Eine Packliste für den Dormauszug, lautes Schimpfen über Darrens telefonschleifenartigen Wecker, Wäsche, Bachelordokumente, die anstehende Radtour und vor allem meine Philippinen-Pläne gestalten den Vormittag. Warum auch immer, habe ich mich jetzt schon lang genug darum gedrückt, diesen Urlaub nicht in die Hand nehmen zu müssen, aber es wird höchste Zeit. Also informiere ich mich in Reiseblogs über die besten Inseln und bestenfalls underrateten Urlaubsziele. Philipp und Kaan waren meines Wissen vor allem auf Palawan, das zwar auch auf meiner Liste steht, aber nicht die ganzen etwa zwei Wochen füllen soll, die ich knapp zur Verfügung habe. Außerdem will ich dort Fabian und seine Freundin treffen, ganz zu schweigen von Luca und Vanessa, Sebastian und Anna, die glaube ich auch im Februar dort sein werden. Alle werde ich bestimmt nicht treffen, schließlich habe ich geplant, auch alleine zu erkunden. Also mal schauen. Sowohl bei der Auswahl von Mensaessen als auch bei Urlaubsorten habe ich i.d.R. ein ausgezeichnetes Gespür, und dieses zieht meine Aufmerksamkeit fast vollständig auf die Vulkaninsel „Camiguin“ im Südosten des Inselarchipels. Als eine der wenigen Ausnahmen soll dies ein besonders sicheres Urlaubsziel im durchaus kriminellen Süden sein. Nebenan befindet sich eine andere Insel mit Schokoladenhügeln und ich denke, Inselhopping lässt sich fast überall betreiben.
Ich weiß nicht, warum, aber am Mittag muss ich auf einmal rauslassen, wie sehr mich die Toilettensituation nervt. Nicht nur bin ich der Einzige von uns vieren, der zivilisiert im Sitzen pissen kann und entsprechend die Klobrille so benutzt, wie sie gedacht ist. Manchmal ist diese komplett überflutet, zwar nur mit Wasser, aber dafür über alle Maßen. Die Jungs ‚säubern’ ihre Fehlschüsse oder sonstigen Rückstände also einfach mit dem Auskippen von Wasserflaschen. Besser als nichts, aber da könnte man doch auf die Idee kommen, dass der Nachsitzer gerne im Trocknen hockt. Sky entschuldigt sich sofort und kippt noch mehr Wasser drüber, weil er dachte, ich hätte mich über ein Haar beschwert. „Now I feel bad“, sagt er, als ich ihm etwas angesäuert mitteile, dass Klobrillen normalerweise trockene Flächen sind. Auch Dylan sieht meinen Einwand ein und gibt genau wie Sky an, zu faul zu sein, um danach richtig sauber zu machen. Ob das ein Ändern des Verhaltens mit sich bringt, bezweifle ich, schließlich sind das Gewohnheitsmechanismen des Alltags. Aber ich ziehe ja sowieso in ein paar Tagen aus, weshalb ich mich ja selbst wundere, warum ich mich jetzt noch beschwere. Vielleicht musste das einmal raus.
Am Nachmittag ziehe ich mit Sky und Dylan los gen Cijin Island, die längliche Insel vor dem Hafen mit Strand. Die beiden Jungs müssen noch EasyCard auftoppen, duschen und gefühlt alles erledigen, was den restlichen Tag Zeit gehabt hätte. Dylan fragt mich sogar mit hoffnungsvollem Unterton, ob wir denn ein Plan B haben. „Pagoda is still an option, right? If we don’t make it.“ Kein Kommentar, jedenfalls bekomme ich die beiden sogar auf gelbe YouBikes geschwungen und in kürzerer Zeit als von Dylan vermutet schaffen wir es zur MRT-Station Cingpu. An einer Ampel macht Sky ein Foto von Dylan und mir, „you look so romantic, ahh.“ Ich erkenne die erstklässertypische Provokation natürlich und lade ihn herzlich ein, an unserer angeblichen Liebe teilzuhaben. Daraufhin verfällt Sky in sein typisches Lachen, „nonono no no“. In der Bahn fühlen die Indonesier sich offenkundig wohl, am Handy zu chillen ist hier nämlich Leitkultur. Sky spielt dasselbe Bricks-/Tetrisspiel wie Gibson, ich schaue zu und erlaube es mir, ab und zu Tipps zu geben. Als wäre die Zeit verflogen, sind wir dann auch schon in Hamasen und ich treibe das Gespann an, zur Fähre zu hurten, denn obwohl wir so früh los sind, ist das sunset nicht mehr weit. Immerhin die Fähre bietet einen tollen Blick auf die Sonne, die vom Strand aus nämlich hinter den Wolken verschwindet.

Auf Cijin herrscht samstagübliches Treiben, entlang des ganzen Hauptstraßenzugs wird Essen verkauft, vor der Kirche mit dem LED-Kreuz tanzen ein paar alte Leute, denen Dylan belustigt zuschaut. Ich darf nicht vergessen, er ist wirklich der Endgegner jedes Explorismus, was auf den Straßen passiert, dürfte ihm weitgehend Rätsel aufgeben. Entsprechend den angenehmen Mitt-Zwanziger-Temperaturen genießen viele Menschen den Strandtag bzw. den Strandabend. Darunter viele Pärchen, die Sky offensichtlich beneidet. „I wish I could have a girlfriend here.“ Dabei hat er doch so schöne Homescreen-Hintergründe einer Frau. „No no no no, she was just idol.“ Achso. „Would you like to have Taiwanese girlfriend?“ Da überlegt er. Schließlich die Entscheidung: „Yeah, I mean. It’s free, but I hope, he could speak eng… , she…“ Wunderbar, dass neben so vielen anderen Sprachen auch Indonesisch keine hörbare Differenz von er und sie zu kennen scheint, auf jeden Fall muss Sky jetzt klarstellen, was er meint.
Mir fällt wieder auf, wie merkwürdig dunkel der Sand auf Cijin ist und dass es sich bei den blinkenden Kränen am südlichen Horizont immer noch um den Kaohsiunger Hafen handelt. Wie riesig der Industriezweig ist, macht man sich viel zu selten bewusst, schließlich gibt es kaum Gründe, dorthin zu fahren. Und frei herumlaufen kann man da bestimmt sowieso nicht. Auch wenn wir die Sonne verpasst haben, erleuchten die Wolken in schönem Orange. Sky hat sogar sein Handystativ inklusive Fernbedienung mitgebracht, so können wir endlich unser „picture together“ machen.

Danach teilen wir uns eine deutsche Tüte Haribo und jeweils schauen eine Weile in die Ferne, so wie ich es mit Ihsan gemacht hatte, als wir ziemlich genau hier Hasan kennengelernt haben. Flugzeuge in der Ferne: „Maybe China is gonna attack us.“, sagt Dylan. „If so, it would be better to enjoy the sunset here than to be in the dorm, I think.“ „Yes, yes.“


Schnell wird es kühl, und auf dem Nachtmarkt gönnen wir uns alle ein Abendessen. Nach langer Zeit esse ich wieder übersalzenen Tintenfisch. Dann geht’s auf die Fähre, wo Sky und ich von einem Typen angesprochen werden, der neben uns an der Reling steht und auf die Skyline der Stadt blickt. Er (und sein Kumpel) seien Japaner. Sie sehen zwar eher südamerikanisch aus und können anscheinend auch kein Wort Japanisch, aber mit wokem Unterton sagt er zu Recht, dass halt da aufgewachsen sind. Kann natürlich gut sein, was kümmert‘s uns. Der Junge, der auch eine junge Version von Lewis Hamilton sein könnte, lässt aber nicht locker. Unverständliche und unangenehme Witze inklusive, bspw. solle Sky doch einfach mal ins Wasser springen und rüberschwimmen, nachdem dieser meinte, dass er gerade so die Hälfte der Fährstrecke schafft. Ich denke schon, dass wir ihn endlich los sind, aber als ich vor der Metrostation einen Tee kaufen will, tippt er mich von hinten an die Schulter, „where do we go now?“ „We?“ frage ich genervt. Angsteinflößend ist er nicht, eher halbstark, einen Kopf kleiner und aufmüpfig. „Going home“, weise ich ihn ab. „Here? You don’t live here, come on.“ „Buy a tea, then go home…“ Meinen Blick hält er dann nicht länger aus und verpisst sich endlich. „Not gonna lie, he was kind of a weird guy“, gibt auch Sky zu. Wirklich eines der seltenen Male in Taiwan, so jemanden zu treffen. Auch so etwas, worauf ich mich für Berlin wieder einstellen muss.
Die jungen Indonesier entlasse ich am Formosa Boulevard in den Heimweg und gebe mich in Richtung von Lucas Apartment, wo Sidd & Co. gerade sind, bevor es später in Richtung Club geht. Michael, der ja auch dort lebt, lässt mich schnell rein, als er gerade selbst auf dem Weg nach draußen ist. Vermutlich zu Rita und Jess, mit denen er laut den Instagram-Storys quasi jeden Tag verbringt. „Wohin auch sonst?“ fragt Luca und verdreht die Augen. Sidd, Vanessa und Bobby komplettieren die Runde. Während wir auf das (natürlich) bestellte Essen warten, erledigen wir einen typischen Vortrinkereinkauf beim gegenüberliegenden Carrefour, der ungelogen der größte Supermarkt ist, den ich Taiwan bisher gesehen habe. Tja, wenn man an der Tramlinie wohnt… Tatsächlich leeren wir die Basis aus drei Flaschen Weißwein und einigen Mischgetränken aus der Dose schneller, als ich gedacht hätte. Dabei halten Vanessa und Bobby sich zurück, aber Sidd hält eine regelrechte Sensation bereit. Ein halbes Glas des extrem süßen Weins gönnt er sich, angeblich zum ersten Mal seit 2017. Seine Eltern dürften das auf keinen Fall sehen, und deshalb stelle ich das auch nicht auf Instagram, sondern nur in diesen Blog (übrigens mit seiner Erlaubnis).
Weitere Hinweise aufs Trinken verbittet Luca sich allerdings, denn sie will niemanden zwingen, Alkohol zu konsumieren. Nur ein paar Minuten später darf ich mir aber anhören, warum ich sie nicht sofort gebeten habe, nachzuschenken, als ich mein Glas geleert habe. Das sei etwas ganz anderes, denn ich trinke ja sowieso Alkohol, ist die Begründung. Ist aber nicht schlimm, auch weil ich es als gastgeberliche Geste deute. Das vegetarisch bestellte Essen enthält auch „radish cake“, Sidd und ich grinsen uns an. „We had this at the expensive dinner on New Year‘s Eve“, erklären wir. Wie schon das Mal zuvor hat Julia nämlich immer noch keine Rechnung geschickt, sogar auf Sidds Nachfrage sei sie ausgewichen. Immerhin waren es knapp 30€ pro Person und für Julia alleine nicht ganz billig. Komisch, dass sie nicht einfach sagen kann, wenn sie uns etwas sponsert, sondern dadurch eher ein schuldbewusstes Gefühl erzeugt…

Die nächsten zwei Stunden singen wir Karaoke ohne Mikrofon und lassen unsere Lieblingstracks laufen, darunter einige deutsche, und nebenbei so gar nicht feministische Rapsongs, da kann Luca nach eigener Aussage eine Ausnahme machen. Außerdem ist sie dafür ebenfalls großer Ikkimel-Fan, die auch nicht gerade für gendergerechte Texte bekannt ist. In Luca’s Augen sind ihre Inhalte sogar nur ähnlich diskriminierend wie die eines durchschnittlichen männlichen Rappers, was ich aber mal bezweifeln würde. Jedenfalls schmettern Shindy und Bonez ihre fragwürdigen Lines durchs Wohnzimmer, und die drei Asiaten verstehen kein Wort, herrlich. Naja, Hauptsache wir schlagen die Zeit tot, vor null brauchen wir im Brickyard wohl gar nicht auftauchen. Tatsächlich müssen wir irgendwann los, weil schon die letzte Tram des Abends fährt, wie verrückt. Quasi alle Clubgäste nehmen in Kauf, keine Öffis für den Heimweg zu nutzen oder gleich bis zum nächsten Morgen zu bleiben. Bevor es reingeht, statten wir aber noch einem 7/11 einen Besuch ab. Der Pegel wird mit japanischen Dosenmischen erhöht und Doritos stillen den Appetit. Sidd hat über eine Reiseapp zwei Mädels gefunden, die er gefragt hat, ob sie mit uns mitkommen wollen, allerdings ohne Rückmeldung… Ansonsten approved Vanessa meine groben Urlaubspläne für die Philippinen. Camiguin sei toll, besonders die Sunset-Bar dort könne sie wärmstens empfehlen. Fünf Tage soll ich ihrer Meinung nach für die ganze Insel einplanen, ein guter Hinweis. Sie selbst wird dort ja mit Luca & Co. hinfahren, allerdings ein paar Tage, bevor ich selbst die Möglichkeit dazu habe.
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