Leider verschlafe ich die Frühstückszeiten, besonders schade angesichts dessen, dass ich nicht mehr lange in den Genuss davon komme. Dafür hole ich direkt die Mittagsbox, und eine neue Mitarbeiterin erklärt mir in ihrem besten Englisch, dass ich mir nach der Bestellung drei Beilagen aussuchen könne. Nein, wirklich? Aber sie meint es lieb und hilft mir schließlich. Seit gestern Abend schmerzt mein Hals, eine seltene Erscheinung. Zum Glück hat Sky noch Medizin und gibt mir ein paar Tabletten mit chinesischer Bezeichnung, die mich direkt etwas besser fühlen lassen.

Aufgrund zweifachen Leserwunsches und weil heute sonst kaum etwas los ist, kann ich gerne mal das Tippsystem chinesischer Schriftzeichen erklären. Wie ich bestimmt schon oft erwähnt habe, klingen viele Silben auf Mandarin ähnlich oder sogar exakt gleich, sodass man sie kaum oder gar nicht voneinander unterscheiden kann. Man kann also nur dann auf den Inhalt der Sprache schließen, wenn man ihn ununterbrochen auf Kontext überprüft, was bestimmt die größte Schwierigkeit beim Sprechen ist. Oder aber, man guckt auf die Schrift. Die ist nämlich eindeutiger und bis auf ganz wenige Ausnahmen gibt ein Schriftzeichen genau an, wie man es ausspricht und welche Bedeutung es hat. So kann man, wenn man „wǔ“ sagt, sowohl die Zahl fünf als auch das Wort für Mittag meinen, die Schriftzeichen (五 und 午) unterscheiden sich aber. Jetzt habe ich aber nur lateinische Buchstaben auf meinem Smartphone, also hilft die Autokorrektur aus. Die Vorschlagsleiste zeigt die am häufigsten genutzten Zeichen an, und noch sicherer arbeitet sie mit Kontext, also wenn ich gleich mehrere Silben eingebe, ohne auf eine Korrektur zu klicken. Außerdem lässt man hier die Töne weg, das würde eindeutig zu lange dauern und ist auch gar nicht nötig, weil das System fast immer erkennt, worauf man hinauswill.


Wenn man ein Zeichen doch nicht auf Anhieb findet, gibt es außerdem spezielle Tabellen, die man durchsuchen und vor allem nach Kriterien wie der Strichanzahl des Zeichens, den „radicals“ (also Bedeutungseinheiten) oder generell der Häufigkeit sortieren kann. Diese Tastatur lässt sich in den Einstellungen jeden Handys einrichten. Die Schwierigkeit der Schrift bleibt aber: Man muss die Zeichen kennen, um sie zu schreiben und dazu die Pinyin-Äquivalente.

Die meisten Taiwanesen kennen sich mit Pinyin überhaupt nicht aus und können das System nichtmal verwenden. So ist zumindest mein Eindruck, sobald ich ihnen mein Handy gebe, um etwas in Google einzutippen. Stattdessen nutzen sie ein System mit vereinfachten Hilfszeichen, mit denen sie aber letztlich genau dasselbe machen wie ich mit dem Pinyin.

Vielleicht bin ich dieser Tage auch einfach deshalb gerne im Dorm, weil ich so noch etwas Zeit mit Sky und Dylan verbringen kann. Sky flippt aus, weil er einen seiner EarPods verliert, Dylan und ich müssen das natürlich sarkastisch begleiten. Statt aufzuräumen und sich bspw. der vielen Verpackungen unter seinem Bett zu entledigen, wird es knallhart zurückgeschoben und geflucht: „I hate my life! Shiiat.“ Dylan kapiert nicht, warum ich kein Fleisch esse, fragt mehrfach, ob ich nicht irgendeine Allergie habe und denkt, dass wir morgen in Cijin kein Restaurant finden werden, in dem ich etwas zu essen bekomme. Keine Sorge, mein Freund, ich war in Kaohsiung bereits das eine oder andere Mal essen.
Die beiden Jungs haben außerdem einen neuen Ort entdeckt. Begeistert öffnet Sky ein kleines Fenster im Flur, das auf Kniehöhe direkt vor unserem Zimmer ist. Er klettert durch und ebenso enthusiastisch komme ich halbnackt hinterher, gerade fertig vom Duschen. Wie kann ich erst ein paar Tage vorm Auszug davon erfahren, dass wir eine Art Minibalkon direkt vor uns haben?? Von hier kann man entspannt auf den Vorplatz, die campusbegrenzenden Bäume und die Kabel auf dem Gang zur Cafeteria schauen. In einer anderen Welt wäre hier schon so einiges geraucht worden, aber ehrlich gesagt bezweifle ich das in diesem Fall. Unten laufende gucken hoch und rufen irgendwas mit 帥 „shuài“, handsome. Das ist Sky fast schon etwas zu viel, auf jeden Fall jagt ihn die Kälte wieder rein.



Allein, weil es so viel Zeit einnimmt, muss ich auch erwähnen, wie akribisch und pedantisch Dennis mich zur Fahrradtour ausfragt, für die ich ihm letztens den überaus ausführlichen Guide weitergeleitet habe. Trotzdem muss ich beantworten, ob ich meine, dass 12 Tage für eine halbe Runde reichen, ob man ein Zelt in eine Fahrradtasche bekommt und wie kalt es nachts wird. Wie alt ist eigentlich mein Gegenüber? Ich bin einfach zu nett und nehme mich jeder seiner Fragen an. Aber vielleicht lohnt es sich auch, denn er will sich überlegen, mein Zelt abzukaufen, evtl. sogar den Schlafsack. Der Gaskocher wäre aber zu viel, denn er müsse stark aufs Geld achten. Nicht dass es mich etwas angeht, aber wie schlecht muss der Vertrag als Deutschlehrer sein, dass man bei 1300$TD (35€) für ein Zelt, das man sowieso aus Hostelersparnisgründen nutzen möchte, so sehr zögert? Ich will das Ding aber wirklich dringend loswerden, wenn er Sonntag noch überlegt, gehe ich bestimmt ein bisschen runter. Hasan will nebenbei bemerkt die Hälfte des Erlöses haben, auch da muss ich nochmal schauen, welche Schwabentricks mir einfallen.
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