Mittwoch, 31. Dezember

Bis zum Abend gibt es nicht wirklich viel zu tun, also verbringe ich die Zeit, die ich hier noch habe, im Dorm. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten binge ich wieder eine Serie, zumindest kann ich die zweite Staffel von Squid Game beenden. Besonders der schnelle Aufbau von neuen Charakteren, der einen mitfiebern lässt und die koreanische Originalfassung beeindruckt mich. Wie kann eine Sprache so cool klingen? Obwohl zumindest Sky einen Plan für heute Abend hat (er will sich das Feuerwerk im E-DA Theme Park anschauen), läuft der Tag ab wie sonst. Der klassische Vormittagsschlaf (als Pause zwischen den ganzen Reels) und lautstarkes Schmatzen dominieren das Zimmer.

Indonesischer Vormittag

Tatsächlich muss ich jetzt mal anfangen, meine Sachen zu packen. Die nächsten Tage sind immerhin teilweise verplant und bevor ich nächsten Mittwoch nach Taipei aufbreche, sollte ich geklärt haben, welche Sachen in die Central-Park-WG kommen und vor allem, wie ich den Rest nach Taipei bekomme. Wanderrucksack oder Koffer machen beim Fahrradfahren vermutlich keine gute Figur, also werde ich wohl ein paar Tage mit (Müll-)Tüten reisen müssen. Wusste ich doch, dass diese Allzweckgegenstände für Höheres bestimmt sind! Was für ein Lifestyle das wird. Andere Gegenstände wie meine Matratze, das Zelt oder den Gaskocher sollte ich lieber verkaufen, netterweise hilft Rita mir dabei und will Fotos davon online stellen. Viel anderes Zeugs vermache ich Sky, der sich jetzt schon sehr über einen großen Regenschirm, zwei Kissen, meine Gewürze, restliches Waschpulver und nicht zuletzt meinen Reiskocher freuen darf, der aber auch Dylan zusteht. „Time runs so fast“, bringt Sky es mal wieder auf den Punkt. Nachdem ich ausziehe, können wir uns vielleicht ein letztes Mal in Chiayi sehen, wo er in den Ferien bei seiner Tante wohnen und viel schuften wird. Irgendwie verrückt und traurig, aber rational weiß ich, dass solche Gedanken beweisen, wie sehr ich mein Leben in der Zeit davor bereichert habe.

Normalerweise bin ich nicht der größte Fan von Jahresrückblicken oder Vorsätzen, aber der Mensch ist paradox und die Jahre nunmal durch den heutigen und den morgigen Tag voneinander getrennt, auch wenn sich kaum etwas wie durch ein Wunder verändert dürfte. Eben weil ich schon Jahre hatte, mit denen ich nicht zufrieden war, nehme ich mir ein paar Minuten Zeit, das diesige, wirklich gute zu reflektieren. Die beste Sache war natürlich, nach Taiwan zu kommen, keine Frage. Das hat mir nicht nur viel Druck von der Berufswelt genommen und ziemlich coole Begegnungen beschert, sondern meinen generellen Blick auf viele Dinge verändert. Ob ich jetzt ein anderer Mensch bin oder sein werde, so wie viele es ja berichten, bezweifle ich ehrlich gesagt. Jedenfalls wird es sich erst dann zeigen können, wenn ich wieder in Berlin bin, aber ein bisschen entspannter geworden zu sein, würde mir schon ausreichen. Gerade was Zwischenmenschliches anbelangt, bin ich mit mehr innerem Druck in die Welt gespawnt, als nötig wäre. Abgesehen davon sehe ich schon das wahrscheinlich natürlichste Down aller Zeiten auf mich zukommen, nämlich wenn diese Reise im März endet. Auch deshalb brauche ich dringend Ziele für die Zukunft, die bestenfalls alle in Erfüllung gehen, mindestens aber mich auffangen und neue gute Zeiten erleben lassen. Auch wenn ich mich dieses Jahr schon viel öfter gedehnt habe, werde ich mich nächstes Jahr bestenfalls noch viel weniger verletzen. Dazu gehört ein geiler Trainingsplan und vor allem, endlich wieder selber zu kochen inklusive Kefirexperimente. Meine Bachelorarbeit, ein neuer Job, Führerschein, andere Projekte und der europäische Sommer stehen an und was nach September kommt, liegt momentan sowieso außerhalb meiner Vorstellungskraft. Blog zu schreiben, macht unheimlich viel Spaß, aber gleichzeitig werde ich es mir danken, wieder anderen Hobbies nachzugehen. Vor allem meine (Um-)Welt zu erkunden, wird größere Priorität haben und ich will weiterhin viele Leute kennenlernen. Faktoren wie Beziehung, Gesundheit und anderes Lebensglück kann ich nicht so aktiv beeinflussen wie mein Sportverhalten, aber das ist okay. Die Dinge kommen eh, wie sie kommen. So, so viel Kitsch muss sein, spätestens auf der Radtour werden mir sowieso noch tausend schlauere Gedanken einfallen.

Im letzten Abendlicht für 2025 holt Gibson die letzten Leihsachen ab und erkennt als erste Person beim Abschied an, dass wir uns so schnell nicht wiedersehen. „Maybe one day, I can come to Germany.“ „Yes, I can show you some places.“ „And the mushrooms? Haha.“ „Of course, haha.“ Dann düst er davon, Silvester will er am Cijin Beach verbringen. Mit viel Koffein übrigens, denn die anstehende schlaflose Nacht will er spätestens ab zwei, drei Uhr zum Lernen nutzen. Bitter, wenn die Endprüfungen so kurz nach Neujahr sind.

Sky will von Mike erfahren haben, dass dieser seit kurzem mit Heizo Freundschaft geschlossen hat. Der Japaner sei krank gewesen und in einem wahren Akt der Brüderlichkeit habe Mike ihm Medizin angeboten. Jetzt scheinen sie nach vier Monaten des Schweigens tatsächlich noch ins Gespräch zu kommen, man darf nie aufgeben.

Weil Sidd noch bis sechs Uhr Unterricht hat, machen wir uns recht spät auf den Weg zum vegetarischen Restaurant an der Kaohsiung Arena, das Julia netterweise rausgesucht und in diesem einen Tisch reserviert hat. Auf dem Weg erzählt er mir, dass er sich für nächstes Semester ein Apartment in der Stadt suchen will, Kurse wird er nämlich keine haben und daher auch nicht auf den Campus gehen. „Unless I will find a girlfriend, but it wont happen.“ „What about a NKUST boyfriend?“ „No! I am straight.“ Okay. Tatsächlich würde eine Beziehung für ihn ziemlich unsicher sein, weil er sich im Sommer für PhD-Plätze in Taiwan, aber auch in Neuseeland und Deutschland bewerben will. Ein Freund von ihm studiert auf Malta und berichtet Gutes aus Europa, andererseits muss er auch auf das Gehalt und andere Bedingungen schauen. Zuerst einmal hofft Sidd, dass sein baldiger Flug nach Indien nicht storniert wird. China hat vorgestern nämlich ein Militärmanöver rund um die Insel begonnen, anscheinend ist die zivile Luftfahrt stark eingeschränkt. Ich habe bisher nicht genau recherchiert, auch weil man abgesehen von den Nachrichten nichts mitbekommt. Es ist jetzt nicht gerade so, als würden am Himmel ständig chinesische Flieger auftauchen. Die taiwanesischen ja, aber das ist keine Seltenheit. „Maybe they take advantage of the fireworks ‚Boom!‘“, soviel Spaß verstehen wir schon noch. Henry war übrigens der erste, von dem ich das erfahren habe, vor den „scheiß Chinesen“ solle ich mich in Acht nehmen. Eine Nebenbemerkung: Heute trage ich zum ersten Mal in Kaohsiung eine lange Hose, wenn man von Ankunftstagen aus kälteren Gebieten absieht. Diese Statistik muss ich einfach festhalten und mir mal auf der Zunge zergehen lassen. Sidd stimmt zu, er habe aber irgendwann angefangen, lange Hosen zu tragen, weil er das Gefühl hatte, dass taiwanesische Mädchen seine behaarten Beine anstarren. Interessanter Gedanke, darauf bin ich noch gar nicht gekommen. Naja, heute sind wir also davor geschützt. Währenddessen postet Luca eine Insta-Story ihres „2025 Flighty Passport“. Wie kann man als linke Person so stolz auf seine massiven CO2-Emissionen sein? Außerdem hat der Floor Manager eine wichtige Mitteilung: „Now it’s time to clear the refrigerator.“ Besonders wichtig, dies am letzten Abend des Jahres zu tun. Ich fühle mich jedenfalls nicht angesprochen.

Das vegetarische Restaurant, das laut Julia „ein ziemlich normales Lokal in der [Kaohsiung] Arena“ ist und keineswegs „edel“, befindet sich dort im 5. Stock. Mit Erlaubnis des Tresens dürfen Sidd und ich unsere Freunde aufsuchen, die an einem runden Tisch in der Ecke sitzen. „Der runde Tisch, der runde Tisch…“ lacht Thomas. „Ach, ihr seid zu alt dafür.“ „Der kommunistische Tisch“, ergänzt Sascha. Julia, Xandro, Sascha und Thomas haben bereits Platz genommen, und sogar Dennis vom Theaterabend stößt dazu. Aktiv sei er wohl nicht eingeladen worden, aber da er gefragt habe, was sie heute Abend machen, habe Julia ihm kaum absagen können.

Ein Platz bleibt frei, dazwischen viele tolle Speisen

Wir haben den Tisch nicht für lang, aber die knapp 80 Minuten reichen voll aus, um eine Comedyshow zu schreiben. Thomas allen voran bleibt sich seinem Verhalten treu und fällt durch Kuriosität um Kuriosität auf. Die Kellnerin wird mit „Ohh, nǐ hǎoooo“ begrüßt und auch sonst winkt er, gestikuliert viel umher. Als der Alishan-Tee in weißem Geschirr serviert wird, merkt Thomas an: „Oh, das ist ja schick. Terrakotta, oder wie heißt das heutzutage? Porzellan?“ Wir haben so ziemlich das unspektakulärste Tee-Set vor uns stehen, aber wer weiß, welchen Kenner wir da unter uns weilen lassen. Zu dessen Geburtstagsparty am 9. Januar könne ich ja gar nicht erscheinen, wie Sascha anmerkt. Tja, schade, aber dieser sieht meine Fahrradtour wohl als akzeptablen Grund. „Das ist richtig gut. Ich hab letztens auch mal so eine Tour gemacht. Ich glaube, 30 Kilometer bin ich gefahren.“ Mit eigenem Fahrrad? „Nein, ich muss zugeben, da habe ich mir eines dieser YouBikes genommen. Ein orangenes.“ Na, das ist ja fast so anspruchsvoll wie mein Vorhaben. Auch zu meinem bergigen Wochenendbericht gibt es Kommentare von der Seite. Während wir anderen uns wundern, wie das mit der Höhenkrankheit so genau funktioniert, hat Thomas diese Erkenntnis natürlich längst hinter sich und belehrt uns. Natürlich auf britischem Englisch, denn Sidd, der bestimmt keine Ahnung davon hat, muss es ja auch verstehen. „It is about the oxygen and gas in your blood“, je höher man komme, desto schwieriger wirds und und und. Sidd zeigt uns daraufhin nur einen 4500er auf Google, das sei seine letzte Besteigung gewesen. Höhenkrankheit bekomme er nicht, was ich ihm abkaufe. Thomas lässt aber nicht locker, schließlich wird er bald einen 2600er im Süden von Taiwan besteigen und lässt es so klingen, als würde er auf Meeresniveau anfangen. Ich lasse das mal so stehen, er wird sich vermutlich selbst die besten Tipps geben können.

Dennis fühlt sich offensichtlich noch als Neuling der Gruppe und fragt bei jeder Speise, ob er auch etwas anhaben dürfe, obwohl wir alles für alle bestellt haben. Ein erster Redebeitrag bezieht sich auf Jens, den taiwanesischen Deutschlehrer, der die Theatergruppe angeleitet hatte, wenn ich mich recht erinnere. „Haben wir mittlerweile Jens‘ Sexualität herausgefunden?“ prallt der Smalltalk-Versuch an Julia ab, die nur die Augenbrauen hochzieht. Nächstes Thema: Sascha hat seine Studenten anonym Feedbackzettel schreiben lassen, wobei es ganz unabhängig von der Handschrift einfach gewesen sei, den von Heizo zu identifizieren. Positiv: „Nein, Ich liebe Sascha Deutsch-Kurs“. Verbesserungsvorschläge: „Lass mich nich Deutsch-Kurs credits verpfänden“. Ansonsten lobt Sidd Saschas frisch rasiertes Gesicht und ist der Meinung, ich sähe sowohl mit Vollbart als auch ohne den Schnauzer (noch?) besser aus als momentan.

Um nochmal auf die Exquisität des Etablissements zurückzukommen. Alle paar Minuten bringen Kellnerinnen, die übrigens allesamt Kabelkopfhörer drin haben, neue vegetarische Speisen, Julia und Xandro müssen wirklich die halbe Speisekarte geordert haben. Frühlingsrollen, Pilze, Reis in Weinblättern, Trüffel-Dumplings, Sauerkraut-Nudelsuppe, verschiedene Salate und Nussgerichte (bei denen Thomas höllisch aufpassen muss, nicht an Allergie zu sterben, wie wir alle mehrfach zu hören bekommen), Süßkartoffeln, eine Art herzhafter Rettisch-Mochi und vieles mehr wird wie am Fließband angekarrt. Im selben Atemzug wie der Lieferung eines Topfes mit Tofupudding und Ingwer-Honig-Sirup werden wir gebeten, möglichst bald zu gehen, denn es ist ja schon 21 Uhr und das Restaurant will schließen. Kein Problem, Julia zückt ihre Karte und übernimmt vorerst die Zahlung. Sie ist Teilzeittaiwanesin, weshalb sie sowieso die ganze Kommunikation führt, aber die vier Ziffern „liù, líng, qī, èr“ höre ich klar raus. Selbst wenn wir die 6072$TD, also 165€ perfekt durch sieben teilen, landet jeder bei etwa 24€. Für das Essen ein sehr guter Preis, von einem „ganz normalen Lokal“ ist es aber doch etwas entfernt. Ob wir die Summe erstatten sollen, wird auch nicht ganz klar.

Dennis denkt ans Gruppenfoto

Für später hat Julia einen Rave organisiert, aber bis dahin sind es noch knapp drei Stunden. Ich will unbedingt noch bei Anna und Sebastian vorbeischauen, die nicht weit weg wohnen, habe aber auch den Auftrag, Thomas und anderweitige Störenfriede fernzuhalten. Zumindest mal größere Menschenansammlungen, denn Buggis Eltern sind da und eine ruhige Runde scheint angebrachter, am besten erscheine ich allein. Thomas und Sascha kommen schnell auf die Idee, in eine Bar zu gehen (schließlich wollen sechs Wochen Abstinenz endlich gebrochen werden), Dennis will zur Dream Mall fahren und die Wiener können sich auch beschäftigen. „Brechen wir also das Fass“, sagt Julia. Sidd nehme ich dann doch mit, zusammen fahren wir zur Anime-Bar, in der sich die Bamberger Traube gerade versammelt.

Dort ist es für normale Verhältnisse voll, aber Sidd und ich quetschen uns in eine Sitznische. Der Junge hustet schon den ganzen Abend, weshalb ich ihn immer wieder frage, ob er nicht doch Cherry Brandy probieren will, doch er lehnt lachend ab. Moni und Thomas aus Bayern stellen sich vor und zu sechst teilen wir uns auf Tresen- und Sitzplätze auf. Für Gruppen von mehr als zwei Leuten ist dieser Ort kaum gedacht. Weil Sidd vehement nichts bestellen will, kaufe ich selber zwei japanische „Orion“. Der Barkeeper erinnert sich zwar an Sebastian und mich, hat im Gegensatz zu letztem Mal aber kaum Interesse, über Animes zu sprechen oder darüber, ob er mittlerweile „Steins:Gate“ gesehen hat. Sidd geht mehrmals zum Telefonieren nach draußen und wenn er drinnen ist, gestaltet sich das Gespräch schwierig. Auf Deutsch kann er selbst nicht mithalten, aber bei Englisch steigen Buggis Eltern irgendwann aus. Ein bisschen Austausch gelingt aber, Sidd könne ja mal Deutschland besuchen und Indien sei ja echt ein verrücktes Land, befindet Moni. Ich fange mir die bayerische Ungunst ein, als ich Sidd abrate, in ein kleines Dorf zu ziehen, denn scheinbar fühlen sich die anderen damit angesprochen. Dass es viele Brauereien in der Umgebung hat, ist für Sidd aber kein Argument.

Anime-Bar mit Sebastians Eltern

Recht schnell müssen Sidd und ich dann aber los, denn zu Mitternacht will ich unbedingt an der Dream Mall sein. Letztes Jahr sei es sehr voll, aber auch schön gewesen, meint mein Begleiter. Er flext zum Abschied mit seinen Chinesischkenntnissen: 新年快樂 „Xīnnián kuàilè!“ Das muss ich mir merken, könnte in dieser Nacht ja noch ein paarmal Anwendung finden. Zum Glück fährt die MRT alle paar Minuten und wir sind so rechtzeitig da, dass wir entspannt über die Wiesen in der Umgebung spazieren können. An der Stelle muss ich mal loben, wie gut unser party hopping funktioniert. I.d.R. höre ich oft, was für umschweifende Pläne manche Leute haben, die im Endeffekt aber einfach bei der ersten Party bleiben. Klar war das Restaurant keine Party, aber wir haben es mehrfach geschafft, die Leute zu wechseln, mit denen wir chillen, das ist sonst nicht so einfach. Vor der Mall sind große Bühnen aufgebaut, in drei Himmelsrichtungen zieht sich das Publikum in die Länge des Straßenzugs. Die Hauptacts sind wohl schon vorbei, aber die Stimmung ist trotzdem gut. Viele Familien mit Kindern und generell Leute, die aussehen, als würden sie es entspannt angehen wollen, ziehen um uns her. Natürlich dürfen keine gamifizierenden Elemente fehlen, das erklärt den Stern über der Bühne, der aussieht, als könnte man ihn bei Mario Kart einsammeln. Gerade rechtzeitig finden wir Vanessa, Luca, Muskan und ein paar Freunde von ihnen.

Countdown vor der Dream Mall

Auf dem großen Bildschirm ganz vorne werden irgendwelche bekannten Persönlichkeiten gezeigt, die sich bedanken oder einfach einen guten Rutsch wünschen. Und dann wird auch schon runtergezählt.

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