meiner Gruppe mit super dicken Brillengläsern, weshalb er den Bogen übrigens immer vor sich statt neben sich hält, hat eine Überraschung für mich dabei. „I have something for you. Happy New Year!“ Dann übergibt er mir eine cartoonierte Packung mit Karamelltee. „It’s from Taipei, I have been there the last days.“ Ich bedanke mich mehrfach, wie nett! Dabei kenne ich nichtmal seinen Namen, aber ich glaube, das ist egal. Auch die anderen Jungs haben auf einmal mehr Interesse an mir, allzu oft werden wir uns ja nicht mehr sehen. Sie fragen mich wieder nach meinen Urlaubsplänen, empfehlen „glass monkeys“ in den Philippinen und sagen, „you are rich man“, weil ich nach Taiwan noch Malaysia und Thailand abklappern werde. „It’s probably my only chance, so I think it is worth the money.“ Gibson hat ordentlich verschlafen, kommt aber nach, sodass ich ihm die 2585$TD (70€) für Fahrtkosten und das ausgelegte Hotpot-Essen zustecken kann (von Ausleihkosten für Schlafsack & Co. ist keine Rede mehr). Wusste ich doch, dass die Tour nicht gratis war. Abgesehen davon gingen aber nur weitere 20€ für meine Verpflegung drauf, insgesamt trotzdem ein billiger Urlaub. Klar habe ich viel Geld in Ausrüstung gesteckt, aber die war erstens für Alishan gedacht und zweitens kann ich Klamotten und evtl. anderen Kleinkrams sogar mit nach Deutschland nehmen. Außerdem bin ich immer noch erstaunt, dass der Trip überhaupt geklappt hat, so kannte ich auch Gibson bis zum Wanderstart kaum, weil er große Teile des Semesters nicht da war. Shang ist ebenfalls am Start. „You still have your license?“ frage ich. „Yes“ antwortet er und verzieht keine Miene. Okay, war ein schlechter Witz. Aber im Ernst, wie darf er nach der Unfallhistorie immer noch fahren? Just Taiwan things. Bei 27 Grad in der Nachmittagssonne schwitzen wir uns einige Bogenladungen ab, dann geht es zurück in den angenehmen Schatten.

Generalprobe
Unverhofftes Geschenk

In Chinesisch stellt Vivek seine vermutlich erste Frage. „Teacher, I have question. What is in the exam?“ Peiti beruhigt, das erfahren wir schon noch. Erstmal dürfen wir altbekannte Vokabeln durchgehen, und sogar unsere Köpfe anstrengen, weil sie uns fragt, welche Fragen man mit den Wörtern auf den Karteikarten theoretisch stellen kann. Ganz witzig ist mal wieder, wenn sie die Vokabel für ‚geben’ in ihr Mikrofon übersteuert einspricht. „Wǒ… GĚI nǐ xiāngjiāo.“ Das wird einfach nicht unlustig, vor allem, weil es außer Buggi und mir niemandem auffällt. Das war’s dann aber schon mit Denkleistung, ein neuer Dialog an der Leinwand spiegelt auch nur alte Sätze wieder. Ausführlich wird uns erklärt, wie die Prüfungsfragen nicht nur aussehen könnten, sondern wie sie, da bin ich mir sicher, exakt aussehen werden. Aus dem gezeigten Dialog werden bestimmte Phrasen ausradiert, und wir sollen zwischen A, B und C unterscheiden. Dabei ist die Antwort meist eine sehr offensichtliche, ja pack die Note doch gleich in Geschenkpapier ein.

Unveröffentlichtes Dokument der Epstein Files

Nach einem letzten Arbeitsblatt mit ausgeschrieben Zahlen (sogar bis in den siebenstelligen Bereich) heißt es wieder: „Now, go home!“ Nicht aber, ohne ebenfalls ein Abschiedsfoto zu schießen, das scheint bei den Kursen in Taiwan fast Pflichtprogramm zu sein. Alle versammeln sich hinter Peitis Smartphone und in beeindruckender Boomermanier benutzt sie für ein Selfie den Selbstauslöser. Fünf Sekunden später entsteht trotzdem ein beeindruckend alle einfangendes Foto. Nur Vivek, die Legende, ist leider schon früher gegangen und auch Mohan fehlt.

Fast der ganze Chinesischkurs

Den letzten Unterrichtsabend feiern Sebastian und ich, indem wir in die Stadt fahren und mit Anna zu Abend speisen. In einer von Musik beschallten, aber doch recht leeren Seitengasse am Central Park werden wir bei einem traditionellen Restaurant fündig. Nudelsuppe, frittierter Reis und ebenfalls frittierte Nudeln schmecken zuverlässig gut. Die Kellnerin stellt uns vor die Wahl zwischen Stäbchen und Löffel, als wären wir gerade erst eingereist und verschenkt zum Abschied sogar jedem einen Banane. In Thomas Augen wären das bestimmt schon eine diskriminierende Handlung, aber ich denke, wir genießen die Sonderbehandlung und bedanken uns höflich. Auf ein Bier geht es dann noch auf die Anhöhe im Central Park, um einen der letzten Aufstelltage des Weihnachtsbaums und die bestimmt ziemlich giftigen, aber sehr coolen weißen Rauchblasen sehen zu können. Die beiden haben „extra“ meinen Blog noch nicht gelesen, damit ich persönlich vom Wochenende erzählen kann, das ist ein wunderschönes, indirektes Kompliment. Anna und Buggi haben aber auch viel zu berichten, von geänderten Reiseplänen, den Erdbebenerfahrungen in Taitung (außerdem gab es noch ein zweites, das ich nicht bemerkt habe, weil ich da bei Gibson auf dem rasenden Roller saß) über die massenhaften Polizisten nach dem Taipeier Anschlag, Annas sehr beeindruckenden Kochplänen und Ernährungskalkulationen, fesselnden Geschichten über ihre deutschen Freundinnen, blinde Katzen, dubiose Datingportale und nicht zuletzt die schlauen Sprüche von Thomas. Außerdem stellen wir fest, dass Hasan und Henry der Wunsch verbindet, finanziell abhängige Frauen zu heiraten und dass es keine schlechte Idee wäre, zusammen auf dem Silvesterrave ins neue Jahr reinzufeiern. Zu guter Letzt wird mir auch noch ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk überreicht, ein liebevoll in Kalender-Sinnsprüche eingepacktes Kartenspiel der Bayerischen Sparkasse. Wahnsinn, genau das hatte ich mir gewünscht!

Heute mal Chinesisch essen

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